Wis­sen durch Be­geg­nung

Der Tagesspiegel - - WELTSPIEGEL - Von Mar­tin Ren­nert

Vor we­ni­gen Ta­gen jähr­te sich die Ein­füh­rung des Eras­mus-Pro­gramms für Stu­die­ren­de in Eu­ro­pa zum drei­ßigs­ten Mal. Zur Zeit wer­den über 200 000 jun­ge Men­schen je­des Jahr in 33 Part­ner­staa­ten durch die­ses Mo­bi­li­täts­pro­gramm ge­för­dert. Dies ist ei­ne Er­folgs­ge­schich­te, und ei­ne, die sich zu er­zäh­len lohnt.

Mo­bi­li­tät ist kein Wert an sich. Wie man in drang­voll en­gen In­nen­städ­ten eu­ro­pa­weit er­le­ben kann, schafft sie zu­neh­mend mehr Pro­ble­me, als sie durch Be­geg­nung mit Neu­em an Ge­winn aus­weist. Die Fol­gen sind so au­gen­fäl­lig wie er­wart­bar: Ver­drän­gung lo­ka­len Le­bens durch in­ter­na­tio­na­le Uni­for­mi­tät, auf Tou­ris­mus ver­eng­te Wirt­schafts­kreis­läu­fe, Ent­wick­lun­gen, die ge­nau das in Fra­ge stel­len, was zu den an­zie­hen­den Ei­gen­schaf­ten ei­ner Kul­tur, ei­nes Or­tes ge­hör­te.

Dem ge­gen­über steht ein EU-Pro­gramm, das in bes­tem Sin­ne der nach­hal­ti­gen Be­geg­nung von Men­schen, dem Ver­ständ­nis an­de­rer Kul­tu­ren, an­de­rer Spra­chen und Bil­dungs­in­hal­te ge­wid­met ist und hier­für jähr­lich über zwei Mil­li­ar­den Eu­ro aus dem Haus­halt al­ler Mit­glieds­län­der zur Ver­fü­gung hat. Na­tür­lich könn­te das mehr sein, auch wenn man nicht un­ter­schät­zen darf, was zu­sätz­lich durch ein­zel­staat­li­che Pro­gram­me ge­leis­tet wird, in Deutsch­land in gro­ßem Um­fang vor al­lem durch den DAAD. Den­noch zählt hier nicht nur die blo­ße Zahl: Sich mo­na­te-, zum Teil auch jah­re­lang in der „Frem­de“auf­zu­hal­ten, Spra­chen und Den­kar­ten, auch al­ter­na­ti­ve Sicht auf Ge­schich­te, ken­nen­zu­ler­nen, oft in­no­va­ti­ven, manch­mal auch al­ter­tüm­lich schei­nen­den Ver­mitt­lungs­for­men in Uni­ver­si­tä­ten zu be­geg­nen, Freund­schaf­ten zu schlie­ßen – al­les un­be­zahl­ba­re Er­fah­rung an In­ter­na­tio­na­li­tät, kri­ti­sches Be­wusst­sein bil­dend und ein Ver­ständ­nis für Eu­ro­pa för­dernd, wel­ches durch an­de­re Mit­tel schwer her­zu­stel­len ist.

Gera­de auch in den Küns­ten ist Eras­mus von gro­ßer Be­deu­tung – ein sol­cher Aus­tausch kann zwar auch da­zu füh­ren, dass man bes­ser sieht, wie gut die hie­si­gen Um­stän­de viel­fach sind, öff­net aber vor al­lem die Sin­ne für un­er­war­tet An­de­res. Hanns Eis­ler sag­te, dass je­ner, der nur von Mu­sik et­was ver­stün­de, auch von ihr nichts ver­steht. Dies gilt für al­le Küns­te und al­le Wis­sen­schaf­ten und muss ge­lehrt und er­lebt wer­den.

Die Uni­ver­si­tät der Küns­te Ber­lin hat sich die­sem Ge­dan­ken ver­schrie­ben: Of­fen und oh­ne Stu­di­en­ge­büh­ren für Men­schen aus al­len Staa­ten der Er­de, hat sie al­lein in den letz­ten sechs Jah­ren et­wa 750 000 Eu­ro an Eras­mus-Sti­pen­di­en ein­ge­wor­ben und weit über 4 Mil­lio­nen Eu­ro für DAAD-Sti­pen­di­en für hun­der­te Stu­die­ren­de ein­ge­setzt. Seit dem Jahr 2000 hat sich mit die­sem An­spruch das in­ter­na­tio­na­le In­ter­es­se an die­ser Uni­ver­si­tät ste­tig er­höht, der An­teil aus­län­di­scher Stu­die­ren­der wuchs von 15 auf 32 Pro­zent, in man­chen Fa­kul­tä­ten und Stu­di­en­gän­gen auf über 40 Pro­zent.

„Die Kunst ist Ge­gen­stand ei­ner Un­ter­hal­tung, die end­los fort­ge­setzt wer­den könn­te, wenn nichts da­zwi­schen­kä­me. Es kommt et­was da­zwi­schen.“Ein ver­kürz­tes Zi­tat aus ei­ner Re­de Paul Cel­ans aus dem Jah­re 1960. Es muss eben et­was da­zwi­schen­kom­men: Ir­ri­ta­ti­on, Zwei­fel an dem, was man be­reits ver­stan­den zu ha­ben mein­te. Durch Be­geg­nun­gen ent­steht manch­mal neu­es Wis­sen, tie­fes Ver­ständ­nis, wie Eras­mus von Rot­ter­dam uns be­wies. Das nach ihm be­nann­te Pro­gramm ist ein Be­weis da­für, dass man aus der Ge­schich­te tat­säch­lich ler­nen kann.

— Der Au­tor ist Prä­si­dent der Uni­ver­si­tät der Küns­te Ber­lin.

Mar­tin Ren­nert

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