Sehn­sucht nach Selbst­stän­dig­keit

Vie­le Flücht­lin­ge wol­len sich selbst­stän­dig ma­chen. Die ers­ten kön­nen von ih­ren Ge­schäfts­ide­en le­ben

Der Tagesspiegel - - WIRTSCHAFT - Von Mu­ha­mad Ab­di

Ber­lin – Fast drei Jah­re ist es her, dass die ers­ten Flücht­lings­scha­ren vor dem La­ge­so in der Turm­stra­ße St­un­den um St­un­den an­stan­den. 85 000 der 1,5 Mil­lio­nen Ge­flüch­te­ten ka­men seit 2015 nach Ber­lin. Sie ha­ben In­te­gra­ti­ons- und Sprach­kur­se be­sucht. Sich nach und nach ein­ge­lebt. Mehr als zehn­tau­send ar­bei­ten be­reits in der Haupt­stadt, wie die Bun­des­agen­tur für Ar­beit kürz­lich mit­teil­te. An­de­re las­sen sich aus­bil­den, in Be­trie­ben, an Uni­ver­si­tä­ten. Oder ma­chen sich selbst­stän­dig.

Seit Mit­te 2017 nah­men da­für mehr als hun­dert Flücht­lin­ge in der Re­gi­on an „Start-Up Your Fu­ture“teil, ei­nem Pi­lot­pro­jekt des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Wirt­schaft und Ener­gie. „Die Bu­sin­es­s­ide­en rei­chen vom Par­fum­im­port über Gas­tro­no­mie­an­ge­bo­te bis hin zur App für Smart­wat­ches“, sagt die Pro­jekt­lei­te­rin Lau­ra Jor­de. „Ich per­sön­lich fin­de im­mer die Per­so­nen und de­ren Ge­schich­ten, die sich da­hin­ter ver­ber­gen span­nend und bin tief be­ein­druckt von Mut und Vi­sio­nen“.

Da war zum Bei­spiel ein jun­ger Mann aus Sy­ri­en, der ei­ner dor­ti­gen Min­der­heit an­ge­hör­te, den Tsch­er­kes­sen. „Dort gibt es vie­le tra­di­tio­nel­le Re­zep­te für Kä­se ver­schie­dens­ter Art. Der Grün­der ist nun da­bei, sei­ne ei­ge­ne Kä­se­rei auf­zu­bau­en und will da­bei nach den al­ten Re­zep­ten Kä­se her­stel­len“, er­zählt sie. Er wol­le so nicht nur sei­nen Le­bens­un­ter­halt ver­die­nen, son­dern gleich­zei­tig Bot­schaf­ter sei­ner Kul­tur sein. Vie­le der Ge­flüch­te­ten kom­men aus Kul­tu­ren, in de­nen es ver­brei­te­ter ist, ein ei­ge­nes Ge­schäft zu füh­ren. Wäh­rend die Quo­te von Selbst­stän­di­gen in Deutsch­land bei rund elf Pro­zent liegt, be­trägt sie in Sy­ri­en 34 Pro­zent.

An­ge­li­na Ajack wird seit April 2018 von dem Start-up-Pro­jekt be­ra­ten und un­ter­stützt. Die 41-Jäh­ri­ge ar­bei­te­te frü­her als An­ge­stell­te im di­plo­ma­ti­schen Di­enst beim nord­su­da­ne­si­schen Au­ßen­mi­nis­te­ri­um. Als ihr Land in Ge­walt und Cha­os ver­sank, floh sie vor zwei Jah­ren mit ih­rem Sohn nach Deutsch­land und be­an­trag­te Asyl. „Ich ha­be frü­her in Deutsch­land ein Mas­ter­stu­di­um in Eu­ro­pean and In­ter­na­tio­nal Law im Be­reich Ener­gie an der TU Ber­lin ab­sol­viert. Ich hät­te nie ge­dacht, dass ich hier ein­mal um Asyl bit­ten müss­te“, sagt sie. Ih­re frü­he­re Ar­beit konn­te sie nicht fort­füh­ren. Des­we­gen ent­schied sie sich, als Ener­gie­be­ra­te­rin zu ar­bei­ten. Sie möch­te Men­schen da­von über­zeu­gen, das Kli­ma zu schüt­zen und we­ni­ger Geld für Hei­zung, Strom und Ener­gie aus­zu­ge­ben, in­dem sie Son­nen­kol­lek­to­ren auf ih­ren Haus­dä­chern in­stal­lie­ren. Ei­ne Men­to­rin hilft ihr da­bei, und be­glei­tet sie zu Be­hör­den.

