„Und mor­gens mas­sie­ren Sie mir die Wa­den“

Stän­dig in Ei­le, an­ge­trie­ben von Pa­ti­en­ten und Ärz­ten und oft am Rand der Ver­zweif­lung – so geht es vie­len Men­schen, die in der Pfle­ge ar­bei­ten. Un­se­re Au­to­rin hat ein paar gu­te Tipps, wie sich Kran­ken­schwes­tern und Pfle­ger bes­ser durch den Kli­nik-All­tag

Der Tagesspiegel - - WEITERBILDUNG - Von Chris­tia­ne Fruht

Ich kom­me gleich“ist der wohl am häu­figs­ten ver­wen­de­te Satz ei­ner Kran­ken­schwes­ter bei der Ar­beit. Stän­dig ist sie in Ei­le und he­chelt von ei­nem Pa­ti­en­ten­zim­mer zum nächs­ten. Übe­r­all war­ten ge­dul­di­ge und vor al­lem un­ge­dul­di­ge Pa­ti­en­ten dar­auf, von der ei­nen Kran­ken­schwes­ter um­sorgt und ge­pflegt zu wer­den. Son­der­wün­sche in­klu­si­ve. Mit den Wor­ten „Ich kom­me gleich“ver­schafft sich die Kran­ken­schwes­ter Zeit, um schnell noch ein paar an­de­re wich­ti­ge Din­ge zu er­le­di­gen, be­vor sie zum nächs­ten wich­ti­gen eilt. Klingt un­be­frie­di­gend und ist es auf Dau­er auch.

Kon­kret sind es Kli­nik­si­tua­tio­nen wie die­se, die je­de Kran­ken­schwes­ter ne­ben der stän­di­gen Ei­le zu­sätz­lich an der Rand der Ver­zweif­lung und Re­si­gna­ti­on brin­gen kön­nen: Ein Pa­ti­ent macht sei­nem Är­ger Luft und schimpft über al­les wie ein Rohr­spatz: schlech­tes Es­sen, Un­sau­ber­keit und lan­ge War­te­zei­ten. Oder ein Kol­le­ge macht stän­dig ei­ne neue Kol­le­gin vor an­de­ren mies. Und dann auch noch dies: Der Ober­arzt hat zu­mx-ten Mal ei­nen Tob­suchts­an­fall. Was bleibt der Kran­ken­schwes­ter in sol­chen Si­tua­tio­nen? Die Flucht er­grei­fen oder ein­fach nur in De­ckung ge­hen? Bei­des funk­tio­niert nicht. Kran­ken­schwes­tern müs­sen mit die­sen her­aus­for­dern­den Si­tua­tio­nen fer­tig wer­den und ih­ren Di­enst ver­rich­ten. Schließ­lich ar­bei­ten sie mit Men­schen und für Men­schen. Sie müs­sen den Spa­gat zwi­schen war­mer Aus­strah­lung und küh­lem Kopf hin­krie­gen. Von ih­nen wird er­war­tet, dass sie ne­ben den pfle­ge­ri­schen Tä­tig­kei­ten, me­di­zi­ni­sches Wis­sen ha­ben, to­le­rant sind, ein­fühl­sam und ver­ant­wor­tungs­be­wusst. Aber wie soll das ge­hen?

Schlüs­sel für ein kon­struk­ti­ves Mit­ein­an­der ist aus mei­ner Sicht Kom­mu­ni­ka­ti­on.Es ist hilf­reich, für ge­wis­se prä­gnan­te Si­tua­tio­nen mit Pa­ti­en­ten, Kol­le­gen und Ärz­ten, die im All­tag ei­ner Kran­ken­schwes­ter im­mer wie­der keh­ren, Mus­ter­ant­wor­ten und -Re­ak­tio­nen zu­recht­zu­le­gen. Ein Bei­spiel für so ei­ne Si­tua­ti­on: Ein Pa­ti­ent möch­te, dass die Kran­ken­schwes­ter das Fens­ter jetzt öff­net und ex­akt zehn Mi­nu­ten spä­ter wie­der schließt. Kurz dar­auf sagt der­sel­be Pa­ti­ent: „Schwes­ter, brin­gen Sie mir bit­te zum Abend­brot ei­ne Schei­be Zi­tro­ne und mas­sie­ren Sie mir mor­gens die Wa­den“.

