Hin und weg

Ver­we­ge­ner Fahr­stil und ei­ne Spra­che oh­ne Ge­ni­tiv: Au­to­rin Eli­se Sch­mit gibt Über­le­bens­tipps für ih­re Hei­mat

Der Tagesspiegel - - WELTSPIEGEL -

Du hörst „Lu­xem­burg“und denkst: Steu­er­pa­ra­dies, Schum­me­lei­en am Fi­nanz­platz, klar, bil­li­ges Ben­zin und ho­he Löh­ne, Ban­ken­ban­ken­ban­ken, even­tu­ell das from­me Gehop­se in Ech­ter­nach, dann noch Schen­gen, ein paar Hoch­häu­ser, vor de­nen die bun­ten Fah­nen in Wind und Wetter flat­tern, ein miss­mu­ti­ger grau­er Mann mit Rau­cher­lun­ge im öf­fent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen, auf den man mit dem Fin­ger zei­gen kann, wenn er lee­re Ver­spre­chun­gen macht oder ei­nem Dik­ta­tor die Wan­ge tät­schelt.

Du denkst nicht: Schmud­de­li­ge Bahn­hofs­vier­tel, Pro­sti­tu­ier­te und He­ro­in­süch­ti­ge, schrei­en­de Klein­kin­der mit rau­chen­den Müt­tern, mü­de Ar­bei­ter an der Bus­hal­te­stel­le, ver­nach­läs­sig­te Ju­gend­li­che, de­nen beim Her­um­lun­gern mit ih­ren zu teue­ren Han­dys all­mäh­lich däm­mert, dass es für sie schon zu spät ist, dass sie schon ab­ge­hängt wor­den sind, dass das nichts mehr wird mit dem Kra­wat­ten­job, dem Ein­fa­mi­li­en­haus in der Vor­stadt und dem schi­cken SUV. Das denkst du nicht, weil es das übe­r­all gibt und es nir­gends vie­le küm­mert.

Lu­xem­burg al­so, die „Lüt­zel­burg“, das ist schon vom Na­men her über­schau­bar, so klein, dass die Be­zeich­nung der Stadt noch für den Rest des Lan­des reicht. Auch his­to­risch ist das ein Rest, ein Über­bleib­sel, ei­ne Schwund­stu­fe so­zu­sa­gen – das, was nach jahr­hun­der­te­lan­gem Hin­und Her­zer­ren der Groß­mäch­te als Puf­fer­zo­ne üb­rig blieb. Du siehst es dir höchs­tens im Vor­bei­fah­ren an, auf dem Weg ir­gend­wo­hin, wo du län­ger blei­ben wür­dest, an ei­nen Nord­see­strand in Bel­gi­en oder den Nie­der­lan­den oder in ei­ne fran­zö­si­sche Wein­ge­gend oder ei­ne rich­ti­ge Stadt. Geht si­cher schnell, ein paar St­un­den, ein Nach­mit­tag, ein Wo­che­n­en­de, wie groß kann das sein, so ein Groß­her­zog­tum? Im­mer­hin das ein­zi­ge auf der Welt, samt äu­ßerst de­ko­ra­ti­vem Groß­her­zog, auch so ein ku­rio­ser Anachro­nis­mus in der po­li­ti­schen Land­schaft Eu­ro­pas, den man sich hier gern als Al­lein­stel­lungs­merk­mal schön­re­det.

Du hast na­tür­lich ge­le­sen: ei­ne hal­be Mil­li­on Ein­woh­ner, ein paar mehr viel­leicht (wir wach­sen noch), ein Klacks. Noch nicht ein­mal so vie­le wie Stuttgart, die­ses Nest, da­bei bes­ser ver­teilt. Von Gren­ze zu Gren­ze ei­ne hal­be St­un­de auf der Au­to­bahn, wenn du über die Mo­sel kommst, das pro­phe­zeit we­nigs­tens Goog­le. Plus zehn Mi­nu­ten fürs Tan­ken, du bist ja nicht blöd.

Ein­fach durch­rau­schen auf frei­er Flur – wie, sa­gen wir, zwi­schen Pir­ma­sens und Zwei­brü­cken – kannst du meist trotz­dem nicht. Klemm dich je­den­falls nicht zwi­schen die Pend­ler, die tags­über die Stadt­be­völ­ke­rung un­ge­fähr ver­drei­fa­chen, je­der ein So­li­tär im Blech­kas­ten, weil zu vie­len Ar­beits­plät­zen auch Park­plät­ze ge­hö­ren und die per­sön­li­che Frei­heit. Die ver­bringst du dann müh­sam im ers­ten Gang, kannst aus­gie­big auf öde Fel­der mit Kü­hen bli­cken, hin­ge­klotz­te Ge­wer­be­ge­bie­te, ver­ein­zel­te Wald­flä­chen.

