Schö­ner Ar­bei­ten

Im Si­li­con Val­ley hat sie je­de Fir­ma: Feel­good-Ma­na­ger. Sie sor­gen da­für, dass Chefs und Mit­ar­bei­ter mehr mit­ein­an­der spre­chen. Sie küm­mern sich um Kon­flik­te und Ve­rän­de­run­gen, aber auch um Ki­taplät­ze. In ei­ner Fort­bil­dung lernt man, wie das geht

Der Tagesspiegel - - WEITERBILDUNG - Von Tan­ja Tri­ca­ri­co

Chris­ti­ne Henning ist auf dem bes­ten Weg, so et­was wie die gu­te See­le ih­res Be­triebs zu wer­den. Ei­ne, die in ih­rer Fir­ma für et­was mehr Wohl­fühl-At­mo­sphä­re sor­gen soll. Und das im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Die 47-Jäh­ri­ge Päd­ago­gin, die als Füh­rungs­kraft in ei­ner mit­tel­stän­di­schen Au­to­mo­bil­fir­ma di­rekt an die Ge­schäfts­füh­rung be­rich­tet, lässt sich zur Feel­good-Ma­na­ge­rin fort­bil­den. Sie will zum Pro­fi für ein bes­se­res Ar­beits­kli­ma wer­den. Ein Job, der – gin­ge es nach Henning – in kei­nem Un­ter­neh­men feh­len soll­te. In­for­ma­tio­nen ge­hen um die Welt, die Wün­sche der Kun­den über­schla­gen sich, Chefs und Mit­ar­bei­ter müs­sen auf die Ent­wick­lun­gen am Markt re­agie­ren. „Un­se­re al­ten Ver­hal­tens- und Füh­rungs­struk­tu­ren grei­fen nicht mehr“, sagt sie. „An­fra­gen und Auf­ga­ben an die Mit­ar­bei­ter kön­nen mor­gen schon über­holt sein.“

Henning bringt ih­re Ent­schei­dung für die Feel­good-Aus­bil­dung auf ei­ne sim­ple For­mel: „Ich will die Din­ge an­ders ma­chen.“Füh­len, Wahr­neh­men, zur ei­ge­nen Hal­tung zu­rück­kom­men – was fast eso­te­risch klingt, soll zum Pro­gramm in der Fir­ma wer­den. Au­ßen­ste­hen­de, die glau­ben, als Feel­good-Ma­na­ge­rin über­neh­me sie den Job der Be­spa­ße­rin, tritt Henning en­er­gisch ge­gen­über: „Es geht um Par­ti­zi­pa­ti­on und dar­um selbst­stän­dig gestal­ten zu dür­fen“, sagt sie.

Feel­good-Ma­na­ger sor­gen da­für, dass Mit­ar­bei­ter und Chefs auch in Stress­pha­sen Sinn in ih­rer Ar­beit se­hen. Ganz prak­tisch heißt das: Sie ver­än­dern die Ab­läu­fe in­ner­halb der Fir­ma, rich­ten neue Struk­tu­ren da­für ein, dass Mit­ar­bei­ter und Chefs mehr mit­ein­an­der spre­chen. Das tun sie et­wa, in dem sie spe­zi­el­le Work­shops mit Mit­ar­bei­tern und Chefs or­ga­ni­sie­ren, in de­nen es et­wa dar­um geht, dass die Füh­rungs­eta­ge Auf­ga­ben ab­gibt und die Zu­stän­di­gen in den Teams über Vor­gän­ge und Ab­schlüs­se ent­schei­den lässt.

Bis­her gibt es in Deutsch­land nur we­ni­ge An­ge­bo­te für ei­ne Aus­bil­dung zum Feel­good-Ma­na­ger. Die Idee kommt aus den USA. In­si­der er­zäh­len gern die An­ek­do­te, dass Ehe­frau­en von Goog­le-Ma­na­gern für ein biss­chen bes­se­re Ar­beits­at­mo­sphä­re sor­gen woll­ten. Sie wur­den qua­si zu Brü­cken­bau­ern zwi­schen den ge­stress­ten Füh­rungs­kräf­ten, den Mit­ar­bei­tern und den Fa­mi­li­en, die auf ein biss­chen bes­se­re Lau­ne und ein we­nig mehr Zeit mit ih­ren Ehe­män­nern hoff­ten. Im IT-Mek­ka Si­li­con Val­ley und bei et­li­chen hip­pen Start-ups darf heu­te kein Feel­good-Ma­na­ger mehr feh­len. Doch der Wohl­fühl­be­auf­trag­te ist längst nicht nur für die gu­te Ver­pfle­gung am Ar­beits­platz zu­stän­dig oder da­für neue Mit­ar­bei­ter zu um­sor­gen.

