Kur­zer Ruhm

Wes­tern­grund in Fran­ken ist seit 2013

Der Tagesspiegel - - EUROPA -

furt am Main, und wenn sie das Gäs­te­buch jetzt nicht fin­den, sagt der Mann, wer­den sie wohl noch mal wie­der­kom­men müs­sen. Er hat ge­hört, dort hät­ten sich „schon Men­schen aus al­ler Welt ein­ge­tra­gen, so­gar Chi­ne­sen“.

Wer hat das ei­gent­lich be­stimmt: dass der geo­gra­fi­sche Mit­tel­punkt der EU aus­ge­rech­net auf ei­ner Wie­se im un­ter­frän­ki­schen Spes­sart, am Nord­west­rand Bay­erns, im Land­kreis Aschaf­fen­burg liegt? Fran­zo­sen wa­ren es. Am „In­sti­tut Na­tio­nal de l’In­for­ma­ti­on Géo­gra­phi­que et Fo­res­tiè­re“in Paris führ­ten In­ge­nieu­re com­pu­ter­ge­stütz­te Be­rech­nun­gen auf Ba­sis der Gauß’schen Flä­chen­for­mel durch. Oder an­ders ge­sagt: „Stellt euch vor, man hängt al­le Land­mas­sen Eu­ro­pas an ei­nem Mo­bi­le auf – und sucht dann den Punkt, an dem das Mo­bi­le mit ei­nem Fa­den an der De­cke be­fes­tigt wer­den muss.“So er­klärt es Ger­hard Stüh­ler, wenn er Schul­klas­sen zum Denk­mal führt. Der 66-Jäh­ri­ge ist Mit­glied der „In­ter­es­sen­ge­mein­schaft EU-Mit­tel­punkt“, ei­ner klei­nen Grup­pe Eu­ro­pa­be­geis­ter­ter aus Wes­tern­grund und Um­ge­bung, die sich nach dem Bei­tritt Kroa­ti­ens im Ju­li 2013 zu­sam­men­ge­fun­den hat. Da­mals ver­kün­de­ten die Pa­ri­ser In­ge­nieu­re, der Mit­tel­punkt ih­res EU-Mo­bi­les ha­be sich so­eben vom hes­si­schen Meer­holz hier­her nach Wes­tern­grund ver­la­gert. Die Meer­hol­zer wa­ren be­trübt, sie hat­ten ex­tra ei­ne Mer­chan­di­sing-Kam­pa­gne ge­star­tet. Mit Mee­ry, dem Mit­tel­punkts-Schaf, auf Kaf­fee­tas­sen und T-Shirts.

Zur Ein­wei­hung des Wes­tern­grun­der Denk­mals gab es ein Fest, als Eh­ren­gast kam Mar­kus Sö­der. Vor dem Rat­haus stell­te der sich auf die klei­ne Büh­ne ne­ben dem Kin­der­ka­rus­sell und for­der­te tat­säch­lich, dass Gip­fel eu­ro­päi­scher Staats­chefs künf­tig hier in Wes­tern­grund statt­fin­den soll­ten.

Lei­der muss­te das Denk­mal ein hal­bes Jahr spä­ter um 500 Me­ter ver­legt wer­den. Ver­ant­wort­lich war die fran­zö­si­sche In­sel­grup­pe Mayot­te, die im In­di­schen Oze­an bei Ma­da­gas­kar liegt und lan­ge als Über­see­ter­ri­to­ri­um mit Son­der­sta­tus galt, nun aber zu ei­nem re­gu­lä­ren fran­zö­si­schen De­par­te­ment wur­de und da­mit geo­gra­fisch der EU zu­ge­schla­gen wer­den muss­te – als so­ge­nann­tes Ge­biet in äu­ßers­ter Rand­la­ge. Al­so Fah­nen aus­bud­deln und ein Stück wei­ter ost­wärts, neun Grad und 15 Mi­nu­ten öst­li­cher Län­ge so­wie 50 Grad und sie­ben Mi­nu­ten nörd­li­cher Brei­te, wie­der in den Bo­den. Zur zwei­ten Fei­er kam Mar­kus Sö­der nicht mehr.

