In Sit­ten­haft

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len, sei sie so­fort blass ge­wor­den, sagt Ma­di­na. Sie ahnt, was pas­sie­ren wür­de. An die­sem Abend war ihr Han­dy ge­stoh­len wor­den. Auf dem Ge­rät wa­ren Fo­tos ge­spei­chert, Bil­der von ihr in ei­nem Club mit Bier­fla­sche in der Hand. In ei­ner Bar mit Zi­ga­ret­te. Bil­der von ihr, nackt. Sie tauch­ten we­nig spä­ter in Whatsapp-Chat­grup­pen auf, in de­nen Tsche­tsche­nen mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren.

Der On­kel fällt Ma­di­nas To­des­ur­teil, die El­tern stim­men zu, er in­stru­iert die Mut­ter, am nächs­ten Tag mit der Toch­ter nach Mos­kau und von dort wei­ter nach Tsche­tsche­ni­en zu flie­gen. Dort wür­den sie ihn tref­fen.

Ein be­kann­tes, aber sel­te­nes Vor­ge­hen, sa­gen Tsche­tsche­ni­en-Ex­per­ten. Sel­ten ist das Dras­ti­sche des Falls, be­kannt sind der Hang zur Ge­walt und die An­läs­se da­für. Pro­ble­me – auch sol­che, die kei­ne sind – wer­den in­ner­halb der Fa­mi­li­en ge­klärt. Ver­meint­li­che Ehr­be­grif­fe spie­len ei­ne gro­ße Rol­le, die Prä­gung der Men­schen durch Krieg, Ter­ro­ris­mus, Re­li­gi­on. Äl­te­re Tsche­tsche­nen sind oft mo­de­ra­te Mus­li­me, jün­ge­re fin­den zu­neh­mend den ra­di­ka­len Is­lam at­trak­tiv. Archai­sche Moral­vor­stel­lun­gen ha­ben vie­le, es gibt Be­rich­te über Ge­fäng­nis­se, in de­nen Schwu­le ge­fol­tert wer­den. Weil das so ist, hat An­fang Ju­ni erst­mals ein Ho­mo­se­xu­el­ler aus Tsche­tsche­ni­en in Deutsch­land das sel­ten ge­währ­te „hu­ma­ni­tä­re Asyl“er­hal­ten.

Die tsche­tsche­ni­sche Ge­sell­schaft fol­ge drei Ge­set­zen, sagt Ek­ke­hard Maaß, der Vor­sit­zen­de der Deutsch-Kau­ka­si­schen Ge­sell­schaft. Das ers­te – und un­wich­tigs­te – sei die rus­si­sche Ver­fas­sung. Das zwei­te sei die Scha­ria. Und dann gibt es noch Adat, die tief in der Men­ta­li­tät der Tsche­tsche­nen ver­wur­zel­ten tra­di­tio­nel­len Nor­men. Ei­ni­ge da­von kol­li­die­ren mit dem deut­schen Recht.

ObÜber­set­zer im Lan­des­amt für Flücht­lings­an­ge­le­gen­hei­ten, ob So­zi­al­ar­bei­ter, Häft­lin­ge, Po­li­zis­ten oder Staats­an­wäl­te – sie al­le be­rich­ten, dass Tsche­tsche­nen in Ber­lin be­son­ders oft auf­fäl­lig sind. In den sala­fis­ti­schen Mo­sche­en der Stadt ge­ben oft Tsche­tsche­nen den Ton an. Auch in der Fus­si­let-Mo­schee in Moabit wa­ren Tsche­tsche­nen ak­tiv. Dort hat­te sich der tu­ne­si­sche Asyl­be­wer­ber Anis Am­ri auf­ge­hal­ten – kurz vor dem Mas­sa­ker am Breit­scheid­platz, wo Am­ri im De­zem­ber zwölf Men­schen tö­te­te. In Hei­men ha­ben Tsche­tsche­nen christ­li­che Asyl­be­wer­ber an­ge­grif­fen – in Ma­ri­en­fel­de jag­ten 2014 fast 100 Tsche­tsche­nen 30 Sy­rer. Im Mai ha­ben mut­maß­lich Tsche­tsche­nen auf ei­ne Ro­cker-Bar in Wed­ding ge­schos­sen. Aus den Haft­an­stal­ten ist zu hö­ren, Tsche­tsche­nen set­zen an­de­re Ge­fan­ge­ne un­ter Druck: „Die Tsche­tsche­nen ha­ben straf­fe Hier­ar­chi­en“, sagt ein Ber­li­ner Ex-Häft­ling ara­bi­scher Her­kunft. „Und dau­ernd kom­men die mit Gott.“

