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Das Ber­li­ner Ka­ba­rett „Die Lü­cken­bü­ßer“spielt Krea­ti­ves und Kri­ti­sches zum The­ma En­ga­ge­ment

Der Tagesspiegel - - MENSCHEN HELFEN - Von So­phie Aschen­bren­ner

„Ich spen­de gern, ich spen­de viel, ich tu so ger­ne Gu­tes und ist die Spen­de ab­ge­bucht, dann bin ich fro­hen Mu­tes“, so ge­hen die ers­ten Zei­len des „Chan­sons ei­ner Spen­de­rin“von den „Lü­cken­bü­ßern“. Das Ber­li­ner Ka­ba­rett kennt sich mit dem The­ma Spen­den und Gu­tes tun aus: Die Grup­pe be­han­delt die The­men Eh­ren­amt und Ge­mein­wohl kri­tisch und hu­mor­voll. Sie wol­len zu En­ga­ge­ment an­re­gen, da­bei aber nicht mo­ra­li­sie­ren. Und ein­fach viel Spaß ver­brei­ten.

Auch die Grup­pe ar­bei­tet rein eh­ren­amt­lich. Mit Lie­dern und kur­zen Sket­chen wol­len sie die ge­sell­schaft­li­che Funk­ti­on von eh­ren­amt­li­cher Ar­beit ver­deut­li­chen und die Zu­schau­er auch zum En­ga­ge­ment er­mu­ti­gen. Ge­ra­de pro­ben sie für den nächs­ten Auf­tritt. Sy­bil­le von So­den steht selbst­be­wusst im Raum und singt mit kla­rer Stim­me das „Chan­son ei­ner Spen­de­rin“. Be­glei­tet wird sie von Re­na­te Ull­mann am Kla­vier. Zehn Mit­glie­der hat die Ka­ba­rett­grup­pe ins­ge­samt.

Nach An­ga­ben von „Ak­ti­on Mensch“en­ga­gie­ren sich in Deutsch­land mehr als 31 Mil­lio­nen Men­schen eh­ren­amt­lich, in Ber­lin ist es je­der Drit­te. Da gibt es ei­ne Men­ge Leu­te, die sich an­ge­spro­chen füh- len könn­ten vom Ka­ba­rett der „Lü­cken­bü­ßer“, bei dem der Na­me Pro­gramm ist: „Je­der Eh­ren­amt­li­che fühlt sich manch­mal als Lü­cken­bü­ßer. Wir wol­len wir al­lem zur kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma Eh­ren­amt an­re­gen“, sagt Jür­gen Bi­an­chi, der die Thea­ter­grup­pe vor sechs Jah­ren grün­de­te. Auch al­le „Lü­cken­bü­ßer“ar­bei­ten rein eh­ren­amt­lich.

„Al­len Ak­teu­ren, die sich mit dem Eh­ren­amt be­fas­sen, soll ein Spie­gel vor­ge­hal­ten wer­den, da­mit die Ar­beit qua­li­fi­zier­ter ge­stal­tet wer­den kann“, sagt Bi­an­chi wei­ter. Die Re­flek­ti­on des Eh­ren­amts sol­le zum kri­ti­schen und auch selbst­be­wuss­ten Han­deln im Eh­ren­amt füh­ren. Und: „Wir wol­len auch die blin­den Fle­cken zei­gen.“Die Grup­pe rich­tet sich an be­reits ak­ti­ve Bür­ger eben­so wie an Men­schen, die sich ger­ne en­ga­gie­ren wol­len, an Trä­ger eh­ren­amt­li­cher Ar­beit und an Po­li­tik und Ver­wal­tung. Ge­ra­de stu­die­ren sie ei­nen Pro­gramm­ti­tel ein, der sich mit der Fra­ge be­schäf­tigt, was ei­gent­lich pas­sier­te, wenn al­le Eh­ren­amt­lich strei­ken wür­den.

Ih­re Bot­schaft sen­den die Thea­ter­ma­cher vor al­lem äu­ßerst hu­mor­voll. In kur­zen, selbst ge­schrie­be­nen Sket­chen neh­men sie die Tü­cken und all­täg­li­chen Schwie­rig­kei­ten der eh­ren­amt­li­chen Ar­beit aufs Korn – wie auch im be­reits zi­tier­ten Chan­son, das mit kri­ti­schen Zei­len wei­ter­geht: „Ja, zu­ge­ge­ben, die Or­ga­ni­sa­tio­nen, die Spen­den sam­meln, sind nicht al­le se­ri­ös.“Gut füh­le sich die Spen­de­rin aber den­noch. Im wei­te­ren Ver­lauf des Lie­des aber ent­wi­ckelt sie ih­ren Ge­dan­ken wei­ter – und en­det mit dem Ap­pell, doch lie­ber mit eh­ren­amt­li­cher Ar­beit zu hel­fen: „Da ist man nä­her an den Pro­ble­men, aber auch nä­her an der Lö­sung.“

