Tor der Tei­lung und der Wie­der­ver­ei­ni­gung

Der Tagesspiegel - - LESER MEINUNG -

Vor zehn Jah­ren be­schloss der Deut­sche Bun­des­tag ein Denk­mal für die fried­li­che Revolution und die deut­sche Ein­heit in Berlin zu er­rich­ten. Es folg­ten dann zehn ty­pi­sche Jah­re: Lang­jäh­ri­ge Stand­ort­su­che, Ar­chi­tek­ten­aus­schrei­bun­gen (da­zu wur­den zwei Wett­be­wer­be aus­ge­ru­fen) und schließ­lich April 2016 der Be­schluss des Haus­halts­aus­schus­ses des Bun­des­ta­ges, das Denk­mal aus Kos­ten­grün­den nicht bau­en zu las­sen. Ehr­lich ge­sagt, ich war froh da­mals. Denn mal ehr­lich: Wo­zu brau­chen wir ein sol­ches Denk­mal? Wir ha­ben das bes­te, in­ter­na­tio­nal be­kann­tes­te Sym­bol für Frie­den und Frei­heit in Deutsch­land, das man sich nur den­ken kann. Und zwar seit 1793! Das Bran­den­bur­ger Tor.

Es steht für die Tei­lung und die Wie­der­ver­ei­ni­gung der Stadt, für ganz Deutsch­land. An kei­nem an­de­ren Bau­werk spie­gelt sich deut­sche Ge­schich­te so klar wie hier: Nach­dem Fried­rich Wil­helm II. die Re­pu­blik der Ver­ei­nig­ten Nie­der­lan­de be­frie­det und ei­ne Al­li­anz zwi­schen Preu­ßen, den Nie­der­lan­den und Groß­bri­tan­ni­en her­bei­ge­führt hat­te, ließ er das Tor er­rich­ten und woll­te das Tor „Frie­denstor“nen­nen. Nach Na­po­le- ons Ein­zug in Berlin 1806 wur­de die Qua­dri­ga nach Pa­ris ge­schafft. Aber be­reits 1814 ist es Ge­ne­ral Ernst von Pfu­el zu ver­dan­ken, dass die Qua­dri­ga wie­der nach Berlin zu­rück­kehr­te, nach dem al­li­ier­ten Sieg über Na­po­le­on.

Lei­der wur­de das Bran­den­bur­ger Tor auch von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten als Sym­bol miss­braucht. So fei­er­ten sie am 30. Ja­nu­ar 1933 ih­re „Macht­er­grei­fung“mit ei­nem Fa­ckel­zug der SA durch das Tor. Im Zwei­ten Welt­krieg wur­de es stark be­schä­digt. Der Ost-Ber­li­ner Ma­gis­trat be­schloss je­doch 1956 den Wie­der­auf­bau, der ein Jahr spä­ter be­en­det war. Am Auf­bau wa­ren üb­ri­gens so­wohl West-Berlin als auch Ost-Berlin be­tei­ligt.

Die Ber­li­ner und al­le Gäs­te konn­ten wie­der durch ihr Tor ge­hen, wenn sie da­bei auch die Sek­to­ren­gren­ze wech­sel­ten. Wie heißt es doch in Bil­ly Wil­ders Film „Eins, Zwei, Drei“: „Man konn­te hin­durch­ge­hen, ja man kam so­gar wie­der zu­rück“. Doch die­se Freu­de währ­te nicht lan­ge. Nach dem Bau der Mau­er am 13. Au­gust 1961 stand das Bran­den­bur­ger Tor mit­ten im Sperr­ge­biet. Nie­mand konn­te hin­durch­ge­hen, ja nicht ein­mal bis zum Tor konn­te man ge­hen. We­der von West- noch von Ost­sei­te. 28 Jah­re lang war es ein trau­ri­ges Sym­bol der Tei­lung ei­ner Na­ti­on. Der spä­te­re Bun­des­prä­si­dent Richard von Weiz­sä­cker for­mu­lier­te es so: „So­lan­ge das Bran­den­bur­ger Tor ge­schlos­sen ist, ist die deut­sche Fra­ge of­fen“. Und der da­ma­li­ge US-Prä­si­dent Ro­nald Rea­gan sprach bei sei­nem Ber­lin­be­such 1987 die le­gen­dä­ren Wor­te „Mr. Gor­batchov, open this ga­te! Mr. Gor­batchov, te­ar down the wall!“.

Wir muss­ten uns noch zwei Jah­re ge­dul­den. Als end­lich 28 Jah­re nach dem Bau der Mau­er am 22. De­zem­ber 1989 das Bran­den­bur­ger Tor wie­der ge­öff­net wur­de. Mehr als 100 000 Men­schen ju­bel­ten und si­cher war es das schöns­te „Weih­nachts­ge­schenk“. In der Sil­ves­ter­nacht 1989/90 fei­er­ten erst­mals Men­schen aus al­ler Welt an die­sem Tor – seit­dem fin­det dort all­jähr­lich die größ­te Sil­ves­ter­par­ty Deutsch­lands statt.

Wie vie­le Ar­gu­men­te braucht es ei­gent­lich noch, um auch den Letz­ten da­von zu über­zeu­gen – es gibt kein bes­se­res, sym­bol­träch­ti­ge­res Ein­heits­denk­mal als das Bran­den­bur­ger Tor in Berlin! So viel Sym­bol­kraft kann ei­ne be­geh­ba­re Wip­pe nie­mals er­zie­len.

— Geor­gia Förs­ter, Berlin-Karls­horst

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.