Das Schmet­ter­lings­syn­drom der Yo­ga-El­fen

Der Tagesspiegel - - SONNTAG -

Ha­ben Sie es be­merkt? Die Yo­ga-El­fe, schmal, hohl­wan­gig, äthe­risch, ist das neue Play­mate. An­ti­sep­tisch schaut sie mit ih­rem Reh­blick von Lit­fass­säu­len her­ab und wirbt für Well­fit-Kran­ken­kas­sen-Pro­gram­me und Fern­seh­zeit­schrif­ten. Soll hin­ge­gen Weis­heit ver­mit­telt wer­den, muss der al­te In­der mit Rau­sche­bart her­hal­ten, der ver­son­nen gen Him­mel schaut.

Zwi­schen die­sen bei­den Ty­pen tut sich ein rie­si­ger Ab­grund auf.

Über­haupt: Was ist das bit­te­schön für ein Frau­en­bild? Es ist doch ein ein­zi­ges gro­ßes Miss­ver­ständ­nis, dass Ver­zicht grund­sätz­lich gut ist. Ver­zicht be­deu­tet we­der, dass man sich stän­dig quä­len und ein schlech­tes Ge­wis­sen ha­ben muss, wenn man in ei­nen Scho­ko­la­den­keks beißt, noch dass man nie­mals dünn und ver­letz­lich ge­nug sein kann.

Beim Yo­ga geht es um das In­ein­an­der­grei­fen der Ge­gen­sät­ze, zum Bei­spiel macht sich lo­cker sam­melt Er­in­ne­run­gen an die Ge­gen­wart Ma­ris Hub­schmid traut sich was Kraft und Hin­ga­be und Struk­tur und Los­las­sen.

Wenn ich mir die vie­len el­fen­haf­ten We­sen, die sich in Ber­lin so ex­trem für Yo­ga be­geis­tern kön­nen, an­se­he, ha­be ich je­doch das Ge­fühl, dass vie­len die­ser jun­gen Frau­en ein biss­chen Kon­tur und Biss fehlt.

Die­se We­sen lei­den mei­ner Mei­nung nach un­ter dem Schmet­ter­lings­syn­drom. Sie sind flat­ter­haft, zer­brech­lich – eben zu fra­gil für die­se Welt, manch­mal so­gar op­fer­haft.

Hier wä­re es to­tal hilf­reich, Gren­zen zu set­zen.

Ich er­ken­ne in die­sem Frau­en­ty­pus auch die Sehn­sucht nach ei­ner ver­lo­ren ge­gan­ge­nen Un­schuld. Der ge­schütz­te Raum ei­ner Yo­ga-Klas­se ist viel­leicht ihr letz­tes Ha­bi­tat über­haupt; er bie­tet ihr zu­gleich ei­nen Nähr­bo­den für ih­re nar­ziss­ti­schen An­wand­lun­gen, Kom­ple­xe und Neu­ro­sen.

Es ist aber über­haupt nicht das An­lie­gen von Yo­ga, neu­ro­ti­sche Ten­den­zen zu hei­len! Man kann ei­nen Kof­fer vol­ler Kom­ple­xe nicht ein­fach weg­me­di­tie­ren. Da­zu braucht es ei­nen gu­ten Psy­cho­lo­gen. Zur Ru­he kom­men und wahr­neh­men, was ist – das geht hin­ge­gen mit Yo­ga schon. Man muss es nur zu­las­sen,

Noch so ein Irr­glau­be: Al­les wird gut, wenn du nur lan­ge ge­nug auf dem Kopf stehst, oh­ne um­zu­fal­len. Und dann ist da ei­ne über­ge­ord­ne­te In­stanz, die dir die ver­meint­li­che Ab­so­lu­ti­on er­teilt: der Yo­ga-Leh­rer, vor­zugs­wei­se na­tür­lich männ­lich, am bes­ten he­te­ro und mög­lichst be­haart. End­lich ein gan­zer Kerl, der mal ’ne or­dent­li­che An­sa­ge macht, man­che Leh­rer spie­len ganz be­wusst da­mit.

Da­mit hat sich die El­fe in ei­ne Sack­gas­se hin­ein­ma­nö­vriert, denn all das – Si­cher­heit und Zuf­rie­den­heit – kann sie nur in sich sel­ber fin­den. In mei­nen Klas- sen er­ken­ne ich die­se Frau­en dar­an: Wann im­mer es kon­fron­ta­tiv und her­aus­for­dernd wird, ge­ben sie ein­fach auf und be­ge­ben sich lie­ber faul in die ge­müt­li­che Po­si­ti­on „Kind“, weil das al­les viel zu an­stren­gend ist.

In mei­nen Klas­sen hof­fe ich, Frau­en zu leh­ren, nicht mehr Op­fer ih­rer ei­ge­nen Ge­füh­le zu sein, sich nicht in Emo­tio­nen zu ver­lie­ren, son­dern die­se zu ka­na­li­sie­ren und in kon­struk­ti­ve Bah­nen zu len­ken. Es klingt ba­nal, aber ein schar­fer Geist, ge­paart mit gro­ßem Ge­fühl und ei­nem ge­sun­den Kör­per, kann Ber­ge ver­set­zen. Nimmt man das ernst, kann ei­ne gro­ße Sa­che dar­aus wer­den.

Wer sich al­so nicht nur dem Yo­ga mit Leib und See­le stellt, ver­lässt die Well­ness­bla­se und ist in der La­ge, tat­säch­lich ei­nen Un­ter­schied zu ma­chen. — Patri­cia Thiele­mann lei­tet spi­ri­tyo­ga.de und ver­tritt hier Kat­ja De­mir­ci.

Patri­cia Thiele­mann

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