Mehr Prä­zi­si­on für die kran­ke Psy­che

Arz­nei­en ge­gen see­li­sche Lei­den zu ent­wi­ckeln, ist be­son­ders schwie­rig. Neue An­sät­ze sol­len das jetzt än­dern

Der Tagesspiegel - - WISSEN & FORSCHEN - Von Adel­heid Mül­ler-Liss­ner

Ein Stück weit sind Krank­hei­ten der Psy­che in­zwi­schen zu „nor­ma­len“Krank­hei­ten ge­wor­den: Man nimmt sie eher wahr als vor ei­ni­gen Jahr­zehn­ten, man spricht über sie, man sucht Hil­fe. Die gu­te Nach­richt ist, dass es sie für min­des­tens zwei Drit­tel der Hil­fe­su­chen­den auch gibt. „Ein Drit­tel der schwe­ren und mit­tel­gra­di­gen Ver­laufs­for­men spre­chen al­ler­dings schlecht oder gar nicht auf die gän­gi­gen The­ra­pie­an­sät­ze an“, sag­te Pe­ter Fal­kai, Di­rek­tor der Psych­ia­tri­schen Kli­nik der Uni­ver­si­tät Mün­chen, beim dies­jäh­ri­gen Sym­po­si­um der Paul-Mar­ti­ni-Stif­tung zu neu­en The­ra­pie­an­sät­zen bei psy­chi­schen Er­kran­kun­gen. Im­mer noch sei das Wis­sen dar­über un­zu­rei­chend, auf wel­chen We­gen De­pres­sio­nen oder Psy­cho­sen ent­ste­hen und was sich an wel­chen Stel­len im Ge­hirn tut, wenn sie sich ver­schlim­mern. „Man muss Stu­die um Stu­die ma­chen und sich hoch­ar­bei­ten“, mahn­te der Psych­ia­ter sich und sei­ne Kol­le­gen.

Auch Sieg­fried Throm, Ge­schäfts­füh­rer der Ab­tei­lung für For­schung, Ent­wick­lung und In­no­va­ti­on im Ver­band der For­schen­den Arz­nei­mit­tel­her­stel­ler, be­dau­er­te, dass es an gu­ten Krank­heits­mo­del­len in die­sem Fach­ge­biet der Me­di­zin bis­her noch ha­pe­re. So be­ru­he die Dia­gno­se ei­ner psy­chi­schen Er­kran­kung meist auf sub­jek­ti­ven Ein­schät­zun­gen. Und wenn ei­ne Krank­heit schlecht de­fi­niert ist, dann lässt sich die Wirk­sam­keit neu­er Arz­nei­en sta­tis­tisch nicht er­ken­nen, weil die Pa­ti­en­ten in ei­ner Stu­die nur schein­bar an der glei­chen Krank­heit lei­den. Das ha­be zur Un­lust der Phar­ma­fir­men bei­ge­tra­gen, wei­ter in die Arz­nei­mit­tel­ent­wick­lung auf dem Ge­biet der Psych­ia­trie zu in­ves­tie­ren, sagt Throm. „Vie­le Fir­men ha­ben ihr En­ga­ge­ment zu­rück­ge­fah­ren oder ganz ein­ge­stellt.“Seit 2010 sind in Deutsch­land kei­ne wirk­lich neu­en Mit­tel mehr auf den Markt ge­kom­men. Und nur in sie­ben kli­ni­schen Pro­jek­ten wer­den der­zeit Wirk­stof­fe ge­gen De­pres­sio­nen ge­tes­tet – da­ge­gen lau­fen 237 sol­cher Stu­di­en in der Krebs­me­di­zin.

Doch mit et­was Glück könn­te sich das in ein paar Jah­ren än­dern. So in­ter­es­sie­ren sich Grund­la­gen­for­scher zu­neh­mend für Ve­rän­de­run­gen, die sich durch Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Er­erb­tem und Um­welt­ein­flüs­sen an wich­ti­gen En­zy­men er­ge­ben. An­dré Fi­scher vom Deut­schen Zen­trum für Neu­ro­de­ge­ne­ra­ti­ve Er­kran­kun­gen in Göt­tin­gen et­wa wid­met sich der Neu­ro­epi­ge­ne­tik, al­so der Si­che­rung von Spu­ren der Um­welt in den von Ge­nen ge­steu­er­ten Ab­läu­fen im Ge­hirn. Ein von ihm er­forsch­ter Hemm­stoff ver­bes­ser­te im Tier­mo­dell die Lern­fä­hig­keit, in­dem er das En­zym His­ton-De­ace­ty­la­se blo­ckier­te. Nun wird der Wirk­stoff erst­mals in ei­ner Stu­die bei ei­ner klei­nen An­zahl von Per­so­nen mit ei­ner be­gin­nen­den De­menz ge­tes­tet.

