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Der Tagesspiegel - - COMICS -

Neu­er­schei­nun­gen Kaf­ka­es­ke Ve­r­un­si­che­rung. Mit Mo­ritz Stetters Ver­si­on von „Das Ur­teil“(48 S., 19,95 €) ist bei Kne­se­beck be­reits die fünf­te Kaf­ka-Ad­ap­ti­on er­schie­nen. Zen­tral für die­se Um­set­zung ist das Mo­tiv des Baums. Wur­zel­ar­ti­ge Ver­flech­tun­gen zie­hen sich als op­ti­sche Struk­tu­ren durch den ge­sam­ten Co­mic. Stet­ter stellt kei­ne be­stimm­te In­ter­pre­ta­ti­on der Vor­la­ge in den Vor­der­grund, son­dern be­schränkt sich dar­auf, ei­nen prä­gen­den Aspekt des Ori­gi­nals zu ver­stär­ken: die Ve­r­un­si­che­rung des Le­sers an­ge­sichts des Aus­ein­an­der­klaf­fens von Ei­gen- und Fremd­wahr­neh­mung des Prot­ago­nis­ten.

*** Re­fe­ren­z­uni­ver­sum. Das War­ten hat sich ge­lohnt. Nach mehr als fünf Jah­ren er­scheint der zwei­te Band von „Ro­cket Blues“(Beat­co­mix, 61 S., 12, €), der Space Ope­ra vol­ler durch­ge­knall­ter Ef­fek­te mit dem El­vis-Imi­ta­tor Mr. Ro­cket im Zen­trum. „Nuss­hus­ten im Stern­bild Kas­sio­peia“ist ei­ne gelungene Fort­set­zung mit vie­len po­pu­lä­ren Be­zü­gen. Zu den schrägs­ten Fi­gu­ren ge­hö­ren der Pin­gu­in Shack­le­ton, ein kau­zi­ger Wis­sen­schaft­ler à la Fran­ken­stein und auch Schla­ger­bar­de Achim Ment­zel hat ei­nen Auf­tritt. Lie­be­voll-kra­ke­lig ge­zeich­net und er­zählt von Ivo Kircheis. Der Beat stimmt!

*** Pro­vinz­fan­ta­si­en. Die Lek­tü­re von „Ly­die“(Salleck, 60 S., 20 €) stimmt an­ge­nehm nost­al­gisch: Im fran­ko-bel­gi­schen Stil er­zäh­len Jor­di La­feb­re und Zid­rou ei­ne klei­ne, fei­ne Ge­schich­te von Ver­lust, Fan­ta­sie und So­li­da­ri­tät. Schau­platz ist ei­ne bel­gi­sche Dorf­stra­ße in den 30er Jah­ren. Hier lebt man nicht im­mer ein­träch­tig mit­ein­an­der, bis ein tra­gi­sches Schick­sal die Be­woh­ner zu­sam­men­bringt – und al­le zu Schau­spie­lern für ei­ne gu­te Sa­che wer­den. Ein biss­chen kit­schig, ein biss­chen bö­se und schön ab­surd.

*** Ge­lieb­ter See­bär. Er­wach­sen wer­den ist kein Zu­cker­schle­cken. Erst recht, wenn man 13 wird, Bud­del­schif­fe bas­telt und sich in ei­nen bär­bei­ßi­gen Kut­ter-Ka­pi­tän ver­liebt. „Schwe­re See, mein Herz“(Suhr­kamp, 116 S., 14 €), ein Ele­ment-of-Cri­meSong, passt als Ti­tel per­fekt zu Oli­via Vie­wegs Ge­schich­te von Hei­di, die auch die hor­mo­nell be­ding­te Däm­lich­keit ih­rer Freun­din­nen zu be­wäl­ti­gen hat – und sich ent­schei­den muss: Bleibt sie Teil der Cli­que oder sich und ih­ren Idea­len treu? Vie­weg ba­lan­ciert ge­konnt zwi­schen Leich­tig­keit und Ernst – in schöns­ten Meer­tö­nen zwi­schen Grau und Tief­blau.

*** Sche­men­haf­te Welt. Für die sie­ben­jäh­ri­ge He­len ist das Le­ben dun­kel und un­er­klär­lich. Sie ist taub­b­lind und ih­rer neu­en Leh­re­rin ge­gen­über äu­ßerst wi­der­spens­tig. Der US-Zeich­ner Jo­seph Lam­bert über­setzt die 1887 ein­set­zen­de wah­re Ge­schich­te der He­len Kel­ler in ei­ne be­rüh­ren­de Co­mi­cer­zäh­lung. „Spre­chen­de Hän­de“

ist auch die Ge­schich­te der Leh­re­rin An­nie Sul­li­van, dank de­rer He­len so wiss­be­gie­rig wur­de, dass sie le­sen, schrei­ben und kom­mu­ni­zie­ren lern­te. Lam­bert ge­lingt ei­ne schlüs­si­ge Vi­sua­li­sie­rung der In­nen­welt ei­ner Taub­b­lin­den, in­dem er He­lens Per­spek­ti­ve in sche­men­haf­ten Bil­dern wie­der­gibt, die ih­re Düs­ter­nis mit zu­neh­men­dem Wis­sen ver­lie­ren.

*** Un­ter die Haut. Die Er­zäh­lung „Litt­le Tu­lip“(Split­ter, 88 S., 19,80 €) kon­zen­triert sich auf Paul, der ei­gent­lich Pa­wel heißt. In den 1940ern über­lebt er als Tä­to­wie­rer und Mes­ser­kämp­fer in ei­nem si­bi­ri­schen Gu­lag, in den 70ern geht er in New York auf Se­ri­en­kil­ler-Jagd. Die bei­den Ab­schnit­te sei­nes Le­bens, die durch bru­ta­le Ge­walt ver­bun­den sind, ha­ben der US-Au­tor Je­ro­me Cha­ryn und der fran­zö­si­sche Zeich­ner François Boucq so­li­de und ziem­lich dras­tisch um­ge­setzt. Das über­sinn­li­che En­de mu­tet al­ler­dings selt­sam an.

(Eg­mont, 96 S., 19,99 €)

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