Das Kon­zept „Feel­good“könn­te man auch mit dem sper­ri­gen Be­griff des be­trieb­li­chen Ge­sund­heits­ma­nage­ments be­schrei­ben. Die Vor­ga­ben und Vor­schlä­ge, die vie­le Mit­ar­bei­ter mit die­sem Be­griffs­mons­ter in Zu­sam­men­hang brin­gen, schre­cken je­doch eher ab. Ei­ne Mo­ti­va­ti­on sich wie­der mit der ei­ge­nen Po­si­ti­on am Ar­beits­platz zu be­schäf­ti­gen, wird so kaum ge­schaf­fen. „Wenn sich ein Chef ent­schei­det, ei­nen Feel­good-Ma­na­ger ein­zu­stel­len, kann dies zu­min­dest ein Be­kennt­nis da­für sein, wer­te­ori­en­tier­ter zu ar­bei­ten“, sagt In­grid Ka­disch vom In­sti­tut für Wer­te­kul­tur in der Wirt­schaft in Bre­men.

Ab­tei­lun­gen wer­den um­ge­baut, neue Auf­ga­ben müs­sen über­nom­men wer­den, in der Fir­ma wird nichts mehr so blei­ben wie es ein­mal war: Der Feel­good-Ma­na­ger sorgt da­für, dass trotz Kri­sen und gro­ßer Ve­rän­de­run­gen, die Un­ter­neh­mens­kul­tur nicht lei­det. „Nur so kann ein Un­ter­neh­men auf Dau­er er­folg­reich sein

Chefs und Mit­ar­bei­ter sol­len mehr mit­ein­an­der spre­chen

und sich am Markt be­haup­ten“, sagt In­grid Ka­disch. Seit rund ei­nem Jahr bie­tet sie an dem Bre­mer In­sti­tut die Aus­bil­dung an. In zehn Mo­du­len ler­nen die Teil­neh­mer, wie ei­ne gu­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Per­so­nal und Chefs ge­lingt, Kon­flik­te be­wäl­tigt oder mit Ve­rän­de­run­gen im Be­trieb um­ge­gan­gen wer­den kann. Je­weils zwei Ta­ge dau­ern die ein­zel­nen Se­mi­na­re, Work­shops, Ein­zel- und Grup­pen­ar­bei­ten. Am Schluss er­ar­bei­ten die Teil­neh­mer ein ei­ge­nes Kon­zept für ein bes­se­res Ge­fühl am Ar­beits­platz. Nach ei­nem Ein­zel-Coa­ching und ei­nem Test­lauf des ei­ge­nen Feel­good-Kon­zepts in ei­nem Un­ter­neh­men wird den Teil­neh­mern ein Zer­ti­fi­kat aus­ge­hän­digt.

Vor al­lem Frau­en ha­ben sich bis­her für die Aus­bil­dung bei Ka­disch ent­schie­den. Die meis­ten sind 40 bis 50 Jah­re alt. Ei­ni­ge ha­ben So­zio­lo­gie oder Psy­cho­lo­gie stu­diert, sind Kul­tur­päd­ago­gen, Be­triebs­wir­te, selb­stän­di­ge Be­ra­ter. „Vie­le Teil­neh­mer sind selbst auf der Su­che nach ei­nem Pro­fil, wie sie künf­tig ar­bei­ten wol­len“, sagt Ka­disch. „Auch auf der per­sön­li­chen Ebe­ne pas­siert un­glaub­lich viel.“

Wohl­füh­len hat für die Se­mi­nar­lei­te­rin vor al­lem et­was mit Wert­schät­zung zu tun. „Feel­good-Ma­na­ger sind als Hü­ter der Un­ter­neh­mens­wer­te zu ver­ste­hen“, sagt Ka­disch. Mit ih­rer Aus­bil­dung rich­tet sie sich be­son­ders an Füh­rungs­kräf­te oder Mit­ar­bei­ter, die di­rekt mit der Ge­schäfts­füh­rung zu­sam­men­ar­bei­ten. „Ei­ne Of­fice-Ma­na­ge­rin kann in Rich­tung Wohl­füh­len in der Re­gel ei­ni­ges be­wir­ken, aber sie sitzt nicht an der Stel­le, wo die stra­te­gi­schen He­bel sind“, sagt Ka­disch. „Be­ra­tungs­kom­pe­tenz ist auf je­den Fall not­wen­dig und hilf­reich.“

