Aus den Frem­den wer­den Freun­de

Beim Ver­ein „Gi­ve so­me­thing back to Ber­lin“en­ga­gie­ren sich Neu-Ber­li­ner für Neu-Ber­li­ner

Der Tagesspiegel - - BERLIN / BRANDENBURG - Von Ju­dith Lan­gow­ski

Wie Initia­ti­ven Ber­lin ver­schö­nern. Heu­te aus Neu­kölln

Ber­lin - Al­les be­gann am Ora­ni­en­platz: Lu­cy Tho­mas, ei­ne en­er­gi­sche Bri­tin mit strah­lend blau­en Au­gen, war neu in Ber­lin. Hier traf sie, die für ein Mas­ter­stu­di­um nach Ber­lin ge­kom­men war, An­na­ma­ria Ols­son, die zu­vor den Ver­ein Gi­ve So­me­thing Back To Ber­lin (GSBTB) ge­grün­det hat­te. Jetzt ist Tho­mas die Ge­schäfts­füh­re­rin des Ver­eins, der un­ter an­de­rem Men­schen hilft, die auf der Flucht vor Krieg und Hun­ger eben­falls neu nach Ber­lin ge­kom­men sind. An­fangs gab es ge­mein­sa­me Ko­chevents am Ora­ni­en­platz, mitt­ler­wei­le hat der Ver­ein ei­ne of­fe­ne Mu­sik­schu­le und Künst­ler­ver­mitt­lung, ist stadt­weit mit eh­ren­amt­li­chen Initia­ti­ven ver­netzt und or­ga­ni­siert Dis­kus­sio­nen mit Kiez­po­li­ti­kern und Neu-Ber­li­nern.

Neu-Ber­li­ner. Die­ser Be­griff ist Tho­mas wich­tig: „Wir wol­len Men­schen die Mög­lich­keit ge­ben, ih­re Zeit sinn­voll zu nut­zen, egal ob sie drei Wo­chen in Ber­lin sind oder drei Jah­re.“Ob­sie aus de­mVer­ei­nig­ten Kö­nig­reich oder Sy­ri­en kä­men, in ers­ter Li­nie wür­den sie An­schluss su­chen. „Die Mo­ti­va­ti­on mag un­ter­schied­lich sein. Aber vie­le möch­ten sich nütz­lich füh­len und der Stadt et­was zu­rück­ge­ben.“Die Neu-Ber­li­ner wür­den rea­li­sie­ren, wel­ches Pri­vi­leg sie als oft rei­che­re Zu­ge­zo­ge­ne in die­ser Stadt ha­ben und en­ga­gie­ren sich eh­ren­amt­lich, wie Tho­mas da­mals, um für die we­ni­ger Pri­vi­le­gier­ten da zu sein. Lu­cy Tho­mas und an­de­re Ak­ti­vis­ten wer­den des­halb auch am Ak­ti­ons­tag „Ge­mein­sa­me Sa­che“mit­ma­chen.

Vor zwei Jah­ren schloss sich GSBTB dem Haus- und Kul­tur­pro­jekt „Re­fu­gio“an. Das Ge­bäu­de hat fünf Ge­schos­se, in drei­en von ih­nen le­ben Ge­flüch­te­te, Stu­den­ten und Fa­mi­li­en in WGs. Im Erd­ge­schoss ist ein lau­schi­ges Ca­fé und ein gro­ßer Ver­an­stal­tungs­saal, auf der Dach­ter­ras­se ein blü­hen­der Gar­ten. „Wir be­spa­ßen das Re­fu­gio“, sagt Tho­mas la­chend und ver­weist auf die Viel­zahl von re­gel­mä­ßi­gen GSBTB-An­ge­bo­ten, die täg­lich im Haus statt­fin­den.

