Wie­ner Me­lan­ge

Vla­di­mir Vert­libs skur­ri­ler Ro­man „Lu­cia Bi­nar und die rus­si­sche See­le“

Der Tagesspiegel - - LITERATUR - Von Klaus Hüb­ner

Es gibt Ro­ma­n­an­fän­ge, die sit­zen ein­fach. „Wie froh bin ich, dass ich weg bin!“ist so ei­ner, oder: „Je­mand muss­te Jo­sef K. ver­leum­det ha­ben, denn oh­ne dass er et­was Bö­ses ge­tan hät­te, wur­de er ei­nes Mor­gens ver­haf­tet.“Der mitt­ler­wei­le sieb­te Ro­man des 1966 in Le­nin­grad ge­bo­re­nen Salz­bur­ger Schrift­stel­lers und Pu­bli­zis­ten Vla­di­mir Vert­lib be­ginnt so: „Wenn ich jetzt ster­be, dann kann ich da­mit le­ben.“Nicht schlecht. Selbst wenn es zehn Zei­len wei­ter heißt: „Doch be­vor es so weit ist, wür­de ich ger­ne wie­der die Kraft ha­ben, auf die Lei­ter zu stei­gen, um aus dem obers­ten Bü­cher­re­gal Wisla­wa Szym­bors­kas Ge­dicht­band ‚Hun­dert Freu­den’ her­aus­zu­ho­len und ihn auf Sei­te 102 auf­zu­schla­gen.“Wer das sagt? Die 83-jäh­ri­ge jü­di­sche Wie­ne­rin Lu­cia Bi­nar, ei­ne le­bens­klu­ge, im­mer noch recht en­er­gi­sche Da­me, die ihr ge­sam­tes Da­sein in der „Gro­ßen Moh­ren­gas­se“zu­ge­bracht hat – und dort auch ster­ben möch­te.

Lu­cia ist Haupt­fi­gur und Ich-Er­zäh­le­rin die­ses tur­bu­len­ten und pas­sa­gen­wei­se sau­ko­mi­schen Ro­mans. Nicht nur die Fol­gen ei­nes Un­falls und die Frech­hei­ten der Fir­ma „Rol­len­der Ess­tisch à la car­te Ge­mein­nüt­zi­ge Ges.m.b.H.“ma­chen ihr zu schaf­fen, son­dern auch das Ge­ba­ren des Haus­be­sit­zers. Sie kennt Wil­li noch als klei­nen Jun­gen. Aber jetzt lässt er kaum ei­ne Un­ver­schämt­heit aus, um die an­ge­stamm­ten Mie­ter aus dem Haus zu ekeln. Lu­cia ist nicht auf den Mund ge­fal­len – die­ser Eli­sa­beth vom „Rol­len­den Ess­tisch“wird sie schon noch ih­re Mei­nung gei­gen! Wenn sie nur wüss­te, wel­che Eli­sa­beth sie am Te­le­fon so schnö­de ab­ge­fer­tigt hat. Kei­ne Fra­ge: Lu­cia ist ein ab­so­lu­tes Ori­gi­nal, ei­ne prä­zi­se und sehr fein ge­zeich­ne­te Ro­man­fi­gur. Eben­so wie ein „ober­ös­ter­rei­chi­sches an­dro­gy­nes“We­sen, das sich als der Stu­dent Mo­ritz Has­ler ent­puppt, der als Mit­glied des Ver­eins „Stra­ßen­na­men ge­gen Ras­sis­mus“Un­ter­schrif­ten für ei­ne Pe­ti­ti­on zur Um­be­nen­nung der „Gro­ßen Moh­ren­gas­se“sam­melt. Lu­cia lacht: „Schon gut, ich ver­ste­he. Der Mohr hat sei­ne Schul­dig­keit ge­tan, der Mohr kann ge­hen. Was ist Ihr Vor­schlag? Nel­son-Man­de­la-Gas­se? … Üb­ri­gens sind die Kaf­fee-Be­zeich­nun­gen Gro­ßer und Klei­ner Schwar­zer oder Brau­ner ge­mäß Ih­rer Vor­stel­lung si­cher auch nicht mehr trag­bar … Gro­ße Möö - h - ren - gas­se!? … Und was ist mit dem wirk­li­chen Le­ben? Ich fürch­te, das Pro­blem der Schwarz­afri­ka­ner in Wien ist nicht die Moh­ren­gas­se oder der Mohr im Hemd.“

