Ro­ter Mund & Pa­nik­e­cke

Wie mäch­tig sind die Fern­seh­bil­der? Das Kunst­mu­se­um Bonn zeigt Aus­stel­lung „Te­le­Gen“

Der Tagesspiegel - - MEDIEN -

Im­mer und im­mer wie­der rollt John F. Ken­ne­dy im Stra­ßen­kreu­zer bei strah­len­dem Son­nen­schein sei­nem Ver­der­ben ent­ge­gen. Der Künst­ler Bru­ce Con­nor ver­dich­te­te schon in den 60er Jah­ren Schnip­sel aus der Be­richt­er­stat­tung über das At­ten­tat auf den US-Prä­si­den­ten zu ei­ner Be­wegt­bild­kom­po­si­ti­on. Gleich da­ne­ben er­star­ren die Fern­seh­ein­drü­cke in An­dy War­hols Sieb­druck-Se­rie über das Ken­ne­dy-At­ten­tat zu Stand­bil­dern. Die Aus­stel­lung „Te­le­Gen. Kunst und Fern­se­hen“im Kunst­mu­se­um Bonn be­schäf­tigt sich mit der Re­ak­ti­on der Kunst auf die Macht der Fern­seh­bil­der.

Her­aus­ge­kom­men ist ei­ne span­nen­de Schau, die bis zum 17. Ja­nu­ar Seh­ge­wohn­hei­ten und die Be­deu­tung von Bil­dern kri­tisch be­leuch­tet. „Es geht um die Fra­ge: Wie re­agie­ren Künst­ler auf In­hal­te, Bil­der, Iko­no­gra­fie und Spra­che des Fern­se­hens?“, sagt Ste­phan Berg, Lei­ter des Kunst­mu­se­ums und Ku­ra­tor der Aus­stel­lung. Ge­zeigt wer­den Wer­ke von 44 Künst­lern von den frü­hen 60er Jah­ren bis in die Ge­gen­wart, dar­un­ter An­dy War­hol, Den­nis Hop­per, Gün­ther Ue­cker, Chris­toph Sch­lin­gen­sief oder K.O. Goetz. Da­bei ha­ben Berg und sein Ko-Ku­ra­tor, Die­ter Da­ni­els, den Schwer­punkt nicht auf Vi­deo­ar­bei­ten ge­legt. Die Vi­deo­kunst sei zwar ei­ne Re­ak­ti­on auf das Fern­se­hen ge­we­sen, ha­be die­ses aber nicht di­rekt the­ma­ti­siert, sagt Berg. In der Bon­ner Aus­stel­lung geht es ex­pli­zit um Ar­bei­ten, die sich mit dem Phä­no­men Fern­se­hen aus­ein­an­der­set­zen. Und das ge­schieht nicht nur mit­hil­fe von Film­ma­te­ri­al, son­dern auch in Skulp­tu­ren, Ge­mäl­den, In­stal­la­tio­nen, Sieb­dru­cken und so­gar in tex­ti­len Ar­bei­ten.

In ei­nem his­to­ri­schen Teil wid­met sich die Aus­stel­lung den ers­ten künst­le­ri­schen An­sät­zen der 1960er Jah­re, die sich di­rekt mit dem Fern­seh­bild oder dem Fern­seh­ge­rät als Ob­jekt aus­ein­an­der­set­zen. Zu se­hen ist die Ar­beit „Sound Wa­ve In­put On Two TV Sets“von Nam Ju­ne Pa­ik, der in den 60er Jah­ren als ei­ner der ers­ten Künst­ler Fern­seh­ge­rä­te als Skulp­tur in­sze­nier­te. Die bei­den ein­ge­schal­te­ten Ge­rä­te sind auf­ein­an­der­ge­sta­pelt. Den Ein­fluss des ge­ras­ter­ten Fern­seh­bil­des auf die Ma­le­rei do­ku­men­tiert K.O. Goetz’ Ar­beit „Den­si­ty 10:3:2:1“. Er hat­te sich An­fang der 60er Jah­re zum Ziel ge­setzt, das aus rund 400 000 Bild­punk­ten be­ste­hen­de Fern­seh­bild ma­le­risch her­zu­stel­len. Mit­hil­fe sei­ner Stu­den­ten fer­tig­te er ein Ras­ter an, das durch Ab­fil­men ein schein­bar be­weg­tes, rau­schen­des, elek­tro­ni­sches Bild er­gibt: Fern­se­hen ein­mal um­ge­kehrt.

In ei­nem zwei­ten Teil be­schäf­tigt sich die Aus­stel­lung mit der Ent­wick­lung des Fern­se­hens und der kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung von Künst­lern mit der Macht des Me­di­ums. Ste­fan Hur­tig nimmt sich die Sen­dung „Ger­ma­ny’s next Top Mo­del“vor und den dar­in von Hei­di Klum in je­der Sen­dung wie­der­hol­ten Satz „Ich ha­be lei­der heu­te kein Fo­to für dich“, der das Aus­schei­den für ei­ne der Kan­di­da­tin­nen be­deu­tet. Ge­spro­chen wird der Satz in un­ter­schied­li­chen Va­ri­an­ten von ei­nem ro­ten Mund, der auf ei­nem an Ket­ten von der De­cke her­ab­hän­gen­den Bild­schirm er­scheint.

Das Münch­ner Künst­ler­duo M+M (Mar­tin de Mat­tia und Marc Weis) ging den um­ge­kehr­ten Weg und ließ be­weg­te Fern­seh­bil­der er­star­ren, um ih­re Wir­kung zu ver­deut­li­chen. Sie füll­ten in der Ar­beit „Pa­nic Eck“zwei Wän­de mit Bild­und Text­frag­men­ten aus der Re­de Wla­di­mir Pu­tins auf der Si­cher­heits­kon­fe­renz in München 2007. Da­mals scho­ckier­te der rus­si­sche Prä­si­dent mit sei­ner ag­gres­si­ven Rhe­to­rik. In die Fo­to­wän­de bet­te­ten M+M Film­se­quen­zen aus Nach­rich­ten­sen­dun­gen ein, die in ein­zel­ne Bil­der zer­legt wur­den. Die­se hin­ter Ple­xi­glas ge­leg­ten Film­bil­der glei­chen aus der Ent­fer­nung abs­trak­ten Col­la­gen. Erst bei nä­he­rer Be­trach­tung ist das ein­zel­ne Bild sicht­bar. Die Bil­der­flut, der Fern­seh­zu­schau­er aus­ge­setzt sind, wird so phy­sisch er­fahr­bar.

Fo­to: dpa

Sta­che­lig. Das Werk „TV“(1963) von Gün­ther Ue­cker im Kunst­mu­se­um Bonn.

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