Mit­glie­der ver­zwei­felt ge­sucht

Die Ba­sis der Par­tei­en schrumpft un­auf­hör­lich Jetzt fahn­den die Ge­ne­ral­se­kre­tä­re ge­mein­sam nach ei­nem Ge­gen­mit­tel

Der Tagesspiegel - - AGENDA -

Seit Jah­ren sin­ken die Wahl­be­tei­li­gung und das par­tei­po­li­ti­sche En­ga­ge­ment. Bei Eu­ro­pa­wah­len lag die Be­tei­li­gung seit 1999 im­mer un­ter 50 Pro­zent, und auch bei ei­ni­gen Land­tags­wah­len gin­gen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren man­cher­orts we­ni­ger als die Hälf­te der Stimm­be­rech­tig­ten zur Ur­ne.

Was kön­nen die po­li­ti­schen Par­tei­en tun, um die­sen Trends ent­ge­gen­zu­wir­ken? Die­ser Fra­ge stel­len sich die Ge­ne­ral­se­kre­tä­re und Bun­des­ge­schäfts­füh­rer von CDU, SPD, Grü­nen, Lin­ke und FDP, wenn sie an die­sem Mitt­woch zu ei­ner Dis­kus­si­ons­run­de un­ter der Über­schrift: „Be­reit für die Zu­kunft? Im­pul­se für die stra­te­gie­fä­hi­ge Par­tei­or­ga­ni­sa­ti­on“zu­sam­men­kom­men.

Be­reits Mit­te 2015 gab es ein ers­tes Tref­fen. Die da­ma­li­ge SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Yas­min Fa­hi­mi plä­dier­te für Wahl­ur­nen auch in Su­per­märk­ten und Bahn­hö­fen, ih­re Kol­le­gen von der Uni­on, Pe­ter Tau­ber (CDU) und Andre­as Scheu­er (CSU), woll­ten die Wahl­lo­ka­le bis 20 Uhr öff­nen. Ni­co­la Beer (FDP) mach­te sich für die di­gi­ta­le Stimm­ab­ga­be stark. Auf vier Schwer­punk­te hat­te man sich da­mals ge­ei­nigt, um ge­gen die nied­ri­ge Wahl­be­tei­li­gung zu kämp­fen. Die sin­ken­de Wahl­be­tei­li­gung soll er­forscht wer­den, das Wahl­recht re­for­miert und an­ge­passt wer­den, die po­li­ti­sche Kul­tur ver­bes­sert wer­den. Wei­te­rer Schwer­punkt war die in­ner­par­tei­li­che Par­ti­zi­pa­ti­on.

CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Tau­ber sagt nun: „Vor 30 oder 20 Jah­ren be­deu­te­te die Mit­glied­schaft in ei­ner Par­tei, bei vie­len The­men und Dis­kus­sio­nen ei­nen In­for­ma­ti­ons­vor­sprung zu ha­ben. Im Zeit­al­ter des In­ter­nets gibt es die­sen Mehr­wert nicht mehr.“Statt­des­sen müss­ten neue Mehr­wer­te für die Mit­glie­der ge­fun­den wer­den. Und Grü­nen-Ge­schäfts­füh­rer Micha­el Kell­ner er­gänzt, wenn sich die Le­bens­be­din­gun­gen der Men­schen än­der­ten, müs­se sich auch Po­li­tik än­dern. Sei­ne Par­tei set­ze auf die­se Ve­rän­de­rung.

Am Mitt­woch nun soll es um neue For­men von Par­tei­or­ga­ni­sa­ti­on ge­hen. Als Ba­sis die­nen The­sen der Stu­die „Die Par­tei 2025“des Pro­gres­si­ven Zen­trums, der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung und des Stif­tungs­ver­bunds der Hein­rich-Böll-Stif­tun­gen. Die Stu­die schlägt ver­schie­de­ne Mit­glied­schafts­mo­del­le vor. So sol­len Ne­u­mit­glie­der an­ge­ben kön­nen, wo sie sich schwer­punkt­mä­ßig mit ih­rem Ex­per­ten­wis­sen ein­brin­gen wol­len. Wei­te­re Op­tio­nen könn­ten ak­ti­ves Vor-Ort-En­ga­ge­ment bis hin zum Par­tei­bot­schaf­ter in an­de­ren In­sti­tu­tio­nen rei­chen. Auch ei­ne Mit­glied­schaft als stil­ler Un­ter­stüt­zer soll mög­lich sein. Di­gi­ta­le In­ter­es­sens­fil­ter, so­wohl the­ma­tisch als auch geo­gra­fisch, sol­len da­für sor­gen, dass die Mit­glie­der nur die In­for­ma­tio­nen be­kom­men, die sie wirk­lich in­ter­es­sie­ren.

