Vom Schü­ler zum Meis­ter

Ste­tig spru­deln: An der Uni­ver­si­tät der Küns­te Ber­lin er­leich­tern di­ver­se Prei­se und Sti­pen­di­en den Sprung in das Le­ben als frei­er Künst­ler

Der Tagesspiegel - - UNIVERSITÄT DER KÜNSTE - Von Ka­ro­li­ne Kö­ber

Auch als Künst­ler gilt es, sich im Be­ruf zu be­haup­ten – al­ler­dings oh­ne Netz und dop­pel­ten Bo­den

Als die De­ka­nin der Fa­kul­tät Bil­den­de Kunst, Su­san­ne Lo­renz, die Ver­lei­hung des Meis­ter­schü­ler­prei­ses 2017 ein­lei­tet, hält sie ei­ne Ko­pie des Selbst­bild­nis­ses „Self Por­trait as a Foun­tain“von Bru­ce Nau­man in der Hand. Dar­auf zu se­hen ist der Kon­zept­künst­ler, wie er ei­nen fon­tä­nen­ar­ti­gen Was­ser­strahl aus sei­nem Mund schießt. Nau­mann mimt ei­nen Brun­nen. Ei­ne Al­le­go­rie – der Künst­ler spru­delnd vor Ide­en, als Qu­el­le der Krea­ti­vi­tät. Es ist Lo­renz’ Rat­schlag an al­le Ab­sol­ven­tin­nen und Ab­sol­ven­ten: nach dem Stu­di­um wei­ter spru­deln.

Nun tritt Mar­tin Ren­nert, Prä­si­dent der UdK Ber­lin, aus den Rei­hen her­vor und führt Lo­renz’ Ge­dan­ken fort. Wei­ter zu spru­deln, nach dem Stu­di­um mit an­de­ren im Aus­tausch zu blei­ben und Dis­kur­se zu füh­ren, ist auch für ihn Aus­gangs­punkt für wei­te­res künst­le­ri­sches Schaf­fen. Das ist das Kon­zept der Uni­ver­si­tät der Küns­te in Ber­lin: den jun­gen Künst­lern wei­ter die Hand rei­chen, sie be­glei­ten auf dem Weg vom be­schütz­ten Raum der Uni in den hart um­kämpf­ten Kunst­markt. Dann ver­kün­det Ren­nert die Preis­trä­ger des dies­jäh­ri­gen Meis­ter­schü­ler­prei­ses 2017. Es sind die Ab­sol­ven­ten Li­sa Pe­ters, Ga­ry Sch­ling­hei­der und Ra­fa­el Ibar­ra, de­ren Ar­bei­ten die Ju­ry über­zeug­ten.

Li­sa Pe­ters, Jahr­gang 1989, stu­dier­te bei Chris­tia­ne Mö­bus und Ina We­ber Bild­haue­rei. Bei We­ber ab­sol­vier­te sie auch ihr Meis­ter­schü­ler­stu­di­um. Pe­ters in­ter­es­siert sich für Vi­deo- und Au­dio­ar­bei­ten. Ih­re prä­mier­te 5-Ka­nal-Vi­deo­in­stal­la­ti­on „wie es dir geht“ist ein frag­men­ta­ri­sches Por­trät ih­res weib­li­chen Um­felds. Da­für hol­te sie 21 jun­ge Frau­en vor die Ka­me­ra. Auf fünf Mo­ni­to­ren er­zäh­len sie aus ih­rem Le­ben, bie­ten tie­fe Ein­bli­cke in ih­re Ge­füh­le, Ge­dan­ken und Ängs­te, re­flek­tie­ren exis­ten­zi­el­le und ge­sell­schaft­li­che Fra­gen. Teil­wei­se über­la­gern sich ih­re Ge­schich­ten, Leer­stel­len ent­ste­hen durch ge­setz­te schwar­ze Mo­ni­to­re, manch­mal sind schwei­gen­de Frau­en zu se­hen. Pe­ters bie­tet dem Be­trach­ten­den so Zeit, sich für ei­ne Ge­schich­te zu ent­schei­den und sich auf sein Ge­gen­über ein­zu­las­sen, sich zu iden­ti­fi­zie­ren.

