Hum­boldts Leit­fos­si­li­en

Deut­sche Li­te­ra­tur­ge­schich­te, Stolz auf die aka­de­mi­sche Hei­mat – das ver­bin­det

Der Tagesspiegel - - WISSEN & FORSCHEN - Von Amo­ry Burchard

Ernst Os­ter­kamps Zim­mer ist pe­ni­bel auf­ge­räumt. „Nur in ei­nem auf­ge­räum­ten Ar­beits­zim­mer kann man ar­bei­ten“, sagt der Ger­ma­nist. „Da­mit sa­gen Sie auch et­was über mich“, kon­sta­tiert Roland Ber­big lä­chelnd, auch er Pro­fes­sor am In­sti­tut für deut­sche Li­te­ra­tur der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät. Be­kann­ter­ma­ßen ha­be er sich an sei­nem Schreib­tisch ein­ge­mau­ert hin­ter Pa­pier- und Bü­cher­sta­peln.

Os­ter­kamp und Ber­big flach­sen ein biss­chen hin und her. Sie ver­bin­det ei­ne 23-jäh­ri­ge Ar­beits­be­zie­hung. Ber­big nennt Os­ter­kamp „ei­nen Kol­le­gen, den ich über die Jah­re jen­seits der aka­de­mi­schen und wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen zu­neh­mend schät­zen ge­lernt ha­be“. Schließ­lich ha­be am An­fang die „Un­ge­heu­er­lich­keit“ge­stan­den, dass „ein ei­ni­ger­ma­ßen in­tak­tes In­sti­tut mit all sei­nen durch­aus qua­li­fi­zier­ten Mit­ar­bei­tern in kür­zes­ter Zeit völ­lig neu be­setzt wur­de“.

Ber­big spricht über die frü­hen 90er Jah­re, als je­der Pro­fes­sor der „al­ten“Hum­boldt-Uni­ver­si­tät sich neu auf sei­ne Stel­le be­wer­ben muss­te – und nicht we­ni­ge das Nach­se­hen hat­ten. Als je­der wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter, dar­un­ter auch Ber­big, ei­ner Eva­lua­ti­on stand­hal­ten muss­te, um wei­ter­be­schäf­tigt zu wer­den. Ei­ne Un­ge­heu­er­lich­keit üb­ri­gens für al­le Be­trof­fe­nen, „auch für die, die ge­kom­men sind“, sagt Ber­big. Als glei­cher­ma­ßen jun­ger und in Ost wie West be­kann­ter Fon­ta­ne-For­scher oh­ne Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit hat er sel­ber mit­ge­wirkt an der per­so­nel­len Er­neue­rung der HU-Ger­ma­nis­tik.

Was war 1992 ge­blie­ben vom „ei­ni­ger­ma­ßen in­tak­ten In­sti­tut“, das im Üb­ri­gen schon Mit­te der 80er Jah­re mit dem gro­ßen Pro­jekt ei­ner Li­te­ra­tur­ge­schich­te der Ber­li­ner Uni­ver­si­tät – un­ter Ber­bigs Leh­rer Pe­ter Wruck – zu ei­nem Neu­an­fang auf­ge­bro­chen war? Als Ernst Os­ter­kamp hin­zu­kam, stell­te sich ihm die Si­tua­ti­on am da­ma­li­gen Sitz in der Cla­ra-Zet- kin-Stra­ße 1 so dar: „Das In­sti­tut als sol­ches gab es nicht, es hat­te sich auf­ge­löst, per­so­nell und räum­lich.“Zwei Zim­mer für al­le Mit­ar­bei­ter, ein Te­le­fon, das kaum ein­mal funk­tio­nier­te, kein ein­zi­ger Com­pu­ter. Doch Os­ter­kamp hat es ge­nos­sen, fühl­te sich frei von Zwän­gen des west­deut­schen Wis­sen­schafts­be­triebs, wie er sie in Müns­ter, Re­gens­burg und Würz­burg ken­nen­ge­lernt hat­te. Kei­ne Struk­tu­ren, folg­lich auch kei­ne Hier­ar­chi­en – die­ses Ex­pe­ri­men­tier­feld sei hoch­at­trak­tiv ge­we­sen für „au­ßer­ge­wöhn­li­che Cha­rak­te­re und mar­kan­te In­di­vi­du­en“.

Aus An­lass des 25. Jah­res­tags der Wie­der­ver­ei­ni­gung ins Ge­spräch ge­bracht, tref­fen Ber­big und Os­ter­kamp ei­nen be­hut­sa­men Ton­fall. Nein, ei­nen Os­tWest-Kon­flikt ha­be es nicht ge­ge­ben, der Um­gang un­ter­ein­an­der sei von Be­ginn an „freund­lich“ge­we­sen. Schwe­rer ha­be man es mit den un­ter­schied­li­chen aka­de­mi­schen Kul­tu­ren ge­habt, die die ei­ne Sei­te aus Ost-Berlin, Greifs­wald oder Je­na, die an­de­re aus Bay­ern oder Ham­burg mit­brach­te.