Vie­le sol­cher Lie­der ha­ben die Lü­cken­bü­ßer im Re­per­toire. Ih­re kur­zen Thea­ter­stü­cke ver­deut­li­chen auch die vie­len Schwie­rig­kei­ten, auf Men­schen sto­ßen kön­nen. Da ist zum Bei­spiel der zy­ni­sche, ge­sell­schafts­kri­ti­sche Sketch über den Mann, der zum Be­zirks­amt kommt, um ei­nen ge­mein­nüt­zi­gen Ver­ein an­zu­mel­den. Der Be­am­te zeigt nur auf sei­nen gro­ßen Sta­pel mit Do­ku­men­ten, um den An­trag kön­ne er sich jetzt nicht küm­mern. „Wir wol­len et­was Gu­tes tun“, sagt der Mann ver­zwei­felt. „Das ist doch nicht mein Pro­blem“, ent­geg­net der Be­am­te knapp. Da klin­gelt das Te­le­fon: „Ach, ei­ne Bür­ger­wehr in un­se­rem Kiez wol­len Sie grün­den? Das wird gleich bis heu­te Abend er­le­digt“, sagt der Be­am­te lie­bens­wür­dig in den Hö­rer. Der Mann traut sei­nen Oh­ren nicht. „Eh­ren­amt ge­hört zu un­se­rer Ge­sell­schaft“, sagt von So­den. „Aber es muss auch kon­trol­liert wer­den.“Pro­ble­me ge­be es im­mer wie­der: „Oft feh­len An­sprech­part­ner für die Eh­ren­amt­li­chen. Wir wol­len da­zu bei­tra­gen, dass die­se Pro­ble­me öf­fent­lich wer­den.“

Es war im Jahr 2009, als Bi­an­chi die Idee hat­te, ein Ka­ba­rett zum The­ma eh­ren­amt­li­ches En­ga­ge­ment zu grün­den. Nach dem Schnee­ball­prin­zip ha­be er Leu­te ge­trof­fen, „je­der kann­te je­man­den“, er­zählt er. Al­le Mit­glie­der kom­men aus so­zia­len oder päd­ago­gi­schen Be­ru­fen, al­le ha­ben sich da­zu auch eh­ren­amt­lich en­ga­giert. Bis ein Stück fer­tig ist, ver- ge­hen oft drei bis vier Mo­na­te. Die Mit­glie­der sind al­le zwi­schen 65 und 75 Jah­re alt, das Tex­te ler­nen sei ei­ne der schwers­ten Auf­ga­ben, er­zäh­len sie. „Aber das hält jung“, sagt von So­den und lacht. Ih­ren ers­ten Auf­tritt hat­te die Trup­pe dann 2010. Über das Netz­werk „Ber­lin Ak­tiv“be­kam das Ka­ba­rett ers­te Auf­trä­ge von Ver­ei­nen oder Wohl­fahrts­ver­bän­den. Im Mo­ment spie­len die „Lü­cken­bü­ßer“et­wa 25 Auf­füh­run­gen pro Jahr, vor al­lem in Ein­rich­tun­gen, in de­nen Eh­ren­amt­li­che ar­bei­ten oder ge­won­nen wer­den sol­len. Ei­ne ei­ge­ne Büh­ne hat die Trup­pe nicht. Sehr gern tre­ten sie bei Jah­res­ver­samm­lun­gen von eh­ren­amt­li­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen auf. „Wenn die Leu­te wis­sen, von was wir spre­chen, ist es im­mer be­son­ders toll“, sagt Bi­an­chi.

Am Schluss je­des Auf­tritts steht der „Cho­ral für die Eh­ren­amt­li­chen“: „Oh, wenn wir euch nicht hät­ten, dann wär's um uns ge­scheh'n! Wer wür­de uns denn ret­ten? Es ist kein Mensch zu sehn. Wir bit­ten und wir fle­hen euch Eh­ren­amt­ler an, ihr wer­det's nicht be­reu­en, bleibt bei uns le­bens­lang!“.

Was wä­re ei­gent­lich, wenn al­le Eh­ren­amt­ler plötz­lich strei­ken?

— Nächs­ter Auf­tritt der Lü­cken­bü­ßer: Sams­tag, 8. Ok­to­ber 2016, um 19 Uhr im Tsche­chow-Thea­ter Ber­lin, Kul­tur­ring Ber­lin, Mär­ki­sche Al­lee 410, 12688 Ber­lin-Mar­zahn. Ein­tritt: 7 Eu­ro/erm. 5 Eu­ro, Kar­ten­re­ser­vie­rung un­ter 93 66 10 78. Am 11. No­vem­ber fei­ert die Trup­pe we­gen des gro­ßen An­drangs bei der Fei­er im März zum zwei­tes Mal Ju­bi­lä­um, die Ver­an­stal­tung ist öf­fent­lich, al­le sind herz­lich ein­ge­la­den. In­fos im In­ter­net: http:// lu­ecken­bues­ser.com. Und per Post und Te­le­fon: Die Lü­cken­bü­ßer, c/o Jür­gen Bi­an­chi, Gar­ten­stras­se 104, 10115 Ber­lin, Te­le­fon: 030 5514 7147.

Fo­to: Do­ris Spie­ker­mann-Klaas

Die Hän­de zum Him­mel. Die Thea­ter­trup­pe des Ka­ba­retts „Die Lü­cken­bü­ßer“zeigt Stü­cke rund ums The­ma En­ga­ge­ment und Eh­ren­amt.

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