Er­mitt­ler be­rich­ten, dass Tsche­tsche­nen aus Ber­lin, aber auch Brüs­sel und Ko­pen­ha­gen re­gel­mä­ßig an der deutsch-pol­ni­schen Gren­ze an­ge­trof­fen wer­den. Es reis­ten al­so nicht nur Män- ner vom Kau­ka­sus nach Deutsch­land ein – son­dern auch aus, um ein paar Wo­chen da­nach wie­der­zu­kom­men. „Wir wis­sen nicht, war­um“, sagt ein Ber­li­ner Po­li­zist. Es könn­te um Schmug­gel al­ler Art ge­hen. „Vor deut­schen Be­hör­den ha­ben die kei­ne Angst, die sind’s ge­wohnt, al­les un­ter sich zu re­geln.“

Der On­kel legt auf, bucht die Flü­ge. Ma­di­nas Mut­ter be­wacht die Toch­ter, sucht ih­re Pa­pie­re, schließt sie weg. Den Rest der Nacht herrscht Schwei­gen. Ge­gen 6 Uhr ruft der On­kel wie­der an, er hat die Ti­ckets nach Gros­ny.

Um 6 Uhr 31, die Mut­ter hat das Zim­mer ver­las­sen, um den Va­ter zu we­cken, nimmt Ma­di­na de­ren Han­dy und ruft die Po­li­zei. Sie sagt, sie sei Mus­li­ma, ih­re El­tern hät­ten ge­ra­de her­aus­ge­fun­den, sie ha­be ei­nen Freund – was nicht stimmt, aber die­se Er­klä­rung scheint ihr in der Kür­ze an­ge­mes­se­ner – und woll­ten sie nun um­brin­gen. Sechs Mi­nu­ten spä­ter ste­hen die Be­am­ten an der Tür.

Ma­di­na sagt, dass ih­re Mut­ter be­gann, sie zu um­ar­men, als die Po­li­zis­ten die Woh­nung be­tra­ten. Im Schlaf­an­zug und oh­ne ih­re Pa­pie­re wird Ma­di­na in ein Haus für miss­brauch­te Frau­en ge­bracht.

Nach ei­ner Wo­che te­le­fo­niert sie mit den El­tern. Die sa­gen, es tä­te ih­nen leid, ih­re Toch­ter so ge­ängs­tigt zu ha­ben. Sie wür­den die Dro­hun­gen und die Schimpf­wör­ter be­reu­en. Ma­di­na ver­lässt das Frau­en­haus und kehrt zur Fa­mi­lie zu­rück.

Ein Feh­ler. So­bald sie in der Woh­nung ist, schlägt die Mut­ter sie zu­sam­men, schnei­det ihr die Haa­re ab. Es folgt ei­ne Fahrt zur Frau­en­ärz­tin. Als die be­stä­tigt, Ma­di­na sei Jung­frau, ent­spannt sich die Mut­ter. Mit dem Tod soll Ma­di­na nicht mehr be­straft wer­den.

Die Toch­ter be­kommt statt­des­sen ein Kopf­tuch und Haus­ar­rest: sie sol­le auf ihr Schick­sal war­ten, was, wie sie ver­mu­tet, nichts an­de­res als ei­ne Hei­rat mit ei­nem äl­te­ren Tsche­tsche­nen be­deu­ten wür­de. Ei­ne Wo­che dar­auf schafft sie es, zu ent­kom­men. Sie ruft die Po­li­zei. Die nimmt sie mit un­ter dem Vor­wand, sie wür­de zum Dieb­stahl ih­res Han­dys er­mit­teln.

Es folgt die Flucht aus Ber­lin. Ma­di­na ist kei­ne Fe­mi­nis­tin und kei­ne an­ti­is­la­mi­sche Ak­ti­vis­tin, mehr als al­les an­de­re möch­te sie ein Le­ben füh­ren, wel­ches für deut­sche jun­ge Er­wach­se­ne selbst­ver­ständ­lich ist. Sie liebt es zu fei­ern, trägt far­bi­ge Kon­takt­lin­sen und ei­ne auf­fäl­li­ge Fri­sur, hat ei­nen schwu­len bes­ten Freund und seit Kur­zem ei­ni­ge Tat­toos. Doch sie ver­bringt die meis­te Zeit in ih­rem Zim­mer in Angst.