Auch soll­test du wis­sen: Hier ver­mi­schen sich nicht nur die Spra­chen, son­dern auch die Fahr­sti­le. Das ist nicht die zu­ver­läs­si­ge Un­zu­ver­läs­sig­keit Ita­li­ens oder Frank­reichs (es wird Rot, aber zwei ge­hen noch) oder das klein­li­che Drauf­gän­ger­tum Deutsch­lands (Voll­gas oder Voll­brem­sung, je nach Vor­schrift), das ist der reins­te Mac­ca­ro­nis­mus des Stra­ßen­ver­kehrs, ein un­be­re­chen­ba­res Durch­ein­an­der aus Ei­lig­keit und Ego­is­mus. Mal legt ei­ner den Rück­wärts­gang ein, weil er die Aus­fahrt ver­passt hat, mal schlin­gert ei­ner mit hun­dert­fünf­zig über die Über­hol­spur, weil er gleich­zei­tig ei­ne SMS tip- pen, in der Ein­kaufs­tü­te wüh­len und den Ra­dio­sen­der wech­seln muss. Die Kreu­zun­gen sind stän­dig ver­stopft.

Nur, misch dich nicht ein! Be­den­ke: Der Lu­xem­bur­ger will von Na­tur aus Recht be­hal­ten. Nimm ihm nicht die Vor­fahrt, schon gar nicht, wenn du mit ei­nem deut­schen Kenn­zei­chen un­ter­wegs bist, denn die Lis­te der Res­sen­ti­ments ist lang und der Lu­xem­bur­ger nach­tra­gend. Er war­tet nur auf die Ge­le­gen­heit, dir zu­sam­men mit dem Zwei­ten Welt­krieg ei­ne preu­ßi­sche Be­sat­zung aus dem 19. Jahr­hun­dert um die Oh­ren zu hau­en. In sei­nem Är­ger wird er dich beim ge­rings­ten An­lass ei­nen „Preis“hei­ßen und mit un­rühm­li­chen Ad­jek­ti­ven über­zie­hen, die du in dei­nem Blech­kas­ten na­tür­lich nicht hörst, und dir üb­le Ges­ten zu­kom­men las­sen, die dir nicht weh­tun. Denn auch das liegt in der Na­tur des Lu­xem­bur­gers: Er echauf­fiert sich gern und an­hal­tend – über ei­ne neue Ver­kehrs­füh­rung, über frem­des Fehl­ver­hal­ten, über Ve­rän­de­run­gen im Stadt­bild –, aber eben meist oh­ne spür­ba­re Ta­ten fol­gen zu las­sen. So ver­puf­fen po­li­ti­sche Skan­da­le nach ei­ni­gem Ge­mur­re und Ge­knur­re mit trau­ter Re­gel­mä­ßig­keit im Nichts, man muss sie nur aus­sit­zen.

Al­ler­dings hat der Lu­xem­bur­ger bei al­ler In­ef­fek­ti­vi­tät sei­ner Er­bost­heit ein breit ge­fä­cher­tes Spek­trum an Schimpf­wör­tern ent­wi­ckelt. Er kann ganz ex­akt mit­tei­len, für wel­che Sor­te Idi­ot er dich hält: ei­nen „Bla­ni“, ei­nen „Hau­li“, ei­nen „Hen­nes“, ei­nen „Topert“, ei­nen „Trël­lert“, ei­nen „Dabo“, ei­nen „Ee­falt“– um nur ein paar zu nen­nen, mit de­nen er dei­ne In­tel­li­genz und Ge­wandt­heit in Zwei­fel zie­hen kann. Die­se Viel­falt ist auch des­halb so be­acht­lich, weil der lu­xem­bur­gi­schen Spra­che an­sons­ten recht en­ge Gren­zen ge­setzt sind. Das Prä­te­ritum wird bis auf ei­ne Hand­voll Über­res­te durch Per­fekt­for­men er­setzt, statt ei­nes Ge­ni­tivs steht ei­ne um­ständ­li­che Da­tiv­kon­struk­ti­on („dem Ma­rie säin Au­to“für „Ma­ries Au­to“), Mög­lich­kei­ten zur be­griff­li­chen Abs­trak­ti­on sind oft nicht vor­han­den. Ei­ne lu­xem­bur­gi­sche Über­set­zung von „Das Sein und das Nichts“von Sart­re et­wa: hoff­nungs­los, ei­ne Rät­sel­fra­ge für aka­de­mi­sche Bier­run­den.

