Ei­ne gu­te Nacht

Der Tagesspiegel - - MENSCHEN HELFEN - Von Chris­ti­na Spitz­mül­ler

Da wird über­legt, aus­ge­dacht, ge­spon­nen, wie­der ver­wor­fen. Das Brain­stor­ming brin­gen bun­te Stif­te auf wei­ßes Pa­pier. Und dann sind die Wän­de voll­ge­hängt mit wich­ti­gen Stich­wor­ten, die ir­gend­wie vor­kom­men soll­ten: Angst, Scham, Ge­walt, Schock und Trau­ma auf der ei­nen Sei­te. Und Mut, Zu­ver­sicht, In­for­ma­ti­on, Trost und Ori­en­tie­rung auf der an­de­ren. Hier ent­steht ge­ra­de ein halb­mi­nü­ti­ger Wer­be­spot für das U-Bahn-Fahr­gast­fern­se­hen „Ber­li­ner Fens­ter“: Ein fünf­köp­fi­ges Krea­tiv­team hilft gra­tis, die Auf­merk­sam­keit für die Op­fer­hil­fe Ber­lin e. V. zu er­hö­hen – und zwar zu ei­ner Zeit, zu der an­de­re schon schla­fen, bei der „Nacht­schicht“im Ver­lags­haus des Ta­ges­spie­gel am As­ka­ni­schen Platz in Kreuz­berg.

„,Nacht­schicht‘: acht St­un­den Kom­pe­tenz spen­den für den gu­ten Zweck“. Un­ter die­sem Mot­to ar­bei­te­ten in der Nacht von Frei­tag auf Sams­tag gut vier­zig Krea­ti­ve acht St­un­den lang eh­ren­amt­lich für ge­mein­nüt­zi­ge Or­ga­ni­sa­tio­nen. Die­ses En­ga­ge­ment sei bit­ter nö­tig, „da­mit Ber­lin so blei­ben kann, wie es ist“, be­ton­te Saw­san Cheb­li, Staats­se­kre­tä­rin für Bür­ger­schaft­li­ches En­ga­ge­ment und Schirm­her­rin des Pro­jekts. Die Nacht­schicht sei genau das rich­ti­ge Pro­jekt für mehr En­ga­ge­ment in Ber­lin – denn hier wer­de prak­tisch, ziel­ge­rich­tet und un­kom­pli­ziert ge­ar­bei­tet. „Die Or­ga­ni­sa­tio­nen ge­hen mit ei­nem fer­ti­gen Kon­zept nach Hau­se, wis­sen, wie's funk­tio­niert, und kön­nen die Büh­ne ro­cken!“, sag­te Cheb­li.

Das sieht auch der Ta­ges­spie­gel so, denn mit sei­ner Don­ners­tags­sei­te zu bü­ger­schaft­li­chem En­ga­ge­ment „Men­schen hel­fen“un­ter­stützt er die pro­bo­no-Veran- stal­tung von Be­ginn an. Er­neut be­grüß­te in die­sem Jahr der Lei­ten­de Re­dak­teur Gerd No­wa­kow­ski, der die Ta­ges­spie­gel-Ak­ti­on „Ge­mein­sa­me Sa­che – Ak­ti­ons­tag für ein schö­nes Ber­lin“be­treut, die Teil­neh­mer. Knapp fünf­zig ge­mein­nüt­zi­ge Or­ga­ni­sa­tio­nen hat­ten sich be­wor­ben. Ei­ne Ju­ry wähl­te sie­ben Pro­jek­te aus, die wäh­rend der acht St­un­den um­ge­setzt wur­den. Und der Ta­ges­spie­gel ver­gab wie­der ei­nen der Plät­ze für die Nacht­schicht. Den er­rang auch vor dem Hin­ter­grund des Ter­ror­an­schlags die Op­fer­hil­fe Ber­lin, die Op­fer von Straf­ta­ten be­rät und Op­fer und Zeu­gen so­wie de­ren An­ge­hö­ri­ge gra­tis un­ter­stützt (In­fos: Te­le­fon­num­mer 030 395286).

„Wer braucht wel­che Nach­richt, was muss un­be­dingt rein, was kann funk­tio­nie­ren?“, über­legt nun Team­lei­te­rin Su­san­ne Je­s­tel, die als selbst­stän­di­ge PRund Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­ra­te­rin ar­bei­tet. „Wir müs­sen am Punkt blei­ben, sonst ver­zet­teln wir uns“, dräng­te sie ihr Team. Nach zwei St­un­den stand die Idee für den Ber­li­ner-Fens­ter-Spot. Wor­te soll­ten zu se­hen sein, so wie: „Schwei­gen Sie – nicht!“, „Schä­men Sie sich – nicht!“, al­les in Blau und Gelb, den Far­ben der Ber­li­ner Op­fer­hil­fe. Dann ging es ans Um­set­zen: Gra­fi­ke­rin Kat­ja Ja­e­ger und Il­lus­tra­to­rin Ly­dia Sal­zer ge­stal­te­ten den Wer­be­spot, der Rest des Teams dis­ku­tier­te und über- leg­te mit. Auch Oli­ver Het­ma­n­ek von der Op­fer­hil­fe war Teil des Teams und ach­te­te dar­auf, dass das Vi­deo auch zur Op­fer­hil­fe pass­te. „Manch­mal ha­be ich mein Zei­ge­fin­ger­chen er­ho­ben“, sag­te er, und be­stand auf In­hal­ten, die un­be­dingt im Spot auf­tau­chen soll­ten. War­um schla­gen sich über vier­zig Krea­ti­ve ei­ne Nacht um die Oh­ren? „Ich mag das – schnel­le Er­geb­nis­se, neue Leu­te, viel In­put“, sagt der selbst­stän­di­ge Wer­be­tex­ter Frank Haa­la.

