Die Ide­en blei­ben

Der Tagesspiegel - - WELTSPIEGEL - Von Ron­ja Rin­gel­stein

Ber­lin - Die­se For­mel dürf­te je­dem be­kannt sein: E = m · c2. Was sie im De­tail be­deu­tet vi­el­leicht we­ni­ger. Al­bert Ein­steins Re­la­ti­vi­täts­theo­rie re­vo­lu­tio­nier­te un­ser Ver­ständ­nis von Raum und Zeit grund­le­gend. Jetzt wur­de sie von zwei US-ame­ri­ka­ni­schen Stu­den­ten in ei­nen neu­en Zu­sam­men­hang ge­setzt – mit ei­nem ein­fa­chen Auf­kle­ber. „Ma­de by re­fu­gee“, „Von ei­nem Flücht­ling ge­macht“, steht un­ter dem Hin­weis­schild „Wis­sen­schaft & Ma­the­ma­tik“ei­ner New Yor­ker Bi­b­lio­thek ne­ben der be­rühm­ten Ein­stein’schen For­mel. Der 26-jäh­ri­ge Ki­en Quan hat die Auf­schrift dort hin­ge­klebt. Ein­stein war deut­scher Ju­de. Nach Hit­lers Macht­er­grei­fung 1933 ließ er sei­nen deut­schen Pass zu­rück und ging in die USA.

„Egal, wie du über Flücht­lin­ge denkst. Die Wahr­heit ist: Die meis­ten Men­schen, die in In­dus­trie­staa­ten le­ben, be­nut­zen Pro­duk­te, die Flücht­lin­ge er­fun­den ha­ben“, sagt Quan. Für die Re­la­ti­vi­täts­theo­rie gilt das so­gar über die Gren­zen der rei­chen In­dus­trie­staa­ten hin­aus.

Das Pro­jekt „Ma­de by re­fu­gee“ist ur­sprüng­lich nicht mehr ge­we­sen als ei­ne De­si­gn­idee. Quan und sei­ne 24-jäh­ri­ge Kol­le­gin Jil­li­an Young stu­die­ren bei­de an der Miami Ad School, al­ler­dings an un­ter­schied­li­chen Stand­or­ten. Quan in New York, Young in Ham­burg. Bei ei­nem Se­mi­nar tra­fen sie in New York auf­ein­an­der und ent­wi­ckel­ten die Idee. „Wie das jetzt so­gar bis nach Ber­lin ge­kom­men ist – kei­ne Ah­nung“, sagt Quan.

An­ge­sto­ßen wor­den sei al­les mit dem Hi­pe um die „Sr­i­racha“-So­ße. Das ist ei­ne Art viet­na­me­si­scher Chi­li-Ketch­up. Auch in Eu­ro­pa kennt man die So­ße aus dem Re­stau­rant oder dem Asia-Markt. „Wenn viet­na­me­si­sche Flücht­lin­ge nicht in den 1970er Jah­ren nach Ame­ri­ka ge­kom­men wä­ren, könn­ten wir heu­te nicht für die­se Wahn­sinns-So­ße schwär­men“, scherz­ten Quan und Young. Qu­ans Fa­mi­lie kommt ur­sprüng­lich eben­falls aus Viet­nam. Die Fa­mi­li­en­mit­glie­der der äl­te­ren Ge­ne­ra­ti­on, wie er er­zählt, sei­en auch Flücht­lin­ge ge­we­sen. Das Pro­jekt hat­te al­so für ihn auch ei­ne per­sön­li­che No­te. So mach­ten er und Young sich auf die Su­che nach noch mehr Pro­duk­ten von Flücht­lin­gen.

