Ei­ne Welt, die ver­schwin­det

Im Ama­zo­nas-Re­gen­wald tobt die Ket­ten­sä­ge und der Herr der Wäl­der und des Was­sers ist macht­los

Der Tagesspiegel - - Weltspiegel - Rio de Janei­ro Ge­org Ismar/dpa

Ma­da­r­e­júwa Ten­ha­rim un­ter­wegs auf den Flüs­sen im Ama­zo­nas­re­gen­wald, der be­reits 17 Pro­zent sei­ner Flä­che ver­lo­ren hat.

- Der Be­griff der Hei­mat ist der­zeit in al­ler Mun­de. In Deutsch­land wird das In­nen­mi­nis­te­ri­um mit dem Zu­satz Hei­mat auf­ge­wer­tet, was im­mer das brin­gen mag. Die Zer­set­zungs­kraft ka­pi­ta­lis­ti­scher Struk­tu­ren, das Auf­lö­sen tra­di­tio­nel­ler Mi­lieus und Ge­wiss­hei­ten ängs­tigt vie­le Men­schen. Die Hei­mat, das ist für Ma­da­r­e­júwa Ten­ha­rim der Wald.

Um sei­ne Hei­mat her­um tobt die Ket­ten­sä­ge, im Ama­zo­nas­re­gen­wald ist ei­ne ra­san­te Ver­nich­tung im Gan­ge. Der In­dia­ner er­zählt auf lan­gen Boots­fahr­ten und Wan­de­run­gen von sei­ner Welt. Ei­ne Welt, die ver­schwin­det. Das Volk der Ten­ha­rim um­fass­te frü­her mehr als 10 000 Men­schen, nun sind es we­ni­ger als 1000. „Angst hilft dir nicht im Wald“, sagt er. Stil­le sei das obers­te Ge­bot, um zu wis­sen, was hier lau­ert. Viel Schwei­gen auf lan­gen Boots­fahr­ten. Er kennt al­le Früch­te, weiß, wo die bes­ten Kas­ta­ni­en wach­sen, wie man Af­fen per Pfeil in den Bäu­men er­legt.

Aber Ma­da­r­e­júwa ist auch ein Krie­ger, der nicht ta­ten­los zu­se­hen will, wie sein Ur­ein­woh­ner­volk ver­schwin­det. Das Buch des deut­schen Jour­na­lis­ten Thomas Fi­scher­mann „Der letz­te Herr des Wal­des“ist auch ein Weck­ruf, es er­scheint am nächs­ten Don­ners­tag im Ver­lag C.H. Beck. Ur­sprüng­lich woll­te Fi­scher­mann, Latein­ame­ri­ka-Kor­re­spon­dent der „Zeit“, 2013 über Kon­flik­te zwi­schen Holz­fäl­lern und Ama­zo­nas­völ­kern be­rich­ten.

Da­bei traf er das re­bel­li­sche Volk der Ten­ha­rim. Fi­scher­mann kam da­nach vier Jah­re lang im­mer wie­der, um mit Ma­da­r­e­júwa zu re­den, um viel über Ri­ten, Le­gen­den und die Angst vor dem in ihr Ge­biet vor­drin­gen­den „wei­ßen Mann“zu er­fah­ren, den „ta­py’yn­ha“, der mit ove­vé-ve’e, flie­gen­den Din­gen, an­reist. Zu­nächst soll­te es ein Sach­buch wer­den, bis Fi­scher­mann sich für ei­ne Er­zäh­lung mit den Au­gen von Ma­da­r­e­júwa ent­schied.

Fi­scher­mann lern­te, dass die Ten­ha­rim aus­ge­feil­te Kriegs­tech­ni­ken ha­ben – drei In­di­os kön­nen ein so mar­ker­schüt­tern­des Kriegs­ge­schrei ent­fal­ten, dass man ei­ne gan­ze Ar­mee im Wald ver­mu­tet. Un­zäh­li­ge St­un­den muss­ten die Ge­sprä­che von der Tupí-Gua­ra­ni-Spra­che Kag­wa­hi­va ins Por­tu­gie­si­sche und an­schlie­ßend ins Deut­sche über­setzt wer­den.

Der An­bau von So­ja, Wei­den für Rin­der, der Ab­bau von Gold, gi­gan­ti­sche Was­ser­kraft­pro­jek­te: aus der Luft sieht man, wie der Ama­zo­nas von ei­ner Naturschutz- zu ei­ner Wirt­schafts­zo­ne ver­formt wird. Fi­scher­mann sprach hun­der­te St­un­den mit Ma­da­r­e­júwa, den Häupt­lin­gen, Hei­lern und Stam­mes­äl­tes­ten. Es ist kein ver­klär­ter, son­dern ein nüch­ter­ner Blick, ein Hei­mat­buch der an­de­ren Art.

