Erst nach­den­ken, dann los­le­gen

Es geht auch oh­ne Kos­ten­ex­plo­si­on und Skan­dal: Wie die Sa­nie­rung von Kul­tur­bau­ten ge­lingt

Der Tagesspiegel - - SONDERTHEMA - Von Jan Hin­nerk Mey­er und Ha­gen W. Lip­pe-Wei­ßen­feld

Stel­len wir uns zwei Stadt­mo­del­le vor und fra­gen uns, was wir in­ter­es­san­ter fän­den: Ei­ne Stadt als rei­ner In­dus­trie- oder Wirt­schafts­stand­ort oder ei­ne Stadt mit dar­über hin­aus in­ter­es­san­ten Mu­se­en, le­ben­di­gen Thea­tern und ei­ner pro­spe­rie­ren­den Kul­tur­sze­ne. Die Ant­wort dürf­te wohl ein­deu­tig aus­fal­len: Oh­ne Kul­tur­bau­ten wä­ren un­se­re Städ­te see­len­lo­se Or­te, Plät­zeund Ge­bäu­de­an­samm­lun­gen, die rein auf ih­ren öko­no­mi­schen Nut­zen re­du­ziert wür­den. We­nig wür­de Men­schen da­zu an­re­gen, die ei­ne oder an­de­re Stadt oder Re­gi­on des­halb zu be­su­chen, weil es dort le­ben­dig und kon­tro­vers zu­geht, ein at­trak­ti­ves Kul­tur­pro­gramm war­tet und sich stil­prä­gen­de Ar­chi­tek­tu­ri­ko­nen be­rühm­ter Bau­meis­ter be­sich­ti­gen las­sen, für die es sich loh­nen wür­de, ei­ne wei­te An­rei­se auf sich zu neh­men.

Den­ken wir an Wa­g­ners Grü­nen Hü­gel, auf dem das Fest­spiel­haus wie ein Pan­the­on über Bay­reuth thront und des­sen „Er­klim­men“zu den ge­sell­schaft­li- chen High­lights der Re­pu­blik ge­hört. Oder an Ham­burg, wo die Elb­phil­har­mo­nie der Stadt ei­nen Tou­ris­ten­boom be­schert. Ab­seits auch die­ser na­tio­na­len „Kul­tur­tem­pel“hat in Deutsch­land fast je­de Ge­biets­kör­per­schaft sei­ne klei­nen oder gro­ßen Kul­tur­ein­rich­tun­gen, de­ren Ge­bäu­de wie Leucht­tür­me zu­meist in pro­mi­nen­ten Zen­trums­la­gen auf ih­re Um­ge­bung aus­strah­len.

War­um wur­den Kul­tur­bau­ten ge­nau wie Kir­chen im­mer in­mit­ten ei­ner Stadt er­rich­tet? Was sagt das aus über ih­re iden­ti­täts­stif­ten­de Be­deu­tung? Wie er­le­ben wir da­durch die Tra­di­tio­nen und Wer­te ei­nes Ge­mein­we­sens, ei­ner Na­ti­on? Kul­tur­bau­ten als Dis­tink­ti­ons­mit­tel wa­ren in feu­da­lis­ti­schen Zei­ten die ele­gan­tes­te Form, Über­le­gen­heit und Macht zu de­mons­trie­ren. Zugleich aber auch geis­ti­ge Pro­spe­ri­tät und Ex­pe­ri­men­tier­freu­de zu kul­ti­vie­ren. Die Initia­len der je­wei­li­gen Re­gen­ten in den Gie­beln der Mu­sen­tem­pel zeu­gen noch heu­te von die­sem ge­sell­schaft­li­chen Gestal­tungs­an­spruch.

Vie­le Jahr­zehn­te spä­ter ste­hen wir heu­te vor ei­nem Di­lem­ma: Wie hal­ten wir es mit un­se­rem in St­ein ge­mei­ßel­ten kul­tu­rel­len Er­be, von dem in­zwi­schen nach in­of­fi­zi­el­len Sta­tis­ti­ken rund 80 Pro­zent sa­nie­rungs­be­dürf­tig ist? Ab­rei­ßen und neu bau­en oder sa­nie­ren – die­se Fra­ge löst stets hef­ti­ge Kon­tro­ver­sen aus. Nicht sel­ten wird sie aber auch zum Se­gen, wenn ein Neu­bau zu dem Be­su­cher­ma­gnet ei­ner Stadt oder gan­zen Re­gi­on wird! Je­der Bür­ger­meis­ter träumt hier vom „Bil­bao-Ef­fekt“.

