Freund­schaft mit Häk­chen

Ein „Li­ke“im In­ter­net be­dient ei­nen Wunsch nach An­er­ken­nung, den Men­schen auch bei Freun­den su­chen. Über den Wert von Face­book-Freund­schaf­ten

Der Tagesspiegel - - MEINUNG - Von Björn Ved­der

Face­book-Freun­de sind nicht nur ech­te Freun­de, sie sind so­gar viel bes­se­re Freun­de als die, die wir üb­li­cher­wei­se da­für hal­ten. Wenn wir das ein­se­hen und dar­aus die rich­ti­gen Schlüs­se zie­hen, dann be­mer­ken wir nicht nur, dass wir das sprich­wört­lich Schöns­te, was es gibt auf der Welt, näm­lich den gu­ten Freund, schon hun­dert­fach be­sit­zen, son­dern wir kön­nen in Freund­schaf­ten auch end­lich das Glück fin­den, das wir in ih­nen su­chen.

Bis­her ge­lingt uns das al­ler­dings noch nicht. Wie zeit­ge­nös­si­sche Um­fra­gen, Kran­ken­ak­ten und so­zio­lo­gi­sche Un­ter­su­chun­gen be­rich­ten, sind die Men­schen heu­te zu­tiefst un­glück­lich und aus­ge­brannt. Sie sind ge­zeich­net von der Mü­dig­keit, sie selbst sein zu müs­sen, ver­strickt in nar­ziss­ti­sche Selbst­be­spie­ge­lung und öko­no­mi­sche Selbst­aus­beu­tung. Das „Un­be­ha­gen an der Mo­der­ne“hat sich zu ei­ner ernst­haf­ten De­pres­si­on ver­här­tet, der es nicht an Be­schrei­bun­gen und Er­klä­run­gen, viel­leicht aber an Heil­mit­teln fehlt.

Da­bei könn­te die Freund­schaft so ein Heil­mit­tel sein, und vie­le su­chen es schon in ihr. Un­ter dem Druck des ka­pi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz­kamp­fes rü­cken die per­sön­li­chen Nah­be­zie­hun­gen wie Freund­schaft oder Lie­be ver­stärkt in den Fo­kus und wer­den mit der maß­lo­sen Auf­ga­be be­las­tet, die Er­war­tun­gen an Glück ein­zu­lö­sen, die der mo­der­ne In­di­vi­dua­lis­mus und Li­be­ra­lis­mus ge­schürt, aber nicht be­frie­digt ha­ben. Die grö­ße­re Last lag da­bei lan­ge auf der Lie­be, in der sich die Su­che des Men­schen nach An­er­ken­nung „es­sen­zia­li­siert“hat, wie die So­zio­lo­gin Eva Ill­ouz schreibt. Das heißt, die Lie­be ist zum zen­tra­len Markt ge­wor­den, auf dem Men­schen ih­re ge­gen­sei­ti­ge An­er­ken­nung aus­han­deln und sich ih­res Selbst­wert­ge­fühls ver­si­chern. Da sich das Lie­bes­glück je­doch nicht kon­trol­lie­ren lässt, geht mit der Ver­dich­tung der An­er­ken­nung durch die Lie­be ei­ne mas­si­ve Ve­r­un­si­che­rung ein­her. Ge­gen­über die­ser Ve­r­un­si­che­rung er­scheint das Glück der Freund­schaft als das we­sent­lich be­stän­di­ge­re und ein­fa­che­re, und das er­klärt, wie­so die Freund­schaft der Lie­be den Spit­zen­platz un­ter den Glücks­gü­tern in ei­ni­gen Um­fra­gen strei­tig ma­chen konn­te. Al­so: Wer oder was ist ein Freund?