In Deutsch­land an­säs­si­ge Un­ter­neh­men tun sich noch schwer Feel­good-Teams ein­zu­stel­len. Vor al­lem in­ter­na­tio­nal ar­bei­ten­de Fir­men und Start-ups ver­su­chen sich aber an den neu­en Job­pro­fi­len. So auch der Ber­li­ner Spie­leent­wick­ler Woo­ga. Die Fir­ma hat ein gan­zes Team zu­sam­men­ge­stellt, dass sich mit dem Feel­good-The­ma be­fasst. Das Team sol­le die Mit­ar­bei­ter un­ter­stüt­zen, da­mit sie sich auf ih­re Ar­beit kon­zen­trie­ren kön­nen, heißt es aus bei Woo­ga. Sie küm­mern sich et­wa um ei­ne Woh­nung für neue Mit­ar­bei­ter, ei­nen Ki­ta-Platz für El­tern im Kol­le­gi­um, um Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bo­te oder Fir­men­ver­an­stal­tun­gen. Woo­ga füh­le sich ver­ant­wort­lich ge­gen­über sei­nen Mit­ar­bei­tern. Die soll­ten sich nicht nur kurz­fris­tig von ih­rem Ar- beit­ge­ber gut be­han­delt füh­len, son­dern auch lang­fris­tig mo­ti­viert an die Ar­beit ge­hen. Ganz un­ei­gen­nüt­zig ist der Wohl­fühl-An­satz auch bei Woo­ga nicht, denn Fach­kräf­te sind rar. Die­je­ni­gen, die sich für ei­nen Job bei dem Spie­leent­wick­ler ent­schie­den ha­ben, sol­len auch mög­lichst lan­ge blei­ben und gut ar­bei­ten.

Die an­ge­hen­de Feel­good-Ma­na­ge­rin Chris­ti­ne Henning hat­te in an­de­ren be­ruf­li­chen Po­si­tio­nen vor ih­rem jet­zi­gen Job im­mer das Ge­fühl, dass sie gut ge­för­dert wur­de, et­wa als vor ei­ni­gen Jah­ren in ei­ner an­de­ren Fir­ma ei­ne neue Ab­tei­lung auf­bau­te und Bud­get­pla­nung, Struk­tu­ren und Mar­ke­ting neu für die an­ge­hen­de Füh­rungs­kraft wa­ren. Ih­ren Vor­ge­setz­ten sei im­mer klar ge­we­sen, dass Feh­ler wie über­zo­ge­ne Bud­gets oder nicht ein­ge­hal­te­ne Fris­ten zum Ar­beits­le­ben da­zu ge­hö­ren. Nun will sie da­für sor­gen, dass auch die Vor­ge­setz­ten in ih­rer jet­zi­gen Fir­ma so mit ih­ren Mit­ar­bei­tern um­ge­hen: „In ei­ner of­fe­nen Kultur muss es mög­lich sein, Pro­ble­me an­zu­spre­chen“, sagt sie.

Die Initia­ti­ve zur Feel­good-Aus­bil­dung hat Henning selbst er­grif­fen. Ih­re Vor­ge­setz­ten fan­den die Idee gut. Im Sep­tem­ber wird sie das Zer­ti­fi­kat in den Hän­den hal­ten. Ihr ers­tes Pro­jekt ist ein Work­shop, in dem Mit­ar­bei­ter ler­nen, wie sie po­si­tiv mit Stress­si­tua­tio­nen um­ge­hen kön­nen und ei­nen Bur­nout ver­hin­dern.

Deut­sche Fir­men tun sich noch schwer mit der Idee

Bun­tes Bü­ro.

Fotos: Kit­ty Kleist-Hein­rich

Die On­li­ne­spie­le-Fir­ma Woo­ga in Prenz­lau­er Berg hat ein „Feel­good-Team“, das sich et­wa um Woh­nun­gen für neue Mit­ar­bei­ter, Ki­ta-Plät­ze und Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bo­te küm­mert. Die Mit­ar­bei­ter sol­len mög­lichst lan­ge blei­ben und gu­te Ar­beit leis­ten.

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