Sieg des Chris­ten­tums

Der Tagesspiegel - - VORDERSEIT­E - Von Ha­rald Mar­ten­stein

Auf der Ge­denk­ta­fel am Breit­scheid­platz ist ganz all­ge­mein von ei­nem „Ter­ror­an­schlag“die Re­de, ge­wor­ben wird eben­so all­ge­mein für ein „fried­li­ches Mit­ein­an­der“. Der Is­la­mis­mus, Mo­tor des Mör­ders Am­ri, wird nicht er­wähnt. Vie­le se­hen das kri­tisch. Die Kri­tik ist, wie je­de Kri­tik in ei­nem­frei­en Land, le­gi­tim. Ist sie auch be­rech­tigt? Es stimmt je­den­falls nicht, dass hier ei­ne Art Kotau vor ei­ner be­stimm­ten Tä­ter­grup­pe statt­fin­det, die in an­de­rem Zu­sam­men­hang un­denk­bar wä­re. Auf dem Leo­pold­platz steht ein Find­ling mit fol­gen­der In­schrift: „Zum mah­nen­den Ge­dächt­nis an die Wed­din­ger Mit­bür­ger, die durch Ter­ror und Ty­ran­nei ums Le­ben ka­men.“Es gibt Bei­spie­le für bei­des, für an­kla­gen­des Ge­den­ken und für ein Ge­den­ken, das sich mit der Trau­er um die Op­fer be­gnügt.

Das Chris­ten­tum ist kei­ne ag­gres­si­ve Re­li­gi­on. Vie­le wer­den jetzt im Geist pro­tes­tie­ren – ist im Na­men des Chris­ten­tums et­wa nicht ge­mor­det wor­den? Ja, na­tür­lich. Aber mir ist kei­ne Stel­le des Neu­en Tes­ta­ments be­kannt, auf die ein Mör­der sich be­ru­fen könn­te. Je­der Mör­der, und mag er ein Kreuz vor sich her­tra­gen, ver­rät die zen­tra­le Uto­pie sei­nes Glau­bens, die Nächs­ten­lie­be. Dem christ­li­chen Gott ist klar, dass er fast Un­mög­li­ches ver­langt. Er ver­zeiht. Aber sei­ne Bot­schaft ist klar. Aus den Ge­bo­ten der Nächs­ten­lie­be und Fein- des­lie­be ist die Idee der Men­schen­rech­te ent­stan­den. Sie ist das, was vom Chris­ten­tum üb­rig bleibt, wenn man die Re­li­gi­on ab­zieht. Die Men­schen­rech­te sind ein Ge­dan­ke der eu­ro­päi­schen Auf­klä­rung, un­denk­bar oh­ne das christ­li­che Er­be. Die­ser Ge­dan­ke ist heu­te die herr­schen­de Ideo­lo­gie, welt­weit. Auch wenn vie­le nur noch auf dem Pa­pier Chris­ten sind, oder gar nicht mehr: Die Saat ist auf­ge­gan­gen. Vie­le, die ge­gen Un­ter­drü­ckung, Krieg, Hass und Hun­ger kämp­fen, sind Chris­ten, oh­ne es zu wis­sen.

Ein Sieg des Chris­ten­tums ist auch das En­de der Skla­ve­rei. Heu­te wird manch­mal so ge­tan, als sei die Skla­ve­rei ei­ne eu­ro­päi­sche Idee ge­we­sen. Es gab sie im­mer. In Afri­ka und in der ara­bi­schen Welt war sie min­des­tens so ver­brei­tet wie in Ame­ri­ka. Von al­len Kul­tu­ren hat nur die eu­ro­päi­sche die Kraft auf­ge­bracht, die Skla­ve­rei zu be­kämp­fen. Die Bri­ten wa­ren es, die ab 1849 den Skla­ven­han­del mit ei­ner See­blo­cka­de der afri­ka­ni­schen Küs­te stopp­ten. Sie glaub­ten an die Idee der Men­schen­rech­te (und wa­ren trotz­dem kei­ne En­gel, wer ist das schon). In Li­by­en gibt es wie­der Skla­ven­märk­te. Wä­re das in ei­nem christ­lich ge­präg­ten Land denk­bar? An Weih­nach­ten kann auch ein Hei­de sich an die­sen Teil der Bot­schaft er­in­nern, sie hat nicht nur Gu­tes ge­bracht, aber doch mehr Gu­tes als Schlech­tes.

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