Wie wich­tig die Be­ant­wor­tung der Fra­ge, wer oder was ein Freund ist, für je­de Freund­schafts­pra­xis ist, be­mer­ken schon So­kra­tes und sei­ne Freun­de in Pla­tons Dia­log Ly­sis, mit dem die phi­lo­so­phi­sche Be­hand­lung der Freund­schaft in der west­li­chen Tra­di­ti­on be­ginnt. In ihm er­zählt So- kra­tes, wie er mit Ly­sis und Men­oxe­nos dar­über dis­ku­tiert hat, was Freund­schaft ist, sie sich aber im­mer wie­der in Apo­ri­en ver­strickt ha­ben und am En­de die Klä­rung der Fra­ge auf­ge­ben muss­ten. „Was aber ein Freund sei“, sagt So­kra­tes, hät­ten sie noch nicht ver­mocht her­aus­zu­fin­den. Die­ses Un­wis­sen ver­setzt al­le Be­tei­lig­ten in ei­ne un­an­ge­neh­me La­ge, weil sie die Fra­ge da­nach, was ein Freund ist, nicht als bloß aka­de­mi­sches Pro­blem ab­tun kön­nen, son­dern sie ih­re Be­zie­hung fun­da­men­tal ver­un­si­chert. Je­der von ih­nen meint, Freun­de zu ha­ben, näm­lich die bei­den an­de­ren, aber kei­ner weiß, was ein Freund ist.

Die­se Un­wis­sen­heit muss sie ge­gen ih­re Freund­schaft sel­ber miss­trau­isch ma­chen. Denn wie kann der­je­ni­ge, der nicht weiß, was ein Freund ist, sa­gen, er sei mein Freund? Wä­re so ei­nem, der nicht weiß, wo­von er re­det, nicht grund­sätz­lich zu miss­trau­en? Und was kann der ei­ne vom an­de­ren als Freund er­war­ten, wenn sie sich nicht dar­über ge­ei­nigt ha­ben, was ein Freund ist? Wenn je­doch an­ders­her­um deut­lich wird, was Freund­schaf­ten sind, lie­gen die prak­ti­schen Kon­se­quen­zen dar­aus auf der Hand. An­ders als Pla­ton kann sich ei­ne zeit­ge­nös­si­sche Phi­lo­so­phie der Freund­schaft nicht mit ei­ner blo­ßen Un­ter­su­chung des Be­griffs Freund­schaft (und sei­ner Ge­schich­te) zu­frie­den ge­ben, son­dern muss sich der Pra­xis zu­wen­den und sich an­schau­en, wie Freund­schaf­ten tat­säch­lich ge­schlos­sen wer­den.

Da­für bie­ten die Freund­schaf­ten auf Face­book ei­nen gu­ten An­satz­punkt, denn mit ih­nen ist nicht nur ein neu­es, bis­her un­er­klär­tes Phä­no­men zu den vie­len ver­schie­de­nen For­men der Freund­schaft hin­zu­ge­tre­ten, son­dern Freund­schaf­ten auf Face­book sind auch für die Freund­schaf­ten heu­te ex­em­pla­risch. Sie ma­chen deut­lich, dass Freund­schaf­ten auf dem Ge­fühl ge­gen­sei­ti­ger An­er­ken­nung be­ru­hen, wor­auf sich die­se An­er­ken­nung be­zieht und was dem in Freund­schaf­ten (auch au­ßer­halb von Face­book) ge­such­ten Glück ent­ge­gen­ste­hen kann, war­um wir al­so in un­se­ren Freund­schaf­ten die Be­frie­di­gung so schwer fin­den, die wir dort zu fin­den hof­fen. Face­book-Freund­schaf­ten in die­sem Sin­ne ernst zu neh­men, setzt frei­lich vor­aus, Freund­schaf­ten nicht da­nach zu be­ur­tei­len, was sie sein kön­nen oder sein soll­ten, son­dern da­nach zu fra­gen, was sie sind. Es geht nicht dar­um zu be­schrei­ben, un­ter wel­chen Um­stän­den Men­schen ei­nen an­de­ren als ih­ren Freund an­se­hen soll­ten – und un­ter wel­chen Um­stän­den nicht –, son­dern dar­um her­aus­zu­fin­den, was es ist, das ih­re freund­schaft­li­che Zuneigung zum an­de­ren be­grün­det und die­se Zuneigung sel­ber ge­nau­er zu be­schrei­ben.