Eli­sa­beth Bin­der, Di­rek­to­rin des Max-Planck-In­sti­tuts für Psych­ia­trie in

Seit 2010 wur­de kei­ne neue Arz­nei ge­gen See­len­lei­den zu­ge­las­sen

Mün­chen, konn­te von ers­ten viel­ver­spre­chen­den Tier­ver­such­s­er­geb­nis­sen mit ei­nem Hemm­stoff des Cha­pe­ron-Pro­te­ins FKBP5 be­rich­ten. Cha­pe­ron-Pro­te­ine sind „be­hü­ten­de“Ei­wei­ße, die neu ge­bil­de­ten an­de­ren Pro­te­inen hel­fen, sich kor­rekt zu fal­ten. Auch ih­re Ar­beits­grup­pe konn­te be­le­gen, wie eng Ge­ne und Le­bens­er­fah­run­gen mit­ein­an­der ver­quickt sind, wenn sich see­li­sche Krank­hei­ten ent­wi­ckeln: Men­schen, die in ih­rem Erb­gut Ve­rän­de­run­gen des Gens tra­gen, das FKBP5 an­schal­tet, sind be­son­ders an­fäl­lig für ei­ne Post­trau­ma­ti­sche Be­las­tungs­stö­rung (PTBS). Die­ser Stö­rung ge­hen trau­ma­ti­sche Er­fah­run­gen vor­aus. „Der ge­ne­ti­sche Mecha­nis­mus sorgt bei Trä­gern der Ve­rän­de­rung für hö­he­re An­schalt­bar­keit, da­zu müs­sen aber Um­welt­ein­flüs­se kom­men, und zwar schon in der Kind­heit“, sag­te Bin­der. Noch sei al­ler­dings un­klar, für wel­che Grup­pe von Pa­ti­en­ten der FKBP5-An­t­ago­nist über­haupt in­fra­ge kommt – und mit wel­chen Tests man sie in der gro­ßen Grup­pe der Pa­ti­en­ten mit PTBS er­ken­nen könn­te.

In an­de­ren Fäl­len könn­ten auch Me­di­ka­men­te hel­fen, die sich schon bei Lei­den aus ganz an­de­ren „Schub­la­den“des me­di­zi­ni­schen Fä­cher­ka­nons be­währt ha­ben. So könn­ten An­ti­bio­ti­ka, die üb­li­cher­wei­se ge­gen bak­te­ri­el­le In­fek­tio­nen ein­ge­setzt wer­den, auch ge­gen Psy­cho­sen hel­fen. Zwar sei­en die Ur­sa­chen die­ser Krank­heit aus dem schi­zo­phre­nen For­men­kreis bis heu­te nur un­zu­rei­chend ver­stan­den, sag­te Jo­sef Pril­ler, Di­rek­tor der Ab­tei­lung für Neu­ro­psych­ia­trie an der Kli­nik für Psych­ia­trie der Cha­rité. Doch ne­ben ge­ne­ti­schen Fak­to­ren, Ve­rän­de­run­gen im Stoff­wech­sel und bei der Si­gnal­über­tra­gung im Ge­hirn und be­las­ten­den Le­bens­er­eig­nis­sen spie­le auch das Im- mun­sys­tem ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Schon vor der Ge­burt kön­nen In­fek­ti­ons­krank­hei­ten der Mut­ter da­zu füh­ren, dass die Immun­zel­len im Ge­hirn des Em­bry­os, die Mi­kro­glia, zu stark ak­ti­viert wer­den. Un­ter­su­chun­gen zei­gen, dass die Mi­kro­glia die­ser Pa­ti­en­ten spä­ter ent­zünd­li­che Ve­rän­de­run­gen auf­wei­sen. „Bei Mäu­sen las­sen sich die Fol­gen die­ser ver­än­der­ten prä­na­ta­len Im­mun­ent­wick­lung er­ken­nen, wenn man sie in der Pu­ber­tät be­son­de­rem Stress aus­setzt, sie al­so zum Bei­spiel zwingt zu schwim­men“, sagt Pril­ler.

Die Hoff­nung ist, die­se Über­ak­ti­vie­rung des Im­mun­sys­tems mit An­ti­bio­ti­ka wie Mi­no­cy­clin zu brem­sen, das be­reits als an­ti­ent­zünd­li­ches Mit­tel ge­gen schwe­re Ak­ne ein­ge­setzt wird.

