Jun­ge Lob­by für Eu­ro­pa

Der Tagesspiegel - - EUROPÄISCHE UNION - Von Rolf Brock­schmidt

Sie sind jung, und sie sind sich ih­rer Sa­che ziem­lich si­cher. Sie bren­nen für Eu­ro­pa und sie ver­brin­gen viel Frei­zeit mit Eu­ro­pa, im ver­gan­ge­nen Jahr al­lei­ne 20 000 St­un­den eh­ren­amt­lich. „Für uns ist Eu­ro­pa Freun­de, Be­zie­hun­gen, Wer­te, In­ter­rail. Nach dem Br­ex­it ha­ben wir uns rich­tig ver­lo­ren ge­fühlt. Und noch eins: Eu­ro­pa ist nicht Brüs­sel. Wir müs­sen mit den ei­ge­nen Fa­ke News auf­hö­ren“, sagt Ju­li­an Zu­ber, Mit­glied des Prä­si­di­ums von Po­lis180. Das ist ein Grass­roots-Thinktank für Au­ßen- und Eu­ro­pa­po­li­tik, der par­tei­über­grei­fend neue For­men der Teil­ha­be für jun­ge Leu­te ent­wi­ckeln will und von der Uni­ver­si­tät Penn­syl­va­nia in ih­rem in­ter­na­tio­na­len Thinktank-In­dex zum bes­ten neu­en Thinktank 2016 in Deutsch­land ge­wählt wur­de.

„Wir müs­sen un­se­rer Ge­ne­ra­ti­on ei­ne Stim­me ge­ben. Wir müs­sen uns al­le qua­li­fi­zie­ren, uns sel­ber fort­bil­den, um dann un­ser Wis­sen und un­se­re In­for­ma­tio­nen mit an­de­ren zu tei­len und in die Po­li­tik ein­zu­brin­gen“, sagt Ju­li­an.

Ju­li­an Zu­ber ist 29 Jah­re alt, hat in Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en stu­diert und pro­mo­viert nun in Po­li­tik­wis­sen­schaf­ten an der Her­tie School of Go­ver­nan­ce. Mit Ana-Ma­ri­ja Cvi­tic, 26, die in Wi­en und Pa­ris Eu­ro­pa­recht stu­diert hat, ar­bei­tet er im ad­mi­nis­tra­ti­ven Kopf von Po­lis180 e. V. Der Mit­mach-Thinktank ist als Ver­ein kon­zi­piert und zählt seit sei­ner Grün­dung 2015 mitt­ler­wei­le 200 Mit­glie­der. „Un­se­re Ge­ne­ra­ti­on ist vor al­lem in der Eu­ro­pa- und Au­ßen­po­li­tik un­ter­re­prä­sen­tiert. Po­lis180 dient uns da­zu, un­se­rer Ge­ne­ra­ti­on ei­ne Stim­me zu ge­ben“, er­zählt Ju­li­an.

An Selbst­be­wusst­sein fehlt es den jun- gen Leu­ten nicht, die 2014 die Idee zu die­sem Gras­wur­zel-Pro­jekt an der Her­tie School of Go­ver­nan­ce ent­wi­ckelt ha­ben. In ih­rem Stu­di­um ha­ben die zehn Grün­der ana­ly­siert, wie gu­te Po­li­tik­be­ra­tung or­ga­ni­siert ist. „Thinktanks lie­fern in der Re­gel Ana­ly­sen, aber kei­ne Ide­en zur Lö­sung der Pro­ble­me“, sagt Micha­el Knoll vomIn­no­va­ti­ons­kol­leg der Her­tie-Stif­tung, bei der der Ver­ein un­ter­ge­schlüpft ist und bis Mai 2017 ge­för­dert wird. Wenn Po­lis180 der Po­li­tik da­her gu­te Ide­en lie­fert, stei­gen die Chan­cen, ge­hört zu wer­den.