Auch Ly­dia Sal­zer ist ger­ne bei der Nacht­schicht da­bei. Sie fin­det es zwar et­was ge­wagt, Frei­tag­nacht nach ei­ner vol­len Ar­beits­wo­che noch ei­nen gu­ten Out­put zu er­war­ten. „Aber es funk­tio­niert!“Wie vie­le der Krea­ti­ven ar­bei­tet sie sonst meist al­lei­ne. Bei der Nacht­schicht ha­be sie die Mög­lich­keit, in ei­nem Team ak­tiv zu sein, Kon­tak­te zu knüp­fen und in ei­ner ganz neu­en Ar­beits­at­mo­sphä­re un­ge­wöhn­li­che Ide­en zu ent­wi­ckeln. Und es hel­fen vie­le da­bei, dass das ge­lingt. Die Nacht­schicht Ber­lin wird von dem bun­des­wei­ten Netz­werk für un­ter­neh­me­ri­sche Ge­sell­schafts­ver­ant­wor- tung UPJ, der Kon­gres­sagen­tur pcma, der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­agen­tur Ca­mi­ci und dem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bü­ro für so­zia­les Un­ter­neh­mer­tum Kom­bü­se or­ga­ni­siert. Der Ta­ges­spie­gel stellt die Räu­me und die Tech­nik, der Ca­te­rer Flo­ris sorgt die gan­ze Nacht für die Ver­pfle­gung.

Die Idee zum Pro­jekt stammt aus den Nie­der­lan­den, wo es den Nacht­schicht­vor­läu­fer schon seit über zehn Jah­ren gibt. Ziel sei es, neue Ver­bin­dun­gen zwi­schen Wirt­schaft und Zi­vil­ge­sell­schaft her­zu­stel­len. Ge­ra­de Selbst­stän­di­ge hät­ten oft kei­ne Mög­lich­keit, so­zia­le Pro­jek­te fi­nan­zi­ell zu un­ter­stüt­zen, er­klär­te der ge­schäfts­füh­ren­de Vor­stand von UPJ Rein­hard Lang. An­de­re Städ­te wol­len nun dem Ber­li­ner Bei­spiel fol­gen. Denn die Nacht­schicht hel­fe, Fä­hig­kei­ten punk­tu­ell ein­zu­set­zen und da­mit Gu­tes zu tun. Und da es so­zia­len und ge­mein­nüt­zi­gen Or­ga­ni­sa­tio­nen oft an Geld feh­le, schö­ne Fly­er, Wer­be­an­zei­gen oder Home­pages zu er­stel­len, wer­de die­se Hil­fe auch im­mer ge­braucht. Statt Geld stel­len Un­ter­neh­men der Krea­tiv­bran­che al­so ihr Wis­sen und Kön­nen zur Ver­fü­gung. In die­sem Jahr hat die Ber­li­ner Volks­bank 3000 Eu­ro fürs Pro­jekt ge­spen­det, auch das Ber­li­ner Fens­ter, En­ga­giert in Ber­lin, MacSche­pers EDV-Be­ra­tung und Der Pa­ri­tä­ti­sche wa­ren Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner.

Ge­ar­bei­tet wur­de bis zur letz­ten Mi­nu­te, bis zu­letzt um Wor­te ge­run­gen, um For­mu­lie­run­gen ge­strit­ten. Um 1.30 Uhr war die De­ad­line für al­le Pro­jek­te, aber es wur­de über­zo­gen, bis wirk­lich al­les pass­te. Da­bei half auch die Mit­ter­nachts­sup­pe. Ent­stan­den sind ei­ne Pla­kat­kam­pa­gne ge­gen All­tags­ras­sis­mus, Wer­be­ma­te­ri­al für ei­nen In­te­gra­ti­ons-Fuß­ball­ver­ein, au­ßer­dem wur­de ei­ne Home­page mo­der­ni­siert, ein Wohn­kon­zept er­ar­bei­tet. Der Ver­ein Dick & Dünn e. V., „Frau­en­beDacht“, Freun­de al­ter Men­schen e. V., das Zen­trum für De­mo­kra­tie Trep­tow-Kö­pe­nick, die Cham­pi­ons oh­ne Gren­zen e. V. und die Os­kar Frei­wil­li­genagen­tur Lich­ten­berg set­zen das nun ein.

„Jetzt ist al­les rund“, freut sich Su­san­ne Je­s­tel vom Ta­ges­spie­gel-Pro­jekt mit Oli­ver Het­ma­n­ek von der Op­fer­hil­fe. Der Wer­be­spot wird im April ei­ne Wo­che lang in Ber­lins U-Bah­nen zu se­hen sein.

Der Ta­ges­spie­gel ver­gab ei­nen Platz an die Op­fer­hil­fe Ber­lin e. V.

Fo­to: Andre­as Ernst

Nicht ver­zet­teln. Pro­fis aus der Krea­tiv­bran­che leg­ten ei­ne Nacht­schicht ein, um wie hier mit dem Team der neu­en „Os­kar Frei­wil­li­genagen­tur Lich­ten­berg“ei­ne Ak­ti­on zu ent­wi­ckeln, die sie be­kann­ter macht. Mit da­bei: Ve­ra Snell, Wieb­ke Stöw­haa­se, Uta...

Fo­to: Ernst

Nacht­ak­tiv. Die Teil­neh­mer der so­zia­len Krea­tiv-Nacht­schicht im Ver­lags­haus des Ta­ges­spie­gel am As­ka­ni­schen Platz. Spä­ter half Mit­ter­nachts­sup­pe beim Wach­blei­ben.

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