Oh­ne­hin ist es ei­gent­lich ei­ne Spra­che für den Haus­ge­brauch. Der of­fi­zi­el­le Schrift­ver­kehr und da­mit fast al­les Ad­mi­nis­tra­ti­ve wird auf Fran­zö­sisch ver­han­delt. Die Zei­tun­gen mi­schen – Deutsch, Fran­zö­sisch, ein biss­chen Lu­xem­bur­gisch, noch we­ni­ger Eng­lisch. Die meis­ten Ein­hei­mi­schen be­die­nen sich ih­rer ei­ge­nen ap­pro­xi­ma­ti­ven Or­tho­gra­phie, al­les un­ge­fähr nach Ge­hör; je­der wie er will und wie er ver­stan­den wird, al­so ins­ge­samt ein Kud­del­mud­del von Schreib­wei­sen wie im tiefs­ten Mit­tel­al­ter.

Ob­wohl ein Buch auf Lu­xem­bur­gisch im Nor­mal­fall kaum mehr als ein paar hun­dert Le­ser fin­det, ist das Lu­xem­bur­gi­sche in den letz­ten Jah­ren zum gol­de­nen Kalb des na­tio­na­len Iden­ti­täts­ge­fühls avan­ciert. In so­zia­len Netz­wer­ken bil­den des­ori­en­tier­te Ein­hei­mi­sche Selbst­hil­fe­grup­pen, weil das Per­so­nal von Lä­den, Ca­fés und Re­stau­rants haupt­säch­lich Fran­zö­sisch spricht und man sei­nen Kaf­fee (fran­zö­sisch „ca­fé“), sein Crois­sant („crois­sant“) oder sein Ba­guette („ba­guette“) man­cher­orts nicht auf Lu­xem­bur­gisch be­stel­len kön­ne. Ver­kneif dir das Kopf­schüt­teln. Da ver­mis­sen nicht nur ein paar selt­sa­me Vö­gel das Lo­kal­ko­lo­rit, da wird die Spra­che trotz der viel­ge­rühm­ten Vier­spra­chig­keit des Lu­xem­bur­gers ratz­fatz zum Ex­klu­si­ons­mit­tel.

Ein von der Re­gie­rung for­cier­tes Re­fe­ren­dum zur po­li­ti­schen Be­tei­li­gung der aus­län­di­schen Ein­woh­ner, die fast die Hälf­te der Be­völ­ke­rung aus­ma­chen, ging gran­di­os in die Bu­xe. In Schu­len wird grund­sätz­lich das Er­ler­nen von vier Spra- chen ver­langt. Dass da­bei vor al­lem die Kin­der von Ein­wan­de­rern den Kür­ze­ren zie­hen, ist aus­ge­mach­te Sa­che. In­te­gra­ti­on: ein Ding aus Be­ton. Pass dich an oder beiß dir die Zäh­ne aus.

Du kannst ver­mut­lich kaum ans Mit­tel­al­ter den­ken, wäh­rend du durch das ers­te Vier­tel der Stadt fährst, nach­dem du dank Na­vi, aber be­stimmt nicht dank ein­gän­gi­ger Be­schil­de­rung die rich­ti­ge Aus­fahrt er­wischt hast. Ein see­len­lo­ses Bu­si­ness­vier­tel aus ver­spie­gel­tem Glas und Stahl, das seit fünf­zig Jah­ren in die Hö­he und Brei­te wächst, ein über­di­men­sio­nier­ter Ko­loss ne­ben dem nächs­ten, da­zu über­di­men­sio­nier­te Kunst, die im Etat der Fir­men vor­ge­se­hen war, für ei­ne Be­völ­ke­rung aus Rie­sen.

Bald, bald hast du’s ge­schafft, dann geht es über ei­ne der Brü­cken zum Stadt­kern, da igno­rierst du die Wän­de aus Ple­xi­glas, die zum Schutz der Tal­be­völ­ke­rung vor Le­bens­mü­den an­ge­bracht wur­den, schaust nach links, igno­rierst auch die Rui­nen­at­trap­pen im Hin­ter­grund, die zur Sa­che nichts bei­tra­gen, und siehst die­se aus mehr als ei­nem Jahr­tau­send zu­sam­men­ge­wür­fel­te Stadt, na­he­zu schmuck­los und trut­zig hoch oben über den aus­ge­höhl­ten Sand­stein­fel­sen und der kan­ti­gen Fe­s­tungs­mau­er, siehst un­ter­halb ein grü­nes Tal mit wuch­ti­gen Bäu- men, schma­len Rei­hen mit Häu­schen und Gäss­chen, die viel zu klein schei­nen so nah an ei­ner Haupt­stadt, die­sem Ne­ben- und In­ein­an­der von his­to­ri­schem Ge­mäu­er, Neu­em und Al­tem, christ­li­chen und welt­li­chen Tür­men, al­ten Ka­ser­nen, Kunst­hal­len, Ban­ken­ge­bäu­den und in die Wol­ken ra­gen­den Krä­nen, die wie un­ge­len­ke gel­be Rei­her zwi­schen­drin her­umstak­sen.

