„Die Prä­ven­ti­on wird oft igno­riert“

Stoff­wech­sel­er­kran­kun­gen wie Dia­be­tes sind schon be­las­tend ge­nug. Zu­sätz­lich er­hö­hen sie auch das Ri­si­ko für Kno­chen­brü­che, die so­ge­nann­te se­kun­dä­re Os­teo­po­ro­se. Noch zu we­nig Pa­ti­en­ten neh­men sie ernst. Wir ha­ben mit ei­ner Ex­per­tin ge­spro­chen.

Der Tagesspiegel - - BERLIN GESUND -

Frau Hell­mich, seit wann ist be­kannt, dass Dia­be­tes zu Os­teo­po­ro­se füh­ren kann?

Os­teo­po­ro­se hat man frü­her et­was ein­fa­cher ge­se­hen: Es gab die Grup­pe der post­me­no­pau­sa­len Frau­en, die durch den Ver­lust der Hor­mo­ne nach dem En­de der frucht­ba­ren Pha­se ei­ne Os­teo­po­ro­se be­kommt, und die Grup­pe der Men­schen mit ei­ner al­ters­be­ding­ten Os­teo­po­ro­se. Üb­rig blieb ei­ne va­ge Grup­pe mit un­kla­ren Ur­sa­chen, die erst in den letz­ten 15 Jah­ren stär­ker be­ob­ach­tet wur­de. Durch Stu­di­en konn­te nach­ge­wie­sen wer­den, dass Os­teo­po­ro­se auch durch Dia­be­tes und an­de­re Stoff­wech­sel­er­kran­kun­gen wie ei­ne Über­funk­ti­on der Schild­drü­se oder ei­ne Be­hand­lung mit Cor­ti­son ent­ste­hen kann.

Was pas­siert, wenn ei­ne dia­be­tes­be­ding­te Os­teo­po­ro­se vor­liegt?

Man muss zwi­schen Dia­be­tes mel­li­tus Typ 1 und Typ 2 un­ter­schei­den. Wäh­rend bei Typ 1 die Dich­te der Kno­chen mess­bar ab­nimmt, was man mit ei­ner Kno­chen­dich­te­mes­sung fest­stellt, bleibt sie bei Typ-2-Pa­ti­en­ten oft­mals nor­mal oder ist so­gar er­höht, ob­wohl es bei bei­den Dia­be­tes­for­men ver­mehrt zu Kno­chen­brü­chen kommt. Es stell­te sich her­aus, dass bei bei­den die Qua­li­tät des Kno­chen­ge­we­bes schlech­ter wird.

Und wel­che Pro­zes­se sor­gen da­für, dass die Kno­chen schwin­den? Bei Typ-1-Dia­be­tes be­wirkt zu­nächst ein­mal der Man­gel an In­su­lin, dass der Kno­chen­stoff­wech­sel aus­ge­bremst wird. Das Wachs­tums­hor­mon IGF-1 kann nur noch re­du­ziert wir­ken und die Os­te­ob­las­ten, al­so die kno­chen­auf­bau­en­den Zel­len, wer­den nicht mehr aus­rei­chend an­ge­regt. Der Kno­chen­auf­bau wird schlech­ter, die Kno­chen­dich­te nimmt ab. In der Fol­ge steigt das Ri­si­ko für Brü­che.

Ein wei­te­res Er­geb­nis des In­su­lin-Man­gels ist ein Über­maß an Zu­cker im Blut mit den be­kann­ten Aus­wir­kun­gen auf Ge­fä­ße, Nie­re und Ner­ven, aber auch auf den Kno­chen. Hier sorgt der Zu­cker da­für, dass es zur Bil­dung von „fal­schen“Pro­te­inen kommt, so­ge­nann­ten AGEs (Ad­van­ced Gly­ca­ti­on End Pro­ducts). Die Theo­rie be­sagt, dass die­se Ei­wei­ße sich im Kno­chen­ge­we­be an­sam­meln und vor­täu­schen, es wä­re ge­nü­gend Kno­chen vor­han­den. De fac­to nimmt die Qua­li­tät des Kno­chen­ge­we­bes aber ab. Bei Typ-2-Dia­be­tes kommt hin­zu, dass durch die Kas­ka­de von Fett­sucht, chro­ni­schen Ent­zün­dun­gen und Ak­ti­vie­rung von Bo- ten­stof­fen die kno­chen­ab­bau­en­den Zel­len, Os­teok­las­ten, ak­ti­viert wer­den, was wie­der­um Kno­chen­brü­che zur Fol­ge ha­ben kann.

Wie er­höht ist das Ri­si­ko für Dia­be­tes-Pa­ti­en­ten, ei­nen Kno­chen­bruch zu er­lei­den? Für Typ-1-Pa­ti­en­ten geht man von ei­nem drei- bis sechs­fa­chen Ri­si­ko aus, für Typ-2-Pa­ti­en­ten von ei­nem zwei­fa­chen. Ich den­ke aber, dass das Ri­si­ko hö­her liegt, weil Fak­to­ren wie Sturz­ge­fähr­dung durch tau­be Fü­ße nicht ein­be­rech­net wer­den. Man sagt auch, dass die se­kun­dä­ren – al­so als Fol­ge an­de­rer Er­kran­kun­gen auf­tre­ten­den – Osto­epo­ro­sen fünf Pro­zent al­ler Os­teo­po­ro­se-Fäl­le aus­ma­chen, aber für 20 Pro­zent al­ler da­durch ver­ur­sach­ten Brü­che ver­ant­wort­lich sind. Auch die­se Zahl liegt ver­mut­lich hö­her.