Im Ide­al­fall gä­be es für je­de Stadt, ob klein oder groß, ei­nen Mas­ter­plan Kul­tur­bau­ten. Der ent­hiel­te de­tail­lier­te Be­stands­auf­nah­men mit prä­zi­sen Zu­stands­be­schrei­bun­gen ge­nau­so wie ein „Am­pel­sys­tem“, das nach Prio­ri­tä­ten ge­staf­felt not­wen­di­ge Ein­zel­maß­nah­men aus­weist und dem Be­trei­ber dif­fe­ren­ziert auf­zeigt, wo Hand­lungs­druck herrscht. Wenn die­ser Maß­nah­men­ka­ta­log dann auch noch preis­lich ta­xiert und jähr­lich für die ein­zel­nen Ge­bäu­de fort­ge­schrie­ben wür­de (Stich­wort: Bau­un­ter­halt), könn­te je­des Stadt­par­la­ment lang­fris­tig ent­schei­den, wann es in wel­chem Jahr wel­che not­wen­di­ge Maß­nah­me durch­füh­ren will.

Die Grün­de, war­um das nicht ge­schieht, sind viel­fäl­tig. Öf­fent­li­che Bau­vor­ha­ben müs­sen grund­sätz­lich über öf­fent­li­che Ver­ga­be­ver­fah­ren (VGV) aus­ge­schrie­ben und ver­ge­ben wer­den. Da die Kul­tur im po­li­ti­schen Raum nicht die größ­te Lob­by hat, sind In­ves­ti­tio­nen in Kul­tur­bau­ten er­fah­rungs­ge­mäß nur ge­gen er­heb­li­che Wi­der­stän­de durch­zu­set­zen. Des­halb sol­len in der Re­gel die Kos­ten so nied­rig wie mög­lich ge­hal­ten wer- den. Es wird al­so häu­fig ein Vor­ha­ben so aus­ge­schrie­ben, dass das preis­lich bes­te Ge­bot den Zu­schlag er­hält. Die in­halt­lich viel­leicht sinn­volls­ten Lö­sungs­an­sät­ze, die na­tur­ge­mäß nicht zur ge­rings­ten Auf­trags­sum­me füh­ren, aber gleich vie­le Pro­ble­me lö­sen und am Nach­hal­tigs­ten wä­ren, fal­len bei den Aus­schrei­bun­gen lei­der häu­fig hin­ten­über.

In der ers­ten, der „Leis­tungs­pha­se 0“, in der noch kei­ne ex­ter­nen Pla­ner an Bord sind, wird oft nicht tief ge­nug ge­dacht. Da bräuch­te es mehr Zeit, fun- dier­te Vor­über­le­gun­gen, da­durch kla­re Auf­ga­ben­stel­lun­gen mit Pro­jekt­grund­la­gen und -zie­len, die rea­lis­ti­sche Ein­prei­sung von Pro­jek­t­ri­si­ken und da­mit zur Auf­ga­ben­stel­lung pas­sen­de Bud­gets. Kul­tur­bau­ten sind kei­ne nor­ma­len Bau­vor­ha­ben. Man be­wegt sich hier im Span­nungs­feld ei­ner­seits star­rer Richt­li­ni­en der Ver­ord­nung für öf­fent­li­che Ver­samm­lungs­stät­ten und an­de­rer­seits ganz spe­zi­el­ler tech­ni­scher und ar­chi­tek­to­ni­scher An­for­de­run­gen für ei­ne fle­xi­ble künst­le­ri­sche Nut­zung der Räu­me.