Es ist ver­ständ­lich, dass man in Un­ter­fran­ken nicht be­geis­tert war, als Groß­bri­tan­ni­en im Ju­ni die­ses Jah­res für den Aus­tritt vo­tier­te. Die Wes­tern­grun­der wer­den ihr wich­tigs­tes Denk­mal ver­lie­ren. Ger­hard Stüh­ler sagt, das müs­se man sport­lich se­hen, die Mit­tel­punkt­su­che sei eben ei­ne „dy­na­mi­sche An­ge­le­gen­heit“, so wie ja auch das eu­ro­päi­sche Pro­jekt als Gan­zes schon im­mer pro­zess­haft ge­we­sen sei.

Oh­ne­hin sind nicht al­le 1900 Ein­woh­ner Wes­tern­grunds so mit­tel­punkt­be­geis­tert wie Ger­hard Stüh­ler. Kurz vor Weih­nach­ten hat ein Un­be­kann­ter meh­re­re Hin­weis­schil­der am Denk­mal mit gol­de­ner Far­be be­schmiert, ein paar Schlie­ren sind noch zu se­hen. Auch ei­ne Fah­ne wur­de ge­klaut. Au­ßer­dem sei das Denk­mal vie­len Ein­hei­mi­schen lei­der schlicht­weg egal, sagt Stüh­ler. Gern hät­ten er und sei­ne Mit­strei­ter oben am Denk­mal ei­nen Un­ter­stand ge­baut, da­mit kein Be­su­cher mehr nass wird. Die un­te­re Na­tur­schutz­be­hör­de hat­te Be­den­ken, die Bür­ger­meis­te­rin auch.

Ger­hard Stüh­ler sagt, er selbst ha­be sich schon im Kin­des­al­ter als Eu­ro­pä­er ge­fühlt, lan­ge vor al­len Mit­tel­punktsbe­rech­nun­gen. Und dass ihm sehr weh­tue, wie das „An­se­hen der EU in den ver­gan­ge­nen Jah­ren den Bach run­ter­geht“. Wenn er Men­schen be­geg­net, die über Brüs­sel schimp­fen, dann stellt er ih­nen ei­ne ein­zi­ge Fra­ge: „Was sind uns 70 Jah­re Frie­den wert?“Die Fra­ge zieht ei­gent­lich im­mer, sagt Ger­hard Stüh­ler.

Das Ka­pel­len­ca­fé am na­he ge­le­ge­nen Forst­haus bie­tet „Eu­ro­pa-Tor­te“an, ein Bren­ner aus der Re­gi­on ver­kauft ei­nen Schnaps na­mens „Eu­ro­päi­scher Geist aus der Fla­sche“. Ist das Ge­tue um den EU-Mit­tel­punkt nur ein PR-Gag, der Ver­such, ein paar Tou­ris­ten in den Spes­sart zu lo­cken – oder fin­den sich hier in der tie­fen Pro­vinz eu­ro­päi­sche Wer­te? Wie viel Eu­ro­pa steckt al­so in Wes­tern­grund?

Dem Be­su­cher fal­len die vie­len So­lar­zel­len auf den Häu­ser­dä­chern auf. Die ge­pfleg­ten Gär­ten und die Tram­po­li­ne. Der brei­te Rad­weg ne­ben der Land­stra­ße. Ab und zu bellt in der Fer­ne ein Hund, und am Him­mel sieht man die Ma­schi­nen, die 50 Ki­lo­me­ter ent­fernt in Frankfurt ge­star­tet sind. Es heißt, in Wes­tern­grund lie­ßen sich je­de Men­ge Po­ké­mons ein­fan­gen, aber am Mit­tel­punkt der EU ist der Netz­emp­fang schlecht. Soll sich an­geb­lich bald än­dern. Kommt man mit Wes­tern­grun­d­ern ins Ge­spräch, er­fährt man, dass die Feu­er­wehr drin­gend Nach­wuchs sucht. Der de­mo­gra­fi­sche Wan­del sei schuld. Die zwei Fuß­ball­ver­ei­ne des Dorfs ha­ben sich be­reits zu­sam­men­ge­schlos­sen.

