Lasst das Fuß­ball­sys­tem zu­sam­men­bre­chen!

Der Tagesspiegel - - SONNTAG -

Man könn­te sich die­ses Jahr schon an die Tren­nung ge­wöh­nen, sich da­rin üben, wie es oh­ne die gro­ße Lie­be wä­re. Sie ei­ne Wei­le nicht mehr an­schau­en, auch wenn es schwer­fällt, weil sie so schön und reich an Ge­schich­ten ist – und das seit den Kin­der­ta­gen. Nächs­tes Jahr in Russ­land soll­te man schon in Tren­nung le­ben, ab und zu, Halb­fi­na­le oder Fi­na­le, kann man sich noch mal vor­sich­tig an­schau­en, aber spä­tes­tens in Ka­tar soll­te man, mit The­ra­peu­ten oder neu­er Lie­be, ir­gend­wie da­mit durch sein.

Scheiß-Fuß­ball, ge­lieb­ter Fuß­ball ... An die 222 Mil­lio­nen Eu­ro für ei­nen Spie­ler, die Pa­ris St. Ger­main nun für Ney­mars Wech­sel vom FC Bar­ce­lo­na in die fran­zö­si­sche Haupt­stadt be­zahlt hat, will ich mich nicht ge­wöh­nen! Vor ei­nem Jahr wech­sel­te Paul Pog­ba für fast die Hälf­te von Ju­ven­tus Tu­rin zu Man­ches­ter Uni­ted. Vor ei­nem Jahr sprach man sam­melt Er­in­ne­run­gen an die Ge­gen­wart von un­fass­ba­ren 105 Mil­lio­nen Eu­ro für ei­nen Spie­ler, den teu­ers­ten bis da­hin, nun sind es 222 Mil­lio­nen für Ney­mar.

An­geb­lich hat er die Ab­lö­se­sum­me selbst be­zah­len müs­sen, weil sich der FC Bar­ce­lo­na wei­ger­te, mit Pa­ris zu ver­han­deln. Wie hat Ney­mar das ge­macht? Per On­line-Ban­king? In Geld­kof­fern die 222 Mil­lio­nen selbst nach Pa­ris ge­bracht? Wie vie­le Kof­fer brauch­te er? Man hat er­rech­net, dass 222 Mil­lio­nen ei­ne Ein-Eu­ro-Ket­te von 5161 Ki­lo­me­tern er­gä­be, das wä­re ei­ne Geld­ket­te von Pa­ris bis nach Ka­tar.

Na­tür­lich war es nicht Ney­mars ei­ge­nes Geld. Er ist vor­her noch die Eu­ro­ket­te ent­lang nach Ka­tar ge­flo­gen und hat das Geld dort be­kom­men, das Emi­rat ist Ei­gen­tü­mer von Pa­ris St. Ger­main. Ney­mar muss da­für als Bot­schaf­ter für die WM 2022 in Ka­tar wer­ben, von der man dies­mal schon vor­her weiß, dass sie ge­kauft wor­den ist. Und Men­schen- rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen schla­gen seit Jah­ren Alarm, es ge­be beim Bau der Sta­di­en kei­nen aus­rei­chen­den Schutz, Ar­beits­mi­gran­ten müss­ten Zwangs­ar­beit leis­ten. Von den Er­kennt­nis­sen west­li­cher Ge­heim­diens­te, die vor ei­ner Ver­stri­ckung Ka­tars in den is­la­mis­ti­schen Ter­ro­ris­mus war­nen, ganz ab­ge­se­hen.

Wie kann man das al­les noch sei­nem ei­ge­nen Fuß­ball­herz er­klä­ren? Die ei­nen, die die Sta­di­en für das gro­ße Fest bau­en, fal­len vor Über­mü­dung von den Bau­ge­rüs­ten, und die Bot­schaf­ter ho­len sich ih­re ab­sur­den Sum­men ab.

Kürz­lich sah ich Flücht­lin­ge auf Boo­ten mit Fuß­ball­tri­kots vom FC Bar­ce­lo­na mit der Auf­schrift „Qa­tar Air­ways“, auf der Rück­sei­te stand „Unicef“.

Je­mand hat er­rech­net, dass man für 222 Mil­lio­nen, ne­ben 39 Ma­ra­do­nas, auch al­le hun­gern­den Kin­der mehr als fünf Ta­ge ver­sor­gen könn­te. Ei­ne Ver­sor­gungs­ein­heit für Afri­ka wird mit 0,4 Cent be­rech­net. Man kön­ne das ei­ne nicht ge­gen das an­de­re auf­rech­nen, heißt es im­mer. Na­tür­lich kann man das!

„Das Geld ist da, und ge­fragt ist wirt­schaft­li­cher Sach­ver­stand“, schreibt die Wirt­schafts­pres­se über Ney­mars Ab­lö­se­sum­me. Man kön­ne nicht mehr zu­rück, sonst wür­de das „Sys­tem“zu­sam­men­bre­chen. Aha, wenn Ka­tar aus dem Fuß­ball aus­stie­ge, wür­de ir­gend­wann so­gar Re­al Ma­drid oder Bay­ern Mün­chen in der 3. Li­ga spie­len. Ist das das Sys­tem?

Dann bit­te zu­sam­men­bre­chen las­sen! Und zwar bis – so sagt man im Fuß­ball – die Moral in der Trup­pe wie­der stimmt.

War­um muss ich da­bei im­mer an den BER den­ken? Der kos­tet an­geb­lich jetzt 1,3 Mil­lio­nen Eu­ro am Tag, so viel ver­dient nicht mal Ney­mar, bei ihm sind’s nur 82 000 Eu­ro pro Tag. Beim BER be­gann der Nie­der­gang mit dem man­geln­den Brand­schutz. Ir­gend­wie hat man den im Pro­fi­fuß­ball auch ver­ges­sen.

Mo­ritz Rin­ke

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