Der Be­nut­zer von Face­book ent­wirft ein Pro­fil sei­ner selbst, das er mit Fo­tos von sich, sei­nen Ak­ti­vi­tä­ten und dem, was er kon­su­miert, mit Zi­ta­ten und Links zu Din­gen, die ihn in­ter­es­sie­ren, er­freu­en oder em­pö­ren, und mit kur­zen Mit­tei­lun­gen sei­ner Ge­dan­ken oder Ge­füh­le stän­dig ak­tu­ell hal­ten kann. Da­bei kann er ent­schei­den, ob die­se Posts von al­len Be­nut­zern ge­se­hen wer­den kön­nen oder nur von be­stimm­ten, et­wa sei­nen „Freun­den“. Das sind sol­che Be­nut­zer, mit de­nen er sich durch den Aus­tausch von elek­tro­ni­schen Freund­schafts­an­fra­gen dar­auf ge­ei­nigt hat, be­freun­det zu sein. Die­se Freun­de kön­nen sei­ne Posts tei­len, wei­ter­lei­ten, kom­men­tie­ren oder mit ei­nem Maus­klick (ei­nem „Li­ke“) auch kom­men­tar­los af­fir­mie- ren. Um­ge­kehrt kann er das­sel­be mit ih­ren Posts tun. Bei­den geht es da­bei um ei­ne mög­lichst gro­ße Be­stä­ti­gung des­sen, was sie über ih­re Posts von sich preis­ge­ben. Das zeigt sich schon in der An­la­ge der Be­nut­zer­ober­flä­che von Face­book, die zwar ne­ga­ti­ve Kom­men­ta­re nicht aus­schlie­ßen kann, aber Ab­leh­nung als Ges­te, et­wa durch ei­nen Dis­li­ke-But­ton, nicht vor­sieht. So­bald der Post ei­nes Be­nut­zers kom­men­tiert oder af­fir­miert wird, be­nach­rich­tigt ihn das Pro­gramm dar­über. Die Start­sei­te hält ihn über die Ak­ti­vi­tä­ten sei­ner Freun­de auf dem Lau­fen­den und sie über sei­ne. Je mehr Auf­merk­sam­keit ein Post be­kommt (durch Li­kes oder Kom­men­ta­re oder Tei­lun­gen), des­to wei­ter oben steht er auf der Sei­te und des­to grö­ße­re Chan­cen hat er, noch stär­ker af­fir­miert zu wer­den. Wer hat, dem wird ge­ge­ben.

Die­se Lo­gik des Auf­merk­sam­keits­mark­tes ver­langt vom Be­nut­zer, sei­ne Posts im Vor­aus dar­auf­hin zu ent­wer­fen, mög­lichst be­liebt zu sein. Im Ge­gen­zug kann ihm ei­ne star­ke Af­fir­ma­ti­on sei­ner Posts das Ge­fühl ge­ben, ein lie­bens­wür­di­ges Pro­fil zu be­sit­zen. Zugleich kann da­mit je­doch auch die An­for­de­rung wach­sen, sich der ei­ge­nen Lie­bens­wür­dig­keit durch ei­ne stän­di­ge Kon­trol­le der af­fir­ma­ti­ven Ges­ten sei­ner Freun­de zu ver­si­chern. Ein Druck, der mit­un­ter zu pa­tho­lo­gi­schem Nut­zungs­ver­hal­ten (Face­book-Sucht) füh­ren kann.

Mit weit mehr als ei­ner Mil­li­ar­de Be­nut­zern ist Face­book das po­pu­lärs­te so­zia­le Me­di­um im In­ter­net. Die­se Be­liebt­heit liegt vor al­lem dar­an, dass es auf ei­nem Prin­zip be­ruht, das heu­te zum Fun­da­ment un­se­rer per­sön­li­chen Be­zie­hun­gen ge­hört, näm­lich der Not­wen­dig­keit, sich der An­er­ken­nung des an­de­ren zu ver­si­chern. Die Fo­kus­sie­rung die­ses Prin­zips ist es auch, die Face­book-Freund­schaf­ten für Freund­schaf­ten heu­te ex­em­pla­risch macht, denn Freund­schaf­ten sind, wie Lie­bes­be­zie­hun­gen, Be­zie­hun­gen, in de­nen sich Men­schen ge­gen­sei­tig ih­rer Lie­bens­wür­dig­keit ver­si­chern und in de­nen die Zuneigung des ei­nen dem an­de­ren sagt, dass er um sei­ner selbst wil­len lie­bens­wert ist. Al­ler­dings steht die­ses, was der Mensch selbst ist, nicht fest, son­dern ist fle­xi­bel. Es ist das Pro­dukt ei­nes Ent­wurfs, den sich der Mensch von sich selbst macht (auf Face­book durch sein Pro­fil) und mit dem er zwei letzt­lich wi­der­strei­ten­de In­ter­es­sen be­frie­di­gen will – ei- nes, das auf ihn als das Be­son­de­re geht, so­wie ei­nes, das auf ihn als et­was All­ge­mei­nes geht. Sein Selbst­ent­wurf soll ihn zum ei­nen als ei­ne in­di­vi­du­ell be­son­de­re Per­sön­lich­keit prä­sen­tie­ren, schließ­lich will er um sei­ner selbst wil­len lie­bens­wert sein. Er soll aber an­de­rer­seits auch all­ge­mei­nen An­sprü­chen ge­nü­gen, schließ­lich will er lie­bens­wert sein. Da­bei ste­hen je­doch auch die­se all­ge­mei­nen An­for­de­run­gen nicht fest, son­dern än­dern sich und wach­sen stünd­lich.

