Haut drauf

Der Tagesspiegel - - KUNST & MARKT -

sieht sich mit sehr viel Nackt­heit kon­fron­tiert

Bra­si­li­en und der Kör­per­kult. Da­ni­el Lan­nes lebt in Rio de Janei­ro, sei­ne Ein­drü­cke ei­ner vom Ka­tho­li­zis­mus ge­präg­ten Kul­tur, in der sich Nackt­heit „im­mer mit Ver­füh­rung und mit Schuld“ver­bin­det, brei­tet der Ma­ler in der Ma­gic Be­ans Ga­le­rie (Au­gust­stra­ße 86, bis 2. Au­gust) aus. „Man zeigt sich gern, ist im Un­ter­schied zu Deutsch­land aber nie völ­lig nackt.“FKK in der Öf­fent­lich­keit – un­denk­bar.

Sol­che Un­ter­schie­de in­ter­es­sie­ren La­nes. Sein Groß­for­mat Car­na­val spielt mit den Kli­schees: Die Men­schen fei­ern, tan­zen und zei­gen ih­re von der Son­ne ge­bräun­ten Kör­per. Man spürt den Rausch und über­prä­sen­te Kör­per­lich­keit. Um sie ma­len zu kön­nen, müs­se man al­ler­dings eher in Eu­ro­pa als Bra­si­li­en zu Hau­se sein, glaubt der Künst­ler. „Die eu­ro­päi­schen Ma­ler ha­ben sich mit dem The­ma Fleisch be­schäf­tigt: Ru­bens, Ti­zi­an, Tin­to­ret­to oder De­gas.“In Bra­si­li­en wer­de da­ge­gen noch in der aka­de­mi­schen Tra­di­ti­on des 19. Jahr­hun­dert ge­malt: prä­zi­se und im Stil ei­nes klas­si­schen His­to­ri­en­ma­lers wie Jac­ques-Lou­is Da­vid.

Ganz an­ders wir­ken Lan­nes’ Ge­mäl­de von Frau­en vor Spie­geln. In La Luz del Fue­go sieht man sie nur re­flek­tiert, die ei­gent­li­che Fi­gur ist schwarz über­malt, bloß noch als Geist oder Um­riss zu er­ken­nen. Das Bild hat Lan­nes über vie­le Schich­ten aus­ge­ar­bei­tet, es be­sitzt ei­ne be­son­de­re Kraft. Ist al­so sei­ne Be­schäf­ti­gung mit dem Kör­per am bes­ten, wenn er sich be­schränkt und ihn verschwinden lässt? Es gibt noch an­de­re Per­spek­ti­ven. Et­wa ein un­be­ti­tel­tes Bild, das meh­re­re Frau­en auf ih­re Bei­ne und Hin­tern re­du­ziert. Hier pro­vo­ziert das Su­jet. Da­bei ist es so ge­malt, dass die Ro­sa-Braun-Tö­ne nicht nur der Ab­bil­dung die­nen, son­dern ei­gen­stän­dig ein Farb­ge­bir­ge kon­stru­ie­ren. Auch die Kom­po­si­ti­on ist span­nend, man weiß nicht so ge­nau, was für ei­ne Sze­ne man ei­gent­lich an­schaut.

Ein gu­tes Ge­mäl­de über­steigt sei­ne ei­ge­ne Ge­gen­ständ­lich­keit. Doch ist die Ma­le­rei auch heu­te noch ei­ne ad­äqua­tes Me­di­um, um die Be­deu­tung von Kör­per­lich­keit zu re­flek­tie­ren? Die Viel­falt in­ner­halb die­ser klei­nen Aus­stel­lung spricht da­für, auch wenn ei­ni­ge Ar­bei­ten grenz­wer­tig wir­ken und sich nicht klar ge­nug von Kitsch, Pulp oder Por­no dis­tan­zie­ren. Aber es gibt auch ge­lun­gen schrä­ge Bil­der und an­de­re, die fein und ge­heim­nis­voll wir­ken. Der Ma­ler hat sich vom ka­tho­li­schen Schuld­be­wusst­sein sei­ner Hei­mat nicht brem­sen las­sen. Son­dern im Ge­gen­teil stur ent­ge­gen sei­ner Her­kunft ge­malt.

Fo­to: Ma­gic Be­ans

Was dich an­schaut. „La Luz Del Fue­go“von Da­ni­el Lan­nes (2015).

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.