Hof­fen auf Groß­bri­tan­ni­en

Wil­ly Brandt schrieb 1940 im Exil ein Buch über Eu­ro­pa nach dem Welt­krieg. Jetzt wird es erst­mals ver­öf­fent­licht

Der Tagesspiegel - - POLITISCHE LITERATUR - Von Ernst Pi­per

Seit 2009 liegt die zehn­bän­di­ge Ber­li­ner Aus­ga­be voll­stän­dig vor, die wich­ti­ge Tex­te aus dem Nach­lass von Wil­ly Brandt ent­hält. Da­ne­ben er­schei­nen in lo­cke­rer Fol­ge die Wil­ly-Brandt-Do­ku­men­te, be­gin­nend 2007 mit „Ver­bre­cher und an­de­re Deut­sche“, dem Be­richt über den Nürn­ber­ger Haupt­kriegs­ver­bre­cher­pro­zess. In die­ser Rei­he mit grö­ße­ren Ein­zel­tex­ten ist jetzt als vier­ter Band Brandts Schrift über die Kriegs­zie­le der Groß­mäch­te er­schie­nen. Das Buch, das am Mon­tag­abend im Ber­li­ner Wil­ly-Brandt-Fo­rum vor­ge­stellt wur­de, hat ein be­son­de­res Schick­sal.

Wil­ly Brandt war 1930 mit 16 Jah­ren in die SPD ein­ge­tre­ten. Im Jahr dar­auf ver­ließ er die Par­tei wie­der und schloss sich der wei­ter links ste­hen­den So­zia­lis­ti­schen Ar­bei­ter­par­tei (SAP) an, die sich bald zu ei­nem Sam­mel­be­cken links­so­zia­lis­ti­scher Kräf­te ent­wi­ckel­te. Der SAP schlos­sen sich lin­ke So­zi­al­de­mo­kra­ten an, aber auch Res­te der USPD und Op­po­si­tio­nel­le aus der KPD, die die Sta­li­ni­sie­rung der Par­tei ab­lehn­ten.

Un­ter ih­nen war der Ro­sa Lu­xem­burg-Bio­graf Paul Frö­lich, der 1932 mit meh­re­ren Hun­dert Gleich­ge­sinn­ten zur SAP über­trat. Im März 1933 be­schloss die in­zwi­schen il­le­ga­le SAP, Frö­lich nach Nor­we­gen zu schi­cken; dort soll­te er ei­nen Aus­lands­stütz­punkt auf­bau­en. Brandt hat­te den Auf­trag, die Rei­se zu or­ga­ni­sie­ren, doch Frö­lich wur­de, noch be­vor er die Gren­ze über­schrei­ten konn­te, ver­haf­tet. Da ent­schloss sich Brandt, selbst nach Nor­we­gen zu ge­hen – ei­ne Ent­schei­dung, die weit­rei­chen­de Fol­gen hat­te. Erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg kehr­te er wie­der nach Deutsch­land zu­rück.

Wil­ly Brandt fass­te schon bald Fuß in Os­lo, lern­te schnell Nor­we­gisch und wur­de ein en­ga­gier­tes Mit­glied der nor­we­gi­schen Ar­bei­ter­be­we­gung. Der 19-Jäh­ri­ge fühl­te sich wohl in der in­ter­na­tio­na­lis­ti­schen At­mo­sphä­re, er­hielt ei­ne fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung, mit der er über­le­ben konn­te, schrieb für so­zia­lis­ti­sche Zei­tun­gen und hielt bald auch Vor­trä­ge. Das schma­le Buch über die Kriegs­zie­le, das im Ver­lag der nor­we­gi­schen Ar­bei­ter­be­we­gung er­schien, war sei­ne ers­te grö­ße­re Ver­öf­fent­li­chung. So war es je­den­falls ge­plant. Am 9. April 1940 soll­te die Aus­lie­fe­rung er­fol­gen. Doch ge­nau an die­sem Tag be­gann das „Un­ter­neh­men We­ser­übung“; die deut­sche Wehr­macht über­fiel Dä­ne­mark und Nor­we­gen. Die Gesta­po wuss­te mitt­ler­wei­le, dass der nor­we­gi­sche Au­tor Wil­ly Brandt und der deut­sche So­zia­list Her­bert Frahm ein und die­sel­be Per­son wa­ren. Es droh­te Ge­fahr.

