Die Schwal­be ma­chen

Die DDR-Rol­ler KR 51 – bes­ser be­kannt als Sim­son Schwal­be – sind längst Kult. Wer ei­ne be­sitzt, legt bei Re­pa­ra­tu­ren meis­tens sel­ber Hand an

Der Tagesspiegel - - MOBIL - Von Lau­ra Stre­sing

Der Rol­ler mit der mar­kan­ten Schnau­ze fällt Da­ni­el Schulz zum ers­ten Mal auf dem Schul­hof auf. Die KR 51 – bes­ser be­kannt als Schwal­be – ist grün, ge­hört ei­nem Schul­ka­me­ra­den und kommt ihm nicht sehr at­trak­tiv vor. „Erst dach­te ich: Ey, wie pein­lich ist das denn“, er­in­nert sich der 24-jäh­ri­ge Fal­ken­se­er an sei­ne ers­te Be­geg­nung mit dem Zwei­taktrol­ler aus dem Os­ten. „Das Teil sah ko­misch aus, hat ge­klap­pert, ge­stun­ken und ist stän­dig lie­gen­ge­blie­ben.“

Die Schwal­be war das ers­te und bei Wei­tem er­folg­reichs­te Mo­dell der so­ge­nann­ten Vo­gel­se­rie von Sim­son. Mehr als ei­ne Mil­li­on die­ser ei­gen­wil­li­gen Rol­ler wur­den von 1964 bis 1986 von der Fir­ma im thü­rin­gi­schen Suhl her­ge­stellt. Das klei­ne Mo­ped mo­to­ri­sier­te brei­te Be­völ­ke­rungs­schich­ten in der DDR und war ent­spre­chend be­liebt. Nach der Wen­de brach der Markt für die Ost­rol­ler schnell ein. Im Wes­ten gibt es bis heu­te die meis­ten Fan­klubs der Schwal­be. Auf dem Markt hat­te der Zwei­tak­ter je­doch kei­ne Chan­ce mehr. Die Pro­duk­ti­on wur­de ein­ge­stellt.

Schwer zu sa­gen, wann der zwei­te Früh­ling für die Schwal­be be­gann. Doch plötz­lich schei­nen die Old­tim­er­flit­zer über­all zu sein. Auf bis zu 60 St­un­den­ki­lo­me­ter brin­gen es die Zwei­tak­ter. Trotz­dem sind sie dank ei­ner Son­der­re­ge­lung im Ei­ni­gungs­ver­trag nicht zu­las­sungs­pflich­tig: Nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung wur­de das DDR-Recht über­nom­men. Es soll­te ein Pro­vi­so­ri­um sein. Doch da­bei ist es ge­blie­ben.

Die Zä­hig­keit der DDR-Rol­ler ist mitt­ler­wei­le le­gen­där, ihr Re­trolook wird nicht nur von Hips­tern ge­fei­ert. Auch bei Schulz springt der Fun­ke schnell über. Mit 17 kauft er sich sei­ne ers­te ei­ge­ne Schwal­be. Da hat er noch nicht mal den Füh­rer­schein. Das Wer­keln an den Zwei­tak­ter­mo­to­ren wird zu ei­nem Hob­by. Heu­te zählt Schulz wohl zu den größ­ten Sim­son-Nerds in Berlin und Bran­den­burg. Sie­ben Schwal­ben ha­ben sich bis da­to in sei­ner Ga­ra­ge an­ge­sam­melt, Bau­jahr 1977 bis 1985. Dut­zen­de Ver­si­che­rungs­pla­ket­ten zie­ren die Tür zur Werk­statt. Und nicht zu­letzt: Schulz be­treibt das Schwal­ben­fo­rum, wo die deut­sche Fan­sze­ne Tipps aus­tauscht und Tref­fen ver­ein­bart. Von Be­ruf ist Schulz Po­li­zist. Der Strei­fen­dienst in Schö­ne­berg kann ganz schön an­stren­gend sein. „Beim Schrau­ben kann ich ab­schal­ten“, sagt er.

Dop­pel­sei­te über die Schwal­be aus dem Pio­nier­ka­len­der der DDR von 1966. Die Sim­son KR-51 war da­mals Avant­gar­de.

Orts­wech­sel: In Neu­kölln hat sich der der Ma­schi­nen­bau­er Da­ni­el Jahns eben­falls ei­ne an­sehn­li­che Flot­te von fünf Schwal­ben auf­ge­baut. Aber nicht für sich: Für 40 Eu­ro am Tag, Tank­fül­lung in­klu­si­ve, kann man den DDR-Rol­ler von ihm mie­ten. Mit (N-)Ost­al­gietou­ris­mus à la „Tr­ab­bi Sa­fa­ri“hat „Schwal­be 2 Go“aber we­nig ge­mein­sam. Bis­her ver­schlägt es nur sehr we­ni­ge Tou­ris­ten in Jahns Kü­che, wo er die Mie­ter emp­fängt. Meis­tens sind es Ber­li­ner wie er, viel­leicht so­gar mit ähn­li­chen Er­in­ne­run­gen. Jahns ist in West­ber­lin in un­mit­tel­ba­rer Mau­er­nä­he auf­ge­wach­sen. Der un­ver­wech­sel­ba­re Klang der Schwal­be mach­te ihn schon da­mals neu­gie­rig. „Schon als Kind re­gis­triert man das ja, dass die Fahr­zeu­ge drü­ben ir­gend­wie an­ders klin­gen“, sagt der 32-Jäh­ri­ge.

