Das ist doch rei­ne Kunst

Ei­ne al­te Vil­la, kei­ne Be­woh­ner – aber vie­le Ide­en: Wie ei­ne Künst­ler­grup­pe in Stahns­dorf ein ver­las­se­nes Ge­bäu­de er­obert

Der Tagesspiegel - - BERLIN/BRANDENBURG - Von Ju­lia Fre­se, Stahns­dorf

Das Mäd­chen­zim­mer ist ro­sa ge­stri­chen, in ei­ne Ecke hat je­mand mit Filz­stift ein klei­nes Ein­horn an die Wand ge­zeich­net. Man könn­te mei­nen, die Be­woh­ne­rin sei ges­tern erst aus­ge­zo­gen – wä­re da nicht die selt­sam ver­form­te Hei­zungs­ver­klei­dung: Ein paar der Holz­stre­ben sind gen Zim­mer­de­cke ge­bo­gen, an­de­re schei­nen in der Luft zu schwe­ben, so als ha­be ein star­ker Wind sie durch den Raum ge­weht.

Sie sind Teil des Werks, das die In­stal­la­ti­ons­künst­le­rin Su­san­ne Ru­off ge­schaf­fen hat. Ru­off ge­hört zur Künst­ler­grup­pe „Ar­tE­vent“, die zu ei­ner un­ge­wöhn­li­chen Aus­stel­lung nach Bran­den­burg la­den. Un­ter dem Mot­to „Durch­zug“wol­len die zwölf Künst­ler neue Per­spek­ti­ven auf ei­ne al­te Vil­la er­öff­nen, die der Fa­b­ri­kant Al­bert Par­de­mann 1910 er­bau­en ließ.

„Un­ser An­satz ist es, zu zei­gen, dass das Haus noch gut nutz­bar ist“, sagt Frau­ke Schmidt-Thei­lig, ein Grün­dungs­mit­glied der Grup­pe. Art-Event ver­an­stal­tet seit 2000 ein­mal jähr­lich ei­ne tem­po­rä­re Aus­stel­lung, meist in be­son­de­ren, vor­über­ge­hend leer­ste­hen­den Ge­bäu­den. „Man­che Men­schen den­ken, wir woll­ten die Häu­ser für uns be­an­spru­chen“, sagt Schmidt-Thei­lig. Das sei al­ler­dings ein Miss­ver­ständ­nis. Auch wenn vie­le der Grup­pen­mit­glie­der im­mer­hin von ih­rer Kunst le­ben könn­ten – die Mie­te für ein sol­ches Haus wür­de dann doch über ih­re Ver­hält­nis­se ge­hen.

Das ver­sinn­bild­licht wohl keins der Kunst­wer­ke bes­ser als die un­ge­wöhn­li­che Carl-Spitz­weg-In­ter­pre­ta­ti­on von An­ke Foun­tis. Auf dem Dach­bo­den der Vil­la liegt am zu­gi­gen Rund­fens­ter auf ei­ner Ma­trat­ze der „ar­me Po­et“aus Spitz­wegs be­kann­tes­tem Ge­mäl­de – als Papp- ma­ché-Fi­gur. Zwi­schen den Lip­pen den Fe­der­kiel hal­tend zer­drückt er mit Dau­men und Zei­ge­fin­ger der rech­ten Hand ei­nen Floh, über sich hat er ei­nen Re­gen­schirm zum Schutz vor durch­si­ckern­der Feuch­tig­keit ge­spannt. An­ke Foun­tis nennt ihr Werk iro­nisch „Der ers­te neue Mie­ter“: „Wie wir wird er aber am En­de der Aus­stel­lung wie­der aus­zie­hen.“

Was dann mit dem Haus pas­siert, ist noch un­klar: Seit im Herbst die letz­ten Be­woh­ner des Erd­ge­schos­ses aus­ge­zo­gen sind, strei­tet die Ge­mein­de dar­über. Bür­ger­meis­ter Bernd Al­bers (Bür­ger für Bür­ger) ar­bei­tet der­zeit an ei­nem Nut­zungs­kon­zept für das Ge­bäu­de, das er im Ju­ni der Ge­mein­de­ver­tre­tung prä­sen­tie­ren wird. Zu­letzt hat­te die Kreis­volks­hoch­schu­le In­ter­es­se an­ge­mel­det, ih­re Haupt­ge­schäfts­stel­le in die Ruhls­dor­fer Stra­ße 1 zu ver­le­gen. „Wir möch­ten uns gern noch stär­ker in der Re­gi­on ver­an­kern und den­ken, dass der Stand­ort ei­ner Die al­te Vil­la wird nun zwei Wo­chen als Kul­tur­ort in Stahns­dorf ge­nutzt, nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter süd­lich von Berlin. ist, an dem wir ge­se­hen wer­den“, sagt In­dra Kühl­cke, Lei­te­rin der Kreis­volks­hoch­schu­le.