Ga­ry Sch­ling­hei­der, Jahr­gang 1983, stu­dier­te Ma­le­rei bei Pia Fries und Gre- go­ry Cu­m­ins, ab­sol­vier­te sein Meis­ter­schü­ler­stu­di­um bei Chris­ti­ne Streu­li. Sch­ling­hei­der liebt es „zu sor­tie­ren, zu re­du­zie­ren, zu ord­nen“. In sei­nen Ar­bei­ten be­schäf­tigt er sich vor al­lem mit der Re­duk­ti­on von For­men. Auf­fäl­lig sind da­bei sei­ne geo­me­tri­schen Kon­tu­ren und die in­ten­si­ven Far­ben. Bei der Ar­beit „30 MM“, für die er den Meis­ter­schü­ler­preis er­hielt, spielt Far­be letzt­lich kei­ne Rol­le mehr. Sie zeigt fünf Ob­jek­te aus Stahl. „Sieht aus wie ei­ne Wol­ke, die ver­pufft ist, oh­ne Ae­ro­sol“, phan­ta­siert ei­ne Be­su­che­rin. Nur dass sie nicht in der Tro­po­sphä­re glei­tet, son­dern in der Har­den- berg­stra­ße steht. Sch­lin­gen­der lädt die Aus­stel­lungs­be­su­cher ein, Struk­tu­ren rea­ler Din­ge an­hand von Um­riss­li­ni­en in ei­nem ob­jek­ti­ven Zu­sam­men­hang zu se­hen. „Durch die Farb­lo­sig­keit wird der Abs­trak­ti­ons­grad der Ob­jek­te zu an­schau­li­cher Neu­tra­li­tät ge­stei­gert und rich­tet so das Au­gen­merk auf die äs­the­ti­sche Di­men­si­on der For­men und ih­ren Um­raum“, be­schreibt der Künst­ler sei­ne Ar­beit.

Ra­fa­el Ibar­ra, Jahr­gang 1986, hat bei Olaf­ur Eli­as­son und Bild­haue­rei bei Gregor Schnei­der und Til­man Wend­land stu­diert, bei dem er auch sein Meis­ter­schü- ler­stu­di­um ab­schloss. Für sei­ne Ar­beit zum Meis­ter­schü­ler­preis rich­te­te Ibar­ra ein run­des Bas­sin auf dem Bo­den ein und füll­te die­ses rand­voll mit Was­ser. Ei­ne Du­sche ist an der Sei­te plat­ziert, ihr Dusch­kopf ragt in die Mit­te des Bas­sins. Ein paar Schu­he ste­hen im Was­ser. Die ephe­me­re Skulp­tur heißt „Sha­me“und hat sich vom fes­ten Sche­ma der un­be­weg­li­chen Sta­tue be­freit. Das Was­ser bricht mit der tra­di­tio­nel­len Dau­er­haf­tig­keit und lässt die Skulp­tur kurz­wei­lig und ver­gäng­lich wer­den. Ibar­ra er­wei­tert durch das von ihm ein­ge­setz­te Ma­te­ri­al Was­ser das Spek­trum bild­haue­ri­scher Prak­ti­ken. Als plötz­lich ein Mann in das Bas­sin tritt, die Du­sche auf­dreht und das Was­ser über sei­nen Kopf strö­men lässt, ent­fal­tet sich die pro­zes­sua­le Ar­beit. Der Du­schen­de be­sitzt nun die Chan­ce, sich mit Er­eig­nis­sen sei­ner Ver­gan­gen­heit, für die er sich schämt, aus­ein­an­der­zu­set­zen. Das Was­ser hat da­bei dop­pel­te Funk­ti­on: Be­stra­fung und Rei­ni­gung zugleich. „Sha­me“ist ei­ne zeit­ba­sier­te Skulp­tur, sie dau­ert 40 Mi­nu­ten und ist von Ri­tua­len und Ze­re­mo­ni­en in­spi­riert.

Noch vor ein­ein­halb Mo­na­ten wa­ren die prä­mier­ten Meis­ter­schü­ler­ar­bei­ten der drei Ge­win­ner in der Qu­er­ga­le­rie der UdK in­stal­liert. Wäh­rend des Rund­gangs prä­sen­tie­ren sich nun die ak­tu­el­len Ab­sol­ven­ten und Meis­ter­schü­ler mit ih­ren künst­le­ri­schen Po­si­tio­nen. Ei­ni­ge von ih­nen wer­den sich auf den Meis­ter­schü­ler­preis 2018 be­wer­ben und dann eben­falls ers­te Schrit­te in die be­ruf­li­che Pra­xis ge­hen. Da­bei soll der Meis­ter­schü­ler­preis be­hilf­lich sein.

An je­der der vier Fa­kul­tä­ten der UdK Ber­lin exis­tie­ren Prei­se, Stif­tun­gen und Sti­pen­di­en, die Stu­die­ren­de un­ter­stüt­zen. Die Künst­ler­för­de­rung an der UdK Ber­lin ist so viel­fäl­tig wie ihr Pro­fil und ih­re Stu­die­ren­den selbst. In der Fa­kul­tät Bil­den­de Kunst gibt es al­lein vier Prei­se und drei Stif­tun­gen, die Stu­die­ren­de in ih­rem Schaf­fen för­dern.