Man er­fährt auch von den 30 sy­ri­schen Flücht­lin­gen, die im Nach­bar­dorf Schöllkrip­pen un­ter­ge­kom­men sind, von ge­spen­de­ten Fahr­rä­dern, eh­ren­amt­li­chem Deutsch­un­ter­richt, aber auch der Angst, es könn­ten noch mehr Asy­lan­ten kom­men. Und man er­fährt von dem Ehe­paar aus Wes­tern­grund, das im Ja­nu­ar die­ses Jah­res auf ei­nen Städ­te­trip nach Istanbul flog. Die bei­den schlos­sen sich ei­ner deut­schen Rei­se­grup­pe an, woll­ten das be­rühm­te Alt­stadt­vier­tel Sul­t­a­nah­met be­sich­ti­gen. Aus­ge­rech­net an dem Tag, an dem sich ein Selbst­mord­at­ten­tä­ter auf ei­nem Platz in der Nä­he der Ha­gia So­phia in die Luft spreng­te. Wo­chen spä­ter er­lag die Frau ih­ren in­ne­ren Ver­let­zun­gen. Sie war die Schwä­ge­rin der Bür­ger­meis­te­rin. Zahl­rei­che Schil­der ma­chen auf den Ort auf­merk­sam.

Ger­hard Stüh­ler, der Mann von der „In­ter­es­sen­ge­mein­schaft EU-Mit­tel­punkt“, sagt, die eu­ro­päi­schen Ver­flech­tun­gen Wes­tern­grunds reich­ten weit in die Ver­gan­gen­heit zu­rück. Schon vor 700 Jah­ren hät­ten sich ganz in der Nä­he zwei der wich­tigs­ten Heer- und Han­dels­rou­ten des Kon­ti­nents be­fun­den, „die Au­to­bah­nen des Mit­tel­al­ters so­zu­sa­gen“. Da war der be­rühm­te Esels­weg, die Nord-Süd-Ver­bin­dung, Gus­tav Adolf von Schwe­den hat sie be­reist. Au­ßer­dem die Bir­ken­hai­ner Stra­ße, über die floh Na­po­le­on vor den Rus­sen. Bloß Grenz­stei­ne sind ge­blie­ben.

Am Mit­tel­punkt der Eu­ro­päi­schen Uni­on hat sams­tag­abends nur ein ein­zi­ges Re­stau­rant ge­öff­net. Es ist klei­ner Ita­lie­ner. Ei­gent­lich mehr ein Piz­za-Lie­fer­ser­vice, aber es gibt auch ei­nen Steh­tisch und zwei Stüh­le. Die drei jun­gen Män­ner, die ge­ra­de auf Piz­za und Dö­ner war­ten, trin­ken „Schlap­pe­sep­pel“, Tra­di­ti­ons­bier aus Aschaf­fen­burg. Der La­den wird von Andre­as Schil­ler ge­führt, er ist hier ge­bo­ren. Das mit Eu­ro­pa, sagt er, war frü­her mal ei­ne gu­te Idee. „Nur ir­gend­wie ist al­les schief­ge­gan­gen.“Die jun­gen Män­ner ni­cken. Wer von Andre­as Schil­ler wis­sen will, was ge­nau al­les schief­ge­gan­gen sei, be­kommt zur Ant­wort: „Gu­te Fra­ge.“

Dann Schwei­gen, Bart­zup­fen, und dann geht es los: Die Leu­te in Brüs­sel, die sei­en doch al­le Aka­de­mi­ker und leb­ten in ih­rer ei­ge­nen Welt. Die küm­mer­ten sich nicht um Eu­ro­pa. Und über­haupt küm­mer­ten sich die Ita­lie­ner und die Fran­zo­sen nicht um die Be­dürf­nis­se der Deut­schen, die Grie­chen schon gar nicht. „Ver­giss die Gur­ke nicht“, sagt ein Gast. „Ja, ge­nau, die Gur­ke“, sagt Andre­as. „Erst wur­de die ge­normt und dann wie­der nicht.“

Andre­as Schil­ler schimpft noch ei­ne Wei­le wei­ter über Eu­ro­pa, dann fällt ihm ei­ne an­de­re Ge­schich­te ein. Die von dem Ru­mä­nen, der nach dem En­de des Kom­mu­nis­mus zu Fuß nach Deutsch­land ge­wan­dert und aus­ge­rech­net hier in Wes­tern­grund ge­lan­det sei. Der Frem­de wur­de Andre­as Schil­lers Kol­le­ge, und ei­nes Ta­ges zeig­te ihm der Mann ein Fo­to sei­ner ru­mä­ni­schen Fa­mi­lie. Ei­ne jun­ge Frau auf dem Bild ge­fiel Schil­ler sehr. „Das ist mei­ne Schwes­ter Mi­re­la“, sag­te der Kol­le­ge. „Die muss ich ken­nen­ler­nen“, sag­te Andre­as Schil­ler.