Auch bei De­pres­sio­nen, die zu den häu­figs­ten psy­chi­schen Er­kran­kun­gen ge­hö­ren, könn­te Mi­no­cy­clin hel­fen, weil auch hier Ent­zün­dungs­vor­gän­ge mit im Spiel sind, sag­te Isa­bel­la Heu­ser, Di­rek­to­rin der Psych­ia­trie der Cha­rité am Cam­pus Ben­ja­min Fran­klin. Wenn die Immun­zel­len des ent­zün­de­ten Ge­hirns über­ak­tiv sind, wird ver­stärkt Tryp­to­phan ab­ge­baut – der Vor­läu­fer des wich­ti­gen Hirn­bo­ten­stoffs Se­ro­to­nin, des­sen Feh­len De­pres­sio­nen ver­ur­sa­chen kann. Vor al­lem schwer be­han­del­ba­re De­pres­sio­nen hofft Heu­ser mit Mi­no­cy­clin be­han­deln zu kön­nen.

Da­her wird das Mit­tel nun in ei­ner mul­ti­zen­tri­schen Stu­die im Ver­gleich zu Pla­ce­bo bei Pa­ti­en­ten ge­tes­tet, de­ren De­pres­si­on mit den gän­gi­gen Me­di­ka­men­ten nicht in den Griff zu be­kom­men ist. Die Teil­neh­mer neh­men ih­re An­ti­de­pres­si­va wäh­rend des sechs­wö­chi­gen Tests si­cher­heits­hal­ber trotz­dem wei­ter, ein hal­bes Jahr spä­ter wird ge­schaut, ob die zu­sätz­li­che an­ti­bio­ti­sche Be­hand­lung ih­nen et­was ge­bracht hat. Zu­künf­tig, hofft Heu­ser, könn­ten dann Bio­mar­ker je­ne Pa­ti­en­ten er­ken­nen, bei de­nen die Be­gleit­the­ra­pie Er­folgs­chan­cen hat. „Was wir uns wün­schen, ist Prä­zi­si­ons-Psych­ia­trie.“

Auch was das „Bin­dungs“- und „Lie­bes“-Hor­mon Oxy­to­cin be­trifft, ist sol­che Prä­zi­si­on noch nicht er­reicht. Das kör­per­ei­ge­ne Hor­mon, das un­ter an­de­rem für die frü­he Bin­dung zwi­schen Mut­ter und Kind be­deut­sam ist, re­gu­liert im Ge­hirn Ner­ven­zell­netz­wer­ke, die für so­zia­les Ver­hal­ten zu­stän­dig sind, sag­te Sa­bi­ne Her­pertz, von der Kli­nik für All­ge­mei­ne Psych­ia­trie des Uni­k­li­ni­kums Heidelberg. Oxy­to­cin sorgt da­für, wie viel Auf­merk­sam­keit ein Mensch für Rei­ze ent­wi­ckelt, die ihn aus der Au­ßen­welt er­rei­chen. In­zwi­schen lie­gen aus Stu­di­en Hin­wei­se da­für vor, dass das Hor­mon sich als Na­sen­spray auch the­ra­peu­tisch nut­zen lässt, weil es Emo­tio­nen wie so­zia­le Ängst­lich­keit und Är­ger po­si­tiv be­ein­flusst, das Er­ken­nen der Mi­mik des Ge­gen­übers er­leich­tert und Em­pa­thie ver­stärkt.

Be­vor das Na­sen­spray in der Be­hand­lung psy­chisch Kran­ker ein­ge­setzt wer­den kön­ne, müs­se al­ler­dings ge­nau­er ge­klärt wer­den, wie das Hor­mon in wich­ti­ge Ge­hirn­re­gio­nen ge­langt und wel­che Wir­kung es dort ent­fal­tet, for­der­te Her­pertz. Bis­her weiß man noch nicht ein­mal ge­nau, war­um es nicht auf bei­de Ge­schlech­ter gleich wirkt. Rat­los ma­chen et­wa Da­ten der Hei­del­ber­ger Ar­beits­grup­pe. Sie deu­ten dar­auf hin, dass das Na­sen­spray in Kon­flikt­ge­sprä­chen Män­ner mil­der stimmt als ih­re Part­ne­rin­nen.

Na­sen­spray mit Oxy­to­cin als The­ra­pie für mehr Em­pa­thie und ge­gen Angst

Fo­to: blue­clue/iS­tock­pho­to

De­pres­si­ve Pha­se. Seit Jah­ren schei­tern die Be­mü­hun­gen von Arz­nei­mit­tel­her­stel­lern, neue Me­di­ka­men­te ge­gen Psy­cho­sen, De­pres­sio­nen oder an­de­re see­li­sche Lei­den zu ent­wi­ckeln. Neue Ide­en, et­wa An­ti­bio­ti­ka und Bio­mar­ker, sol­len das än­dern.

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