Den Meis­ter­schü­ler­preis des Prä­si­den­ten gibt es be­reits seit 1997. Jähr­lich wird er an be­son­ders ta­len­tier­te Stu­die­ren­de aus der Bil­den­den Kunst ver­ge­ben. In die­sem Jahr ha­ben sich ins­ge­samt 28 Meis­ter­schü­le­rin­nen und Meis­ter­schü­ler auf den Preis be­wor­ben. Zwölf wur­den no­mi­niert und ha­ben in ei­ner Aus­wahl­aus­stel­lung ih­re Ar­bei­ten der Ju­ry prä­sen­tiert. Die Ge­win­ner er­hal­ten je­weils ei­nen mo­no­gra­phi­schen Ka­ta­log so­wie ei­ne ge­mein­sa­me Aus­stel­lung in ei­nem eta­blier­ten Kunst­haus der Stadt. Seit 2016 ist es das Haus am Lüt­zow­platz.

Die Aus­zeich­nung mit dem Meis­ter­schü­ler­preis mar­kiert auch das En­de der Stu­di­en­zeit für Li­sa Pe­ters, Ga­ry Sch­ling­hei­der und Ra­fa­el Ibar­ra – den Wech­sel in neue Räu­me. Von dem einst ge­schütz­ten Raum der Uni­ver­si­tät mit all ih­ren Werk­stät­ten und Ate­liers, in de­nen man ex­pe­ri­men­tie­ren und sich oh­ne Fol­gen „ver­zet­teln“kann, geht es nun raus in den frei­en Markt, auf dem an­de­re Mecha­nis­men herr­schen. Ei­ne ers­te Hil­fe­stel­lung, sich dort zu be­haup­ten, bie­tet die­ser Preis. Einst wur­de er nicht nur in­iti­iert, um be­son­de­re künst­le­ri­sche Leis­tun­gen zu wür­di­gen, son­dern auch um ei­ne Brü­cke zwi­schen der Aus­bil­dungs­in­sti­tu­ti­on und dem Kunst­be­trieb zu schla­gen. „Es ist ein schö­nes Ge­fühl für sei­ne Ar­beit ge­ehrt zu wer­den, je­doch heißt es auch mit der Aus­zeich­nung kon­zen­triert wei­ter­ar­bei­ten, Ent­schei­dun­gen tref­fen, fo­kus­sie­ren“, for­mu­liert Sch­ling­hei­der.

Den Schritt raus aus der Uni und rein in den Markt ha­ben be­reits zahl­rei­che Alum­ni der UdK Ber­lin ge­meis­tert. Der Ge­winn des Meis­ter­schü­ler­prei­ses und die da­mit ver­bun­de­ne Aus­stel­lung bot da­bei im­mer ei­nen gu­ten Start in die be­ruf­li­che Pra­xis. Der Bild­hau­er Axel An­klam

Auf dem frei­en Markt gel­ten an­de­re Re­geln als im ge­schütz­ten Raum der Uni

ge­wann den Meis­ter­schü­ler­preis 2006. Heu­te ist der Meis­ter­schü­ler von To­ny Cragg um­trie­big, rea­li­siert bis zu 14 Aus­stel­lun­gen im Jahr. Sei­ne or­ga­ni­schen Skulp­tu­ren sind in acht Samm­lun­gen ver­tre­ten. Ne­ben dem Meis­ter­schü­ler­preis ge­wann er zehn wei­te­re Kunst­prei­se, zu­letzt den Kunst­preis Ber­lin Ju­bi­lä­ums­stif­tung 1848/ 1948 in der Spar­te Bil­den­de Kunst. Seit 2010 hat An­klam ei­ne Gast­pro­fes­sur für Bild­haue­rei an der Staat­li­chen Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te Stutt­gart in­ne. Ob der Meis­ter­schü­ler­preis mit sei­nem heu­ti­gen Er­folg zu tun hat, kann nur hy­po­the­tisch be­ant­wor­tet wer­den. Ei­ne ers­te Chan­ce, sich als Künst­ler zu eta­blie­ren, bot er al­le­mal. An­klam spru­delt wei­ter: Bis En­de Au­gust lau­fen noch zwei Aus­stel­lun­gen von ihm.

Ste­tig zu spru­deln, wie Bru­ce Nau­mann in sei­nem Selbst­por­trät, ist auch Li­sa Pe­ters, Ga­ry Sch­ling­hei­der und Ra­fa­el Ibar­ra zu wün­schen. Ei­nen Auf­takt bil­det ih­re Aus­stel­lungs­er­öff­nung am 30. No­vem­ber im Haus am Lüt­zow­platz.

— Die Ar­bei­ten der ak­tu­el­len Ab­sol­ven­ten und Meis­ter­schü­ler sind beim Rund­gang in der Qu­er­ga­le­rie der Har­den­berg­stra­ße 33 zu se­hen.

Fo­to: Diet­mar Büh­rer

Be­stra­fung und Rei­ni­gung. dop­pel­te Funk­ti­on. In der ephe­me­ren Skulp­tur „Sha­me“des prä­mier­ten Meis­ter­schü­lers Ra­fa­el Ibar­ra hat das Was­ser

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