Hier sind er­fah­re­ne, em­pa­thi­sche Ar­chi­tek­ten und Pro­jekt­steue­rer von­nö­ten, die mit die­ser Art von Ge­bäu­den und den in­di­vi­du­el­len Wün­schen der künst­le­ri­schen Lei­tun­gen bes­tens ver­traut sind. Hin­zu kommt ein Phä­no­men: Dass näm­lich Bau­her­ren die nach Ab­schluss ei­nes Bau­vor­ha­bens in den Fol­ge­jah­ren an­fal­len­den Be­triebs- und Bau­un­ter­hal­tungs­kos­ten nur sel­ten von vor­ne­her­ein rea­lis­tisch mit­be­rech­nen las­sen. Die Be­triebs­kos­ten müs­sen spä­ter häu­fig aus den künst­le­ri­schen Bud­gets fi­nan­ziert wer­den, was zu exis­ten­zi­el­len Kon­tro­ver­sen in den Häu­sern führt. Von den not­wen­di­gen Bud­gets für den Bau­un­ter­halt ganz zu schwei­gen. In der Fol­ge führt dies zu dau­er­haf­ter Flick­schus­te­rei und ei­nem Auf­schie­ben der ei­gent­li­chen Pro­ble­me mit der Fol­ge, dass sich die­se über die Jah­re noch po­ten­zie­ren.

Hin­zu kommt, dass Kul­tur­schaf­fen­de kei­ne ei­ge­ne Ex­per­ti­se im Be­reich Bau­un­ter­halt ha­ben und sich des­halb über­for­dert füh­len, auf Au­gen­hö­he mit Fach­leu­ten und der Ver­wal­tung zu dis­ku­tie­ren. Oft man­gelt es vor Ort in den Häu­sern an tech­ni­schem Sach­ver­stand. Auch fehlt der Aus­tausch der Künst­ler un­ter­ein­an­der im Sin­ne ei­nes orts­über­grei­fen­den Wis­sens­trans­fers zu bau­li­chen Fra­ge­stel­lun­gen. Das führt nicht sel­ten zu gro­ßer Frus­tra­ti­on bei den Be­trof­fe­nen, die sich von ih­ren künst­le­ri­schen Kern­auf­ga­ben ab­ge­hal­ten füh­len.

Es gibt in Deutsch­land nicht vie­le Ar­chi­tek­ten, die Er­fah­rung mit der Sa­nie­rung von Kul­tur-Be­stands­bau­ten bei lau­fen­dem Be­trieb ha­ben. In den meis­ten Fäl­len kön­nen und sol­len die Häu­ser ja nicht über lan­ge Zei­t­räu­me ge­schlos­sen wer­den. Lan­ge Schlie­ßun­gen wür­den da­zu füh­ren, dass die Häu­ser aus der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung ver­schwin­den wür­den. Das möch­ten al­le Be­tei­lig­ten zu Recht ver­mei­den.

Wich­tigs­te Vor­aus­set­zung für den Er­folg ist al­so der Ein­satz ei­nes prä­zi­sen Qua­li­täts- und Pro­zess­ma­nage­ments. Dar­aus fol­gend ei­ne ex­trem gründ­li­che und rea­lis­ti­sche Bau-, Zeit- und Kos­ten­pla­nung und schließ­lich die Aus­wahl kom­pe­ten­ter und prä­zi­se ar­bei­ten­der Pro­jekt­steue­rer, Ar­chi­tek­ten und In­ge­nieu­re. Die­se brau­chen um­fas­sen­de Er­fah­run­gen mit der Um­set­zung sol­cher ganz spe­zi­el­ler, tech­nisch und ar­chi­tek­to­nisch höchst an­spruchs­vol­ler Groß­pro­jek­te. Dann ver­die­nen sie am En­de auch Ap­plaus von al­len Sei­ten.

War­um ste­hen Mu­se­en und Thea­ter in der Stadt­mit­te? Weil sie Iden­ti­tät stif­ten Oft wer­den die Fol­ge­kos­ten ei­ner Bau­maß­nah­me nicht gründ­lich kal­ku­liert

— Jan Hin­nerk Mey­er und Ha­gen W. Lip­pe-Wei­ßen­feld sind Ge­schäfts­füh­rer der Mey­er Ar­chi­tek­ten Gm­bH und Ge­schäfts­füh­ren­de Ge­sell­schaf­ter der Pro­jekt Schmie­de Gm­bH in Düs­sel­dorf.

Fo­to: Ima­go/Rai­ner Un­kel

Ne­ga­tiv­bei­spiel Köl­ner Oper. Acht Jah­re Zeit­ver­zug, ge­schätz­te Bau­kos­ten 570 Mil­lio­nen Eu­ro: Nicht nur in Ber­lin gibt es Pro­ble­me beim „Bau­en im Be­stand“.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.