Schnel­ler und bes­ser

Wer Fremd­spra­chen und an­de­re be­ruf­li­che In­hal­te ler­nen will, soll­te sich nicht al­lein auf klas­si­sche Kur­se ver­las­sen. Es gibt Al­ter­na­ti­ven wie et­wa Speed­le­arning

Der Tagesspiegel - - WEITERBILDUNG - Von Sven Frank

Für mich selbst ist es im­mer wie­der er­staun­lich, wie viel wert­vol­le Le­bens­zeit man­che Men­schen mit Ler­nen ver­geu­den, um an­schlie­ßend fest­zu­stel­len, dass sie sich die Lern­in­hal­te am En­de noch nicht ein­mal dau­er­haft mer­ken kön­nen. Mit Speed­le­arning wer­den Sie ei­nen an­de­ren Weg be­schrei­ten. Seit über 30 Jah­ren be­schäf­ti­ge ich mich mit den ef­fek­tivs­ten Tech­ni­ken und Ar­ten des Ler­nens. An­ge­fan­gen hat das Gan­ze im Al­ter von zwölf Jah­ren, als ich ein Buch ge­schenkt be­kam, in dem Tipps für bes­se­re No­ten in der Schu­le be­schrie­ben wa­ren. Ich er­in­ne­re mich noch an mei­ne Lieb­lings­tech­nik: Dik­ta­te rück­wärts Kor­rek­tur le­sen. Mei­ne Deutsch­leh­re­rin mach­te sich da­mals über die­se Tech­nik lus­tig und er­klär­te mich für nicht ganz nor­mal. Die­ses „Nicht­ganz-Nor­mal-Sein“hat mir aber im Le­ben vie­les er­leich­tert.

Der Er­folg des Ler­nens hängt nicht nur von der Tech­nik ab, son­dern auch von der Mo­ti­va­ti­on und der Be­geis­te­rung des Leh­ren­den. Doch nur wer selbst für den Lern­stoff brennt, kann das Feu­er beim Ler­nen­den ent­zün­den. Als Er­wach­se­ner müs­sen Sie Leh­ren­der und Ler­nen­der zugleich sein. Sie brau­chen die rich­ti­gen Tech­ni­ken, soll­ten sich über Ih­re Mo­ti­va­ti­on im Kla­ren sein und sich für das, was Sie ler­nen möch­ten, be­geis­tern. Wer­fen wir al­so zu­nächst ei­nen Blick dar­auf, wel­che Lern­me­tho­den funk­tio­nie­ren und las­sen Sie uns ge­mein­sam ver­ste­hen, wo­rin der Un­ter­schied zu Ih­ren bis­he­ri­gen Vor­ge­hens­wei­sen be­steht.

Sie er­klim­men end­lich die nächs­te Stu­fe auf der Kar­rie­re­lei­ter nach oben. Sie er­hal­ten die lang er­sehn­te Be­för­de­rung und be­fin­den sich plötz­lich in ei­ner Si­tua­ti­on, in der Sie in­ter­na­tio­nal Ver­ant­wor­tung über­neh­men sol­len. Viel­leicht fin­den die Mee­tings jetzt in eng­li­scher Spra­che statt, viel­leicht füh­ren Sie auch Ver­hand­lun­gen mit Men­schen aus an­de­ren Län­dern, viel­leicht bil­den Sie Mit­ar­bei­ter von Part­ner­stand­or­ten im Aus­land aus, viel­leicht sol­len Sie in­ter­na­tio­nal Kun­den ak­qui­rie­ren. Oben­drein sol­len Sie sich zahl­rei­che neue Na­men und Te­le­fon­num­mern so­wie die da­zu­ge­hö­ri­gen Ge­sich­ter mer­ken. Zu­dem sind Sie jetzt ge­for­dert, sich schnellst­mög­lich ei­nen Über­blick über die ver­schie­de­nen Pro­jek­te zu ver­schaf­fen und Prä­sen­ta­tio­nen in ei­ner Ih­rer Po­si­ti­on zu­träg­li­chen Art und Wei­se zu hal­ten.

