Wenn nichts als Schul­den blei­ben

Mein Mie­ter ist ver­stor­ben, das Er­be wur­de aus­ge­schla­gen und ging so­mit an den Fis­kus. Blei­be ich nun auf den Kos­ten für ei­ne drin­gend nö­ti­ge Re­no­vie­rung sit­zen? Der To­te hat­te doch so­gar ei­ne Haft­pflicht­ver­si­che­rung!

Der Tagesspiegel - - IM­MO­BI­LI­EN -

WAS STEHT INS HAUS?

Nach der Wen­de bin ich Ei­gen­tü­me­rin ei­nes Mehr­fa­mi­li­en­hau­ses in Bran­den­burg ge­wor­den. Es war frü­her das Haus mei­ner Groß­el­tern, be­vor es Ent­eig­nung und Rück­über­eig­nung er­fuhr. Als ich das Haus dann nach Jah­ren wie­der­sah, war es drin­gend re­no­vie­rungs­be­dürf­tig. So nah­men mein Mann und ich ei­nen ho­hen Kre­dit auf, um es wie­der auf Vor­der­mann zu brin­gen. Heu­te bin ich 78 Jah­re alt, mein Mann ist ver­stor­ben, und ich zah­le den Kre­dit im­mer noch mit gro­ßem Kraft­auf­wand zu­rück. Zu­sätz­lich muss ich nun auch noch un­er­war­te­te Kos­ten in Hö­he von rund 15 000 Eu­ro auf­brin­gen: Re­no­vie­rungs­kos­ten nach dem Selbst­mord mei­nes Mie­ters. Der al­lein le­ben­de Mann lag nach sei­nem Tod ta­ge­lang un­ent­deckt in der Woh­nung, so­dass um­fang­rei­che Re­no­vie­rungs­ar­bei­ten nö­tig wa­ren, um die Fol­gen zu be­sei­ti­gen.

Viel­leicht war der Ver­stor­be­ne ver­schul­det. Je­den­falls ha­ben al­le sei­ne An­ge­hö­ri­gen die Erb­schaft aus­ge­schla­gen, so­dass schließ­lich das Land Bran­den­burg den Erb­schein er­hielt. Der To­te hat­te auch ei­ne Haft­pflicht­ver­si­che­rung. Aber we­der die An­ge­hö­ri­gen noch das Land noch sei­ne Ver­si­che­rung sind be­reit, die Re­no­vie­rungs­kos­ten zu tra­gen oder sich auch nur dar­an zu be­tei­li­gen. So bin ich wohl oder übel auf den Kos­ten sit­zen­ge­blie­ben. Kann das denn rech­tens sein?

WAS STEHT IM GE­SETZ?

Das deut­sche Er­brecht sieht vor, dass das ge­sam­te Ver­mö­gen ei­nes Men­schen bei sei­nem Tod au­to­ma­tisch auf ei­nen oder meh­re­re Er­ben über­geht. Die­se „Ge­samt­rechts­nach­fol­ge“ist in Pa­ra­graf 1922 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ge­re­gelt. So erbt man nicht nur die vor­han­de­nen Ver­mö­gens­wer­te, son­dern haf­tet als Er­be auch für die Schul­den des Ver­stor­be­nen und die sons­ti­gen Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten – und zwar grund­sätz­lich mit sei­nem ge­sam­ten ei­ge­nen Ver­mö­gen und nicht nur be­grenzt auf den Nach­lass.

Ist der Nach­lass über­schul­det, hat der Er­be al­so ein fi­nan­zi­el­les Pro­blem. Un­ter an­de­rem aus die­sem Grund sieht das Ge­setz die Mög­lich­keit vor, die Erb­schaft aus­zu­schla­gen, was ab Pa­ra­graf 1942 BGB ge­re­gelt ist. Wer die Erb­schaft wirk­sam aus­schlägt, wird recht­lich so ge­stellt, als wä­re er nie Er­be ge­we­sen. Es ent­fal­len für ihn al­so rück­wir­kend al­le Rech­te und Pflich­ten aus der ehe­ma­li­gen Erb­schaft.

