Sorg­los, fahr­läs­sig – oder ar­ro­gant?

Dortmund ver­spielt 3:0-Füh­rung bei 3:3 ge­gen Hof­fen­heim / TSG-Wen­de wie schon 2013

Delmenhorster Kreisblatt - - SPORT - – Von Wil­fried Spren­ger und Heinz Bü­se

Han­no­ver To­re: Frei­burg To­re: Gelb: Nürn­berg

1:0 Mül­ler (45.+5), 2:0 Mül­ler (77.). – 11. Rhein (Nürn­berg, gro­bes Foul). 2/2. – 33 700.

Rot: Zu­schau­er: Wolfs­burg Dortmund ge­gen Hof­fen­heim: Stets ein Du­ell mit Bri­sanz. Nach der ir­ren TSG-Auf­hol­jagd von 0:3 zum 3:3 hat sich manch ein BVB-Fan mit Blick auf den ver­lo­re­nen Bo­den im Meis­ter­ren­nen wohl ge­dacht: Hät­ten wir sie nur 2013 in die 2. Bun­des­li­ga ge­schos­sen. Ge­freut hat sich 1899-Mä­zen Diet­mar Hopp, der er­neut Ziel­schei­be grenz­wer­ti­ger Atta­cken war. DORTMUND

Dies­mal wa­ren zwar kei­ne Fa­den­kreu­ze mit Hopps Kon­ter­fei zu se­hen – aber be­lei­di­gen­de Sprech­chö­re zu hö­ren. Und das, ob­wohl der DFB die Bo­rus­sia we­gen ähn­li­cher Vor­fäl­le vor drei Mo­na­ten zu 50 000 Eu­ro Geld­stra­fe und ei­ner Aus­wärts­sper­re für Fans auf Be­wäh­rung ver­ur­teilt hat­te. Für De­bat­ten sorg­te ein auf der BVB-Süd­tri­bü­ne aus­ge­roll­tes Spruch­band mit den Wor­ten: „Trotz Ver­bo­ten, An­zei­gen und Si­re­nen. Du bist und bleibst es! Je­der weiß es.“Da­mit dürf­ten die Ver­fas­ser auf di­ver­se Maß­nah­men von Hopp ge­gen BVB-An­hän­ger an­ge­spielt ha­ben – und auf ih­re stets ge­äu­ßer­ten Be­lei­di­gun­gen.

Sport­lich ord­ne­te Se­bas­ti­an Kehl die BVB-Ge­fühls­welt mit ei­nem Ver­spre­cher am bes­ten ein. „Die Nie­der­la­ge“, sag­te der Lei­ter der Li­zenz­spie­ler­ab­tei­lung, ehe er stock­te und fort­fuhr, „ich mei­ne das Un­ent­schie­den, das ha­ben wir uns selbst an­zu­krei­den.“So viel Wahr­heit in ei­nem holp­ri­gen Satz. Dortmund hat­te ge­gen lan­ge blas­se Hof­fen­hei­mer ei­ne kom­for­ta­ble 3:0-Füh­rung aus der Hand ge­ge­ben.

Zwi­schen Ge­nie und Wahn­sinn nis­tet sich mit­un­ter ein Schuss Über­heb­lich­keit ein. Das ist im Fuß­ball wie im rich­ti­gen Le­ben – und meist kon­tra­pro­duk­tiv. Der BVB spiel­te lan­ge Zeit sehr, sehr gut. Den To­ren durch Ja­don San­cho, Ma­rio Göt­ze und Ra­pha­el Gu­er­rei­ro gin­gen teils ge­nia­le Kom­bi­na­tio­nen vor­aus. Tem­po, Dop­pel­pass, Ha­ckentrick – al­les da­bei.

Mut­lo­se Gäs­te wä­ren für Zähl­ba­res wohl nicht mehr in­fra­ge ge­kom­men, hät­te der über­ra­gen­de San­cho in der 75. Mi­nu­te nicht den Pfos­ten, son­dern ins Tor ge­trof­fen. Im di­rek­ten Ge­gen­zug ge­lang Is­hak Bel­fo­di das 1:3. Es traf den BVB nicht zu­fäl­lig – früh nach der Pau­se hat­te er sich von Kon­zen­tra­ti­on und Kon­se­quenz ver­ab­schie­det. Fehl­päs­se häuf­ten sich, manch­mal di­rekt vor dem ei­ge­nen Straf­raum. Das sah sorg­los und schlud­rig aus, so­gar ar­ro­gant.

