Das Hin­di-Ver­spre­chen

Spra­chen­streit: Del­his Schü­ler dür­fen wie­der Deutsch ler­nen. Aber wo sind die deut­schen Hin­di-Klas­sen?

Der Tagesspiegel - - WISSEN & FORSCHEN - Von Pe­tra Sor­ge, Neu De­lhi

„Deutsch an 1000 Schu­len“– so hat­ten es das Goe­the-In­sti­tut in Neu De­lhi, das Aus­wär­ti­ge Amt und das in­di­sche Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um vor gut fünf Jah­ren ver­ein­bart. Bis 2022 soll­te ei­ne Mil­li­on in­di­scher Schü­le­rin­nen und Schü­ler Deutsch ler­nen – und spä­ter sprach­lich-kul­tu­rel­le Brü­cken bau­en, auch als be­gehr­te Fach­kräf­te in der In­dus­trie bei­der Län­der.

Deutsch­land hat hand­fes­te In­ter­es­sen an dem Pro­gramm – und An­sprü­che an In­di­en: Zwi­schen 1991 und 2014 wur­den mehr als 7,6 Mil­li­ar­den Eu­ro in In­di­en in­ves­tiert. Mehr als 1700 Un­ter­neh­men sind nach An­ga­ben der deutsch-in­di­schen Han­dels­kam­mer der­zeit auf dem Sub­kon­ti­nent ak­tiv. Ten­denz stei­gend.

Doch vor zwei Jah­ren, nach dem Wahl­sieg der Hin­du­na­tio­na­lis­ten un­ter Na­ren­dra Mo­di, droh­te das ehr­gei­zi­ge Pro­jekt wie be­rich­tet zu schei­tern. Das Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um ver­bann­te Deutsch als drit­te Fremd­spra­che von in­di­schen Lehr­plä­nen. Die Be­grün­dung: In­di­ens Schü­ler soll­ten ne­ben Eng­lisch und Hin­di lie­ber San­s­krit ler­nen, ei­ne an­ti­ke Spra­che, in der al­le in­do­ger­ma­ni­schen Spra­chen wur­zeln. Das sei im „na­tio­na­len In­ter­es­se“.

Zu dem Zeit­punkt war das Deutsch-Pro­jekt schon recht weit ge­die­hen: Das Goe­the-In­sti­tut hat­te be­reits 750 Deutsch­leh­rer aus­ge­bil­det, an 500 Schu­len lern­ten 2014/ 15 75 000 Kin­der und Ju­gend­li­che Deutsch. Seit dem An­tritt der Re­gie­rung Mo­di sank die Zahl der staat­li­chen in­di­schen Schu­len, die Deutsch als drit­te Fremd­spra­che an­bie­ten, bin­nen ei­nem Jahr auf 130. Nicht nur das Goe­the-In­sti­tut, die ge­sam­te deut­sche Ex­pat-Com­mu­ni­ty in In­di­en war in hel­ler Auf­re­gung.

Doch dann schal­te­te sich Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ein. Den Fach­kräf­te- man­gel zu be­he­ben, ist Che­fin­nen­sa­che. Im No­vem­ber 2014, am Ran­de des G-20-Tref­fens im aus­tra­li­schen Bris­bane, rang sie Mo­di das Ver­spre­chen ab, den Spra­chen­streit noch ein­mal zu über­den­ken. Im April 2015 er­öff­ne­te sie mit Mo­di die Hannover Mes­se und lud ihn an­schlie­ßend zum Mit­tag­es­sen ins Bun­des­kanz­ler­amt. Ein The­ma war im­mer auch das akut be­droh­te Pro­gramm „Deutsch für 1000 Schu­len“.

Vor ei­nem Jahr schien der Kno­ten dann end­lich durch­schla­gen: Das in­di­sche Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um und das Aus­wär­ti­ge Amt un­ter­zeich­ne­ten ei­ne neue „Ge­mein­sa­me Ab­sichts­er­klä­rung“. Fort­an soll­ten nun Deutsch als zu­sätz­li­che Fremd­spra­che in In­di­en so­wie mo­der­ne in­di­sche Spra­chen in Deutsch­land ge­för­dert wer­den. Schön, wie man sich jetzt auf Au­gen­hö­he im wah­ren Dia­log der Kul­tu­ren traf und ei­nig­te. Doch Mo­ment: Hin­di, Mah­ra­ti und Gu­ja­ra­ti an deut­schen Schu­len – wie rea­lis­tisch ist das?

Mer­kel gab sich zu­ver­sicht­lich, als sie bei ei­ner Pres­se­kon­fe­renz an­läss­lich der Un­ter­zeich­nung der Er­klä­rung am 5. Ok­to­ber 2015 sag­te: „Wir ha­ben vie­le Ler­nen­de in Deutsch­land, die dar­an (an mo­der­nen in­di­schen Spra­chen, Anm. d. Red.) in­ter­es­siert sind.“Die Zei­tung „The Hin­du“ju­bel­te dar­auf­hin: „In­di­en und Deutsch­land wer­den ih­re Spra­chen ge­gen­sei­tig un­ter­rich­ten.“

Pas­siert ist seit­dem auf deut­scher Sei­te nichts. Wer das hie­si­ge Schul­sys­tem und die tra­di­tio­nel­le Spra­chen­fol­ge kennt, wird we­nig er­staunt sein. In­di­ens Bot- schaf­ter in Deutsch­land, Gur­jit Singh, aber zeigt sich im Ge­spräch ent­täuscht. Ei­ne An­fra­ge Singhs be­ant­wor­te­te die Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz (KMK) mit ge­wohnt fö­de­ra­ler Non­cha­lance: Er mö­ge zu der Fra­ge, wo in Deutsch­land Hin­di oder an­de­re mo­der­ne in­di­sche Spra­chen ge­lehrt wer­den, bit­te die ein­zel­nen Län­dern kon­tak­tie­ren. „Das ha­ben wir durch die Bot­schaft und un­se­re Kon­su­la­te ge­tan“, sagt Singh, „aber der Fort­schritt ist sehr lang­sam und nur, wenn ein­zel­ne Schu­len In­ter­es­se ha­ben.“