„Wir sind jung, das ist un­ser Mo­men­tum, wir zie­hen jun­ge Leu­te an, viel­leicht mehr als Par­tei­en. Das macht uns in­ter­es­sant. Wir müs­sen in­klu­siv sein, an­zie­hen­de In­hal­te prä­sen­tie­ren und in­ter­es­sant nach oben sein“, er­klärt Mar­cel Ha­de­ed, 27. Er hat in den Nie­der­lan­den und Spa­ni­en in­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen stu­diert. Da­bei geht es nicht nur um­A­ka­de­mi­ker, auch wenn vie­le Ver­an­stal­tun­gen und Pu­bli­ka­tio­nen auf Eng­lisch sind. Po­lis180 ist of­fen für al­le jun­gen Leu­te.

Al­le Mit­glie­der von Po­lis 180 ha­ben Eu­ro­pa­er­fah­run­gen, sind im Aus­land ge­we­sen und ha­ben dort stu­diert und ge­lebt. „Wer noch nie im Aus­land war, emp­fin­det Eu­ro­pa viel­leicht schon eher als Zu­mu­tung. Es wä­re aber jetzt falsch, die­se Men­schen als Na­tio­na­lis­ten zu bas­hen. Man muss sie dort ab­ho­len – Jes­se Kla­ver hat in den Nie­der­lan­den mit sei­ner Par­tei Gro­en­links ge­zeigt, wie man Ju­gend be­geis­tern kann“, sagt Ju­li­an. Be­geis­te­rung für Eu­ro­pa – das hört sich im­mer an wie das Man­tra der Ge­ne­ra­ti­on 60+, die noch die Nach­we­hen des Zwei­ten Welt­kriegs mit Gren­zen und Miss­trau­en er­lebt hat und die Freu­de, als die­se Gren­zen und Vor­ur­tei­le Stück für Stück ab­ge­baut wur­den.

„Genau die­se Ge­ne­ra­ti­on, die uns Schen­gen und den Eu­ro be­schert hat, will nun ganz genau von uns wis­sen, war­um wir uns so ver­las­sen füh­len.“Die jun­gen Leu­te von Po­lis180 wie Ana-Ma­ri­ja ha­ben die­se Iden­ti­tät ge­lebt. „Wir sind da­mit auf­ge­wach­sen“, er­zählt sie und man spürt, wie wich­tig ihr Eu­ro­pa ist. Sie möch­te, dass die Be­geis­te­rung für Eu­ro­pa an­de­re an­steckt, weil jun­ge Leu­te wie sie et­was zu ver­lie­ren ha­ben. „Wir brau­chen Lei­den­schaft und Iden­ti­fi­ka­ti­on. Wir müs­sen die eu­ro­päi­sche Iden­ti­tät wie­der­fin­den. Wir müs­sen Eu­ro­pa er­leb­bar ma­chen und zwar un­ab­hän­gig vom Ein­kom­men. War­um soll es kei­ne eu­ro­päi­sche Fuß­ball­mann­schaft ge­ben? Man muss über Sym­bo­le und ge­mein­sa­me Kul­tur re­den“, fin­det sie. So ist es auch kein Zu­fall, dass sie sich in dem Pro­gramm­be­reich „Eu­ro­päi­sche Iden­ti­tät“en­ga­giert.

„Wir ha­ben es oft mit tra­dier­ten Er­in­ne­run­gen zu tun“, sagt Ana-Ma­ri­ja und er­zählt von Ge­sprä­chen bei der Fa­mi­lie in Kroa­ti­en über den Zer­fall Ju­go­sla­wi­ens. Und von jun­gen Po­len hö­re man im­mer wie­der Ge­schich­ten über die So­wjet­uni­on und die da­ma­li­ge Be­dro­hung. Und Iden­ti­fi­ka­ti­on dür­fe nicht nur in Ab­gren­zung zu Russ­land er­fol­gen, die Si­cher­heits­kul­tur al­lei­ne schaf­fe kei­ne Iden­ti­tät.