Sei nicht trau­rig, wenn du merkst, dass zu­min­dest im In­ners­ten die­ser Stadt fast nie­mand wohnt. Vil­len wer­den von An­walts­kanz­lei­en und Be­ra­ter­fir­men als Bü­ros ge­nutzt. Seit die Mie­ten an­ge­fan­gen ha­ben, ins Un­vor­stell­ba­re zu stei­gen, sind die Erd­ge­schos­se viel­fach La­den­flä­chen ge­wi­chen; in den obe­ren Eta­gen be­fin­den sich La­ger und Ge­schäfts­räu­me oder nichts. Abends brennt in den Ein­kaufs­stra­ßen des Zen­trums nur das Licht der Stra­ßen­la­ter­nen über den säu­ber­lich an­ge­ord­ne­ten Mus­tern aus Kopf­stein­pflas­ter.

Ver­all­ge­mei­ne­run­gen sind na­tür­lich im­mer falsch. Wer weiß, was dir zu­erst ins Au­ge fal­len wird: die grau­en Schie­fer­dä­cher, die Sau­ber­keit in den bes­se­ren Vier­teln oder der Schmutz in den schlech­te­ren, die wohl­ge­ord­ne­ten Su­per­märk­te. Viel­leicht pro­bierst du den fa­mo­sen Lu­xem­bur­ger Senf oder ein fa­mo­ses Lu­xem­bur­ger Bier. Viel­leicht freust du dich, wenn du auf we­ni­gen Me­tern zehn ver­schie­de­ne Spra­chen hörst, von de­nen du die Hälf­te nicht zu­ord­nen kannst, oder viel­leicht bist du ver­wirrt.

Al­les halb so wild. Wenn du schließ­lich ge­nug hast und zum Ab­schluss Rich­tung Bahn­hof gehst, über die ein­zi­ge Pa­ra­de­stra­ße der Stadt, die zwar präch­tig wirkt, aber – wie al­les Mon­dä­ne hier – nur An­deu­tung ist oder Zitat, wirst du dich an das Bes­te an Lu­xem­burg er­in­nern: dass du schnell da bist, aber auch schnell wie­der wo­an­ders.

„Lüt­zel­burg“– ein Na­me, so über­schau­bar, dass er für die Stadt und das Land reicht Zwi­schen Neu­em und Al­tem ra­gen Krä­ne wie un­ge­len­ke gel­be Rei­her in die Wol­ken

— Eli­se Sch­mit wur­de 1982 in Lu­xem­burg ge­bo­ren und stu­dier­te Ger­ma­nis­tik und Phi­lo­so­phie in Tü­bin­gen. Heu­te lebt sie im Bahn­hofs­vier­tel von Lu­xem­burg- Stadt, un­ter­rich­tet an ei­ner Re­al- und Be­rufs­schu­le und schreibt li­te­ra­ri­sche Tex­te und Li­te­ra­tur­kri­ti­ken. 2010 und 2012 ge­wann sie den 1. Preis beim lu­xem­bur­gi­schen „Con­cours lit­tér­ai­re na­tio­nal“, dem jähr­li­chen Li­te­ra­tur­wett­be­werb des Lan­des.

Foto: Bru­mat Pho­to & Fo­er­som

Al­les im Wan­del. Das Ge­biet Bel­val, ge­le­gen zwi­schen den Ge­mein­den Esch-sur-Al­zet­te und Sa­nem, ist ein al­tes In­dus­trie­are­al, das zum Stadt­quar­tier um­ge­baut wird. Wo einst Mi­nen und Hüt­ten­wer­ke auf Hoch­tou­ren lie­fen, sol­len dem­nächst 7000 Men­schen le­ben und mehr als 25 000 ar­bei­ten, for­schen und – auf dem Cam­pus der 2003 ge­grün­de­ten Uni­ver­si­tät von Lu­xem­burg (im Bild) – stu­die­ren kön­nen. Ein Teil der Hoch­öfen ist still­ge­legt, ganz links im Hin­ter­grund wird noch im­mer Stahl pro­du­ziert.

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