Wer die Nö­te kennt

Bo­ris Pal­mer zieht die Gren­zen der Be­last­bar­keit

Der Tagesspiegel - - POLITISCHE LITERATUR -

Bo­ris Pal­mer ist der Pa­ria der Grü­nen. Als Grü­ner wur­de er ins Amt des Tü­bin­ger Ober­bür­ger­meis­ters ge­wählt, und als Ober­bür­ger­meis­ter hat er „Ein­blick in die täg­li­chen Nö­te vie­ler Men­schen“. Das sind, sein Buch „Wir kön­nen nicht al­len hel­fen“macht es deut­lich, zwei grund­ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven. Man könn­te die ei­ne die „mo­ra­li­sche“und die an­de­re die „prag­ma­ti­sche“Per­spek­ti­ve nen­nen.

Pal­mer kennt die Woh­nungs­not in sei­ner Stadt, die schon vor dem Herbst 2015 nicht mehr zu be­wäl­ti­gen war. Er kennt die Ab­stiegs- und Ver­lust­ängs­te, die längst nicht mehr nur an den Rän­dern der Ge­sell­schaft zer­ren. Sein Buch, das er An­fang Au­gust in Ber­lin vor­ge­stellt hat, ist der Ver­such, Be­grif­fe zu klä­ren und Po­li­tik wie­der zur Kunst des Mög­li­chen zu ma­chen. Da fal­len dann Sät­ze wie die­se, die ein­ge­fleisch­te Grü­nen-Fun­dis zur Weiß­glut trei­ben: „Wir kön­nen nicht al­len hel­fen, son­dern nur sehr we­ni­gen. Un­se­re Frei­heit und un­se­ren Wohl­stand kön­nen wir nur er­hal­ten, wenn wir sie ei­ner sehr gro­ßen Zahl von Men­schen, die da­nach stre­ben und in un­ser Land kom­men wol­len, vor­ent­hal­ten.“Aber Pal­mer fügt hin­zu: „Es lohnt sich, dies auf Dau­er zu än­dern. (...) Aber zur Wahr­heit ge­hört auch, dass wir die­se ele­men­ta­re Un­ge­rech­tig­keit nicht schnell aus der Welt schaf­fen kön­nen. Das mo­ra­li­sche Di­lem­ma der Flücht­lings­po­li­tik ist nicht auf­lös­bar.“

Der grö­ße­re Teil des Bu­ches ist den prak­ti­schen Er­fah­run­gen ge­wid­met, die Pal­mer in sei­nem Amt ge­macht hat; sie be­die­nen, wenn man so will, je­des Kli­schee, vom An­grab­schen in der Stu­den­ten­dis­ko bis zum Dro­gen­han­del im Stadt­park. Eben­so die Ab­sur­di­tä­ten deut­scher Vor­schrif­ten und Rechts­nor­men, die mo­bi­len Flücht­lings­un­ter­künf­ten ei­ne hö­he­re Erd­be­ben­si­cher­heit vor­schrei­ben, als sie 90 Pro­zent der­je­ni­gen Stadt­bür­ger­schaft zu­teil­wird, die in Häu­sern vor Ein­füh­rung der Norm le­ben. Oder die ei­ne kom­plet­te, Mo­na­te in An­spruch neh­men­de Um­pla­nung er­for­der­lich ma­chen, weil ein ein­zel­ner Baum im Weg ist, der nun als „Asyl für Juch­ten­kä­fer“üb­rig blieb, wie Pal­mer bis­sig for­mu­liert. Nur: Al­le die­se Ein­zel­er­leb­nis­se ha­ben die Evi­denz des Fak­ti­schen für sich.

Vor al­lem lässt es Pal­mer nicht mit der ge­ne­ra­li­sie­ren­den Be­nen­nung von „Flücht­lin­gen“be­wen­den, son­dern führt stets auch sei­ne – of­fen­bar prä­gen­den – Er­fah­run­gen mit Zu­wan­de­rern im Zu­ge des Bal­kan-Kon­flikts ins Feld – die sich heu­te oft ge­nug als Geg­ner ei­ner un­ter­schieds­lo­sen „Will­kom­mens­kul­tur“er­wei­sen. So schreibt Pal­mer – im­pli­zit auf die frü­hen Be­schwich­ti­gun­gen vom Herbst 2015 ein­ge­hend, es kä­men lau­ter Fach­kräf­te, um dem hie­si­gen Fach­ar­bei­ter­man­gel ab­zu­hel­fen –: „Asyl und Ar­beits­mi­gra­ti­on sind zwei völ­lig ver­schie­de­ne Din­ge. Wo sie ver­mischt wer­den, ge­ra­ten die Maß­stä­be aus dem Lot, wer­den Flücht­lin­ge plötz­lich zu Fach­ar­bei­tern oder Ar­beits­markt­pro­ble­me zu Flucht­grün­den.“All die­se Pro­ble­me an­ge­schnit­ten, kommt er zu dem ab­schlie­ßen­den Ur­teil über die Vor­stel­lun­gen nicht zu­letzt sei­ner grü­nen Par­tei: „Die Welt ist im­mer noch ent­setz­lich un­ge­recht. Asyl wird aber nicht vor Ar­mut ge­währt, son­dern vor po­li­ti­scher Ver­fol­gung. Die Welt ge­rech­ter zu ma­chen, ist ein mo­ra­li­scher Im­pe­ra­tiv. Ar­mut und Leid über das Asyl­recht aus der Welt zu schaf­fen, schlicht un­mög­lich.“

Es ist die Macht der Zahl, die die Po­li­tik ver­än­dert, ob man nun will oder nicht. „Wenn aber im Jahr 2015 so vie­le Men­schen in Deutsch­land Zuflucht ge­fun­den ha­ben wie in al­len Nul­ler­jah­ren zu­sam­men – mehr noch, so vie­le Men­schen wie in al­len an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern zu­sam­men –, dann ist ei­ne neue Si­tua­ti­on ent­stan­den, auf die wir Ant­wor­ten fin­den müs­sen und ge­ben dür­fen“, schreibt Pal­mer am Schluss sei­nes Bu­ches, das trotz al­lem ein lei­den­schaft­li­ches Plä­doy­er für ei­ne Will­kom­mens­kul­tur mit Au­gen­maß ist. Dass Pal­mer dem „Di­lem­ma zwi­schen Ge­wis­sen und Ver­ant­wor­tung“nicht aus­weicht, macht sein Buch zu ei­ner im bes­ten Sin­ne er­nüch­tern­den Lek­tü­re.

Bo­ris Pal­mer: Ein Grü­ner über In­te­gra­ti­on und die Gren­zen der Be­last­bar­keit. Sied­ler Ver­lag, Mün­chen 2017. 256 S., 18 €.

Bo­ris Pal­mer

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