Aber wie kom­men nun die Po­li­ti­ker an die In­for­ma­tio­nen und Wün­sche von Po­lis180? „Wir tref­fen uns sehr in­ten­siv mit Po­li­ti­kern zu Hin­ter­grund­ge­sprä­chen. Wir ha­ben ei­nen gu­ten Un­ter­stüt­zer­kreis in der zwei­ten Rei­he der Mi­nis­te­ri­en oder Par­la­men­te, und wir wol­len na­tür­lich po­li-

Ist Schen­gen, das Sym­bol der eu­ro­päi­schen In­te­gra­ti­on, be­droht? Wel­che Lö­sungs­an­sät­ze gibt es, da­mit uns ein of­fe­nes Eu­ro­pa er­hal­ten bleibt? Die­se Fra­gen dis­ku­tier­ten Teil­neh­men­de an der in­ter­ak­ti­ven Kon­fe­renz „Schen­gen: Be­grenzt gren­zen­los?“von Po­lis180 vor ei­nem Jahr in Ber­lin un­ter an­de­rem mit dem Grü­nen-Po­li­ti­ker Jür­gen Trit­tin.

ti­sie­ren und so die Un­ter­re­prä­sen­ta­ti­on jun­ger Leu­te in den po­li­ti­schen Par­tei­en aus­glei­chen“, sagt Ju­li­an.

Da­zu ent­wi­ckel­te Po­lis180 neue For­ma­te für jun­ge Leu­te jen­seits der üb­li­chen Po­di­ums­dis­kus­sio­nen. Die Ver­an­stal­tun­gen sind par­ti­zi­pa­tiv, kom­ple­xe Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tun­gen wer­den in 20-mi­nü­ti­gen Pod­casts zu­sam­men­ge­fasst und on­li­ne ge­stellt. „Das kann auch über ,Vi­su­al Sto­ry Tel­ling‘ ge­sche­hen“, sagt Mar­cel. Er pro­fi­tiert von die­sen Ver­an­stal­tun­gen noch auf ei­ne ganz an­de­re Art. „Bei uns lernt man, wie man ei­nen Blog auf­zieht, wie man ei­ne Ver­an­stal­tung or­ga­ni­siert, wann man da­zu die Ein­la­dun­gen raus­schickt – das al­les stärkt das Selbst­be­wusst­sein, und man traut sich et­was zu.“In­for­ma­tio­nen und Ver­an­stal­tun­gen sind

für Po­lis180 wich­tig. Die Schu­le ha­be da lei­der nicht viel zu bie­ten, meint Mar­cel. Er ha­be drei Mo­na­te EU im Leis­tungs­kurs Po­li­ti­sche Wis­sen­schaft ge­habt, mehr nicht. „Die struk­tu­rel­le Schwä­che der EU liegt dar­in, dass sie kei­nen öf­fent­li­chen Raum hat, wo man ge­mein­sam über Eu­ro­pa spre­chen kann. Man muss aber ge­mein­sam die De­bat­te füh­ren.“

Und manch­mal ha­ben sie das Ge­fühl, die Din­ge ra­di­kal än­dern zu müs­sen. „War­um sol­len nicht ein­mal ganz nor­ma­le Men­schen auf dem Po­di­um sit­zen, Ar­bei­ter, Hand­wer­ker, Jun­ge, Al­te – und die Po­li­ti­ker sit­zen im Pu­bli­kum und hö­ren zu. War­um nicht?“, meint Ana-Ma­ri­ja. Die Ge­le­gen­heit sei güns­tig. „Wir ha­ben das Ge­fühl, dass sich et­was be­wegt, und dar­um en­ga­gie­ren wir uns“, sagt sie. Die Mit­g­lie-

der von Po­lis en­ga­gie­ren sich auch bei an­de­ren Be­we­gun­gen wie „Pul­se of Eu­ro­pe“, die sonn­tags um 14 Uhr auf dem Gen­dar­men­markt für Eu­ro­pa de­mons­trie­ren. Die­se wach­sen­de Be­we­gung be­legt, dass es auch an den Bür­gern liegt, sich ein­zu­brin­gen.