Brandt ver­steck­te sei­ne schwan­ge­re Ver­lob­te bei ei­nem be­freun­de­ten Arzt­ehe­paar und schloss sich ei­ner nor­we­gi­schen Mi­li­tär­ein­heit an, was nach dem Krieg zu der halt­lo­sen Un­ter­stel­lung führ­te, er ha­be auf Deut­sche ge­schos­sen. Brandt ge­riet in deut­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft, fand aber Ge­le­gen­heit, mit ei­nem be­freun­de­ten nor­we­gi­schen Sol­da­ten die Uni­form zu tau­schen, und wur­de nach zwei Mo­na­ten wie­der ent­las­sen. En­de Ju­ni 1940 ge­lang­te er über die grü­ne Gren­ze nach Schwe­den, sei­nem zwei­ten Der Emi­grant.

Exil­land, wo er bis 1945 blieb. Die­se Zeit präg­te ihn nach­hal­tig, da­mals ent­wi­ckel­te er sei­nen Traum von der So­zi­al­de­mo­kra­ti­sie­rung Eu­ro­pas.

Das Buch hat­te we­ni­ger Glück als sein Ver­fas­ser. Die ers­ten Ex­em­pla­re wur­den von der Gesta­po be­schlag­nahmt, die Druck­auf­la­ge ver­nich­tet. Im Fe­bru­ar 1941 setz­te das Ma­rio­net­ten­re­gime von Vid­kun Quis­ling das Werk auf die Lis­te der ver­bo­te­nen Bü­cher. Nur sechs Ex­em­pla­re des Bu­ches ha­ben sich er­hal­ten.

Jetzt, 78 Jah­re nach der un­ter­drück­ten Erst­aus­ga­be, er­scheint das Buch erst­mals in deut­scher Über­set­zung. Der Über­set­zer Ein­hart Lo­renz hat bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung an der Uni­ver­si­tät Os­lo ge­lehrt. Er ist ein emi­nen­ter Wil­ly-Brandt-Fach­mann, aber sei­nen Über­set­zun­gen merkt man an, dass er seit Jahr­zehn­ten nicht mehr im deut­schen Sprach­raum lebt.

In der Dank­sa­gung wird dem „Per­so­nal“der be­nutz­ten Ar­chi­ve ge­dankt. Die ein­hei­mi­sche Be­völ­ke­rung der 1940 noch exis­tie­ren­den Ko­lo­ni­en be­steht aus „Ein­ge­bo­re­nen“. Das sind Be­grif­fe, die doch schon seit ei­ni­ger Zeit nicht mehr zum ak­ti­ven deut­schen Wort­schatz ge­hö­ren. Schlim­mer ist es, wenn aus der nor­we­gi­schen Bot­schaft ei­ne „Le­ga­ti­on“wird. Die­ses Wort gibt es im Deut­schen so we­nig wie die „Sie­ger­her­ren“, wo­mit die – pro­spek­ti­ven – Sie­ger­mäch­te des Zwei­ten Welt­kriegs ge­meint sind. Manch­mal kann man die Über­set­zungs­feh­ler di­rekt nach­voll­zie­hen, wenn Lo­renz „in­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­ti­on“schreibt und an­gibt, dass im eng­li­schen Ori­gi­nal „com­mu­ni­ty“steht, was mit Ge­mein­schaft rich­tig über­setzt wä­re. Vie­le Sät­ze in dem Buch le­sen sich lei­der recht holp­rig. Ein Lek­to­rat hät­te ih­nen gut­ge­tan.

Wil­ly Brandt hat sei­ne Ge­dan­ken zu Be­ginn des Jah­res 1940 zu Pa­pier ge­bracht. Da­mals war die So­wjet­uni­on mit Hit­ler-Deutsch­land ver­bün­det, und der bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter hieß Ne­vil­le Cham­ber­lain. Das er­klärt auch, wie­so Brandt die bri­ti­sche Kriegs­ziel­dis­kus­si­on aus­führ­lich ana­ly­siert und vie­le Au­to­ren zi­tiert, oh­ne dass ein ein­zi­ges Mal der Na­me Chur­chill fällt. Den hat er wohl erst ken­nen­ge­lernt, als er nach sei­ner Frei­las­sung Zuflucht in ei­nem Som­mer­haus im Os­lof­jord such­te und dort BBC hö­ren konn­te. Am 10. Mai 1940 war Chur­chill zum Pre­mier­mi­nis­ter er­nannt wor­den und die Nor­we­ger, Brandt ein­ge­schlos­sen, fass­ten wie­der Hoff­nung, als sie sei­ne Stim­me im Ra­dio hör­ten. Auch Ro­bert Van­sitt­art kommt im Buch nicht vor. Sei­ne über­aus po­pu­lä­ren an­ti­deut­schen Pam­phle­te ver­ur­teil­te Brandt spä­ter als ras­sis­tisch, aber sie er­schie­nen erst 1941.

