Das ver­heißt nichts Gu­tes

Ste­ven Hill kri­ti­siert die an­hal­ten­de Eu­pho­rie um Start-ups, de­ren Me­tho­den den So­zi­al­staat rui­nie­ren

Der Tagesspiegel - - POLITISCHE LITERATUR - Von Til Knip­per

Wenn es um Zu­kunft, Di­gi­ta­li­sie­rung, die Start-up-Öko­no­mie, um künst­li­che In­tel­li­genz, das In­ter­net der Din­ge oder Ro­bo­ter­tech­nik geht, gibt es welt­weit ei­nen Ort der Ver­hei­ßung: das Si­li­con Val­ley vor den To­ren von San Fran­cis­co. Deut­sche Ma­na­ger pil­gern an­däch­tig nach Ka­li­for­ni­en in die Zen­tra­len von Goog­le, Face­book und App­le, um sich wie klei­ne Schul­jun­gen die gro­ße neue Welt er­klä­ren zu las­sen.

Wer sich in Deutsch­land mit Po­li­ti­kern, Ge­schäfts­leu­ten, Tech­no­lo­gie­ex­per­ten oder Un­ter­neh­mens­grün­dern un­ter­hält, hört im­mer wie­der den­sel­ben Wunsch: „Deutsch­land muss wer­den wie das Si­li­con Val­ley. Wo ist das deut­sche Face­book, wo das deut­sche Goog­le oder

App­le?“Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel hat die Start-up-Kul­tur so­gar schon als

He­fe be­zeich­net, die die deut­sche Wirt­schaft wei­ter wach­sen lie­ße. Für die EU-Kom­mis­si­on ist die di­gi­ta­le Wirt­schaft „der wich­tigs­te Trei­ber für In­no­va­ti­on, Wett­be­werbs­fä­hig­keit und Wachs­tum“.

Bei so viel Eu­pho­rie ist es äu­ßerst er­fri­schend, wenn je­mand kräf­tig auf die Brem­se tritt. Das un­ter­nimmt der US-Au­tor und Jour­na­list Ste­ven Hill mit sei­nem neu­en Buch „Die Start-up Il­lu­si­on. Wie die In­ter­net-Öko­no­mie un­se­ren So­zi­al­staat rui­niert“. Hill hat selbst lan­ge im Si­li­con Val­ley ge­wohnt. Er warnt an­ge­sichts der ge­sell­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung: „Seid vor­sich­tig mit dem, was ihr euch wünscht!“Auch in Deutsch­land kennt sich der Au­tor gut aus; er hat 2016 meh­re­re Mo­na­te an der Ame­ri­can Aca­de­my in Berlin ver­bracht.

Der Wirt­schafts­jour­na­list Hill strei­tet zwar nicht ab, dass die In­ter­net-Öko­no­mie mit neu­en Ge­schäfts­mo­del­len, Pro­duk­ten und Di­enst­leis­tun­gen un­se­re Le­bens­qua­li­tät ge­stei­gert hat. Er kri­ti­siert je­doch scharf, dass de­ren Schat­ten­sei­ten bis­her kaum be­leuch­tet wer­den.

Sei­ne größ­te Sor­ge be­steht dar­in, dass wir es erst­mals in der Mensch­heits­ge­schich­te mit ei­ner Tech­no­lo­gie zu tun ha­ben, die nicht zu mehr, son­dern zu we­ni­ger Ar­beits­plät­zen führt und in der die „krea­ti­ve Zer­stö­rung“mehr zer­stört als krea­tiv be­wirkt.

Als Be­leg führt Hill an, wie we­nig fes­te Ar­beits­plät­ze die tech­no­lo­gisch füh­ren­den Un­ter­neh­men aus dem Val­ley bis­her ge­schaf­fen ha­ben: App­le be­schäf­tigt in den USA 66 000 Voll­zeit­mit­ar­bei­ter, bei Goog­le sind es 60 000, und Face­book hat so­gar nur 12 000 un­ter Ver­trag. Zum Ver­gleich: Volks­wa­gen be­schäf­tigt al­lein in Deutsch­land rund 280 000 Men­schen.