Mit ih­rer Ar­beit ver­folgt Ajack noch ein Ziel: Son­nen­kol­lek­to­ren in Kran­ken­häu­ser, Schu­len, Flücht­lings­la­ger und Uni­ver­si­tä­ten in afri­ka­ni­sche und ara­bi- sche Län­der zu ex­por­tie­ren. Im Nord­su­dan sei die Ener­gie­ver­sor­gung sehr schlecht. Son­nen­kol­lek­to­ren könn­ten die Si­tua­ti­on ent­schär­fen. Ei­ne Ver­wand­te von An­ge­li­na ist in ei­nem Kran­ken­haus wäh­rend ei­ner Ope­ra­ti­on ge­stor­ben, weil plötz­lich der Strom aus­fiel. Auch we­gen sol­cher Pro­ble­me flieht ein Teil der Men­schen nach Eu­ro­pa. Zwar be­kommt An­ge­li­na Ajack noch Geld vom Job­cen­ter. Sie ist aber op­ti­mis­tisch, ih­ren Le­bens­un­ter­halt bald al­lein zu si­chern.

„Mit Blick auf die Ber­li­ner Wirt­schaft kann ich ver­si­chern, dass wir vie­le tol­le Frau­en bei Start-Up Your Fu­ture ha­ben. Sie wer­den hof­fent­lich zu­künf­tig Män­ner­do­mä­nen wie Bau und Er­neu­er­ba­re Ener­gi­en auf­wir­beln“, sagt Jor­de. Um an dem Pro­jekt teil­zu­neh­men, soll­ten Ge­flüch­te­te min­des­tens B1- Deutsch­sprach­ni­veau oder B2-Eng­lisch und ei­nen Flücht­lings­sta­tus mit gu­ter Blei­be­per­spek­ti­ve ha­ben. Das Pro­jekt läuft noch of­fi­zi­ell bis zum En­de 2018, „Wir sind aber sehr gu­ter Din­ge, dass wir es noch um sechs Mo­na­te ver­län­gern kön­nen“, sagt Jor­de.

Mehr als 65 Mil­lio­nen Men­schen sind welt­weit auf der Flucht. Vor Krieg, Ge­walt, Na­tur­ka­ta­stro­phen. Vie­le von ih­nen möch­ten ei­nes Ta­ges in ih­re Hei­mat zu­rück­keh­ren. Aber wel­che Per­spek­ti­ven ha­ben sie, wenn die Städ­te völ­lig zer­stört sind? Ab­dul­ha­di Sou­fan sitzt in sei­nem sechs Qua­drat­me­ter klei­nen Bü­ro in Fried­richs­hain. Sei­ne On­line-Crowd­fun­ding-Platt­form „Re­vi­ving Ho­me“soll hel­fen, Häu­ser wie­der­auf­zu­bau­en. „Ich ha­be die Idee zu Re­vi­ving Ho­me be­kom­men, weil ich selbst Krieg er­lebt ha­be“, sagt er. Der 40-jäh­ri­ge Sou­fan kommt aus Sy­ri­en. Letz­tes Jahr be­gann er mit Un­ter­stüt­zung durch Start-Up Your

Fu­ture sein Pro­jekt zu grün­den. An­fang

2019 wird sei­ne

Platt­form of­fi­zi­ell ins Netz ge­hen.

„Ich weiß, es gibt vie­le Crowd­fun­ding-Platt­for­men, aber was mein Pro­jekt be­son­ders macht, ist, dass Or­ga­ni­sa­tio­nen so­wie Pri­vat­leu­te, die spen­den möch­ten, Schritt für Schritt auf Fo­tos und Bil­dern se­hen wer­den, wo­für sie ge­spen­det ha­ben“. Drei bis fünf­tau­send Eu­ro ver­an­schlagt er für je­de zer­stör­te Woh­nung, um sie wie­der wohn­haft zu ma­chen. Das Ziel des Pro­jekts: ei­ne un­bü­ro­kra­ti­sche und schnel­le Wie­der­auf­bau­hil­fe.

Sei­ne Platt­form ver­bin­det ver­schie­de­ne Per­so­nen­grup­pen: Haus­be­sit­zer kön­nen Ex­per­ten fin­den, die Bau­maß­nah­men vor Ort durch­füh­ren. Ar­bei­ter pro­fi­tie­ren von Cash-for-Work-Ver­ein­ba­run­gen. Spen­der kön­nen Gu­tes tun. Ver­gan­ge­nes Jahr er­hielt Sou­fan auf der Ce­bit den „we do di­gi­tal“-Preis für sein Pro­jekt. Mitt­ler­wei­le, sagt er, sei er fi­nan­zi­ell kom­plett un­ab­hän­gig vom Staat.

Vor ei­nem Jahr grün­de­te Sou­fan be­reits ei­ne Bil­dungs­platt­form. Re­vi­ving Ho­me bleibt für ihn aber sein Traum-Pro­jekt, das er schaf­fen möch­te. Nein, muss. Das ha­be er sich vor sei­ner Flucht in Homs ge­schwo­ren, sagt er.

Sie will nicht, dass wei­te­re Men­schen bei ei­ner OP ster­ben, weil der Strom aus­fällt

Für sein Pro­jekt hat er 2017 bei der Ce­bit ei­nen Preis be­kom­men

Fo­to: pro­mo

Ab­dul­ha­di Sou­fan will mit sei­ner On­line-Crowd­fun­ding-Platt­form „Re­vi­ving Ho­me“hel­fen, Häu­ser in Sy­ri­en wie­der auf­zu­bau­en.

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