Sa­me sa­me but dif­fe­rent

Ein an­de­rer Markt, ei­ne an­de­re Spra­che: Künst­le­rin­nen und Künst­ler aus Kri­sen­ge­bie­ten stel­len aus

Der Tagesspiegel - - UNIVERSITÄT DER KÜNSTE -

„Spre­chen wir Deutsch oder Eng­lisch?“– „Gibt es das Han­dout auch auf Ara­bisch?“– „Das ist aber Far­si!“– Erst wenn die­se Din­ge ge­klärt sind, kön­nen die Teil­neh­mer des Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bots „Ar­tist Trai­ning: Re­fu­gee Class for Pro­fes­sio­nals“des Ber­lin Ca­re­er Col­le­ge der UdK Ber­lin in ih­re ei­gent­li­chen The­men ein­stei­gen. „Schät­zungs­wei­se sind 5000 ge­flüch­te­te Krea­ti­ve und Kunst­schaf­fen­de in Ber­lin, die al­le ih­ren Platz in der hie­si­gen Kunst­sze­ne su­chen“, be­rich­tet die Pro­jekt­ko­or­di­na­to­rin Me­la­nie Wald­heim. An eben­die­se Men­schen rich­ten sich die Kur­se über die Ar­beits­welt der Bran­chen Mu­sik, Kul­tur­jour­na­lis­mus, Bil­den­de Kunst, Darstel­len­de Kunst und Film.

Pro­fes­sio­nel­le Künst­ler, die hier an­kom­men, ver­lie­ren nicht ih­re Pro­fes­sio­na­li­tät. Was sie ver­lie­ren, sind ih­re Netz­wer­ke, ih­re Werk­zeu­ge, ih­re Spra­che. Da­bei be­schränkt sich Spra­che nicht auf die Fra­ge, ob Eng­lisch, Deutsch oder Ara­bisch ge­spro­chen wird. Es geht auch um die Spra­che des Kunst­markts. Wie drückt man sich aus, um in der hie­si­gen Kul­tur­sze­ne ge­hört und ge­se­hen zu wer­den? Wel­che In­sti­tu­tio­nen gibt es, wel­che Mög­lich­kei­ten, aus­zu­stel­len, und was be­nö­ti­ge ich, um da­hin zu kom­men? Kha­led Ba­ra­keh und Wa­sim Ghrioui, aus Sy­ri­en stam­men­de und in Eu­ro­pa eta­blier­te bil­den­de Künst­ler, lei­ten das Mo­dul „Bil­den­de Kunst“. Da­bei über­set­zen sie den zeit­ge­nös­si­schen west­li­chen Kunst­markt in mit­tel­öst­li­che Kon­tex­te: „In der Über­set­zung geht ei­ni­ges ver­lo­ren“, er­zählt Ba­ra­keh. „Aus dem Mitt­le­ren Os­ten ken­nen die Teil­neh­men­den in ers­ter Li­nie kom­mer­zi­el­le Ga­le­ri­en. Hier funk­tio­niert das Kunst­sys­tem völ­lig an­ders – an­ge­fan­gen beim Wort Ku­ra­tor bis hin zur Kon­zep­ti­on ei­ner ei­ge­nen Aus­stel­lung.“

Doch war­um nur theo­re­tisch ar­bei­ten, wenn es doch ei­nen UdK-Rund­gang gibt? Da­her be­kom­men die Teil­neh­men­den ei­nen Aus­stel­lungs­raum bei den Ta­gen der of­fe­nen Tür. Die Grup­pen­aus­stel­lung ist Aus dem Mitt­le­ren Os­ten nach Ber­lin. ein Pro­zess, der von der Kon­zep­ti­on über die Pro­duk­ti­on bis hin zur Prä­sen­ta­ti­on reicht. Es sei schwie­rig ge­we­sen, die künst­le­ri­schen Ein­zel­in­ter­es­sen der Teil­neh­men­den un­ter ein kol­lek­ti­ves The­ma zu sub­su­mie­ren, er­zählt Ba­ra­keh. Ih­re Aus­drucks­for­men sind ganz un­ter­schied­lich. Ist ei­ne Flucht nach Deutsch­land ver­bin­den­des Ele­ment ge­nug, um ge­mein­sam aus­zu­stel­len?

„Ei­ne klas­si­sche Prä­sen­ta­ti­on der Wer­ke wie im Mitt­le­ren Os­ten wer­den wir ver­su­chen zu ver­mei­den“, er­läu­tert Ghrioui. Ba­ra­keh fügt hin­zu: „ Die Wer­ke wer­den an den kon­kre­ten Ort und Kon­text ge­bun­den sein.“

Kol­lek­ti­ve Schaf­fens­pro­zes­se wie auch ku­ra­to­ri­sche Ar­beit sind für die meis­ten Teil­neh­men­den neu. In ih­ren Her­kunfts­län­dern wa­ren das Auf­ga­ben der Ga­le­ri­en. Auch die Kunst selbst spricht ei­ne an­de­re Spra­che. „Am An­fang fühl­te ich mich hier völ­lig ver­lo­ren“, er­zählt Fa­di Al-Ja­bour, ein Teil­neh­mer des Work­shops. „Ich dach­te, es gibt über­haupt kein Kri­te­ri­um, um Künst­ler zu sein. Doch nach und nach ler­ne ich, wie Kunst hier ver­stan­den wird. Jetzt re­flek­tie­re ich mei­ne Ar­beits­pro­zes­se, über­le­ge, war­um ich die­ses und nicht je­nes Ma­te­ri­al ver­wen­de.“Iden­ti­tät, Mi­gra­ti­on und die Fra­ge, wie man das Re­fu­gee-La­bel hin­ter sich las­sen kann, spie­len in der Grup­pen­aus­stel­lung ei­ne zen­tra­le Rol­le. Es geht um Öff­nung und Ver­net­zung, nicht um An­bie­de­rung an den eu­ro­päi­schen Markt. Im Vor­der­grund steht, Kunst­schaf­fen­den Werk­zeu­ge und Netz­wer­ke an die Hand zu ge­ben und sie nicht auf ih­ren Sta­tus als Ge­flüch­te­te zu re­du­zie­ren. — Die Aus­stel­lung mit dem Ti­tel „sa­me sa­me but dif­fe­rent“ist im Raum 110 in der Har­den­berg­stra­ße 33 zu se­hen. Zoya An­wer Mah­foud, Kul­tur­jour­na­lis­tin aus Sy­ri­en, war selbst Teil­neh­me­rin des Ar­tist Trai­nings Cul­tu­re and Me­dia.

Fo­to: Kha­led Ba­ra­keh

Die Teil­neh­men­den des Ar­tist Trai­nings für ge­flüch­te­te Künst­le­rin­nen und Künst­ler, Mo­dul „Bil­den­de Kunst“.

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