Ein Tipp, wie ei­ne Kran­ken­schwes­ter in die­ser Si­tua­ti­on re­agie­ren soll­te: Die­ser Pa­ti­ent be­kommt be­reits bei der Pfle­ge­ana­mne­se den freund­li­chen Hin­weis, wo­für Sie als Kran­ken­schwes­tern ver­ant­wort­lich sind – und wo­für nicht: „Wir sind so be­setzt, dass wir uns um x und y küm­mern kön­nen“oder „Wir sind für Sie da, dass Sie sich je­den Tag frisch ge­wa­schen füh­len“. Ein an­de­res Bei­spiel: Der Dau­er­kling­ler. Ba­bys brül­len so lan­ge bis die Mut­ter kommt. Man­che Pa­ti­en­ten klin­geln so lan­ge bis die Schwes­ter kommt. Die Klin­gel wird als Druck­mit­tel be­nutzt, das Sie lei­der nicht aus­stel­len kön­nen. Auch wenn Sie am liebs­ten die Wän­de hoch­ge­hen wür­den – sie sind nun mal ver­pflich­tet, auf das Si­gnal zu re­agie­ren. Der Dau­er­kling­ler klin­gelt nicht nur im fal­schen Mo­ment – et­wa, wenn Sie in Iso­lier­klei­dung ste­cken oder Ih­re Schicht be­en­den – son­dern qua­si rund um die Uhr. Und häu­fig oh­ne wirk­lich drin­gen­den An­lass.

Re­agie­ren Sie mit ei­nem Per­spek­ti­ven­wech­sel: Was ist der Grund für die stän­di­ge Klin­ge­lei? Viel­leicht ist es ei­ne Über­sprungs­hand­lung – der Pa­ti­ent hat viel­leicht Angst vor ei­ner Dia­gno­se, ist ver­zwei­felt, fühlt sich ein­sam und ver­las­sen, zum Bei­spiel von sei­ner ver­stor­be­nen Le­bens­part­ne­rin. Spre­chen Sie die­se Ge­füh­le an: „Ganz schön doof hier al­lei­ne.Scha­de, dass Ih­re Kin­der heu­te kei­ne Zeit ha­ben...“Ein gu­tes Ge­spräch muss nicht lan­ge dau­ern. Wich­tig ist das tref­fen­de The­ma und die Tie­fe. In­ves­tie­ren Sie Ih­re Auf­merk­sam­keit gleich zu Schicht­be­ginn und be­spre­chen Sie mit ihm in Ru­he, was er für die nächs­ten St­un­den braucht. Aus mei­ner Er­fah­rung ha­ben Sie da­nach um­so mehr Ru­he, denn der Pa­ti­ent fühlt sich be­ach­tet.

Im Um­gang mit den Ärz­ten ist zum Bei­spiel wich­tig, sich vor Au­gen zu füh­ren, dass es kein Pri­vi­leg für ei­ne Kran­ken­schwes­ter ist, ärzt­li­che Tä­tig­kei­ten aus­zu­üben, son­dern ein Aus­nah­me in Notfällen blei­ben soll­te. Wenn Sie Arzt-The­men über­neh­men, dann sei­en Sie sich be­wusst: Es ist nichts Ge­rin­ge­res als ein Ge­schenk Ih­rer­seits. Blut ab­neh­men, Sprit­zen set­zen – gera­de jun­gen Pfle­ge­kräf­ten schmei­chelt es, wenn sie ärzt­li­che Auf­ga­ben über­neh­men „dür­fen“. Schwes­ter Jas­min kann an­geb­lich bes­ser Flexü­len le­gen als je­der Arzt und ver­steht die Über­tra­gung als „Rit­ter­schlag“. Man­che leh­nen die­se Auf­ga­ben aber ab – und ste­hen dann als un­ko­ope­ra­tiv, zi­ckig oder wi­der­spens­tig da. Die Lö­sung: Tref­fen Sie im Team ein­heit­li­che Re­ge­lun­gen für den Um­gang mit ärzt­li­chen Tä­tig­kei­ten. An die­se Re­ge­lun­gen hat sich je­der zu hal­ten.

Fo­to: Car­men Jas­per­sen/dpa

Pfle­ger mit Gren­zen. Mehr als 200 Kran­ken­schwes­tern und -pfle­ger bil­de­ten vor ei­ni­ger Zeit ei­ne Men­schen­ket­te um ein Kli­ni­kum in Bre­men, um ge­gen Über­be­las­tung in ih­rem Job zu de­mons­trie­ren. Die Per­so­nal­de­cke ist in vie­len Kran­ken­häu­sern dünn. Sich...

Chris­tia­ne Fruht ist die Au­to­rin des Bu­ches: „Ich kom­me gleich. Der Rat­ge­ber für die pa­ten­te Kran­ken­schwes­ter“, 71 Sei­ten, 14,90 Euro, In­for­ma­tio­nen un­ter www.er­folgs­dia­lo­ge-shop.de

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