Nicht nur sie soll sich fürch­ten. In dem Vi­deo, das sich auf Whatsapp-Ka­nä­len ver­brei­tet, die von der Tsche­tsche­nen-Ge­mein­schaft in Deutsch­land be­nutzt wer­den, ist ein Mann mit Sturm­hau­be über dem Kopf zu se­hen. Er zielt mit ei­ner Pis­to­le auf die Ka­me­ra, ei­ne Män­ner­stim­me spricht: „As-sa­la­mu alay­kum, mus­li­mi­sche Brü­der und Schwes­tern, ihr wisst es, ich weiß es, je­der weiß es.“Die un­aus­sprech­ba­ren Din­ge.

„Die­je­ni­gen“, sagt die Stim­me, „die un­se­re na­tio­na­le Iden­ti­tät ver­lo­ren ha­ben, die mit Män­nern aus an­de­ren eth­ni­schen Grup­pen flir­ten und sie hei­ra­ten, tsche­tsche­ni­sche Frau­en, die den fal­schen Weg ein­ge­schla­gen ha­ben und die­je­ni­gen, die sich selbst tsche­tsche­ni­sche Män­ner nen­nen – wir wer­den das re­geln.“

Et­wa 80 Gleich­ge­sinn­te sei­en sie, „wei­te­re wol­len bei­tre­ten“. Sie hät­ten auf den Koran ge­schwo­ren, „wir ge­hen raus auf die Stra­ßen. Sag nicht, du seist nicht ge­warnt wor­den. Sag nicht, du hät­test es nicht ge­wusst.“

Die Bot­schaft en­det mit den Wor­ten: „Mö­ge Al­lah uns Frie­den ge­wäh­ren und un­se­re Fü­ße auf den Weg zur Ge­rech­tig­keit set­zen.“In den ver­gan­ge­nen Wo­chen soll die Grup­pe min­des­tens zwei jun­ge Frau­en ver­prü­gelt ha­ben.

Die Vi­deo­bot­schaft der Grup­pe ist der Ber­li­ner Po­li­zei be­kannt. In­zwi­schen er­mit­telt der Staats­schutz we­gen „Stö­rung des Rechts­frie­dens durch An­dro­hung von Straf­ta­ten“– ge­gen Un­be­kannt. Wei­te­re De­tails wol­le man we­gen der lau­fen­den Er­mitt­lun­gen nicht nen­nen.

Fa­ti­ma kennt die De­tails. Sie ist ge­ra­de noch da­von­ge­kom­men. Fa­ti­ma ist nicht ihr rich­ti­ger Na­me. Auch mit ihr kann man spre­chen, so­lan­ge nicht all­zu vie­le De­tails von dem, was sie zu be­rich­ten hat, an die Öf­fent­lich­keit ge­lan­gen. Das Tref­fen fin­det in ei­nem Ca­fé in der Ber­li­ner In­nen­stadt statt.

Ei­ne at­trak­ti­ve jun­ge Frau sitzt hier am Tisch, mit auf­wen­di­gem Ma­ke-up und ei­nem knie­lan­gen Rock. Sie sieht aus wie je­mand, der gleich­zei­tig auf­fal­len und nicht auf­fal­len möch­te.

„Mit 14 hat mich mein zu­künf­ti­ger Ehe­mann ,ge­stoh­len’“, sagt sie. Fa­ti­ma ha­be da­mals in ei­ner klei­nen tsche­tsche­ni­schen Stadt ge­lebt, und ein 20-jäh­ri­ger Mann und des­sen Freun­de ha­be sie ge­kid­nappt. Der Mann woll­te sie hei­ra­ten.

So­bald ei­ne Frau ei­ne Nacht au­ßer­halb ih­res Fa­mi­li­en­hau­ses ver­bringt, ver­liert sie „ih­re Eh­re“, sagt Fa­ti­ma. Da bleibt für sie und ih­re Fa­mi­lie nur ein Aus­weg: den Ent­füh­rer zu hei­ra­ten.

Das Paar be­kam ein Kind und wan­der­te nach Deutsch­land aus, ihr Mann ha­be Pro­ble­me mit je­man­dem aus der tsche­tsche­ni­schen Re­gie­rung ge­habt, sagt sie. In Deutsch­land „wur­de er zum Tier“. Er ver­prü­gel­te sei­ne Frau re­gel­mä­ßig, im Flücht­lings­heim be­kam er Haus­ver­bot. Fa­ti­ma und ihr Kind er­hiel­ten vom Staat ei­ne klei­ne Woh­nung in ei­nem Ber­li­ner Vo­r­ort be­zahlt. Sie ging in ei­nen Deutsch­kurs. Den­noch blieb sie in der tsche­tsche­ni­schen Com­mu­ni­ty in Ber­lin – in ei­ner Par­al­lel­ge­sell­schaft, in der fast je­der je­den kennt und kaum ein Ge­heim­nis un­ent­deckt zu blei­ben scheint. Und sei es noch so ba­nal.

