Pro­test ge­gen Papp­ka­me­ra­den

In Fried­richs­hain-Kreuz­berg gibt es Streit um ein Kunst­pro­jekt: Ei­ne Aus­stel­lung will zur Dis­kus­si­on um Dro­gen­dea­ler bei­tra­gen. Sie will ver­su­chen, de­ren Le­bens­we­ge zu er­klä­ren. CDU-Po­li­ti­ker kri­ti­sie­ren, die Schau ver­harm­lo­se al­len­falls Kri­mi­nel­le

Der Tagesspiegel - - BERLIN - Von Jo­han­nes Dros­dow­ski

„Was da pas­siert, ist ab­so­lut ab­surd und un­mög­lich“, sagt der Ber­li­ner CDU-Ab­ge­ord­ne­te Bur­kard Dreg­ger. Die Aus­stel­lung „An­de­re Hei­ma­ten“, die am 21. No­vem­ber im Fried­richs­hain-Kreuz­berg Mu­se­um er­öff­nen soll, macht ihn wü­tend.

Schuld ist das The­ma: Kon­zept­künst­ler Scott Holm­quist be­schäf­tigt sich in der Schau mit der Her­kunft von Dro­gen­dea­lern, die in Ber­li­ner Parks ak­tiv sind. 13 mensch­li­che Sil­hou­et­ten aus Pap­pe sol­len den Rah­men der Aus­stel­lung bil­den, da­zu In­for­ma­tio­nen über die Hei­mat des je­wei­li­gen Dro­gen­händ­lers und sei­nen Weg nach Ber­lin. Part­ner und Un­ter­stüt­zer der Aus­stel­lung sind ne­ben dem Mu­se­um un­ter an­de­rem auch die der Par­tei Die Lin­ke na­he­ste­hen­de Ro­sa-Lu­xem­burg-Stif­tung, der po­li­ti­sche Sport­ver­ein THC Fran­zis­ka­ner FC und das Hanf

Mu­se­um.

Holm­quist er­klärt in der An­kün­di­gung zur Aus­stel­lung, er wol­le dem Hass auf

Dro­gen­dea­ler ent­ge­gen­wir­ken. Denn der sei aus „post­ko­lo­nia­len Mus­tern“ent­stan­den, schwar­ze Men­schen so zum Sinn­bild von Dro­gen­ver­käu­fern ge­wor­den. Es sei­en nicht ein­fach „Afri­ka­ner“, der Künst­ler Holm­quist will die­sen Men­schen ih­re ei­ge­ne Ge­schich­te zu­ge­ste­hen.

Doch der Hass, sagt der Aus­stel­lungs­ma­cher, re­sul­tie­re auch aus der Wi­der­sprüch­lich­keit im The­ma. Bes­tes Bei­spiel sei die Ber­li­ner Dro­gen­po­li­tik – zwi­schen Null-To­le­ranz-Zo­ne und Par­k­läu­fern. Eben­so die Ge­sell­schaft: Sie dul­de zwar Dro­gen­kon­sum in man­chen Fäl­len, et­wa bei Can­na­bis, und be­trach­te den Kon­sum teil­wei­se schon als nor­mal. An­de­rer­seits gel­te der Ver­kauf als straf­bar und mo­ra­lisch ver­werf­lich.

Für den Christ­de­mo­kra­ten Dreg­ger ge­hö­ren Dea­ler nicht ins Mu­se­um, son­dern ins Ge­fäng­nis. „Ich wür­de mir lie­ber ei­ne Aus­stel­lung über die Op­fer der Dro­gen­dea­ler wün­schen, da­mit die Ver­harm­lo­sung die­ser Kri­mi­na­li­tät end­lich auf­hört“, sagt er. Auf die­se Wie­se kön­ne man end­lich al­le an ih­re ge­sell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung er­in­nern.

Chris­ti­ne Köh­ler-Aza­ra, die Dro­gen­be­auf­trag­te der Se­nats­ver­wal­tung, ver­mu­tet, dass die Aus­stel­lung die glei­che Tren- nung vor­neh­men könn­te wie das deut­sche Rechts­sys­tem – „zwi­schen dem Fehl­ver­hal­ten ei­nes Men­schen, das be­straft wer­den kann, und sei­ner Per­son“. An­de­re ha­ben Angst, dass genau die­se Tren­nung zwi­schen Mensch und Tat nicht vor­ge­nom­men wird. Ein Tagesspiegel-Le­ser aus Ste­glitz frag­te in ei­nem Brief an die Re­dak­ti­on neu­lich nach, ob ei­ne sol­che Aus­stel­lung nicht eher zu Straf­ta­ten an­stif­ten wür­de und da­mit ge­set­zes­wid­rig sei. „Soll man Dea­lern et­wa aus Mit­leid Dro­gen ab­kau­fen?“fragt er.