Das Ex­trem­bei­spiel der neu­en Platt­form­wirt­schaft ist der Ar­beits­ver­mitt­ler Up­work. Hill schil­dert ein­drucks­voll, wie ge­ra­de ein­mal 250 Mit­ar­bei­ter on­li­ne ein Heer von zehn Mil­lio­nen Frei­be­ruf­lern in al­ler Welt steu­ern. Hier bie­ten Fach­kräf­te aus ver­schie­dens­ten Be­rei­chen ih­re Di­ens­te po­ten­zi­el­len Auf­trag­ge­bern an. Der Ha­ken: Es kon­kur­rie­ren Fre­e­lan­cer aus In­dus­trie­na­tio­nen wie den USA oder Deutsch­land mit An­bie­tern aus In­di­en, den Phil­ip­pi­nen oder Ru-

Es ent­steht ein Pre­ka­ri­at schlecht be­zahl­ter Frei­be­ruf­ler

mä­ni­en. Die Fol­ge ist ei­ne Ver­stei­ge­rung der Auf­trä­ge nach un­ten, bei der die bil­li­gen Ar­beits­kräf­te aus den Ent­wick­lungs­län­dern die­je­ni­gen aus den In­dus­trie­na­tio­nen un­ter­bie­ten. Es ent­steht ein welt­wei­tes Frei­be­ruf­ler­pre­ka­ri­at, das selbst in den USA oder Deutsch­land nicht den Min­dest­lohn ver­dient, weil der nur für Fest­an­ge­stell­te gilt. Der ein­zi­ge Pro­fi­teur ist Up­work selbst. Für je­den Auf­trag kas­siert die Platt­form ei­ne Ver­mitt­lungs­ge­bühr von 20 bis 30 Pro­zent.

Wer nun ein­wen­den will, dass Up­work in der so­zia­len Markt­wirt­schaft Deutsch­land kei­ne Nut­zer ha­be, lernt bei der Lek­tü­re, dass hier­zu­lan­de 18 000 Men­schen ih­re Ar­beits­kraft über die­se Platt­form an­bie­ten; üb­ri­gens oh­ne dass die Fi­nanz­äm­ter oder Ar­beits­agen­tu­ren da­von wis­sen, wie Hill re­cher­chiert hat.

Die­ser neue Typ von Start-ups weist aber noch ei­ne wei­te­re, be­un­ru­hi­gen­de Ei­gen­schaft auf: Er wei­gert sich, Ge­set­ze ein­zu­hal­ten oder Steu­ern zu zah­len, wie man am Ta­xi­dienst Uber oder der Über­nach­tungs­platt­form Airb­nb se­hen kann. Sie bie­ten ih­re Di­ens­te welt­weit an, oh­ne Brand­schutz- oder Si­cher­heits­vor­schrif­ten ein­zu­hal­ten oder Ge­büh­ren zu ent­rich­ten, wie es ih­re Kon­kur­ren­ten aus dem re­gu­lä­ren Ta­xi- und Ho­tel­ge­wer­be ge­set­zes­treu tun. Auf die­se Wei­se ver­nich­ten sie Ar­beits­plät­ze, scha­den den öf­fent­li­chen Haus­hal­ten und sor­gen da­für, dass die Ge­win­ne aus neu­en Tech­no­lo­gi­en und Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­run­gen in die Ta­schen ei­ner im­mer klei­ner wer­den­den Grup­pe Su­per­rei­cher flie­ßen.

Da wirkt es wie ein Trep­pen­witz, wenn aus den Vor­stands­eta­gen der Tech-Un­ter­neh­men im­mer häu­fi­ger die Ein­füh­rung ei­nes be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens ge­for­dert wird. Wie das fi­nan­ziert wer­den soll, sa­gen die no­to­ri­schen Steu­er­ver­wei­ge­rer al­ler­dings nicht.

Man muss nicht so weit ge­hen wie Hill, der die Ge­fähr­lich­keit der neu­en Tech­no­lo­gi­en mit dem Ein­satz von Do­ping im Sport, dem Klo­nen oder gar der Skla­ven­und Kin­der­ar­beit ver­gleicht. Wenn sein le­sens­wer­tes Buch aber für ei­ne kri­ti­sche De­bat­te über die Start-up-Kul­tur sor­gen soll­te, hät­te er viel er­reicht.

— Der Au­tor stellt sein Buch am Don­ners­tag, 8. Mai, um 12 Uhr 30 im Te­le­fo­ni­ca Ba­se­camp vor (Mit­tel­stra­ße 51, 10117 Berlin). Mo­de­riert wird die eng­lisch­spra­chi­ge Ver­an­stal­tung von Ta­ges­spie­gel-Re­dak­teur Mal­te Leh­ming. Kos­ten­lo­se An­mel­dung über www.ba­se­camp.te­le­fo­ni­ca.de

Wie die In­ter­net-Öko­no­mie un­se­ren So­zi­al­staat rui­niert. Ver­lag Knaur, Mün­chen 2017.

272., 14,99 €.

Fo­to: Kay Nietfeld/dpa

Co­wor­king Space. Einst schrie­ben Li­te­ra­ten im Kaf­fee­haus Ge­dich­te. Heu­te sit­zen da Com­pu­ter-Nerds, und manch ei­ner bie­tet sei­ne Ar­beits­zeit im Netz an – oh­ne läs­ti­gen Ta­rif­ver­trag. Ge­se­hen im stadt­be­kann­ten Ca­fé „St. Ober­holz“in Mit­te.

Ste­ven Hill:

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