Die Grü­nen er­ken­nen ei­nen Trend, dem zu­fol­ge sich vie­le Men­schen kurz­fris­tig und the­men­be­zo­gen en­ga­gie­ren wol­len und nicht die klas­si­sche Par­tei­lauf­bahn an­stre­ben, wie Micha­el Kel­ler sagt. Ih­nen gin­ge es um kon­kre­te The­men, sie woll­ten we­ni­ger zu Mit­glie­der­ver­samm­lun­gen ge­hen. Auch die­se Men­schen will die Par­tei ab­ho­len und nicht mit pro­to­kol­la­ri­schen Ver­samm­lun­gen ab­schre­cken.

Die FDP ha­be sich auch als Re­ak­ti­on auf die de­sas­trö­se Nie­der­la­ge bei der Bun­des­tags­wahl 2013 noch kon­se­quen­ter zur Mit­mach­par­tei wei­ter­ent­wi­ckelt, sagt Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Beer. Auch sie setzt auf die In­ter­es­sens- und Kom­pe­tenz­schwer­punk­te der Mit­glie­der. „Wir wol­len die Fä­hig­kei­ten und die Krea­ti­vi­tät un­se­rer Mit­glie­der nut­zen. Ne­ben den bis­he­ri­gen Prä­senz­ver­an­stal­tun­gen stel­len wir des­halb auch sol­che Dis­kus­si­ons- und Mit­ar­beits­struk­tu­ren zur Ver­fü­gung, die mög­lichst orts- und zeit­un­ab­hän­gig ge­nutzt wer­den kön­nen.“

Auch das emp­fiehlt die Stu­die in ih­rem 68-Punk­te-In­no­va­ti­ons­ka­ta­log. Da­rin sind Klei­nig­kei­ten wie Be­grü­ßungst­weets ent­hal­ten, aber auch Vor­schlä­ge für ei­nen stan­dar­di­sier­ten Pro­zess zur In­te­gra­ti­on neu­er Mit­glie­der. Bis­lang feh­le hier ei­ne fes­te Struk­tur, ob­wohl be­kannt sei, dass die ers­ten Wo­chen als Par­tei­mit­glied ent­schei­dend für die Mit­glied­schaft sind. Hier könn­te ein Will­kom­mens­ma­na­ger hel­fen. „Auf al­len Ebe­nen füh­ren wir das Wahl­amt des Mit­glie­der­be­auf­trag­ten ein, um deut­lich zu ma­chen, wie wich­tig das The­ma Mit­glie­der­ge­win­nung und -be­treu­ung für die Par­tei ist“, sagt Tau­ber.

„Wir las­sen auch Leu­te mit­ma­chen, die sich das mal an­se­hen wol­len, oh­ne sich gleich durch ei­ne Mit­glied­schaft fest­le­gen zu müs­sen“, be­schreibt FDP-Frau Beer den Weg ih­rer Par­tei. „Die Ent­wick­lung di­gi­ta­ler Tech­no­lo­gie wird uns viel mehr Mög­lich­kei­ten und Ka­nä­le bie­ten, um mit Mit­glie­dern zu kom­mu­ni­zie­ren.“

Da­rin sieht auch die Stu­die gro­ßes Po­ten­zi­al und regt di­gi­ta­le Ab­stim­mun­gen auf Par­tei­ta­gen und in ein­zel­nen Glie­de­run­gen an. Die­se le­ben­di­ge­re Feed­backKul­tur wür­de die Par­tei wie­der stär­ker in das Be­wusst­sein der Mit­glie­der brin­gen, oh­ne dass die­se vor Ort sein müss­ten. Zu­dem könn­ten im Vor­feld mit „li­qui­den“Tech­ni­ken The­men vor­se­lek­tiert wer­den. Bei Li­quid De­mo­cra­cy ent­schei­den die Mit­glie­der, wo sie ih­re In­ter­es­sen selbst wahr­neh­men oder von an­de­ren ver­tre­ten wer­den wol­len.

Par­tei­en soll­ten ih­re Struk­tu­ren aber auch grund­sätz­lich hin­ter­fra­gen, sag­te der Au­tor der Stu­die, Han­no Bur­mes­ter. „Je­de Par­tei braucht ei­ne kla­re Vi­si­on, wo­hin sie mit ih­rer Or­ga­ni­sa­ti­on in der Zu­kunft möch­te. Das gibt Ori­en­tie­rung – und macht Mut zu Ve­rän­de­rung.“

Nicht je­der will gleich in ei­ne Par­tei ein­tre­ten

Foto: Bernd von Ju­trc­zen­ka/dpa

Li­be­ra­le Stra­te­gin. Ni­co­la Beer. FDP-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin

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