Iah Schram­me, Spre­cher des Scott Holm­quist Stu­di­os, ver­neint das. Ge­ne­rell sei die Aus­stel­lung nicht als po­li­ti­sche Po­si­ti­on zu ver­ste­hen, son­dern als ein künst­le­ri­sches Pro­jekt. Trotz­dem zeigt er Ver­ständ­nis für die Be­fürch­tun­gen man­cher Ber­li­ner. „Es ist ei­ne nach­voll­zieh­ba­re Re­ak­ti­on, dass sich Men­schen an der Aus­stel­lung stö­ren“, sagt er. „Mit die­sen Ängs­ten, die hier ge­äu­ßert wer­den, soll­te man em­pa­thisch um­ge­hen.“Ei­ne Ver­herr­li­chung des Dea­lens kann er nicht er­ken­nen. „Die Aus­stel­lung möch­te ja nicht Po­si­ti­on be­zie­hen, sie soll viel­mehr ei­ne Platt­form sein für ei­ne kon­zen­trier­te Dis­kus­si­on über das The­ma.“

Die­se Dis­kus­si­on scheint sich auch Be­zirks­bür­ger­meis­te­rin Mo­ni­ka Herr­mann (Bünd­nis 90 / DieG­rü­nen) zu wün­schen. In ei­nem öf­fent­li­chen State­ment zu der Aus­stel­lung und der Kri­tik an der Schau schreibt sie: „Die Aus­stel­lung ist kei­ne Glo­ri­fi­zie­rung von Dro­gen oder ih­rem Han­del, son­dern ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit ei­nem Pro­blem, das sich nicht da­durch löst, dass es tot­ge­schwie­gen wird.“Für vie­le Bür­ger in Fried­richs­hain-Kreuz­berg und an­de­ren Be­zir­ken ge­hö­re der Dro­gen­han­del in Parks zur Le­bens­rea­li­tät. Und den­noch for­dern der­zeit vie­le Bür­ger ein stren­ge­res Vor­ge­hen der Po­li­tik ge­gen das Dea­len.

Iah Schram­me kann das ver­ste­hen. Doch genau das sei nicht die Auf­ga­be der Aus­stel­lung, son­dern ei­ne rein po­li­ti­sche Fra­ge. „Hier geht es nur um die künst­le­ri­sche Be­ob­ach­tung und Re­fle­xi­on. Und in der Kunst darf es kei­ne Denk­bar­rie­ren ge­ben.“Dea­ler – wie in der Aus­stel­lungs-An­kün­di­gung ge­sche­hen – als „tap­fer“zu be­zeich­nen, sei da­her auch ver­tret­bar. „Der Dro­gen­ver­käu­fer ist das Sinn­bild für den po­li­ti­schen Kon­flikt des Le­ga­len und Il­le­ga­len. In die­ser Po­si­ti­on, ist er tap­fer.“

Ob und wie sehr Dro­gen­händ­ler in der Aus­stel­lung „An­de­re Hei­ma­ten“tat­säch­lich ver­herr­licht wer­den, wird sich wohl erst mit ih­rer Er­öff­nung am 21. No­vem­ber zei­gen. Ein Pro­gramm soll sie be­glei­ten, et­wa Dis­kus­si­ons­run­den zwi­schen Wis­sen­schaft­lern, Park­ma­na­gern und an­de­ren Ex­per­ten. Ob das Ge­samt­kon­zept ei­nen neu­en Ge­sprächs­an­satz für die Stadt und ih­re Angst vor Dro­gen­händ­lern schaf­fen kann? Bur­kard Dreg­ger je­den­falls sagt, er wür­de kom­men, falls er ein­ge­la­den wer­de. „Ich bin im­mer be­reit, strei­tig zu dis­ku­tie­ren.“

Ei­ner sei­ner Par­tei­kol­le­gen, Ti­mur Hu­sein, stell­te da­ge­gen den An­trag ans Be­zirks­amt, es mö­ge sei­ne För­de­rung von 500 Eu­ro zu­rück­zie­hen und die Aus­stel­lung nicht be­her­ber­gen. Ganz im Ge­gen­teil: Er for­dert ei­ne Aus­stel­lung, die über die Straf­tat des Dro­gen­dea­lens und die Aus­wir­kun­gen be­rich­tet. Das bis­he­ri­ge Pro­jekt sei „ein Schlag in das Ge­sicht der Op­fer der Dro­gen­dea­ler“. Kom­men­den Mitt­woch soll über die­sen An­trag in der BVV be­ra­ten wer­den.

Das Be­zirks­amt kann kei­ne Glo­ri­fi­zie­rung von Dro­gen er­ken­nen

— „An­de­re Wel­ten“im FHXB-Mu­se­um vom 22. No­vem­ber bis 14. Ja­nu­ar 2018, Er­öff­nung am 21. No­vem­ber um 19 Uhr

Fo­tos: Holm­quist Stu­di­os/pro­mo

Der Kon­zept­künst­ler Scott Holm­quist (un­ten) will in sei­ner Aus­stel­lung im FHXB-Mu­se­um die Dea­ler, die in Ber­li­ner Parks mit Dro­gen han­deln, aus der An­ony­mi­tät ho­len. Doch die Schau, wie die Si­mu­la­ti­on sie zeigt, ist um­strit­ten. Die CDU hält sie für pu­re Pro­vo­ka­ti­on – und hät­te lie­ber ei­nen Bei­trag da­zu, was Dea­ler an­rich­ten.

Wo­her sie kom­men, war­um sie dea­len.

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