Aber wie er­rei­chen sie die ost­eu­ro­päi­schen Ju­gend­li­chen, die oft skep­ti­scher sind als ih­re west­li­chen Al­ters­ge­nos­sen? „Wir ha­ben ei­ne Ver­an­stal­tung in War­schau or­ga­ni­siert oder kri­ti­sche Jour­na­lis­ten aus Po­len und Un­garn ein­ge­la­den“, er­zählt Ju­li­an. Da­bei wer­de man auch schon ein­mal ver­bal an­ge­grif­fen. „Wenn uns ei­ner an­greift, sa­gen wir ,in­ter­es­sant, komm da­zu, re­de mit uns‘. Wir müs­sen die Wut der Kri­ti­ker ka­na­li­sie­ren, nicht dä­mo­ni­sie­ren“, er­gänzt Ju­li­an. Nach­wuchs es in den Par­tei­en gibt“, sagt Ju­li­an. Po­lis180 ver­sucht, die jun­gen Leu­te an­zu­spre­chen und zur Mit­ar­beit ein­zu­la­den. Es wer­den auch vie­le Pa­pie­re ge­schrie­ben und ver­öf­fent­licht.

Die The­men­be­rei­che sind viel­fäl­tig, Groß­bri­tan­ni­en nach dem Br­ex­it, Mi­gra­ti­on, Iden­ti­tät, Frau­en, Frie­den und Si­cher­heit und Di­gi­ta­li­sie­rung. Ein­ge­la­den wer­den kom­pe­ten­te Ge­sprächs­part­ner, wie der iri­sche Bot­schaf­ter Micha­el Col­lins, der zur „Po­lis Tea-Ti­me“ge­be­ten wird, um über das bri­tisch-iri­sche Ver­hält­nis zu spre­chen. Im Po­lis-Blog wer­den Ar­ti­kel der Mit­glie­der ver­öf­fent­licht, ei­ne On­li­ne-Um­fra­ge regt Neu­gie­ri­ge an, Ide­en zu ent­wi­ckeln und sich ein­zu­brin­gen.

Po­lis180 ver­steht sich als ei­ne Stim­me der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on und als ei­ne Lob­by für de­ren In­ter­es­sen. Und da­her ist mit 35 Jah­ren auch nur bei Stimm­recht und Wähl­bar­keit die Al­ters­gren­ze für die Mit­glie­der er­reicht. Wer hier mit­ma­chen möch­te, kann ganz schnell Auf­ga­ben in den Be­rei­chen „Ex­ter­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on, Fund­rai­sing oder Pro­gramm­ko­or­di­na­ti­on“über­neh­men. Wer sich für die­ses Eh­ren­amt ne­ben der Ar­beit oder dem Stu­di­um in­ter­es­siert, wird auch ge­schult und be­kommt Un­ter­stüt­zung.

Er­fri­schend an den drei Mit­glie­dern von Po­lis180 ist, dass sie Eu­ro­pa als ih­re Auf­ga­be für die Zu­kunft se­hen und es ver­ste­hen, für die gu­te Sa­che über­zeu­gend zu wer­ben. Sie ha­ben er­kannt, dass sie es auch in der Hand ha­ben, durch ihr En­ga­ge­ment für Po­lis180 zum ei­nen et­was in die Po­li­tik hin­ein­zu­tra­gen und zum an­de­ren ih­ren Al­ters­ge­nos­sen Mut zu ma­chen, sich zu en­ga­gie­ren.

Mehr da­zu im In­ter­net: www.po­lis80.org

Ide­en für Eu­ro­pa.

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