Für funk­tio­na­le Be­zie­hun­gen, et­wa im Be­rufs­le­ben, ist der pa­ra­do­xe Zwang, zugleich et­was Be­son­de­res und All­ge­mei­nes zu sein und da­bei ei­ner fle­xi­blen In­di­vi­dua­li­sie­rung zu fol­gen, schon eben­so aus­führ­lich be­schrie­ben wor­den wie die dar­aus re­sul­tie­ren­de Er­schöp­fung des mo­der­nen Men­schen. Mit ihr geht, wie der So­zio­lo­ge Richard Sen­nett sagt, ei­ne „Kor­ro­si­on sei­nes Cha­rak­ters“ein­her. Da­bei meint der Be­griff des Cha­rak­ters hier zwei­er­lei. Er meint zum ei­nen das in­di­vi­du­el­le Tem­pe­ra­ment oder be­son­ders her­vor­ste­chen­de Ei­gen­schaf­ten – al­so das, was wir im mo­der­nen Sin­ne un­ter Cha­rak­ter ver­ste­hen und was es auch er­laubt, bei ei­nem Wein oder ei­nem Pferd von Cha­rak­ter zu spre­chen. Er meint zum an­de­ren aber auch den Cha­rak­ter im an­ti­ken Sinn als die Fä­hig­keit, Nei­gun­gen und Lei­den­schaf­ten nicht blind ge­hor­chen zu müs­sen, son­dern sie ra­tio­nal be­herr­schen zu kön­nen und da­bei das aus­zu­bil­den, was Aris­to­te­les (der die­sen Be­griff des Cha­rak­ters ge­prägt hat) Tu­gen­den nennt.

Was aber ist ein gu­ter Freund? An der Fra­ge ließ So­kra­tes schon Pla­ton schei­tern Der Auf­merk­sam­keits­markt ver­langt nach Mit­tei­lun­gen, die mög­lichst gut an­kom­men Man will als ein Ich, als In­di­vi­du­um ge­mocht wer­den, nicht nur als all­ge­mein net­ter Mensch

Die Kor­ro­si­on bei­der Tei­le des Cha­rak­ters sind das Re­sul­tat lang­wie­ri­ger, an­ein­an­der an­knüp­fen­der so­zia­ler Ve­rän­de­run­gen und brin­gen ei­nen neu­en Ty­pus des Men­schen her­vor, den die So­zio­lo­gie mit ei­nem Be­griff Ge­org Sim­mels die „mo­der­ne Per­sön­lich­keit“nennt. Mit dem Men­schen ver­än­dern sich auch sei­ne Be­zie­hun­gen. Für die Lie­be sind die Aus­wir­kun­gen die­ser Veränderung schon mehr­fach be­schrie­ben wor­den. In der Freund­schaft fin­det ein ganz ähn­li­cher Wan­del statt. Ab dem 18. Jahr­hun­dert be­ginnt das Kon­zept der ro­man­ti­schen Lie­be, wie Ni­k­las Luh­mann ge­zeigt hat, die Qua­li­tä­ten, die den an­de­ren lie­bens­wert ma­chen, peu à peu zu ver­schie­ben – von den mo­ra­li­schen Qua­li­tä­ten, die sei­nen Cha­rak­ter im an­ti­ken Sinn aus­ma­chen, hin zu dem, was ihn als in­di­vi­du­el­len und be­son­de­ren Men­schen kenn­zeich­net, al­so zu dem, was sei­nen Cha­rak­ter im neue­ren Sinn aus­macht. Weil die mo­der­ne Per­sön­lich­keit um ih­rer selbst wil­len ge­liebt wer­den will, will sie nicht mehr auf­grund abs­trak­ter mo­ra­li­scher Qua­li­tä­ten ge­schätzt wer­den, die als blo­ße Va­ria­tio­nen all­ge­mei­ner ethi­scher Wer­te grund­sätz­lich auch bei je­mand an­de­rem ge­fun­den wer­den könn­ten und die den Ge­lieb­ten al­so aus­tausch­bar ma­chen, son­dern sie will auf­grund ih­rer in­di­vi­du­el­len Be­son­der­heit ge­liebt wer­den, auf­grund de­rer sie glaubt, sich von al­len an­de­ren Mensch zu un­ter­schei­den.