So folg­te die Wen­de durch wei­te­re Ge­gen­to­re von Bel­fo­dil und Pa­vel Ka­de­ra­bek. 3:3 nach 3:0 – Wahn­sinn, wie der Wal­zer tan­zen­de Li­ga­pri­mus total aus dem Takt ge­riet und dann bö­se aus­rutsch­te. „Är­ger­lich“, sag­te Ma­rio Göt­ze, „sehr är­ger­lich, bit­ter. Das soll­te uns nicht pas­sie­ren.“

Ei­ne Füh­rung aus der Hand ge­ge­ben hat­te der BVB auch im Jahr 2013 ge­gen Hof­fen­heim, aber un­ter an­de­ren Vor­zei­chen. Die TSG muss­te da­mals ge­win­nen, um die Ab­stiegs-Re­le­ga­ti­on zu er­rei­chen. Das ge­lang per 2:1-Wen­de­sieg, Se­ad Sa­li­ho­vic ver­senk­te zwei Elf­me­ter: Ei­nen ge­gen ExBVB-Ver­tei­di­ger Ke­vin Groß­kreutz, der nach Rot ge­gen Ro­man Wei­den­fel­ler ins Tor ging.

Dortmund agier­te da­mals sorg­los – als be­reits fest­ste­hen­der manch­mal Ta­bel­len­zwei­ter mit dem kurz dar­auf fol­gen­den Cham­pi­ons-Le­ague-Fi­na­le ge­gen die Bay­ern. Nun ist die La­ge an­ders: Der Vor­sprung auf Bay­ern Mün­chen schmolz auf fünf Punk­te. Nach drei Re­mis je­weils nach Füh­run­gen (mit Po­kal-Aus ge­gen Bre­men im Elf­me­ter­schie­ßen) de­bat­tie­ren sie in Dortmund über die Ba­lan­ce im Spiel und die Sorg­lo­sig­keit des Teams.

Zu al­lem Über­fluss war am Sams­tag Chef­trai­ner Lu­ci­en Fav­re grip­pe­krank aus­ge­fal­len: Er hielt te­le­fo­nisch Kon­takt zu sei­nen As­sis­ten­ten Man­fred Ste­fes und Edin Ter­cic. Zum Cham­pi­ons­Le­ague-Spiel am Mitt­woch bei den Tot­ten­ham Hot­spurs will er wie­der fit sein. Un­wahr­schein­lich ist die Rück­kehr von Mar­co Reus (Ober­schen­kel­ver­let­zung). Ab­wehr­chef Ma­nu­el Akan­ji kehr­te am Sonn­tag ins Trai­ning zu­rück. Han­no­ver hat hier zu­min­dest das Mo­men­tum auf sei­ner Sei­te: ers­ter Sieg im zwei­ten Spiel un­ter dem neu­en Trai­ner Tho­mas Doll – wo­bei die Elf wei­ter spie­le­risch viel schul­dig blieb ge­gen 80 Mi­nu­ten in Un­ter­zahl spie­len­de Nürn­ber­ger. Die sind jetzt Letz­ter – der Blick auf die Ta­bel­le zeigt aber: Trotz der bei­spiel­lo­sen Ne­ga­tiv­se­rie von 15 Spie­len oh­ne Sieg ha­ben die Fran­ken wei­ter al­le Chan­cen. Augs­burg auf Platz 15 ist nur sechs Punk­te vor­aus, Stutt­gart auf dem Re­le­ga­ti­ons­platz gar nur drei. Bei die­sem Schne­cken­ren­nen im Ta­bel­len­kel­ler könn­ten 30 Punk­te – oder we­ni­ger – für den Klas­sen­er­halt rei­chen. Bei den Fran­ken meh­ren sich viel­leicht auch des­halb Stim­men, die Micha­el Köll­ner als Trai­ner und Andre­as Bor­ne­mann als Ma­na­ger in­fra­ge stel­len – der Auf­sichts­rat hat ges­tern ge­tagt, sich aber erst mal ver­tagt. Die an­de­ren Kel­ler­clubs han­del­ten be­reits. In Augs­burg wur­de Ma­nu­el Baum als „Co“Jens Leh­mann zur Sei­te ge­stellt. In Stutt­gart steht mit Mar­kus Wein­zierl der zwei­te Coach der Sai­son nach 10 Plei­ten in 14 Spie­len zur De­bat­te.

FO­TO: WIT­TERS

Steht zur De­bat­te: Mar­kus Wein­zierl beim VfB.

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