Bei Os­teo­po­ro­se denkt man vor al­lem an Frau­en, es er­kran­ken aber auch vie­le Män­ner.

Ja, die se­kun­dä­re Os­teo­po­ro­se be­trifft Män­ner wie Frau­en glei­cher­ma­ßen, Män­ner neh­men ja schließ­lich auch Cor­ti­son ein und be­kom­men chro­ni­sche Er­kran­kun­gen wie Dia­be­tes. Wenn ei­ne Frau aber be­reits ei­ne post­me­no­pau­sa­le Os­teo­po­ro­se hat, dann ist sie durch die­se Vor­be­las­tung ge­fähr­de­ter, bei wei­te­ren Ri­si­ko­fak­to­ren ei­nen Bruch zu er­lei­den. Bei Män­nern kom­men da­für häu­fi­ger Ni­ko­tin und Al­ko­hol als Ri­si­ko­fak­to­ren ins Spiel.

Kann es pas­sie­ren, dass die Kno­chen durch Dia­be­tes schon in jun­gen Jah­ren brü­chig wer­den?

Ei­ne Typ-1-Dia­be­tes kann schon im Kin­des­al­ter auf­tre­ten und den Kno­chen­auf­bau hem­men. Da­bei wird die ma­xi­mal er­reich­ba­re Kno­chen­mas­se un­ter­schrit­ten, was im wei­te­ren Le­bens­ver­lauf bei zu­sätz­li­chen Ri­si­ko­fak­to­ren zum Auf­tre­ten von Kno­chen­brü­chen füh­ren kann. Typ-2- Dia­be­tes hin­ge­gen ist ein Mas­sen­phä­no­men, das in der Re­gel bei Er­wach­se­nen ab 50 Jah­ren auf­tritt. Bei uns stel­len sich aber auch 30-Jäh­ri­ge vor, die be­reits im Kin­des­al­ter Fett­sucht hat­ten und bei de­nen sich der Typ-2 Dia­be­tes sehr früh ent­wi­ckelt. Durch Fol­ge­er­kran­kun­gen an Herz, Ge­hirn, Nie­re und Kno­chen er­höht sich bei ih­nen schon in jun­gen Jah­ren die Ge­fahr von Brü­chen und ih­re Le­bens­qua­li­tät kann deut­lich ein­ge­schränkt sein.

Lässt sich der Kno­chen­schwund durch ei­ne gut ein­ge­stell­te In­su­lin-The­ra­pie um­ge­hen?

Wenn ein Typ-1-Pa­ti­ent durch ei­ne In­su­lin­pum­pe gut ein­ge­stellt ist, dann mi­ni­miert sich das Ri­si­ko für ei­ne Os­teo­po­ro­se als Fol­ge­er­kran­kung. Es ist aber nicht ein­fach, ei­ne op­ti­ma­le Blut­zu­cker­re­ge­lung hin­zu­be­kom­men. Da­für muss der Pa­ti­ent sehr fit sein, mit­ma­chen und ge­nau­es­tens wis­sen, wie er mit der Pum­pe um­ge­hen muss. Selbst bei ei­ner op­ti­ma­len Ein­stel­lung lässt sich aber nicht aus­schlie­ßen, dass das Kno­chen­wachs­tum den­noch ge­hemmt wird. Da­zu gibt es bis­her zu we­ni­ge Un­ter­su­chun­gen.

Kann man das Os­teo­po­ro­se-Ri­si­ko als Dia­be­tes-Pa­ti­ent al­so selbst min­dern?

Ja, gera­de bei Dia­be­tes mel­li­tus Typ 2 ist das mög­lich. Lei­der wird die Prä­ven­ti­on aber oft igno­riert, Sprit­zen er­scheint nun mal ein­fa­cher als Ver­hal­tens­än­de­run­gen. Doch wer sei­ne Er­näh­rung an­passt, sei­ne Ei­gen­wahr­neh­mung schult, den Kör­per trai­niert und sich selbst mehr Wert­schät­zung ent­ge­gen­bringt, kann viel be­wir­ken.

— Das Ge­spräch führ­te Mir­co Lo­moth. Ma­ya Hell­mich ist Chef­ärz­tin der Ab­tei­lung für Os­teo­lo­gie und Stoff­wech­sel­er­kran­kun­gen am Im­ma­nu­el Kran­ken­haus Ber­lin in Wann­see.

Fo­to: Kit­ty Kleist-Hein­rich

Der Pa­ti­ent muss mit­ma­chen. Ei­ne gut ein­ge­stell­te In­sulin­the­ra­pie mi­ni­miert das Ri­si­ko der se­kun­dä­ren Os­teo­po­ro­se.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.