Chris­ti­an Küm­pel, Ver­tre­ter der Stahns­dor­fer FDP, hat­te vor ei­ni­gen Wo­chen die Be­fürch­tung ge­äu­ßert, die Sa­nie­rungs­kos­ten wür­den für die Ge­mein­de zu hoch. Bei ei­nem Gut­ach­ten im Jahr 2015 wur­den die Kos­ten auf 550 000 Eu­ro ge­schätzt, Küm­pel hält die­se Sum­me je­doch für zu nied­rig an­ge­setzt. Frau­ke Schmidt-Thei­lig ist da an­de­rer An­sicht. „Die Sub­stanz des Hau­ses ist noch ab­so­lut in Ord­nung“, sagt sie. Auch Küm­pels Ar­gu­ment, es sei nicht ge­nug Platz zum Par­ken rund um das Ge­bäu­de vor­han­den, um es kul­tu­rell zu nut­zen, hält sie für vor­ge­scho­ben. „Al­lein hin­ter dem Haus sind es neun Qua­drat­me­ter“, so Schmidt-Thei­lig. Au­ßer­dem ge­be es noch ein Nach­bar­grund­stück, das die Ge­mein­de zu­kau­fen könn­te. Wich­tig ist der Grup­pe Art-Event vor al­lem, den his­to­ri­schen Wert zu er­hal­ten, der in der Vil­la steckt. Bau­ele­men­te wie das bun­te Mo­sa­ik­fens­ter im Trep­pen­haus oder den Ka­chel­ofen mit Bl­ei­gla­sur in der ers­ten Eta­ge ge­be es heut­zu­ta­ge nicht mehr. Den Ofen hat der Künst­ler Hart­mut Sy zur In­spi­ra­ti­on für ei­ne In­stal­la­ti­on aus Draht­stä­ben ge­nutzt. Als dunk­le Schnei­se zum Fens­ter stel­len die Stä­be den „Durch­zug“dar. Auf dem Fuß­bo­den des Zim­mers hat Sy flau­schi­gen Tep­pich aus­ge­legt, um die Ge­müt­lich­keit wie­der­her­zu­stel­len, die die­ser Raum für sei­ne eins­ti­gen Be­woh­ner er­füllt ha­ben muss.

Die ers­te Eta­ge des Hau­ses war in der DDR in zwei Woh­nun­gen auf­ge­teilt, steht aber seit meh­re­ren Jah­ren leer. Ein paar Res­te Blüm­chen­ta­pe­te an den Wän­den zeu­gen noch vom Ein­rich­tungs­ge­schmack der 70er Jah­re. Wäh­rend der Aus­stel­lung sol­len die ver­las­se­nen Räu­me wie­der le­ben­dig wer­den: In ei­nem der Zim­mer lässt der Künst­ler Dou- glas Hen­der­son ei­ne In­stal­la­ti­on aus elek­trisch be­trie­be­nen He­xen­be­sen tan­zen, in ei­nem wei­te­ren wird die Künst­le­rin Gun­hild Kreu­zer zur Ver­nis­sa­ge ei­ne Thea­ter­per­for­mance zum The­ma Hei­mat und Flucht zei­gen.

Soll­te die Kreis­volks­hoch­schu­le in na­her Zu­kunft tat­säch­lich in das Haus ein­zie­hen, möch­te In­dra Kühl­cke das Ge­bäu­de nicht bloß als Ge­schäfts­stel­le und für Kur­se nut­zen. Es sol­len dann auch wei­ter­hin Räu­me für Kunst­aus­stel­lun­gen zur Ver­fü­gung ste­hen. „Das wür­de sehr gut zu un­se­rem Bil­dungs­an­ge­bot pas­sen“, so die Lei­te­rin.

— Die Aus­stel­lung ist bis 28. Mai ge­öff­net; Frei­tag bis Sonn­tag, 15 bis 19 Uhr. Adres­se: Ruhls­dor­fer Stra­ße 1. De­tails un­ter www.art-event-grup­pe.de. Ge­plant sind auch zwei Club­film­aben­de (am 19. und 20. Mai) so­wie ein Blech­blä­ser­en­sem­ble-Kon­zert (27. Mai).

Und plötz­lich ist Le­ben in der Bu­de.

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