Die Blut­spur

Ge­den­ken an die Op­fer kom­mu­nis­ti­schen Ter­rors

Der Tagesspiegel - - KULTUR - Bern­hard Schulz

2005 äu­ßer­te der Schrift­stel­ler und KZ-Über­le­ben­de Jor­ge Sem­prún in sei­ner Re­de zum 60. Tag der Be­frei­ung von Bu­chen­wald die Hoff­nung, „dass bei der nächs­ten Ge­denk­fei­er in zehn Jah­ren, 2015, die Er­fah­rung des Gulag in un­ser kol­lek­ti­ves eu­ro­päi­sches Ge­dächt­nis ein­ge­glie­dert wor­den ist“. Erst dann wä­ren wir „nicht län­ger halb­sei­tig ge­lähmt“.

Was die Kennt­nis all der Ge­denk­stät­ten an­langt, die nach dem Nie­der­rei­ßen des Ei­ser­nen Vor­hangs in den zu­vor kom­mu­nis­tisch re­gier­ten Län­dern ent­stan­den sind, kann das Buch die Ge­dächt­nis­lü­cke schlie­ßen hel­fen, das An­na Ka­mins­ky im Na­men der von ihr ge­lei­te­ten Bun­des­stif­tung zur Au­f­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur her­aus­ge­ge­ben hat: „Mu­se­en und Ge­denk­stät­ten zur Er­in­ne­rung an die Op­fer der kom­mu­nis­ti­schen Dik­ta­tu­ren“(Sand­stein Ver­lag, Dres­den 2018, 472 S., 29 €). Er­ar­bei­tet ha­ben es Ka­mins­ky so­wie Ruth Glei­nig und Le­na Ens.

28 Län­der mit kom­mu­nis­ti­scher Dik­ta­tur­er­fah­rung sind in dem al­pha­be­ti­schen Ver­zeich­nis er­fasst, da­zu acht wei­te­re oh­ne Kom­mu­nis­mus- Ge­schich­te. Das Spek­trum der Ge­denk­stät­ten reicht von Na­tio­nal­mu­se­en wie in Chi­si­nau, Tif­lis oder Ti­ra­na bis zu au­then­ti­schen Or­ten, vor al­lem KGB-Ge­fäng­nis­se et­wa in Tal­linn, Vil­ni­us oder auf den So­lo­wez­ki-In­seln, aber auch das Ge­fäng­nis Tuol Sleng in Ph­nom Penh (Kam­bo­dscha), von des­sen rund 20 000 In­sas­sen ex­akt zwölf über­leb­ten – je­ne, die am Tag der Be­frei­ung 1979 zu­fäl­lig noch leb­ten.

Es setzt sich fort über Mas­sen­grä­ber wie in Ka­tyn bei Smo­lensk oder auch in Bu­to­wo, ei­nem Au­ßen­be­zirk von Mos­kau, bis zu Ok­ku­pa­ti­ons­mu­se­en, wie es sie un­ter an­de­rem in Bra­tis­la­va, Ri­ga und Kiew gibt, und führt schließ­lich zu Ge­denk­stei­nen und Denk­mä­lern, die in al­len Län­dern und Or­ten er­rich­tet wur­den, bis ins ost­si­bi­ri­sche Ma­g­adan.

Ei­ne Be­son­der­heit sind die Mahn­ma­le für die Op­fer der von den Bol­sche­wi­ki vor­sätz­lich her­bei­ge­führ­ten Hun­ger­ka­ta­stro­phen in Astana so­wie in Kiew, wo an den „Ho­lo­mo­dor“mit sei­nen Mil­lio­nen Hun­ger­to­ten er­in­nert wird. In War­schau wur­de mit­ten auf ei­ner be­leb­ten Stra­ße das „Denk­mal für die im Os­ten Ge­fal­le­nen und Er­mor­de­ten“er­rich­tet, das an die rund 500 000 Op­fer von Mas­sen­de­por­ta­tio­nen nach dem Ein­marsch der Ro­ten Ar­mee am 17. Sep­tem­ber 1939 auf­grund des Hit­ler-Sta­lin-Pak­tes er­in­nert.

Es ist dies wahr­lich kein Buch, das man ger­ne liest. Ent­schei­dend ist, dass an die Ver­bre­chen er­in­nert wird, vor al­lem aber an die Op­fer, auch wenn sie in vie­len, wohl den meis­ten Fäl­len na­men­los blei­ben. Wer auf dem Trans­port in den Gulag ver­reck­te und aus dem Gü­ter­zug ge­wor­fen wur­de, wer bei den Mas­sen­er­schie­ßun­gen zu Be­ginn des Zwei­ten Welt­kriegs um­kam, wer auf den Land­stra­ßen der Ukrai­ne ver­hun­ger­te, wur­de von kei­nem Re­gis­ter er­fasst.

Das Buch ver­sam­melt Mu­se­en, Mahn­ma­le, au­then­ti­sche Or­te

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