An­de­re Maß­stä­be

Fa­b­ri­kant aus Ban­gla­desch will fai­re Löh­ne und Ar­beits­be­din­gun­gen in der Tex­til­in­dus­trie durch­set­zen

Der Tagesspiegel - - WIRTSCHAFT - Von Sa­rah Kra­mer

Ber­lin - Die schlech­ten Nach­rich­ten aus Ban­gla­deschs Tex­til­wirt­schaft rei­ßen nicht ab. In dem asia­ti­schen Land sind in den ver­gan­ge­nen Jah­ren tau­sen­de vor­nehm­lich weib­li­che Fa­b­rik­ar­bei­ter durch Un­fäl­le, Brän­de oder den Ein­sturz von Ge­bäu­den zu To­de ge­kom­men. Wie vie­le An­ge­stell­te an die­sem Mon­tag bei der Ex­plo­si­on ei­nes Dampf­kes­sels in ei­ner Tex­til­fa­brik in Ban­gla­deschs Haupt­stadt Dha­ka star­ben, ist der­zeit noch un­klar. Die Be­hör­den ge­hen von min­des­tens zehn To­ten aus.

Für Ban­gla­desch, ei­nes der ärms­ten Län­der der Er­de, ist die Be­klei­dungs­in­dus­trie Se­gen und Fluch zu­gleich. Ein gro­ßer Teil der Be­völ­ke­rung ver­dient in dem Wirt­schafts­zweig sei­nen Le­bens­un­ter­halt. Die Bran­che hat nach Chi­na den größ­ten An­teil an der welt­wei­ten Tex­til­pro­duk­ti­on. Al­ler­dings wirt­schaf­ten die Be­schäf­tig­ten in den meis­ten Be­trie­ben be­kann­ter­ma­ßen un­ter men­schen­un­wür­di­gen Be­din­gun­gen und für Löh­ne un­ter­halb des Exis­tenz­mi­ni­mums. Kri­ti­ker wer­fen den Be­trei­bern der Tex­til­fa­bri­ken, den Be­hör­den und den in­ter­na­tio­na­len Mo­de­fir­men, die in Ban­gla­desch pro­du­zie­ren las­sen, seit Jah­ren vor, nicht ge­nug für den Schutz der Ar­bei­ter und die Ver­bes­se­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen zu tun.

Mosta­fiz Ud­din will zei­gen, dass es auch an­ders geht. Mit sei­ner Je­ans­fa­brik Denim Ex­pert in Ban­gla­deschs Ha­fen­stadt Chit­t­a­gong will der Un­ter­neh­mer Vor­bild für die Tex­til­in­dus­trie in sei­nem Land sein und in sei­nem Be­trieb neue so­zia­le und öko­lo­gi­sche Maß­stä­be set­zen, die west­li­chen Stan­dards ent­spre­chen. Die Ber­li­ner Fa­shionweek ist für den 39-Jäh­ri­gen ein will­kom­me­ner An­lass, um der Öf­fent­lich­keit zu ver­mit­teln, dass es in der Tex­til­in­dus­trie in sei­nem Land in den ver­gan­ge­nen Jah­ren und ins­be­son­de­re seit dem Ein­sturz der Tex­til­fa­brik in Ra­na Pla­za auch Fort­schrit­te ge­ge­ben hat – und nicht al­les in sei­ner Bran­che schlecht ist. Im Un­ter­neh­men von Ud­din nä­hen rund 1800 Mit­ar­bei­ter pro Mo­nat bis zu 320 000 Klei­dungs­stü­cke für den Welt­markt zu­sam­men und pro­du­zie­ren un­ter an­de­rem für La­bels wie Za­ra oder Tak­ko – für ei­nen Lohn von 100 bis 150 Eu­ro. Es ist et­wa das Dop­pel­te von dem, was der Durch­schnitt der in Ban­gla­deschs Tex­til­in­dus­trie Be­schäf­tig­ten in ei­nem Mo­nat ver­dient. Wer hei­ra­tet oder ei­ne Fa­mi­lie grün­det, wird zu­dem von der Fir­ma fi­nan­zi­ell un­ter­stützt. Ud­din schickt sei­ne Mit­ar­bei­ter auch re­gel­mä­ßig auf Kos­ten des Un­ter­neh­mens zur Ge­sund­heits­vor­sor­ge und zu Ers­te-Hil­fe-Kur­sen, führt im Be­trieb Brand­schutz­übun­gen durch und schult sei­ne An­ge­stell­ten im Um­gang mit Che­mi­ka­li­en.

Sein Fir­men­ge­bäu­de hat der Un­ter­neh­mer auf ei­nem Stahl­ge­rüst er­rich­ten las­sen, das auch star­ken Er­schüt­te­run­gen bei Erd­be­ben stand­hal­ten soll. Ne­ben der Pro­duk­ti­ons­hal­le gibt es bei Denim Ex­pert auch Ge­mein­schafts­räu­me – und ei­ne Kan­ti­ne. „Ich möch­te, dass mei­ne Mit­ar­bei­ter mo­ti­viert und zu­frie­den sind und ih­re Ar­beit an­stän­dig ho­no­riert wird“, sagt Ud­din mit Blick auf das star­ke En­ga­ge­ment für sei­ne Mit­ar­bei­ter.

Zu­dem möch­te der Tex­til­fa­bri­kant, dass in sei­nem Be­trieb öko­lo­gisch ge­wirt­schaf­tet wird: Das Un­ter­neh­men sam­melt und spei­chert Re­gen­was­ser, be­sitzt ei­ne ei­ge­ne Klär­an­la­ge für die Ab­was­ser- auf­be­rei­tung und un­ter­hält ei­ne der ers­ten Wä­sche­rei­en in Ban­gla­desch, die 60 Pro­zent des be­nutz­ten Was­sers re­cy­clen. Auf die­se Wei­se kön­nen die Je­ans am En­de der Pro­duk­ti­on res­sour­cen­scho­nend un­ter flie­ßen­dem Frisch­was­ser ge­rei­nigt wer­den.

Seit Ja­nu­ar 2016 wird Uddins Ein­satz in Ban­gla­desch von der Deut­schen In­ves­ti­ti­ons- und Ent­wick­lungs­ge­sell­schaft (DEG) ge­för­dert. Die Mit­tel der Toch­ter der KfW-Ban­ken­grup­pe sol­len un­ter an­de­rem dem Auf­bau ei­nes dua­len Aus­bil­dungs­sys­tems in der na­tio­na­len Je­ans­in­dus­trie zu­gu­te kom­men, an dem sich auch Uddins Fir­ma be­tei­ligt.

Fo­to: Abir Ab­dul­lah/dpa

Schlech­ter Ruf. Ban­gla­deschs Tex­til­fa­bri­ken ste­hen seit Jah­ren in der Kri­tik.

Ud­din

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