Er reis­te nach Ru­mä­ni­en, traf die Schwes­ter, sie konn­te we­der Deutsch noch Eng­lisch, er we­der Ru­mä­nisch noch Rus­sisch. Sie ha­ben sich trotz­dem ver­stan­den und bald ver­liebt.

Heu­te, mehr als 20 Jah­re spä­ter, steht die­se Frau ne­ben ihm hin­term Tre­sen und be­legt ge­ra­de ei­ne Piz­za quat­tro form­ag­gi. Die bei­den ha­ben ge­hei­ra­tet, zwei Kin­der, ein Haus, Mi­re­la Schil­ler spricht bes­se­res Hoch­deutsch als die Män­ner mit dem Schlap­pe­sep­pel. Je mehr die Schil­lers von sich selbst er­zäh­len, des­to mehr fällt ih­nen auf, was für un­wahr­schein­li­che Er­folgs­ge­schich­ten die­ses Eu­ro­pa schreibt.

Zum Ab­schied gibt es ru­mä­ni­schen Schnaps, und Mi­re­la Schil­ler sagt, sie fän­de es gut, wenn das mit der EU doch noch ein biss­chen an­daue­re.

Drau­ßen ist es kalt ge­wor­den. Un­ter der Haupt­stra­ße des Dor­fes fließt ein Rinn­sal hin­durch. Der Herz­bach. Wer hier ei­ne Sei­te aus sei­nem No­tiz­block her­aus­reißt, das Pa­pier zu ei­nem Boot fal­tet und ins Was­ser lässt, kann dem Boot theo­re­tisch so lan­ge hin­ter­her­schau­en, bis der Herz­bach in den kaum brei­te­ren Wes­ter­bach mün­det. Die­ser müss­te das Pa­pier­boot 30 Ki­lo­me­ter nach Sü­den tra­gen, bis der Wes­ter­bach in die Kahl mün- Wo? Wie vie­le Zim­mer? In­ter­es­san­te Nach­barn? det. Die schlän­gelt sich zu­nächst süd­wärts, voll­zieht dann ei­ne lang ge­zo­ge­ne Rechts­dre­hung, so­dass sie Rich­tung Nord­wes­ten fließt und bei Ha­nau in den Main. Von dort wür­de das Boot zur Rhein­mün­dung ge­lan­gen und dann noch ein­mal hun­der­te Ki­lo­me­ter wei­ter, bis es schließ­lich über das nie­der­län­di­sche Rhein-Maas-Del­ta die Nord­see er­reicht. Ei­nen Ver­such ist es wert.

Das Pa­pier­boot bleibt vor der ers­ten Bie­gung an den Blät­tern ei­ner Ufer­pflan­ze hän­gen.

Ger­hard Stüh­ler sagt, er wol­le sei­ne Ar­beit auch fort­set­zen, wenn der Br­ex­it dem Dorf den Mit­tel­punkt ge­nom­men ha­be. Zum Bei­spiel in­dem er sich für ei­nen Wan­der­weg vom al­ten zum neu­en Denk­mal ein­set­ze. Der künf­ti­ge Mit­tel­punkt wird süd­öst­lich lie­gen, Rich­tung Würz­burg. Die ge­nau­en Ko­or­di­na­ten ha­ben die In­ge­nieu­re aus dem Pa­ri­ser Na­tio­nal­in­sti­tut auch schon be­rech­net. Sie wol­len sie aber noch nicht ver­ra­ten. Schließ­lich ist nicht klar, ob wirk­lich ganz Groß­bri­tan­ni­en aus­tritt oder zum Bei­spiel Schott­land bleibt. Das hät­te wie­der­um Aus­wir­kun­gen auf das Mo­bi­le. Die EU hat ih­re nächs­te Mit­te noch nicht ge­fun­den.

Das Lo­kal im Ort: ein Ita­lie­ner. Der Wirt: Deut­scher. Die Wir­tin: Ru­mä­nin Die nächs­te Mit­te wird noch ge­heim ge­hal­ten. Kommt auf Schott­land an

Be­droh­te Mit­te.

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