Als Air Ber­lin ein Start-up war

Die 1978 ge­grün­de­te Flug­ge­sell­schaft ist in Ge­fahr – und mit ihr ein Stück Stadt­ge­schich­te. Die Wur­zeln lie­gen in den 1960er Jah­ren

Der Tagesspiegel - - WIRTSCHAFT - Von Rai­ner W. Du­ring

Fast je­de Wo­che lie­ßen sich Neu­ig­kei­ten vom Über­le­bens­kampf der zweit­größ­ten deut­schen Flug­ge­sell­schaft Air Ber­lin be­rich­ten. Noch gibt es Chan­cen. Die Ge­schich­te der Air­line aber ist kaum be­kannt – sie reicht zu­rück ins West-Ber­lin der 1960er Jah­re.

Die we­nigs­ten Men­schen un­ter 40 wer­den sich per­sön­lich dar­an er­in­nern. Aber vor dem Mau­er­fall 1989 war der Flug­ver­kehr von und nach West-Ber­lin auf drei Luft­kor­ri­do­re be­schränkt, die von Ham­burg, Han­no­ver und Frank­furt aus über die DDR führ­ten. Sie durf­ten nur von Flug­ge­sell­schaf­ten der drei West­mäch­te Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en und USA be­nutzt wer­den. Je­der Flug muss­te vom Ber­lin Air Safe­ty Cen­ter (BASC), der ein­zi­gen Vier-Mäch­te-Ein­rich­tung, in der die rus­si­schen Mi­li­tärs bis zu­letzt mit­ar­bei­te­ten, ge­neh­migt wer­den. In je­ner Zeit liegt die Ge­burts­stun­de der Air Ber­lin.

En­de der 60er hat­te die ame­ri­ka­ni­sche Mo­dern Air mit ih­ren schnel­len Co­ro­na­dos den Fe­ri­en­flug­ver­kehr im West­teil der Stadt re­vo­lu­tio­niert. Doch die Jets der ers­ten St­un­de wa­ren ex­tre­me Sprit­fres­ser, und so düs­te die be­lieb­te Air­line wäh­rend der Öl­kri­se 1975 in die Pleite. Der Ber­li­ner Flug-Ring (BFR), da­mals größ­ter Rei­se­ver­an­stal­ter der Stadt, such­te Er­satz, und das führ­te die drei Vä­ter der Air Ber­lin zu­sam­men: Der Ex­chef der Mo­dern Air, John D. MacDo­nald, und der Luft­fahrt­be­ra­ter Mort Bey­er ta­ten sich mit Kim Lund­gren zu­sam­men. Der frü­he­re Flu­gin­ge­nieur auf den Ber­lin­rou­ten der PanAm hat­te 1977 mit der ame­ri­ka­ni­schen Ber­li­nair be­reits das ers­te Luft­ta­xi­un­ter­neh­men West-Ber­lins ge­grün­det. Sei­nen El­tern ge­hör­te da­heim im Bun­des­staat Ore­gon der Holz­kon­zern Lel­co, als des­sen Toch­ter die Air Ber­lin In­cor­po­ra­ted am 11. Ju­li 1978 ge­grün­det wur­de.

Die Start­mann­schaft wur­de über­wie­gend aus ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­tern der Mo­dern Air re­kru­tiert, zwei vier­strah­li­ge Bo­eing 707 ge­braucht er­wor­ben. All das ge­schah im Ge­hei­men, denn noch fehl­ten die not­wen­di­gen Ge­neh­mi­gun­gen. Am 29. März 1979 lan­de­te die ers­te Ma­schi­ne in Te­gel, um so­fort auf ei­ner ab­ge­le­ge­nen Po­si­ti­on ver­steckt zu wer­den. Denn noch im­mer war­te­te man auf die er­for­der­li­chen Li­zen­zen. Da­mit nie­mand auf die Idee kam, es könn­te sich bei Air Ber­lin um ei­ne deut­sche Flug­ge­sell­schaft han­deln, muss­te der Fir­men­na­me um die Buch­sta­ben USA er­gänzt wer­den. Am 28. April 1979 war dann al­les un­ter Dach und Fach: Der ers­te Flug mit 178 Pas­sa­gie­ren hob plan­mä­ßig nach Mallor­ca ab.