Bei­de Pro­fes­so­ren se­hen sich als „Leit­fos­si­li­en“je­ner Zeit. Al­ler­dings sind sie in ver­schie­de­nen Schich­ten auf­zu­fin­den. Ber­big blieb Berlin und der Berlin-Bran­den­bur­gi­schen Li­te­ra­tur­ge­schich­te – mit zen­tra­len Au­to­ren wie Fon­ta­ne und Uwe John­son – ver­bun­den. Er ha­bi­li­tier­te sich hier und wur­de schließ­lich an der HU au­ßer­plan­mä­ßi­ger Pro­fes­sor. Un­längst zeich­ne­te ihn sei­ne Uni mit de­mLehr­preis für vor­bild­li­che Pro­jek­te mit Stu­die­ren­den aus, dar­un­ter die ge­mein­sam er­ar­bei­te­te fünf­bän­di­ge Fon­ta­ne-Chro­nik und die „Ber­li­ner Hef­te“zum zu­vor un­er­forsch­ten li­te­ra­ri­schen und kul­tur­po­li­ti­schen Le­ben En­de der 1950er Jah­re.

Os­ter­kamp, des­sen For­schung und Leh­re die Span­ne vom 17. bis ins 20. Jahr­hun­dert ab­deckt, ist ein in­ter­na­tio­nal hoch an­ge­se­he­ner Ger­ma­nist mit vie­len Aka­de­mie­mit­glied­schaf­ten. Sei­nen He­ro­en, dar­un­ter Grim­mels­hau­sen, Goe­the und Ru­dolf Bor­chardt, wid­me­te er zwei Dut­zend Mo­no­gra­fi­en und un­ge­zähl­te Auf­sät­ze. Und­doch blieb auch er der Hum­boldt-Uni treu, zö­gert den Ru­he­stand mit ei­nem Ver­län­ge­rungs­jahr hin­aus.

Der fünf Jah­re jün­ge­re Ber­big ha­dert nicht mit den Fol­gen sei­ner DDR-So­zia­li­sa­ti­on, „oh­ne frei­lich die der Wen­de­zeit zu ver­ken­nen“, wie er sagt. Was die bei­den Kol­le­gen trotz ih­rer be­rufs­ge­schicht­li­chen Asym­me­trie eint, ist zum ei­nen die Lie­be zur Li­te­ra­tur­ge­schich­te. „Un­ser Ge­gen­stand ist der li­te­ra­ri­sche Text in sei­nem his­to­ri­schen Be­din­gungs­ge­fü­ge“, sagt Os­ter­kamp. „Da kann man sich bes­tens ver­stän­di­gen.“Ber­big sei ein „glän­zen­der Phi­lo­lo­ge, der ei­ne Fül­le un­be­kann­ten Ma­te­ri­als er­schließt“. Was Ber­big an Os­ter­kamps Ar­beit fas­zi­niert, ist des­sen „sen­si­ble und sti­lis­tisch un­ge­wöhn­li­che Kul­tur des Um­gangs mit sei­nen Au­to­ren“. In sei­nen Goe­the-Vor­le­sun­gen et­wa ver­mitt­le er im­mer ein neu­es Goe­the-Bild „jen­seits al­ler Vor-Ur­tei­le“.

Ei­nig sind sie auch in ih­rem lei­sen Stolz auf die aka­de­mi­sche Hei­mat. Trotz des um­fas­sen­den Um­bruchs zu Be­ginn der 90er Jah­re bruch­los meh­re­re Ge­ne­ra­tio­nen von Ger­ma­nis­tin­nen und Ger­ma­nis­ten zum Ab­schluss ge­führt zu ha­ben, be­grün­de die Er­folgs­ge­schich­te des In­sti­tuts, sagt Ber­big. „Das grenzt schon an ein Wun­der.“Auch Os­ter­kamp schwärmt: „Wir ha­ben ein aus­ge­spro­che­nes In­sti­tuts-Ge­fühl, das ist das Glück mei­ner wis­sen­schaft­li­chen Exis­tenz.“Und bei­de wis­sen das ex­zel­lent aus­ge­stat­te­te neue In­sti­tuts­ge­bäu­de an der Do­ro­the­en­stra­ße zu schät­zen. Der ei­ne in sei­nem be­nei­dens­wert auf­ge­räum­ten, der an­de­re in sei­nem klas­sisch ver­zet­tel­ten Ar­beits­zim­mer.

Und doch: Der Um­bruch 1992 war un­ge­heu­er­lich – für al­le

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