Für die Er­baus­schla­gung gel­ten al­ler­dings stren­ge Form- und Frist­vor­schrif­ten: In der Re­gel muss die Aus­schla­gung bin­nen sechs Wo­chen nach Kennt­nis des To­des und der Tat­sa­che, dass man Er­be sein könn­te, er­fol­gen. Und der Er­be muss da­für das Nach­lass­ge­richt oder ein No­ta­ri­at auf­su­chen. An die Stel­le des Aus­schla­gen­den tre­ten dann je­weils au­to­ma­tisch ein oder meh­re­re an­de­re Er­ben, die ent­we­der zum Bei­spiel nach ei­nem Tes­ta­ment oder nach der ge­setz­li­chen Erb­fol­ge – al­so nach dem Grad der Ver­wandt­schaft – zu er­mit­teln sind. Die­se wei­te­ren Er­ben müs­sen dann eben­falls die Erb­schaft aus­schla­gen, um ih­rer­seits den Schul­den zu ent­kom­men.

WIE STE­HEN SIE DA­ZU?

Im Fall des ver­stor­be­nen Mie­ters ha­ben nun of­fen­bar al­le sei­ne Er­ben die Erb­schaft wirk­sam aus­ge­schla­gen – bis auf den letz­ten in der Ket­te der ge­setz­li­chen Er­ben, das Land Bran­den­burg. Denn der letz­te Er­be, der ge­setz­lich be­ru­fen wird, wenn nie­mand an­de­res mehr in­fra­ge kommt, ist im­mer das je­weils zu­stän­di­ge Bun­des­land be­zie­hungs­wei­se der deut­sche Staat. Die­sem ist es un­ter­sagt, die ge­setz­lich an­ge­fal­le­ne Erb­schaft aus­zu­schla­gen, da­mit die Be­sitz­tü­mer des Ver­stor­be­nen nicht her­ren­los wer­den und für die Ab­wick­lung des Nach­las­ses ge­sorgt ist.

Al­ler­dings: Um die Nach­tei­le ei­ner sol­chen „Zwangs­erb­schaft“zu kom­pen­sie­ren, räumt der Ge­setz­ge­ber dem Fis­kus in die­sen Fäl­len Haf­tungs­be­schrän­kun­gen und sons­ti­ge erbrecht­li­che Er­leich­te­run­gen ein. Im Er­geb­nis haf­tet der Fis­kus dann ins­be­son­de­re nicht mit dem ge­sam­ten Staats­ver­mö­gen, son­dern nur be­schränkt auf den Nach­lass. Das fi­nan­zi­el­le Ri­si­ko wird dann Ein­zel­nen zu­ge­mu­tet, un­ter an­de­rem den Ver­trags­part­nern des Ver­stor­be­nen. Dies mag zwar po­si­tiv für die Staats­kas­se und die All­ge­mein­heit sein, ist je­doch im Er­geb­nis oft bit­ter für die be­trof­fe­nen Gläu­bi­ger, wenn der Nach­lass nicht oder nur teil­wei­se zur Be­frie­di­gung al­ler Ver­bind­lich­kei­ten aus­reicht.

Ver­mut­lich war al­so der Nach­lass des ver­stor­be­nen Mie­ters ent­spre­chend über­schul­det. Dann durf­te das Land Bran­den­burg als ge­setz­li­cher Er­be tat­säch­lich die Kos­ten­über­nah­me für die Re­no­vie­rung ab­leh­nen, selbst wenn der oder die Er­ben ei­gent­lich für die Kos­ten hät­ten auf­kom­men müs­sen. Die An­ge­hö­ri­gen trifft nach oben Ge­sag­tem eben­falls kei­ne Zah­lungs­pflicht, da sie die Erb­schaft wirk­sam aus­ge­schla­gen ha­ben.

Was die An­sprü­che ge­gen die Haft­pflicht­ver­si­che­rung be­trifft, hängt die Zah­lungs­pflicht von der kon­kre­ten Ver­si­che­rungs­po­li­ce des Mie­ters und den ge­nau­en Um­stän­den des Fal­les ab. All­ge­mein ist es aber so, dass Haft­pflicht­ver­si­che­run­gen nur von ih­nen ge­nau be­stimm­te Ri­si­ken ab­de­cken und dar­über hin­aus be­stimm­te Ge­fah­ren aus­schlie­ßen. Je­den­falls dürf­ten aber vor­sätz­lich ver­ur­sach­te Schä­den aus­ge­schlos­sen ge­we­sen sein. Es ist da­her lei­der durch­aus denk­bar, dass auch die Haft­pflicht­ver­si­che­rung die Kos­ten­über­nah­me zu Recht ab­lehnt. Das soll­te aber an­hand der Un­ter­la­gen noch ein­mal ge­prüft wer­den.

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