In je­dem Fall wer­den Sie fest­stel­len, dass die Lern­stra­te­gi­en, die Sie in der Schu­le oder zum Teil auch im Stu­di­um er­wor­ben ha­ben, hier­für nicht aus­rei­chen wer­den. Sie brau­chen ei­ne Mög­lich­keit, um in­ner­halb von zehn Wo­chen in all den oben ge­nann­ten Be­rei­chen fit zu sein, oh­ne da­bei Ihr Ta­ges­ge­schäft zu ver­nach­läs­si­gen. Ihr Un­ter­neh­men ist ver­mut­lich dar­auf vor­be­rei­tet und wird Sie auf ent­spre­chen­de Fort­bil­dun­gen, Sprach­kur­se, in­ter­kul­tu­rel­le Work­shops, Mee­tings und Über­stun­den­coa­chings schi­cken, viel­leicht so­gar ins Aus­land. Und dort ler­nen Sie dann zu­nächst die er­folg­lo­sen Me­tho­den, die Sie be­reits in der Ver­gan­gen­heit mit we­nig be­ein­dru­cken­den Re­sul­ta­ten ge­lernt ha­ben, zu ver­tie­fen, zu er­wei­tern, zu op­ti­mie­ren und im Ide­al­fall so­gar zu per­fek­tio­nie­ren. Zu­min­dest im Rah­men der La­bor­si­tua­ti­on im Se­mi­nar­raum. Mei­ne Emp­feh­lung: Las­sen Sie Ih­re Kon­kur­renz die kon­ser­va­ti­ven Me­tho­den an­wen­den. Sie soll­ten sich dar­auf fo­kus­sie­ren, was Sie für Ihr Un­ter­neh­men in Zu­kunft un­ver­zicht­bar macht. Sie be­nö­ti­gen bei­spiel­wei­se Fremd­spra­chen­kennt­nis­se, um in­ter­na­tio­nal er­folg­reich zu sein. Denn in vie­len Fäl­len reicht es heu­te längst nicht mehr aus, Eng­lisch in Wort und Schrift zu be­herr­schen. Fran­zö­sisch, Spa­nisch, gar Rus­sisch oder Ara­bisch ge­hö­ren zu den Spra­chen, die für Un­ter­neh­mer im in­ter­na­tio­na­len Rah­men im­mer mehr an Re­le­vanz ge­win­nen. Da­von ab­ge­se­hen wer­den Sie ei­nen Ge­schäfts­part­ner aus Ita­li­en, Un­garn, Ja­pan oder den Nie­der­lan­den im­mer deut­lich mehr be­ein­dru­cken, wenn Sie mit ihm in sei­ner Mut­ter­spra­che kom­mu­ni­zie­ren kön­nen, als wenn Sie auf Eng­lisch, als den kleins­ten ge­mein­sa­men Nen­ner in­ter­na­tio­na­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on, zu­rück­grei­fen.

Für ge­wöhn­lich sind Busi­ness-Sprach­kur­se sehr gut ge­eig­net, um das pas­si­ve Ver­ständ­nis ei­ner Spra­che, al­so das Le- sen und im bes­ten Fall das Hör­ver­ständ­nis zu trai­nie­ren. Doch die Vor­be­rei­tung auf die Rea­li­tät im Bu­si­nes­sall­tag, auf emo­tio­nal ge­färb­te Ver­hand­lun­gen, auf ge­wief­te Ver­kaufs­ge­sprä­che, auf di­plo­ma­ti­sche Über­zeu­gungs­ar­beit, auf po­li­ti­sche Spitz­fin­dig­kei­ten, sprich auf die Kul­tur Ih­rer Ziel­per­son und den po­ten­zi­el­len Kun­den, Ge­schäfts­part­ner, In­ves­tor oder In­flu­en­cer – dar­auf wer­den Sie in ei­nem her­kömm­li­chen Sprach­kurs nur un­zu­rei­chend vor­be­rei­tet. Doch selbst wenn Sie die Spra­che be­herr­schen, ist noch lan­ge nicht ga­ran­tiert, dass Sie Frau Adria­na Di­kan­che­va von ih­rer As­sis­ten­tin Adria­na Ko­va­che­va un­ter­schie­den be­zie­hungs­wei­se Zhi­wei

Shao von sei­nem här­tes­ten Mit­be­wer­ber

Zhuang Tao.