Am Mitt­woch fin­det das Sprach­ca­fé auf Deutsch statt. Frey kommt heu­te zum ers­ten Mal vor­bei, vor sechs Wo­chen ist er aus Edin­burgh in Ber­lin ge­lan­det. Im gro­ßen Saal des Re­fu­gio packt den Schau­spie­ler das Lam­pen­fie­ber. „Ich bin noch rich­ti­ger An­fän­ger“, sagt Frey. Trotz­dem setzt er sich bald zu ei­nem der wei­ßen Holz­ti­sche, auf de­nen Pa­pier­kärt­chen das Sprach­ni­veau „Be­gin­ners“mar­kie­ren. Hier sitzt ei­ne ge­misch­te Grup­peNeu-Ber­li­ner mit ei­nem ge­dul­di­gen Leh­rer. Auch die an­de­ren Ti­sche sind bald voll be­setzt, von Sprach­ni­veau A1 bis C2 ist al­les da­bei. Frey wird mu­tig und pro­biert sein Be­gin­ner-Deutsch.

Die Stadt und ih­re neu­en Be­woh­ner zu ver­net­zen, so misst sich der Er­folg von GSBTB, nebst zahl­rei­cher in­ter­na­tio­na­ler Prei­se für ih­re Ar­beit. Es scheint ku­ri­os, aber für Lu­cy Tho­mas ist es auch ein Er­folg, wenn Teil­neh­mer nach ei­ner Zeit we­ni­ger häu­fig bei Ver­an­stal­tun­gen er­schei­nen. „Das be­deu­tet, dass sie mitt­ler­wei­le gut in Ber­lin an­ge­kom­men sind. Über GSBTB fin­den sie neue Freun­de und Kon­tak­te, ver­net­zen sich, fin­den Prak­ti­ka und Jobs“, er­klärt sie.

Das Re­fu­gio war ein­mal ein Klos­ter mit­ten in Neu­kölln. Tritt man aus dem Ge­bäu­de wie­der auf die Stra­ße, in den Lärm zwi­schen Kott­bus­ser Damm und Her­mann­platz, merkt man, wie fried­lich es drin­nen ist. Noch heu­te ist es ein Re­fu­gi­um, für Men­schen, die erst mal an­kom­men müs­sen in der Groß­stadt, in Ru­he.

Vor al­lem geht es aber auch dar­um, Spaß bei der Sa­che zu ha­ben. Das sieht man be­son­ders den Frau­en an, die an die­sem Mitt­woch­abend auf der Dach­ter­ras­se des Re­fu­gio zu­sam­men tan­zen, quat­schen und Selbst­ge­koch­tes pro­bie­ren. Ei­ne Ver- an­stal­tung nur für Frau­en und Kin­der ist das „Open Art Shel­ter“, ein gro­ßer, bun­ter Mix an Teil­neh­me­rin­nen und Pro­gramm.

Ish­fa Khur­ram, ei­ne jun­ge Pa­kis­ta­ne­rin, malt ge­gen Spen­den Hen­na­tat­toos auf die Hän­de der Teil­neh­me­rin­nen. Die Künst­le­rin geht noch zur Schu­le, die­ses Jahr kommt sie von der Will­kom­mens­klas­se in ei­ne „nor­ma­le“Schu­le. „Ich bin schon auf­ge­regt und wer­de mei­ne Freun­de aus der Will­kom­mens­klas­se ver­mis­sen“, sagt Khur­ram. Wäh­rend sie spricht, drückt sie mit gro­ßer Kon­zen­tra­ti­on und Ge­schick­lich­keit die flo­ra­len Mo­ti­ve aus brau­ner Pas­te auf die Hand.

Die Mu­sik läuft von Smart­pho­nes der Frau­en über ei­nen Ver­stär­ker. Fo­tos sind bei den Ver­an­stal­tun­gen des „Shel­ter“, das auch ein wö­chent­li­ches Mal­pro­gramm in der Un­ter­kunft auf dem Tem­pel­ho­fer Feld be­treibt, nicht er­laubt. Seit­dem das ein­ge­führt wur­de, sagt Tho­mas, fühl­ten sich die Frau­en si­che­rer und könn­ten bes­ser los­las­sen. Es funk­tio­niert: Auf der Ter­ras­se ent­steht ein Tanz­kreis, aus­ge­las­sen tan­zen so­ma­li­sche, af­gha­ni­sche und ame­ri­ka­ni­sche Frau­en.

STA­GE AK­TI­ON

Foto: Mi­ke Wolff

Man trifft sich, man hilft sich. Für vie­le Men­schen ist das „Share­haus Re­fu­gio“, ein ehe­ma­li­ges Klos­ter in Neu­kölln, zu ei­nem wich­ti­gen Ort der Be­geg­nung ge­wor­den.

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