In Chem­nitz feh­len die jun­gen Frau­en

Der Tagesspiegel - - MEINUNG -

Bei den vie­len Ar­gu­men­ten, die man über die Aus­schrei­tun­gen in Chem­nitz hört, fehlt ei­nes. Man fin­det es in der Be­völ­ke­rungs­vor­aus­be­rech­nung der Stadt Chem­nitz aus dem Jahr 2016. Chem­nitz, 1990 noch ei­ne Stadt mit et­wa 315 000 Ein­woh­nern, ver­lor nach der Wen­de in­ner­halb von 19 Jah­ren 75 000 die­ser Ein­woh­ner, al­so rund 30 Pro­zent. Vor al­lem die jun­gen Frau­en gin­gen weg. Ein Pro­zess der Ent­mi­schung setz­te ein, der lang­fris­tig auf die At­mo­sphä­re in der Stadt aus­strahlt.

Die An­zahl der Ein­woh­ner ist bis 2015 lang­sam wie­der auf

248 000 an­ge­stie­gen. Und die Stadt weiß, dass sie Zu­wan­de­rung braucht. Was da­zu auf­sei­ten der Stadt­pla­nung und -ent­wick­lung ge­tan wur­de, ent­spricht dem, was in an­de­ren Städ­ten auch läuft: Es gibt ei­ne Will­kom­mens­bro­schü­re für Aus­län­der, Ori­en­tie­rungs­an­ge­bo­te für Neu­an­kömm­lin­ge, ei­ne Mi­gra­ti­ons­be­auf­trag­te und ei­nen Mi­gra­ti­ons­bei­rat. Die Zah­len des Sta­tis­ti­schen Am­tes zei­gen, dass die Be­völ­ke­rungs­zu­nah­me seit 2009

„vor al­lem auf die ver­stärk­te Zu­wan­de­rung von Aus­län­dern“zu­rück­geht. Es han­delt sich im We­sent­li­chen um drei Grup­pen: Stu­den­ten, Asyl­be­wer­ber und Bür­ger aus an­de­ren EU-Staa­ten, die zum Ar­bei­ten kom­men.

Was heißt das für die Stadt? Die ins­ge­samt 3001 aus­län­di­schen Stu­die­ren­den ma­chen im­mer­hin rund ein Vier­tel al­ler Stu­die­ren­den in Chem­nitz aus. Bei der zwei­ten Grup­pe han­delt es sich um Flücht­lin­ge (6155 Men­schen). Die drit­te gro­ße Grup­pe aus Ost- und Süd­ost­eu­ro­pa ist eher im Nied­rig­lohn­sek­tor tä­tig. Es kom­men da­mit über­wie­gend sol­che Grup­pen, die durch ih­re Le­bens­si­tua­ti­on zu­nächst re­la­tiv weit weg von der Stadt­ge­sell­schaft sind.

Viel­leicht noch auf­schluss­rei­cher ist die Sta­tis­tik über die, die Chem­nitz ver­las­sen. Es sind vor al­lem die mo­bi­len jun­gen Men­schen zwi­schen 18 und 30 Jah­ren, und dar­un­ter vor al­lem die Frau­en zwi­schen 18 und 26 Jah­ren. Er­neut. Nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung ist schon ein­mal ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on weg­ge­gan­gen, de­ren Kin­der jetzt feh­len. Chem­nitz ver- fügt heu­te schon über ei­ne de­mo­gra­fi­sche Struk­tur, wie sie an­de­re Städ­te erst ab dem Jahr 2025 er­war­ten – wie ei­ne Stu­die aus dem Jahr 2016 be­legt.

An­ders als in vie­len an­de­ren deut­schen Städ­ten ist au­ßer­dem der An­teil an Ju­gend­li­chen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund ge­ring, von 26 000 Kin­dern un­ter 15 Jah­ren hat­ten 2982 im Jahr 2011 ei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Be­merk­bar macht sich die­ser ge­rin­ge An­teil auch da, wo die Stadt­ge­sell­schaft sicht­bar wird: bei der Be­schäf­ti­gung im öf­fent­li­chen Di­enst. Nicht mal ein hal­bes Pro­zent der dort Be­schäf­tig­ten hat En­de 2016 in Sach­sen aus­län­di­sche Wur­zeln, und bei Be­schäf­ti­gung in Ki­tas und im Vor­schul­be­reich liegt der An­teil der „Aus­län­der“bei ma­ge­ren 1,22 Pro­zent.

Im Ge­gen­satz da­zu bil­det in vie­len west­deut­schen Groß­städ­ten die Min­der­hei­ten­be­völ­ke­rung in den jun­gen Al­ters­grup­pen heu­te teil­wei­se die Mehr­heit. Die öf­fent­li­chen In­sti­tu­tio­nen ar­bei­ten dort seit Jah­ren ak­tiv an ei­nem po­si­ti­ven Um­gang mit der häu­fig kon­flikt­haf­ten Si­tua­ti­on der Ein­wan­de­rungs­stadt. Aus die­sen Ver­su­chen und Er­fah­run­gen stam­men die nun auch in Chem­nitz ein­ge­setz­ten Stra­te­gi­en (Wel­co­me-Cen­ter, Will­kom­mens­bro­schü­ren u. a.).

An­ders als in Chem­nitz ist in die­sen Städ­ten Mi­gra­ti­on je­doch längst ein selbst­ver­ständ­li­cher Teil der Stadt- und Zi­vil­ge­sell­schaft ge­wor­den. Und ge­nau hier liegt der Un­ter­schied: Städ­te, die al­le mög­li­chen Sor­ten von Mi­gra­ti­on und Mo­bi­li­tät an­zie­hen, de­ren Stadt­pla­nung sich mit den Neu­an­kömm­lin­gen be­fasst und mi­gran­ti­sche, trans­na­tio­na­le Pra­xen so­wie ei­ne ins­ge­samt mo­bi­le­re Be­woh­ner­schaft ein­be­zieht, sind heu­te auch die, die be­son­ders stark wach­sen. Im bes­ten Fall wird die ge­leb­te Zu­wan­de­rung Teil von Ur­ba­ni­tät und Le­ben­dig­keit. All das braucht Zeit und Of­fen­heit auf der Pla­nungs­sei­te und in der Zi­vil­ge­sell­schaft. Dann blei­ben auch die Frau­en.

— Fe­li­ci­tas Hill­mann ist Pro­fes­so­rin an der TU Ber­lin am In­sti­tut für Stadt- und Re­gio­nal­pla­nung und forscht am Leib­niz-In­sti­tut für Raum­be­zo­ge­ne So­zi­al­for­schung.

Fo­to: pro­mo

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