Man­che Mie­ter seh­nen sich aber auch ein­fach nur nach ei­nem schö­nen Aus­flug ins Grü­ne: „Ich hab’ vie­le jun­ge Pär­chen, die an den See fah­ren wol­len“, sagt Jahns.

Auch Reb­bec­ca Elt­gen, Mas­ter­stu­den­tin aus Pas­sau, hat sich vor­ge­nom­men, das Ber­li­ner Um­land zu er­kun­den. Sie ist erst vor Kur­zem nach Berlin ge­zo­gen. „So ei­ne Fahrt mit dem Mo­ped hat ja auch was Be­schau­li­ches“, meint sie. Frü­her sei sie oft mit dem Rol­ler un­ter­wegs ge­we­sen. „Mei­ne Ma­ma hat­te ei­ne Ve­s­pa.“

Doch weil Schwal­ben laut Jahns et­was kom­pli­zier­ter sind, führt er die jun­ge Frau erst ein­mal zum na­he ge­le­ge­nen Richard­platz für ei­ne Ein­füh­rungs­stun­de. Dort darf Elt­gen ih­re ers­ten Übungs­run­den um den Platz dre­hen. „Das ma­chen die Kun­den so lan­ge, bis sie so weit sind“, sagt Jahns. In der Zwi­schen­zeit holt er sich ei­ne Co­la oder Ma­te am Ki­osk und sieht mit kri­ti­schem Blick zu.

„Man kann kei­ne Voll­kas­ko für so ein Teil ab­schlie­ßen“, er­klärt Jahns. Des­halb schaut er sich sei­ne Mie­ter genau an. Ein paar Krat­zer kann er aber ver­schmer­zen. „Das sind im­mer noch Ge­brauchs­ge­gen­stän­de, kei­ne Neu­fahr­zeu­ge.“

Da­ni­el Schulz aus Fal­ken­see da­ge­gen sieht sei­ne Schwal­ben durch­aus als ei­ne Wert­an­la­ge. Denn der Hy­pe um den Ost-Rol­ler lässt die Prei­se stei­gen. Sei­ne ers­te Schwal­be ha­be er noch für 400-noch-was-Eu­ro ge­kauft. Heu­te zah­le man lo­cker das Dop­pel­te.

Das ruft aber auch ge­schäfts­tüch­ti­ge Sch­la­wi­ner auf den Plan, be­ob­ach­tet Schulz. Plötz­lich tau­chen DDR-Ex­por­te aus Un­garn wie­der auf dem deut­schen Markt auf. Da­bei sind die hier­zu­lan­de nicht er­laubt.

Die Ge­fahr, über den Tisch ge­zo­gen zu wer­den, sei bei der Schwal­be be­son­ders groß, glaubt auch Jahns. Zwangs­läu­fig. „Man kauft die Kat­ze im Sack.“Vie­le Ma­cken des Old­ti­mers stel­len sich erst im Lau­fe der Zeit her­aus. Mit Fol­ge­kos­ten muss man beim Kauf ei­ner Schwal­be im-

„Wenn sie ge­war­tet wird, läuft sie wie ein Schwei­zer Uhr­werk.“

mer rech­nen, sind sich die Ex­per­ten ei­nig. Min­des­tens 400 Eu­ro für die al­ler­nö­tigs­ten Re­pa­ra­tu­ren wer­den fast im­mer an­fal­len, schätzt Schulz.

Und trotz­dem gilt die Schwal­be als unka­putt­bar. „Wenn sie rich­tig ge­war­tet wird und man ab und zu auch mal was in­ves­tiert, läuft die Schwal­be so zu­ver­läs­sig wie ein Schwei­zer Uhr­werk“, schwärmt Schulz. Das lie­ge am „Bau­kas­ten­sys­tem“und dar­an, „dass al­les im Grun­de so ein­fach auf­ge­baut ist“. Al­le Tei­le der Vo­gel­se­rie sind un­ter­ein­an­der aus­tausch­bar. „Das hat sie mei­ner Mei­nung nach so er­folg­reich ge­macht“, so Schulz. Bis heu­te sei die Ver­sor­gung mit Er­satz­tei­len für die Old­ti­mer aus­ge­zeich­net. „99 Pro­zent al­ler Tei­le wer­den nach­ge­fer­tigt.“

Wie bei kei­nem an­de­ren Rol­ler hat sich rund­um die Schwal­be ei­ne ein­ge­schwo­re­ne Fan­ge­mein­de ge­bil­det. Man grüßt sich auf der Stra­ße und trifft sich zu Aus­fahr­ten. Der Ju­li ist ein be­son­de­rer Mo­nat für die Sze­ne: Hoch­sai­son für Fan­tref­fen, denn der Rol­ler fei­ert sei­nen Ge­burts­tag. 51 Jah­re alt ist die Schwal­be nun ge­wor­den. Und sie rollt wei­ter.

Fo­to: Druck­haus Ein­heit

Klein­rol­ler im Rönt­gen­schnitt.

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