Die ers­te Hälf­te des Bu­ches ist den Kriegs­ziel­dis­kus­sio­nen in den ver­schie­de­nen Staa­ten ge­wid­met. Die tour d’ho­ri­zon be­ginnt mit dem Deut­schen Reich, wird fort­ge­setzt mit den ver­schie­de­nen Kom­bat­tan­ten des Zwei­ten Welt­kriegs und en­det mit den neu­tra­len Staa­ten.

Brandt wen­det sich dann der Fra­ge ei­ner in­ter­na­tio­na­len Neu­ord­nung nach dem En­de des Krie­ges zu. Da­bei, das ist nicht über­ra­schend, war nach Auf­fas­sung der al­ler­meis­ten der zi­tier­ten Au­to­ren der Sturz des deut­schen Dik­ta­tors ei­ne un­ab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung für ei­ne fried­li­che Nach­kriegs­ord­nung. So­dann, auch das ist nicht wirk­lich über­ra­schend, stel­len vie­le der zi­tier­ten Au­to­ren Über­le­gun­gen an, wie durch ei­ne neue mul­ti­la­te­ra­le Or­ga­ni­sa­ti­on, bes­ser funk­tio­nie­rend als der Völ­ker­bund, Vor­aus­set­zun­gen für die Ent­ste­hung ei­ner Frie­dens­ord­nung nach dem Zwei­ten Welt­krieg ge­schaf­fen wer­den könn­ten, die sta­bi­ler wä­re als die nach dem Ers­ten Welt­krieg.

Aus­führ­lich wird ein Ar­ti­kel aus der Lon­do­ner „Ti­mes“re­fe­riert, in dem es heißt: „Es ist gut mög­lich, dass die Lö­sung von Eu­ro­pas Pro­ble­men und viel­leicht auch der Welt in ei­ner Form des Fö­de­ra­lis­mus liegt.“Es soll­te ein eu­ro­päi­scher Rat ge­schaf­fen wer­den, der sich um Rüs­tungs­kon­trol­le, Sch­lich­tungs­in­sti­tu­tio­nen und in­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen für In­dus­trie, Land­wirt­schaft, Fi­nan­zen und Trans­port­we­sen be­mü­hen soll­te. Au­ßer­dem sei die vor­herr­schen­de Auf­fas­sung in der bri­ti­schen De­bat­te, so Brandt, dass ei­ne en­ge Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich den Kern ei­ner eu­ro­päi­schen Fö­de­ra­ti­on bil­den müs­se. Man kann sich des Ein­drucks nicht er­weh­ren, dass heut­zu­ta­ge nicht al­le eng­li­schen Po­li­ti­ker so den­ken.

Im letz­ten Teil des Bu­ches geht es um so­zia­lis­ti­sche Frie­dens­zie­le. Hier kommt nun deut­li­cher Brandts ei­ge­ne Mei­nung ins Spiel, wo­bei er wie­der­um auf die Ar­bei­ter­be­we­gun­gen der ver­schie­de­nen eu­ro­päi­schen Län­der ein­geht. Er stellt fest, dass die so­zia­len Fron­ten quer zu den mi­li­tä­ri­schen ver­lau­fen. Das war ja schon für die So­zia­lis­ti­sche In­ter­na­tio­na­le am Vor­abend des Ers­ten Welt­kriegs ein gro­ßes The­ma ge­we­sen. Brandt ist der Über­zeu­gung, dass ei­ne De­mo­kra­ti­sie­rung Deutsch­lands nicht mög­lich sein wird, „wenn man vor so­zia­lis­ti­schen Maß­nah­men zu­rück­weicht“.

Tat­säch­lich war das dann nach 1945 ei­ne weit­ver­brei­te­te Über­zeu­gung. Im be­rühm­ten Ah­le­ner Pro­gramm der CDU von 1947 heißt es: „Das ka­pi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­sys­tem ist den staat­li­chen und so­zia­len Le­bens­in­ter­es­sen des deut­schen Vol­kes nicht ge­recht ge­wor­den.“Mar­shall­plan und Kal­ter Krieg lie­ßen sol­che Ge­dan­ken schon bald in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten.

Die Zu­kunft Eu­ro­pas sah Brandt in ei­ner Fö­de­ra­ti­on

Her­aus­ge­ge­ben, über­setzt und ein­ge­lei­tet von Ein­hart Lo­renz (Wil­ly-Brand­tDo­ku­men­te, Bd. 4). Ver­lag J. H. W. Dietz, Bonn 2018. 148 S., 18 €.

Fo­to: Wolf­gang Lan­gen­stra­ßen/p-a/dpa

Wil­ly Brandts nor­we­gi­scher Aus­weis von 1940 un­ter dem Na­men Her­bert Frahm.

Wil­ly Brandt:

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