Wenn­gleich die An­er­ken­nung in Freund­schaf­ten we­ni­ger exis­ten­zi­ell ist, hat sie sich hier auf ganz ähn­li­che Wei­se ge­wan­delt. Auch in der Freund­schaft wol­len Men­schen für ih­re in­di­vi­du­el­le Per­sön­lich­keit an­er­kannt und wol­len vom Freund da­für ge­mocht wer­den, dass sie so sind, wie sie sind. Das be­deu­tet nicht, dass sie be­strei­ten wür­den, auch über be­stimm­te mo­ra­li­sche und mit­hin all­ge­mei­ne Qua­li­tä­ten zu ver­fü­gen, und die meis­ten wür­den es ver­mut­lich übel neh­men, sprä­che der Freund ih­nen die­se Qua­li­tä­ten ab; je­doch soll die An­er­ken­nung dem gel­ten, dass sie ge­nau sie sind, und nicht bloß der An­samm­lung be­stimm­ter all­ge­mein schät­zens­wer­ter Ei­gen­schaf­ten. Die­se Ver­schie­bung des Lie­bens­wer­ten hat für die Kon­sti­tu­ti­on des Selbst­wert­ge­fühls gra­vie­ren­de Kon­se­quen­zen. So­lan­ge die Lie­bens­wür­dig­keit des Men­schen von sei­nen mo­ra­li­schen Qua­li­tä­ten ab­hing, konn­te er sich sei­nes Wer­tes selbst ver­si­chern. Er muss­te sich da­für nur fra­gen, in wel­chem Ma­ße sei­ne Hand­lun­gen die Fä­hig­keit ver­rie­ten, tu­gend­haft zu sein. In die­ser ver­ti­ka­len Ori­en­tie­rung war er in sei­nem Selbst­wert­ge­fühl von der An­er­ken­nung an­de­rer un­ab­hän­gig. Mit der Ver­schie­bung des Lie­bens­wür­di­gen auf sei­ne in­di­vi­du­el­le Be­son­der­heit kippt die Ori­en­tie­rung sei­nes Selbst­wert­ge­fühls in­des in die Ho­ri­zon­ta­le, denn um zu wis­sen, ob das, was er um sei­ner selbst wil­len ist, tat­säch­lich lie­bens­wert ist, muss der Mensch ei­nen an­de­ren Men­schen fra­gen und von die­sem dar­in be­stä­tigt wer­den.

Das zwingt die Men­schen, ih­re Per­sön­lich­keit fle­xi­bel zu hal­ten – pa­ra­do­xer­wei­se ge­ra­de weil sie um ih­rer selbst wil­len ge­liebt wer­den wol­len. Der Mensch muss per­ma­nent nach Aus­drucks­wei­sen su­chen, die ei­ner­seits sei­ne in­di­vi­du­el­le Per­sön­lich­keit mög­lichst au­then­tisch ar­ti­ku­lie­ren, da­mit der an­de­re ihm ver­si­chern kann, dass er um sei­ner selbst wil­len lie­bens­wert ist. Und die­se Aus­drucks­wei­sen müs­sen ihm an­de­rer­seits mög­lichst viel­ver­spre­chend er­schei­nen, um für den an­de­ren tat­säch­lich lie­bens­wert zu sein, denn er hängt von die­ser An­er­ken­nung in der Kon­sti­tu­ti­on sei­nes Selbst­wert­ge­fühls ganz we­sent­lich ab – und das um­so mehr, je stär­ker er um sei­ner selbst wil­len ge­liebt wer­den will.

— Der Text ist ein Aus­zug aus dem Buch „Neue Freun­de – Über Freund­schaft in Zei­ten von Face­book“, Tr­an­script Ver­lag, März 2017.

Der Au­tor ist pro­mo­vier­ter Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Pu­bli­zist.

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