Das Zen­trum der Ber­li­ner Mo­de

Der Haus­vog­tei­platz ist Schau­platz zwei­er Bü­cher

Der Tagesspiegel - - MODE & STIL -

„Fräu­lein Gelbst­ern“, wer die­sen Be­griff heu­te liest, dürf­te eher an das drit­te Reich den­ken, als an die Mo­de­welt. An­fang des 20. Jahr­hun­derts war das noch an­ders. Da­mals war da­mit das ge­meint, was man heu­te Topmo­del nen­nen wür­de. Je­des er­folg­rei­che Mo­de­haus be­schäf­tig­te ei­ne Rei­he jun­ger hüb­scher Frau­en, die die neu­es­ten Krea­tio­nen pu­bli­kums­wirk­sam in der Stadt spa­zie­ren führ­ten. Der gel­be Stern ver­weist auf die Kon­fek­ti­ons­grö­ßen, die im 19. Jahr­hun­dert noch mit bun­ten Ster­nen aus­ge­wie­sen wur­den, nicht mit Num­mern. Der gel­be stand da­bei für die Ide­al­fi­gur.

Die­se in­ter­es­san­ten Tat­sa­chen er­fährt man in dem Buch „Ber­lin – Haus­vog­tei­platz“von Brun­hil­de Dähn. Das er­schien schon 1968, ist aber an­ti­qua­risch noch im­mer er­hält­lich und ei­ne un­ter­halt­sa­me und kennt­nis­rei­che Ein­füh­rung in die Ge­schich­te der Ber­li­ner Kon­fek­ti­on.

Was Ber­lin heu­te ger­ne wie­der wä­re, war die Stadt näm­lich bis zum zwei­ten Welt­krieg tat­säch­lich: ei­ne Mo­de­me­tro­po­le von Welt­rang. Stand Pa­ris für die Hau­te Cou­ture, so stand Ber­lin für Mo­de von der Stan­ge, die Kon­fek­ti­on, die hier er­fun­den wur­de. 1906 gab es al­lein 200 Man­tel­her­stel­ler und meh­re­re hun­dert Blu­sen­fir­men in der Stadt, die in die gan­ze Welt ex­por­tier­ten. Die Fer­ti­gungs­be­trie­be und Kauf­häu­ser grup­pier­ten sich größ­ten­teils rund um den Haus­vog­tei­platz in der Mit­te Ber­lins. Grund­la­ge für die Ent­wick­lung leg­te be­reits der Gro­ße Kur­fürst, der im 17. Jahr­hun­dert Ju­den Zuflucht ge­währ­te, die im stän­dig wach­sen­den Ber­lin re­gen Han­del mit ge­brauch­ter Klei­dung trie­ben. Als es da­von zu we­nig gab, be­gan­nen die Händ­ler selbst zu fer­ti­gen, was die Schnei­der­zunft zu­nächst noch zu un­ter­bin­den ver­such­te. Als schließ­lich 1807 die Ge­wer­be­frei­heit in Preu­ßen ein­ge­führt wur­de, stand dem Auf­stieg der Mo­de­un­ter­neh­mer nichts mehr im We­ge. Da­zu ge­hör­ten Mo­de­un­ter­neh­mer wie Va­len­tin Mann­hei­mer, Graumann & Stern, Hirsch­feld & Co oder Tuch & Loewen­berg.

Kaum ei­ne die­ser Fir­men hat den zwei­ten Welt­krieg über­lebt, die meis­ten jü­di­schen Un­ter­neh­mer flo­hen vor den Na­zis ins Aus­land.

Über die Zeit der Ent­eig­nung der jü­di­schen Kon­fek­tio­nä­re schreibt auch Uwe West­phal. Er hat sein gan­zes Wis­sen, das er vor vie­len Jah­ren schon mal in ei­nem Sach­buch ver­ar­bei­te­te, jetzt noch ein­mal in den Ro­man „Eh­ren­fried & Cohn“ge­packt. Da­rin wird de­tail­reich be­schrie­ben, wie Kurt Eh­ren­fried 1935 lang­sam sei­nen Glau­ben dar­an ver­liert, dass er als jü­di­scher Kon­fek­tio­när am Haus­vog­tei­platz ei­ne Zu­kunft hat. hom

— Ber­lin Haus­vog­tei­platz, Dähn, nur an­ti­qua­risch und Eh­ren­fried & Cohn, Uwe West­phal, Lich­tig-Ver­lag, 18 Eu­ro

Brun­hil­de

Foto: F. Al­bert Schwartz/Bun­des­ar­chiv

So sah der Haus­vog­tei­platz um 1890 aus.

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