Mäd­chen droht Be­schnei­dung im Ur­laub

In Deutsch­land ver­su­chen Mi­gran­tin­nen, die archai­sche Tra­di­ti­on ih­rer Hei­mat­län­der zu ver­hin­dern

Delmenhorster Kreisblatt - - REPORTAGE - Von Ul­ri­ke von Les­z­c­zyn­ski

Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung bei Frau­en? Für zwei jun­ge Män­ner in Ber­lin war das kein The­ma. „Da hab ich den Jungs Fo­tos ge­zeigt“, sagt Isa­tou Bar­ry. „Und dann ha­ben die mir zu­ge­hört.“Ak­ti­vis­tin Bar­ry stammt aus Gam­bia in West­afri­ka. Seit mehr als zehn Jah­ren lebt sie in Ber­lin. In ih­rer Haupt­stadt-com­mu­ni­ty will sie ver­hin­dern, dass Lands­leu­te ih­re klei­nen Töch­ter nach grau­sa­mer Tra­di­ti­on be­schnei­den las­sen. „Das ge­schieht oft in den Som­mer­fe­ri­en“, be­rich­tet sie. „Ei­ne Rei­se in die Hei­mat – und schon ist es pas­siert.“

Fe­ri­en­be­schnei­dun­gen heißt die­ses Phä­no­men. Das klingt fast harm­los. Be­schnei­dung heißt in die­sem Fall aber, dass Mäd­chen je nach Me­tho­de Kli­to­ris und Scham­lip­pen teil­wei­se oder voll­stän­dig her­aus­ge­schnit­ten wer­den. Manch­mal wird die Va­gi­nal­öff­nung da­nach noch fast zu­ge­näht. Die archai­sche Pra­xis gibt es noch im­mer.

Frau­en-, Kin­der- und Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen en­ga­gie­ren sich seit Jahr­zehn­ten ge­gen die­se Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung. Es ge­be ei­nen Rück­gang, aber kein En­de, heißt es bei der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO.

Das Aus­wan­dern nach Eu­ro­pa be­en­de Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung nicht, sagt Char­lot­te Weil, Re­fe­ren­tin bei der Frau­en­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Ter­re des Femmes in Ber­lin. „Bei den meis­ten Mäd­chen, die in Deutsch­land le­ben, pas­siert es in den Som­mer­fe­ri­en in der Hei­mat ih­rer El­tern“, sagt auch sie. „Und die Mäd­chen wer­den im­mer jün­ger. Da­mit sie kei­ne Hil­fe su­chen kön­nen. Und da­mit sie sich we­ni­ger er­in­nern.“Vie­le sei­en heu­te bei der Be­schnei­dung erst zwei Jah­re alt oder jün­ger.

Ge­naue Zah­len hat Ter­re des Femmes nicht. Weib­li­che Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung ist in Deutsch­land il­le­gal und straf­bar. Seit 2015 gilt das auch für Be­schnei­dun­gen von Mäd­chen im Aus­land. „Men­schen re­den nicht frei­wil­lig über Straf­ta­ten, für die sie hier ins Ge­fäng­nis kom­men kön­nen“, sagt Weil. Ter­re des Femmes schätzt des­halb in ei­ner Dun­kel­zif­fer­sta­tis­tik, wie groß das Pro­blem sein könn­te. Die Or­ga­ni­sa­ti­on geht von 65 000 Mi­gran­tin­nen in Deutsch­land aus, die be­schnit­ten sind. Und von 15000 Mäd­chen, de­nen Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung dro­hen könn­te – ob­wohl sie hier le­ben.

Isa­tou Bar­ry wirkt freund­lich-re­so­lut. Sie ist 41 Jah­re alt und hat vier Kin­der, drei Jun­gen und ein Mäd­chen. „In mei­ner Fa­mi­lie sind al­le Frau­en be­schnit­ten“, sagt sie. „Aber mei­ner Toch­ter tue ich das nicht an.“Bar­ry will ih­re Lands­leu­te über­zeu­gen, ge­nau­so zu ent­schei­den – in Ber­lin, aber auch in Gam­bia.