Schon da­mals be­trieb die Air Ber­lin ei­ne for­sche Ex­pan­si­ons­po­li­tik. Be­reits 1980 stieg man mit Flü­gen nach Brüs­sel und Or­lan­do (Flo­ri­da) in den Li­ni­en­ver­kehr ein. Ein Jahr spä­ter ver­such­te MacDo­nald, das Mo­no­pol der PanAm auf der Rou­te zwi­schen Ber­lin und Frank­furt zu bre­chen. Er woll­te die Kon­kur­renz um 60 D-Mark un­ter­bie­ten und scheu­te da­für auch nicht die Aus­ein­an­der­set­zung mit den zu­stän­di­gen Zi­vil­luft­fahrt­at­ta­chés der West­mäch­te. Bei ei­ner öf­fent­li­chen Ab­stim­mung wur­den de Ber­li­ner auf­ge­for­dert: „Spre­chen Sie sich für ei­nen frei­en Wett­be­werb im Ber­li­ner Flug­ver­kehr aus.“Die gro­ße Mehr­heit der Teil­neh­mer tat es, doch die Al­li­ier­ten lie- ßen ihn trotz­dem ab­blit­zen. Sie woll­ten das sen­si­ble Ge­samt­sys­tem nicht durch ei­nen Wett­be­werb ge­fähr­den.

MacDo­nald warf frus­triert das Hand­tuch, es folg­ten zwei deut­sche Ge­schäfts­füh­rer, der ei­ne starb, der an­de­re wur­de ge­feu­ert. Air Ber­lin war zum ers­ten Mal ge­zwun­gen, sich ge­sund­zu­schrump­fen. Ge­flo­gen wur­de nur noch mit ei­ner Ma­schi­ne. 1986 star­te­te man mit ei­ner ge­leas­ten Bo­eing 737-300, der da­mals mo­derns­te Jet im Ber­lin­ver­kehr, samt ei­nem neu­en Er­schei­nungs­bild durch. Kurz vor dem Mau­er­fall nahm Mit­ei­gen­tü­mer Kim Lund­gren, der zu­vor eben­so wie sein Sohn Sha­ne über­wie­gend als Pi­lot im Cock­pit zu fin­den war, die Ge­schäfts­füh­rung selbst in die Hand.

Mit der Wie­der­ver­ei­ni­gung en­de­te auch die Luft­ho­heit der Al­li­ier­ten in Ber­lin. Der Fort­be­stand der Air Ber­lin konn­te nur durch Um­wand­lung in ei­ne deut­sche Flug­ge­sell­schaft si­cher­ge­stellt wer­den. Den ge­eig­ne­ten Mann da­für fand Lund­gren in der Gestalt von Joa­chim Hu­nold. Dem küh­len Air-Ber­lin-Grün­der aus dem Nord­wes­ten der USA mag auch der „ame­ri­ka­ni­sche“Wer­de­gang der rhei­ni­schen Froh­na­tur ge­fal­len ha­ben. Der eins­ti­ge Roa­die der Band von Ma­ri­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen, der sei­ne Luft­fahrt­kar­rie­re als Ge­päck­ver­la­der in Düs­sel­dorf be­gann, hat­te es bis zum Mar­ke­tin­gchef der LTU-Grup­pe ge­bracht, die er ge­ra­de im Streit ver­las­sen hat­te. Im April 1991 über­nahm Hu­nold 82,5 Pro­zent der Fir­men­an­tei­le und wur­de ge­schäfts­füh­ren­der Ge­sell­schaf­ter der neu­en Air Ber­lin Gm­bH & Co. Luft­ver­kehrs KG.

Es war die zwei­te Grün­dung von Air Ber­lin. Auch Hu­nold, der 20 Jah­re lang die Ge­schi­cke füh­ren soll­te, ging mit zwei Flug­zeu­gen an den Start. Die Flot­te wuchs mit den Jah­ren auf mehr als 140 Jets – vor al­lem durch die Über­nah­men der Kon­kur­ren­ten LTU, dba, Ni­ki und Be­lair. 2009, zum 30-jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um, gab es ein gro­ßes Fest im Est­rel-Ho­tel in Ber­lin-Neu­kölln. Vie­le in der Stadt hof­fen, dass 2019 noch mal Kor­ken knal­len.

Fo­tos: Ar­chiv air­ber­lin

1979 muss­te Air Ber­lins ers­te Bo­eing noch den Zu­satz „USA“am Rumpf tra­gen – da nur Air­lines der Al­li­ier­ten in West-Ber­lin star­ten durf­ten. Die schwarz-wei­ßen Fo­tos zei­gen ei­ne Cr­ew (1980) und Flug­gäs­te aus dem Roll­feld (1979). Un­ten links: Mit­grün­der...

Grün­der­zei­ten.

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