Trick­sen mit der Bür­ge­r­ener­gie wird schwie­ri­ger

Die Ko­ali­ti­on schließt ein Schlupf­loch in den Aus­schrei­bungs­re­geln für Wind­rä­der. Groß­un­ter­neh­men pro­fi­tie­ren trotz­dem

Der Tagesspiegel - - POLITIK -

Ber­lin - Von „Bür­ge­r­ener­gie“hat­ten vie­le Ak­teu­re der Ener­gie­wen­de bis vor Kur­zem ei­ne fast ro­man­ti­sche Vor­stel­lung: Land­wir­te und an­de­re en­ga­gier­te Bür­ger grün­den zum Bei­spiel ei­ne Ge­nos­sen­schaft, die ei­ni­ge Wind­rä­der be­treibt – Ge­winn­erzie­lung und Kos­ten­mi­ni­mie­rung ste­hen da­bei nicht an ers­ter Stel­le.

Um­so er­staun­li­cher, dass im Mai bei der ers­ten Aus­schrei­bungs­run­de für Wind­kraft an Land Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaf­ten 93 Pro­zent der ins­ge­samt 70 Pro­jek­te Zu­schlä­ge er­hiel­ten. Da kam so­fort Miss­trau­en auf: Ste­hen hin­ter den Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaf­ten Stroh­män­ner von Groß­un­ter­neh­men?

Den Be­griff Stroh­mann will in der Po­li­tik und bei der für die Aus­schrei­bun­gen zu­stän­di­gen Bun­des­netz­agen­tur nie­mand in den Mund neh­men. Doch schließt die gro­ße Ko­ali­ti­on jetzt im Eil­ver­fah­ren ei­ne wich­ti­ge Lü­cke in den Re­ge­lun­gen für Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaf­ten: Das Pri­vi­leg, dass die­se Ge­sell­schaf­ten zum Zeit­punkt ih­rer Teil­nah­me an Aus­schrei­bun­gen noch kei­ne Ge­neh­mi- gung nach dem Bun­des-Im­mis­si­ons­schutz­ge­setz für ih­re Wind­rä­der brau­chen, soll für das Jahr 2018 ge­stri­chen wer­den.

Selbst das war nicht so ein­fach: Die Strei­chung soll nur für die bei­den Aus­schrei­bungs­run­den im Fe­bru­ar und im Mai gel­ten. Ei­ne dau­er­haf­te Re­ge­lung hat­te die CDU/CSU-Frak­ti­on im Bun­des­tag ab­ge­lehnt. Au­ßer­dem woll­te die Uni­on nicht, dass die Neu­re­ge­lung schon bei der Aus­schrei­bung im No­vem­ber 2017 greift. Sie hat­te Sor­gen um die In­ves­ti­tio­nen der ver­schie­de­nen Pro­jek­tie­rer – da­bei wur­den die Ge­sell­schaf­ten oh­ne­hin erst we­ni­ge Wo­chen vor den Aus­schrei­bun­gen ei­gens da­für ge­grün­det.

Um die Ab­schaf­fung des Pri­vi­legs für Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaf­ten über­haupt noch vor der Som­mer­pau­se und da­mit vor der Bun­des­tags­wahl durchs Par­la­ment zu be­kom­men, hat die Ko­ali­ti­on die Än­de­rung als Pa­ra­graf 36 in das Mie­ter­strom­ge­setz ein­ge­fügt. Die­ses wur­de am Don­ners­tag vom Bun­des­tag ver­ab­schie­det. Der Stroh­mann-Ver­dacht war auf­ge­kom­men, weil sich in vie­len der bei der Auk­ti­on er­folg­rei­chen Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaf­ten Mit­ar­bei­ter der gro­ßen Er­neu­er­ba­ren-Un­ter­neh­men En­er­trag und Pro­wind fan­den. Drei Vier­tel der Bür­ger­wind­parks, die ei­nen Zu­schlag be­kom­men hat­ten, ha­ben ei­ne di­rek­te oder in­di­rek­te Be­tei­li­gung pro­fes­sio­nel­ler Pro­jekt­ent­wick­ler.

Die Bun­des­netz­agen­tur prüft jetzt zwar, ob die Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaf­ten echt sind. Da­bei geht es aber nur um for­ma­le Kri­te­ri­en und nicht um die Ver­flech­tung der Ge­sell­schaf­ter mit Groß­un­ter­neh­men. Die Idee, statt zehn na­tür­li­chen Per­so­nen für die Grün­dung ei­ner Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaft hun­dert vor­zu­schrei- ben, um Stroh­mann-Ge­schäf­te zu er­schwe­ren, war in den Ko­ali­ti­ons­frak­tio­nen nicht durch­zu­set­zen.

Bei den Pri­vi­le­gi­en für die Bür­ge­r­ener­gie geht es aber nicht nur dar­um, ob die rich­ti­gen Ak­teu­re be­güns­tigt wer­den. Der vor­läu­fi­ge Ver­zicht auf die Ge­neh­mi­gung nach dem Bun­des-Im­mis­si­ons­schutz­ge­setz hat zur Fol­ge, dass Bür­ge­r­ener­gie­ge­sell­schaf­ten nach dem Zu­schlag bei der Auk­ti­on vier­ein­halb Jah­re Zeit ha­ben, die­se Ge­neh­mi­gung ein­zu­ho­len. Da­mit pro­fi­tie­ren sie von sin­ken­den Prei­sen für die Wind­kraft­an­la­gen. Be­kom­men ei­ni­ge der Ge­sell­schaf­ten kei­ne Ge­neh­mi­gung oder kei­ne Fi­nan­zie­rung, kann es zu ei­nem Ein­bruch des Wind­kraft-Aus­baus in den nächs­ten Jah­ren kom­men. So warnt Oli­ver Kri­scher, Frak­ti­ons­vi­ze der Grü­nen im Bun­des­tag, dass es am En­de zu vie­le „Pa­pier­müh­len“ge­ben wer­de, al­so Wind­rä­der, die den Zu­schlag er­hiel­ten, je­doch nie ge­baut wür­den. Des­we­gen for­dern die Län­der, dass un­ge­nutz­te Ka­pa­zi­tä­ten wie­der neu aus­ge­schrie­ben wer­den.

Fo­to: Patrick Pleul/dpa

Im Auf­bau. Ein Wind­ener­gie­park na­he Sie­vers­dorf in Bran­den­burg.

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