Auf die Über­zeu­gungs­ar­beit in ih­rer Com­mu­ni­ty ist Bar­ry vor­be­rei­tet. Sie ab­sol­vier­te ei­ne zwei­jäh­ri­ge Aus­bil­dung zur „Chan­ge Trai­ne­rin“bei Ter­re des Femmes. Dort hat sie al­le Fak­ten über ge­sund­heit­li­che und psy­chi­sche Fol­gen von Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung ge­lernt. Da­zu kommt nun die Pra­xis als Mul­ti­pli­ka­to­rin in Ber­lin. „Nur wenn wir die Män­ner ein­be­zie­hen, kön­nen wir die­sen Wahn­sinn stop­pen“, sagt Bar­ry heu­te.

Wer ihr am An­fang nicht zu­hö­ren möch­te, dem er­zählt sie ih­re per­sön­li­che Ge­schich­te: Wie sie mit 30 nach Deutsch­land kam und auch dach­te, Be­schnei­dung sei nor­mal und ha­be kei­ne Nach­tei­le. Und war­um sie heu­te so an­ders dar­über denkt: Weil klei­ne Mäd­chen da­durch ster­ben, Frau­en le­bens­lang Schmer­zen ha­ben und ih­re Kin­der ei­ne Ge­burt nicht im­mer über­le­ben. Oft über­zeu­ge das, sagt sie. „Ich weiß, wo­von ich re­de.“

Dass Bar­rys Be­rich­te kei­ne Hor­ror­mär­chen sind, wis­sen auch Ärz­te in Deutsch­land. „Be­schnei­dun­gen von Mäd­chen, die in Deutsch­land ge­bo­ren wur­den und hier le­ben, kön­nen wir nicht aus­schlie­ßen. Es gibt das“, sagt Her­mann Jo­sef Kahl, Spre­cher des Be­rufs­ver­ban­des der Kin­der- und Ju­gend­ärz­te. Es sei sinn­voll, El­tern klei­ner Kin­der ak­tiv dar­auf an­zu­spre­chen. „Es geht dar­um zu er­klä­ren, dass Be­schnei­dun­gen schäd­lich und hier ver­bo­ten sind“, er­gänzt Kahl.

Bei al­len Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen wer­de bei Kin­dern der ge­sam­te Kör­per an­ge­schaut, be­rich­tet Kahl. „Ein Kin­der­arzt wür­de ei­ne Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung in der Re­gel er­ken­nen.“Denn Nar­ben und ana­to­mi­sche Ve­rän­de­run­gen sei­en sicht­bar. Wür­den Kin­der­ärz­te dann auch zur Po­li­zei ge­hen? „An­zei­gen er­stel­len wir nicht ger­ne. Aber wir kön­nen Kon­takt zu Frü­hen Hil­fen und der Ju­gend­hil­fe her­stel­len“, sagt Kahl. Ziel sei dann, dass jün­ge­re Schwes­tern nicht mehr be­schnit­ten wür­den.

Im Ber­li­ner Kran­ken­haus Wald­frie­de sieht Cor­ne­lia Strunz die Fol­gen weib­li­cher Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung fast je­den Tag. Die Chir­ur­gin lei­tet das De­sert Flo­wer Cen­ter, das mit der Stif­tung von Wa­ris Di­rie ver­bun­den ist. Das be­kann­te Mo­del aus So­ma­lia mach­te 1998 mit ih­rer Bio­gra­fie „Wüs­ten­blu­me“(De­sert Flo­wer) die ei­ge­ne Be­schnei­dung zum The­ma und en­ga­giert sich welt­weit ge­gen die grau­sa­me Tra­di­ti­on.