Sie fan­den et­li­che und wur­den über­rascht. Von der Ge­schich­te des Alex­an­der Is­si­go­nis zum Bei­spiel. Is­si­go­nis war ge­bür­ti­ger Grie­che, ge­bo­ren 1906 in Smyr­na, heu­te Iz­mir in der Tür­kei. Er muss­te mit sei­ner Fa­mi­lie vor den Mas­sa­kern an Grie­chen im Os­ma­ni­schen Reich auf ei­nem bri­ti­schen Schiff nach En­g­land flie­hen. Sein Va­ter starb auf der Über­fahrt. Ähn­li­che Schick­sa­le gibt es auch heu­te täg­lich. Aus Alex­an­der Is­si­go­nis wur­de in En­g­land schließ­lich Alec Is­si­go­nis, der zum Sir ge­adelt wur­de, nach­dem er als Automobil-In­ge­nieur den Mi­ni ent­wi­ckelt hat­te. Auch die Ge­schich­te von Carl Dje­ras­si hat mit Flucht zu tun. Der 1923 in Wien ge­bo­re­ne Bul­ga­re ent­stamm­te ei­ner jü­di­schen Fa­mi­lie. 1939 wan­der­te er in die USA aus, um dort et­was spä­ter als an­ge­se­he­ner Che­mi­ker mit der „Pil­le“die Emp­fäng­nis­ver­hü­tung zu re­vo­lu­tio­nie­ren. Fans der Band „Queen“ist es na­tür­lich be­kannt, für die jun­gen De­sign-Stu­den­ten war sie er­staun­lich: die Ge­schich­te Fred­die Mer­cu­rys, der als Far­rokh Bul­sa­ra im Sul­t­a­nat San­si­bar in ei­ner aus In­di­en stam­men­den par­si­schen Fa­mi­lie ge­bo­ren wur­de. Mer­cu­ry war der Sohn ei­nes bri­ti­schen Re­gie­rungs­an­ge­stell­ten. Nach­dem San­si­bar 1963 von der bri­ti­schen Ko­lo­ni­al­herr­schaft un­ab- hän­gig wur­de, kam es zu ei­ner ge­walt­sa­men Re­vo­lu­ti­on ge­gen den Sul­tan. Die Fa­mi­lie flüch­te­te nach Lon­don. Und aus Far­rokh, „Fred­die“, Bul­sa­ra wur­de Fred­die Mer­cu­ry.

„Wir ha­ben ver­ges­sen, wel­che weit­rei­chen­den Ve­rän­de­run­gen Flücht­lin­ge ge­schaf­fen ha­ben“, heißt es in dem Youtube-Vi­deo von Quan. Dar­an wol­len die bei­den Stu­den­ten er­in­nern. Al­so ha­ben sie zu­nächst zehn Pos­ter ge­druckt, und über hun­dert Auf­kle­ber. Die Far­be Oran­ge ha­ben sie ge­wählt, da dies die Far­be der Flücht­lings-Na­tio­nal­flag­ge ist. Oran­ge, die Far­be von Ret­tungs­wes­ten. Jetzt for­dern Quan und Young die Men­schen auf der gan­zen Welt auf, sich die Sti­cker selbst aus­zu­dru­cken und eben­falls zu ver­tei­len – und bei­spiels­wei­se auf Bob Mar­ley-Plat­ten zu kle­ben. Oder auf die Bi­bel. Schließ­lich ist auch Je­sus ein Flücht­ling ge­we­sen.

NDR-Re­dak­teur Hol­ger Her­mes­mey­er er­gänz­te, die Viel­falt der Ge­sell­schaft wer­de in der vom NDR pro­du­zier­ten Se­sam­stra­ße seit lan­gem the­ma­ti­siert. „In ver­schie­de­nen Rei­hen und Bei­trä­gen geht es et­wa um das Le­ben mit ei­ner Be­hin­de­rung, um re­li­giö­se und eth­ni­sche Viel­falt und Fes­te aus al­ler Welt oder mit Selbst­ver­ständ­lich­keit auch um das The­ma Ster­ben und Tod.“

In den USA ist die Zahl der Au­tis­musDia­gno­sen bei Kin­dern stark ge­stie­gen: Ei­nes von 68 Kin­dern hat dort ei­ne Au­tis­mus-Stö­rung. Au­tis­ti­sche Men­schen ha­ben Schwie­rig­kei­ten mit so­zia­len Kon­tak­ten und fal­len durch ste­reo­ty­pe Ver­hal­tens­wei­sen auf. In Ju­li­as ers­ter Sen­dung spricht der gel­be Vo­gel Bibo sie an, doch sie re­agiert nicht auf ihn. Als die Kin­der Fan­gen spie­len, hüpft Ju­lia eu­pho­risch auf und ab. Dar­aus ent­steht ein neu­es Spiel: Die an­de­ren Kin­der hüp­fen mit. „Das war ein ein­fa­cher Weg, um zu zei­gen, dass sie Ju­lia mit ein we­nig An­pas­sung da ab­ho­len kön­nen, wo sie ist“, er­klärt Au­to­rin Fer­ra­ro.

Fo­tos: Pro­mo/Ki­en Quan/face­book

An­ge­zet­telt. An ei­ner New Yor­ker Mau­er hat Quan mit sei­ner Ak­ti­on be­gon­nen.

Fo­to: Zach Hy­man/Se­sa­me Work­shop/dpa

www.face­book.com/Ma­deByRe­fu­gee Ta­lent. Ju­lia kann be­son­ders gut sin­gen und ma­len. Sie ist der neue Star der Se­sam­stra­ße.

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