Die­ser Mo­ritz ist Lu­ci­as Nach­bar, und ge­gen den durch Ari­sie­rung zum Im­mo­bi­li­ener­ben ge­wor­de­nen Wil­li ver­bün­den sich bei­de. Alt und Jung, einst und jetzt: Vert­libs skur­ri­ler Ro­man führt vor, wie sich ver­meint­li­che Ge­gen­sät­ze raf­fi­niert mit­ein­an­der ver­knüp­fen las­sen. Die NS-Ver­gan­gen­heit Wi­ens wird durch die Gestalt des Da­ni­el App­le­tree le­ben­dig, ein Groß­nef­fe des eins­ti­gen Haus­be­sit­zers Da­vid Ap­fel­baum. Aber nicht nur um Ver­gan­ge­nes geht es, auch um sein Fort­le­ben. Ge­ra­de beim The­ma All­tags­ras­sis­mus nimmt Vert­lib kein Blatt vor den Mund. Hin­ter al­lem Dras­ti­schen und oft auch Ko­mi­schen lau­ert im­mer ein Ab­grund an Men­schen­ver­ach­tung. Und den macht der Au­tor kennt­lich.

An Ge­sell­schafts­kri­tik fehlt es al­so nicht in die­sem Buch. An jü­di­schem Flui­dum auch nicht. Mit der Fi­gur des aus Basch­ki­ri­en stam­men­den, häu­fig mo­ra­li­sie­ren­den und grund­sätz­lich me­lan­cho­li­schen Alex und sei­ner ver­que­ren Lie­bes­be­zie­hung zu Eli­sa­beth wird von An­fang an ein zwei­ter, so­zu­sa­gen rus­si­scher Er­zähl­strang er­öff­net. Und durch den omi­nö­sen Me­ta­phy­si­ker, Ma­gier und Ge­schäfts­mann Vik­tor Vik­to­ro­witsch Vint – „Ex­per­te für die rus­si­sche See­le, Psy­cho­the­ra­peut oh­ne Waffenschein, al­so ein Schar­la­tan auf ho­hem Ni­veau“– ver­stärkt sich das im Ti­tel an­ge­spro­che­ne Rus­si­sche noch ein­mal. Die Re­de von ei­ner Na­tio­nal­see­le al­ler­dings be­kommt ihr Fett eben­so ab wie die gän­gi­gen Ös­ter­reich-Kli­schees.

Ge­konnt spielt Vert­lib so lan­ge mit Ost-West-Ste­reo­ty­pen und un­sin­ni­gen Pau­schal­dis­kur­sen, bis sie al­le zer­brö­seln oder zu­sam­men­bre­chen. Sein von enor­mer Fa­bu­lier­lust ge­tra­ge­ner Ro­man kann als schar­fe Sa­ti­re auf hoch­ak­tu­el­le Phä­no­me­ne wie Dis­kri­mi­nie­rung von Min­der­hei­ten, Aus­gren­zung von so­zi­al Schwa­chen oder Gen­tri­fi­zie­rung von Stadt­vier­teln ge­le­sen wer­den. Er ist aber mehr: ein von zum Teil ab­grün­di­gem Hu­mor durch­weh­tes, sehr men­schen­freund­li­ches und lie­be­vol­les Por­trät ei­ner zie­lund letzt­lich vi­el­leicht auch heil­los im Ma­te­ri­el­len und Ver­lo­ge­nen her­um­tau­meln­den Ge­gen­wart. Ein biss­chen mehr See­le könn­te ihr nicht scha­den.

Foto: Kurt Ka­indl/Deu­ti­cke Ver­lag

Rus­sisch-jü­di­scher Luft­wurz­ler. Der ös­ter­rei­chi­sche Schrift­stel­ler Vla­di­mir Vert­lib.

— Ro­man. Deu­ti­cke Ver­lag, Wien 2015. 319 Sei­ten, 19,90 €.

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