Die Lei­dens­lis­te be­schnit­te­ner Pa­ti­en­tin­nen in Ber­lin ist lang: In­kon­ti­nenz, chro­ni­sche Ent­zün­dun­gen, Ur­in­stau, Mens­trua­ti­ons­be­schwer­den, Fi­stel­bil­dung, Ge­we­be­r­is­se, Nar­ben­bil­dung, Schmer­zen beim Sex, Un­frucht­bar­keit, Kom­pli­ka­tio­nen bei der Ge­burt, psy­cho­lo­gi­sche Trau­ma­ta. „Ich glau­be, dass vie­le Ärz­te in Deutsch­land mit die­sem The­ma voll­kom­men über­for­dert sind“, sagt Strunz. Vie­le hät­ten ei­ne Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung auch noch nie ge­se­hen, es herr­sche gro­ße Un­wis­sen­heit.

Kom­pli­ka­tio­nen, die durch die Be­schnei­dun­gen auf­tre­ten könn­ten, sei­en nicht im­mer be­kannt – we­der den Frau­en selbst noch Ärz­ten hier. „In Zei­ten von Mi­gra­ti­on müss­te die deut­sche Ge­sell­schaft aber viel mehr den Blick dar­auf len­ken“, for­dert Strunz. „Es muss mehr spe­zia­li­sier­te Ärz­te ge­ben.“Doch bis­her sei Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung kein The­ma im Lehr­plan des deut­schen Me­di­zin­stu­di­ums.

Im Ber­li­ner De­sert Flo­wer Cen­ter ha­ben Ärz­te in sechs Jah­ren 164 be­schnit­te­ne Frau­en ope­riert. Da­zu ka­men mehr als 300 Be­ra­tun­gen in der Sprech­stun­de und 500 Frau­en in der Selbst­hil­fe­grup­pe. „Vie­le Frau­en kom­men her, weil sie ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me ha­ben. Aber auch, weil sie sich von die­sem The­ma ab­wen­den wol­len“, be­rich­tet Strunz. „Sie ver­si­chern mir, dass sie die­ses Leid und die­se Qu­al ih­ren Töch­tern nicht an­tun möch­ten.“Dann sagt die Chir­ur­gin noch et­was: „Ich weiß, dass Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung auch in Deutsch­land statt­fin­det.“Doch kei­ne ein­zi­ge Frau wer­de zur Po­li­zei ge­hen und sa­gen, dass sie hier be­schnit­ten wor­den sei. „Denn die­se Frau­en ha­ben viel zu gro­ße Angst vor ih­rer Com­mu­ni­ty.“Das macht es so schwer, Töch­ter zu schüt­zen, selbst wenn sie hier auf­wach­sen. „Ein klei­nes Mäd­chen in die­sen Län­dern ist nur be­schnit­ten et­was wert und wird ge­sell­schaft­lich ak­zep­tiert“, sagt Strunz.

Die­sen Teu­fels­kreis be­stä­tigt auch Isa­tou Bar­ry. „In Gam­bia ist ei­ne Dis­kus­si­on über Be­schnei­dung ta­bu“, be­rich­tet sie. „So­gar Me­di­zi­ner kön­nen dar­über nicht of­fen spre­chen.“Die durch­weg ne­ga­ti­ven ge­sund­heit­li­chen

Fol­gen sei­en in vie­len Fa­mi­li­en nicht be­kannt – ein Bil­dungs­pro­blem. „Wenn ei­ne Frau Ge­sund­heits­pro­ble­me hat, die ty­pi­sche Fol­gen von Be­schnei­dun­gen sind, heißt es: ,Die hat zu viel Sex’“, sagt Bar­ry.

Selbst wenn El­tern aus Deutsch­land mit klei­nen Töch­tern in die Hei­mat reis­ten und kei­ne Be­schnei­dung woll­ten, nut­ze das we­nig. „Die Fa­mi­lie macht das dann, wenn die El­tern mal nicht da sind“, sagt sie.