Aus­gang al­len Übels war der Bau der Tran­sa­ma­zô­ni­ca, ein mehr als 4200 Ki­lo­me­ter lan­ges Stra­ßen­pro­jekt durch den Ur­wald, vom At­lan­tik Rich­tung Pa­zi­fik. Da­mit wur­den vie­le Holz­fäl­ler und Gold­schür­fer an­ge­lockt. Bra­si­li­en ist heu­te der größ­te Wald­ver­nich­ter der Welt, die Ama­zo­nas­re­gi­on ist aber bis­her dank der Baum­rie­sen ei­ner der größ­ten Treib­haus­gas­rei­ni­ger. Weil die Bäu­me Koh­len­di­oxid auf­neh­men, gilt die Re­gi­on als grü­ne Lun­ge des Pla­ne­ten.

Die funk­tio­niert nicht mehr rich­tig. Die Wis­sen­schaft­ler Thomas Lo­vejoy und Car­los Nob­re ha­ben er­mit­telt, dass be­reits 17 Pro­zent der ur­sprüng­li­chen Wald­flä­che ver­schwun­den sind, bei 20 Pro­zent Ver­lust sei der Kipp­punkt er­reicht. Rie­si­ge Wüs­ten könn­ten ei­ne Fol­ge sein – und welt­weit könn­ten Dür­ren, aber auch schwe­re Über­schwem­mun­gen zu­neh­men.

Die Schnell­stra­ße in der Nä­he ih­rer Jagd­grün­de hat zu mas­si­ven Ve­rän­de­run- Vier Jah­re re­cher­chier­te der Jour­na­list Thomas Fi­scher­mann gen ge­führt, auch zum Ein­zug von Mo­bil­te­le­fo­nen, aber hier gibt es kei­nen Emp­fang. „Mit mei­nem neh­me ich Fo­tos auf, zum Bei­spiel von der Jagd“, er­zählt der 32-jäh­ri­ge Ma­da­r­e­júwa. Die Stam­mes­äl­tes­ten fürch­ten den Ver­lust der Tra­di­tio­nen und den Weg­zug der Jun­gen. Auch Ma­da­r­e­júwa ist öf­ter in der Stadt Hu­mai­ta, aber er will blei­ben und kämp­fen. „Geld ist ein gro­ßes Pro­blem für die Ten­ha­rim. Seit der Tran­sa­ma­zô­ni­ca ha­ben wir Kos­ten. Wir brau­chen Medizin ge­gen die Krank­hei­ten, die uns die Wei­ßen ge­bracht ha­ben“, er­zählt er.

Ei­ne Flä­che zwei mal so groß wie Deutsch­land ist im Ama­zo­nas­ge­biet be­reits ver­schwun­den, und nach Jah­ren ei­ner Trend­wen­de sieht es nun wie­der düs­ter aus. Be­rich­te über Mas­sa­ker an Ur­ein­woh­nern häu­fen sich. Der kon­ser­va­ti­ve Prä­si­dent Mi­chel Te­mer schloss im Kon­gress ei­nen Pakt mit den „Ru­ra­lis­tas“, da­zu ge­hö­ren Groß­grund­be­sit­zer, So­jaund Holz­un­ter­neh­mer, die ihm als Ab­ge­ord­ne­te und Se­na­to­ren hal­fen, meh­re­re An­kla­ge­ver­su­che we­gen Kor­rup­ti­on ab­zu­schmet­tern. Im Ge­gen­zug ha­ben sie weit­ge­hend freie Hand, der Staat schaut weg. Un­ter an­de­rem des­halb wur­den bei der ei­gent­li­chen Schutz­be­hör­de Fu­n­ai vie­le Stel­len ge­stri­chen.

Was er sich von dem Buch über sein Volk er­hofft, hat Fi­scher­mann Ma­da­r­e­júwa ge­fragt. „Die Men­schen sol­len ver­ste­hen, dass wir ei­ne lan­ge Ge­schich­te und ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on ha­ben“, sagt der In­dia­ner. „Wir be­schüt­zen den Ama­zo­nas­wald. Und des­we­gen ge­ra­ten wir in Kon­flik­te mit an­de­ren“. Der furcht­lo­se „letz­te Herr des Wal­des“, fürch­tet, oh­ne in­ter­na­tio­na­le Hil­fe bald ganz oh­ne Wald da­zu­ste­hen.

im Ama­zo­nas­ge­biet. Vie­le In­for­ma­tio­nen er­hielt er vom Volk der Ten­ha­rim.

Fo­to: Thomas Fi­scher­mann/dpa

Fo­to: Da­rio De Do­mi­ni­cis/ Thomas Fi­scher­mann/dpa

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