Im we­ni­ger di­plo­ma­tisch for­mu­lier­ten Kl­ar­text: We­der die KMK noch die Län­der ha­ben die Ab­sicht, die deutsch-in­di­sche Ver­ein­ba­rung um­zu­set­zen. Re­cher­chen des Ta­ges­spie­gels för­dern denn auch Ku­rio­ses zu­ta­ge: Nach der ak­tu­ells­ten KMK-Sta­tis­tik von 2011 lern­te in Ba­den-Würt­tem­berg ein Schü­ler Hin­di. Dar­an wer­de sich in ab­seh­ba­rer Zu­kunft wohl auch nichts än­dern, sagt KMK-Spre­cher Tors­ten Heil: „Wenn Hin­di nicht nach­ge­fragt wird, dann wird es auch nicht an­ge­bo­ten.“

Ei­ne Stich­pro­be beim Land Ber­lin be­stä­tigt das Des­in­ter­es­se: Hin­di kön­ne hier gar nicht als zwei­te oder drit­te Fremd­spra­che er­lernt wer­den, die­se Plät­ze sei­en in al­ler Re­gel für das Eng­li­sche und dann für Fran­zö­sisch und Spa­nisch re­ser­viert, heißt es bei der Bil­dungs­ver­wal­tung. Ar­beits­ge­mein­schaf­ten, die es wo­mög­lich ir­gend­wo zu Hin­di ge­be, er­fas­se man nicht. Spre­che­rin Bea­te Stof­fers be­rich­tet auch von ei­ner Fest­le­gung durch die KMK: Sie ha­be „aus­drück­lich (…) un­ter­stri­chen, dass es von deut­scher Sei­te kei­nen Be­darf an Hin­di an deut­schen Schu­len gibt“. Zu­dem sei das zwi­schen­staat­li­che Pa­pier vom Ok­to­ber 2015 auch nur „ei­ne Ab­sichts­er­klä­rung und kein of­fi­zi­el­les Part­ner­schafts­pro­gramm“. Es scheint, als ha­be Mer­kel die In­der in schickt.

An­ders­her­um war Mer­kels Di­plo­ma­tie ein vol­ler Er­folg. In In­di­en hat die Ver­ein­ba­rung zu ei­nem klei­nen Deutsch-Re­vi­val ge­führt: Heu­te ler­nen dort im­mer­hin nach An­ga­ben der Schul­be­hör­de schon wie­der 45 000 Schü­ler die Spra­che. Die Zahl der staat­li­chen Schu­len, die das Fach als zu­sätz­li­che Fremd­spra­che an­bie­ten, ist von 130 auf 200 an­ge­stie­gen. Claudia Maul, Lei­te­rin der Sprach­ar­beit Süd­asi­en des Goe­the-In­sti­tuts, zählt 54 000 Ler­nen­de an 240 Schu­len und be­rich­tet von neu­en Ak­ti­vi­tä­ten: „Die Pro­jekt­mit­ar­bei­te­rin­nen des Goe­the-In­sti­tuts De­lhi sind bis zu 50 Ta­ge im Jahr in ganz In­di­en un­ter­wegs, be­su­chen die Schu­len, wer­ben und un­ter­stüt­zen den Deutsch­un­ter­richt.“

Jetzt sei Deutsch­land am Zug, be­harrt In­di­ens Bot­schaf­ter Singh: „Da es sich um ein ge­gen­sei­ti­ges Ab­kom­men han­delt, er­war­ten wir die Hil­fe der deut­schen Be­hör­den, um in­di­sche Spra­chen in der Bun­des­re­pu­blik zu för­dern.“Auch In­di­ens Schul­mi­nis­ter Pra­kash Ja­va­de­kar will nicht lo­cker­las­sen: Sein Land ha­be die „bes­ten bi­la­te­ra­len Be­zie­hun­gen“zu Deutsch­land, sagt er dem Ta­ges­spie­gel. Man wer­de das Ab­kom­men zum Sprach­un­ter­richt bei Ge­le­gen­heit „über­prü­fen“.

Und was tut das Aus­wär­ti­ge Amt, um die fö­de­ra­le Blo­cka­de zu über­win­den? Dort dämpft man die in­di­schen Er­war­tun­gen. Die Ab­sichts­er­klä­rung se­he vor, dass das Amt „Ge­sprä­che zwi­schen der in­di­schen Bot­schaft und der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz un­ter­stützt“. Dies sei „auf viel­fäl­ti­ger Ebe­ne ge­sche­hen und ge­schieht auch wei­ter­hin“. die Fö­de­ra­lis­mus-Fal­le ge-

Laut Sta­tis­tik lernt genau ein deut­scher Schü­ler Hin­di

— Die Au­to­rin ist zur­zeit mit dem Me­dien­bot­schaf­ter-Pro­gramm der Ro­bert-Bo­schStif­tung in In­di­en.

Fo­to: dpa

Ku­li, Stift, Heft. In­di­sche Schü­ler ler­nen Deutsch an ih­rer Schu­le in Ut­tar Pra­desh. Ein Pro­gramm zu mehr Deutsch­un­ter­richt an In­di­ens Schu­len wur­de vor fünf Jah­ren auf­ge­legt – von den Hin­du­na­tio­na­lis­ten nach ih­rem Wahl­sieg aber ge­stoppt. Wie­der...

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.