Nicht ein­mal die­ses zum Bei­spiel: Im No­vem­ber wur­de Fa­ti­ma nicht weit von ih­rem Haus ge­filmt, von ei­nem Be­kann­ten, wie sich her­aus­stell­te. Sie ging da­mals spa­zie­ren, ne­ben ei­nem Mann, der kein Tsche­tsche­ne war, und sprach mit ihm.

Das reich­te. AmAbend­die­ses Ta­ges ver­sam­mel­ten sich vor ih­rem Haus meh­re­re Dut­zend tsche­tsche­ni­sche Män­ner, die sie zur Re­de stel­len woll­ten. Fa­ti­ma floh zu ei­ner Nach­ba­rin. Der Mann, der sie beim Spa­zie­ren­ge­hen be­glei­te­te, wur­de an­ders­wo auf­ge­spürt und zu­sam­men­ge­schla­gen. Er ver­lor fast al­le Zäh­ne.

„Ich ken­ne die­se Män­ner nicht und möch­te sie nicht ken­nen“, sagt Fa­ti­ma. „Ich möch­te in Ru­he ge­las­sen wer­den.“

Ma­di­na sagt: „Wenn du dei­nen Na­men nicht än­derst und dein Ge­sicht, dann wer­den sie dich ja­gen, dann wer­den sie dich tö­ten.“Sie denkt über plas­ti­sche Chir­ur­gie nach, und dar­über, ih­ren Na­men zu än­dern. Da­für al­ler­dings müss­te sie bei ei­nem tsche­tsche­ni­schen Mel­de­amt vor­spre­chen. Die Ge­fahr wä­re groß, sich mit ei­nem Be­hör­den­gang je­ner Ge­sell­schaft, aus der sie floh, ge­wis­ser­ma­ßen selbst aus­zu­lie­fern.

Tsche­tsche­nen gel­ten als be­son­ders ge­schlos­se­ne Na­ti­on. Nach den Tsche­tsche­ni­en­krie­gen, die die rus­si­sche Ar­mee nach der Wen­de ge­gen die ab­trün­ni­ge Teil­re­pu­blik führ­te, ra­di­ka­li­sier­te sich die Ju­gend: Vie­le schlos­sen sich dem IS an. Die mehr als 1,5 Mil­lio­nen Tsche­tsche­nen le­ben auch in den eben­falls rus­si­schen Teil­re­pu­bli­ken In­gu­sche­ti­en und Da­ges­tan so­wie im Nach­bar­staat Ge­or­gi­en und selbst in Ka­sachs­tan.

Die Ge­sell­schaft scheint im Her­kunfts­land li­be­ra­ler zu sein als im Ber­li­ner Exil. Ma­di­na sagt, dass es zu­min­dest die jun­gen Frau­en in Tsche­tsche­ni­en leich­ter ha­ben als hier. Dort könn­ten so­gar Mi­ni­rö­cke ge­tra­gen wer­den. Das hat auch mit der Kon­kur­renz zu tun zwi­schen re­gime­treu­en Dort­ge­blie­be­nen und den Asyl­su­chen­den in We­st­eu­ro­pa, die den Prä­si­den­ten Ram­san Ka­dy­row und des­sen An­hän­ger ver­ab­scheu­en. Bei­de Sei­ten möch­ten ein­an­der be­wei­sen, dass sie die bes­se­ren Tsche­tsche­nen sind. Es geht dar­um, al­te Tra­di­tio­nen zu hü­ten, die dem klei­nen Volk in har­ten Kämp­fen mit Russ­land ge­hol­fen ha­ben zu über­le­ben. Ge­walt und Dro­hun­gen ge­gen­über Frau­en wer­den so zu ei­nem Akt des Pa­trio­tis­mus ver­klärt.

Die Auf­klä­rung in Ber­lin ver­zö­gert sich. Die Po­li­zei sagt, bis heu­te sei­en „kei­ne Sach­ver­hal­te zur An­zei­ge ge­bracht wor­den, die ei­nen kon­kre­ten Be­zug zu so­ge­nann­ten Moral­wäch­tern in tsche­tsche­ni­schen Com­mu­nities her­stel­len las­sen“.

Auch Ma­di­na will kei­ne An­zei­ge er­stat­ten. Sie hat Angst. Um ih­re Mut­ter.

Es tä­te ih­nen leid, sa­gen die El­tern. Dann schlägt die Mut­ter zu Sie ging spa­zie­ren. Ne­ben ihr ein Mann. Das reich­te

— Mit­ar­beit Han­nes Hei­ne

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