Bar­ry kann er­zäh­len, wie Mäd­chen bei dem Ein­griff, den im­mer Frau­en aus­führ­ten, ver­blu­ten. Dass es kei­ne Nar­ko­se ge­be und oft das­sel­be Mes­ser für al­le Kin­der be­nutzt wer­de. Die In­fek­ti­ons­ge­fahr sei enorm, sagt sie.

Isa­tou Bar­ry hat ih­re Mut­ter da­von über­zeugt, dass Be­schnei­dun­gen schäd­lich für Mäd­chen und Frau­en sind. „An mei­ner Groß­mut­ter ar­bei­te ich noch.“Ih­re Schwes­ter in Gam­bia ha­be ein be­hin­der­tes Kind. Es sei im Ge­burts­ka­nal, der durch die Be­schnei­dung ver­engt ge­we­sen sei, zu lan­ge ste­cken ge­blie­ben. Sie selbst ha­be in Deutsch­land we­gen die­ses Ri­si­kos vier Kai­ser­schnit­te be­kom­men – ih­re Kin­der sei­en ge­sund. „Mei­ne Mut­ter fühlt sich heu­te schul­dig“, sagt Bar­ry. Doch am Ziel sieht sie sich erst, wenn auch Män­ner ein­len­ken. „Sie müs­sen sa­gen: Ich will kei­ne be­schnit­te­ne Frau. Sonst än­dert sich gar nichts.“Bei Ter­re des Femmes be­stä­tigt Char­lot­te Weil, wie schwer der so­zia­le Druck auf Frau­en las­tet. „Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung ist in die­sen Län­dern die so­zia­le Norm. Al­les an­de­re be­deu­tet Aus­schluss und Iso­la­ti­on – auch für Kin­der“, sagt sie. Für Weil hat die grau­sa­me Pra­xis, die es ver­mut­lich seit meh­re­ren Tau­send Jah­ren gibt, nichts mit be­stimm­ten Re­li­gio­nen zu tun. Sie wer­de längst nicht nur im Is­lam prak­ti­ziert. Im Kern ge­he es um Un­ter­drü­ckung und Kon­trol­le weib­li­cher Se­xua­li­tät, sagt sie.

Nach An­ga­ben von Ter­re des Femmes hat es in Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich Ge­richts­ver­fah­ren we­gen Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung ge­ge­ben – und Ur­tei­le. „In Deutsch­land gibt es noch kei­nen Prä­ze­denz­fall“, sagt Weil. Doch es sei ge­nau­so wich­tig, dass be­schnit­te­ne Frau­en hier Hil­fe be­kä­men – und ih­re Kin­der ge­schützt wür­den. Des­halb ap­pel­liert Ter­re des Femmes in Deutsch­land an Ärz­te, Er­zie­her, So­zi­al­ar­bei­ter und Päd­ago­gen, wach­sam zu sein. Und die Jus­tiz kann nur han­deln, wenn es An­zei­gen gibt.

FO­TO: IMAGO IMAGES/PHOTOALTO

Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lun­gen dro­hen laut Ter­re des Femmes 15 000 Mäd­chen in Deutsch­land – vor al­lem in den Som­mer fe­ri­en, wenn sie Fa­mi­li­en im Aus­land be­su­chen.

Die Lei­dens­lis­te be­schnit­te­ner Pa­ti­en­tin­nen ist lang. Fol­gen weib­li­cher Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung sieht Cor­ne­lia Strunz (oben) fast je­den Tag. Die Chir­ur­gin lei­tet das De­sert Flo­wer Cen­ter in Ber­lin, ei­ne Ein­rich­tung, die be­trof­fe­ne Frau­en chir­ur­gisch und psy­cho­lo­gisch ver­sorgt. Für die Be­schnei­dung wer­den ein­fa­che Mes­ser und Klin­gen ver wen­det – die In­fek­ti­ons­ge­fahr sei enorm, sagt Ak­ti­vis­tin Isa­tou Bar­ry. FO­TOS: IMAGO IMAGES/ FRIED­RICH STARK, DPA/WOLFRAM KASTL

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