War­um ler­nen man­che Men­schen ef­fek­ti­ver als an­de­re? Die­se Fra­ge ha­be ich mir in den letz­ten 30 Jah­ren im­mer wie­der ge­stellt. Schon als Schü­ler woll­te ich wis­sen, wes­halb man­che Mit­schü­ler sich den Lern­stoff of­fen­sicht­lich mü­he­los mer­ken und selbst kom­pli­zier­te­re Sach­ver­hal­te dau­er­haft ver­in­ner­li­chen konn­ten, wo­hin­ge­gen an­de­re schon an den ein­fachs­ten The­men schei­ter­ten. Die Er­klä­rung, dass der ei­ne Schü­ler ein­fach in­tel­li­gen­ter als der an­de­re sei, stell­te mich nicht zu­frie­den, denn dann kam au­to­ma­tisch die Fra­ge auf: Wie wird man in­tel­li­gen­ter als an­de­re? Über die Jah­re sind mir ei­ni­ge wich­ti­ge Un­ter­schie­de zwi­schen den Men­schen, wel­che schnell kom­ple­xe und neue The­men­be­rei­che ler­nen kön­nen, und de­nen, die sich mit der An­eig­nung von Wis­sen oder Fä­hig­kei­ten eher schwer­tun, auf­ge­fal­len. Zum ei­nen ha­be ich fest­ge­stellt, dass die Men­schen, die schnel­ler und bes­ser ler­nen, in der Re­gel kör­per­lich fit­ter und ge­sün­der sind. Sie ach­ten auf ih­re Er­näh­rung, sor­gen für aus­rei­chend Schlaf und ver­mei­den über­mä­ßi­gen Stress. In­stink­tiv tun sie genau das, was not­wen­dig ist, um das Ge­hirn zu sei­ner op­ti­ma­len Leis­tungs­fä­hig­keit zu brin­gen. Zum an­de­ren zeich­ne­ten sich bei­spiels­wei­se die­je­ni­gen Teil­neh­mer mei­ner Speed­le­arning-Work- shops, die die bes­ten Lern­er­fol­ge er­ziel­ten, auch da­durch aus, dass sie neu­gie­rig, „hung­rig nach Wis­sen“, of­fen für al­le Lern­the­men und um­fas­send in­ter­es­siert wa­ren. Selbst wenn sie auf ein Fach­ge­biet spe­zia­li­siert wa­ren, schränk­ten sie ih­ren In­ter­es­sens­ho­ri­zont nicht ein, son­dern er­wei­ter­ten ihr vor­han­de­nes Wis­sen, wo es nur ging. Hin­zu ka­men As­pek­te wie die Tat­sa­che, dass sie gut or­ga­ni­siert wa­ren und den Wert der Zeit zu schät­zen wuss­ten, al­so sinn­lo­se oder zeit­rau­ben­de Ak­ti­vi­tä­ten mie­den.

Zu­nächst ein­mal soll­ten Sie wis­sen, dass Ihr Ge­hirn von sich aus nicht zwi­schen ver­schie­de­nen Lern­in­hal­ten un­ter­schei­det. Neu­ro­phy­sio­lo­gisch be­trach­tet ist zum Bei­spiel das Ler­nen ei­ner Fremd­spra­che nichts an­de­res als die Er­wei­te­rung Ih­res mut­ter­sprach­li­chen Wort­schat­zes, weil es für Ihr Ge­hirn kei­nen Un­ter­schied zwi­schen den ein­zel­nen Spra­chen gibt. Ein Bei­spiel: Al­les auf der Welt hat ei­nen Na­men. Wenn Sie zum Bei­spiel das Bild ei­nes Au­tos vor Ih­rem in­ne­ren Au­ge er­schei­nen las­sen, dann kön­nen Sie die­ses ent­we­der als Au­to be­zeich­nen oder Syn­ony­me da­für ver­wen­den, wie zum Bei­spiel Wa­gen, Kis­te, Kar­re, Fahr­zeug, Ge­fährt. Oder aber Sie kön­nen ein Au­to mit den ver­schie­de­nen Mar­ken­na­men (BMW, Mer­ce­des, Por­sche) be­nen­nen. Das be­deu­tet: Sie ver­wen­den im All­tag ganz au­to­ma­tisch für das Bild ei­nes Kraft­fahr­zeugs ver­schie­de­ne Be­grif­fe, al­so un­ter­schied­li­che Na­men. Für Ihr Ge­hirn sind die Be­zeich­nun­gen für Au­to in an­de­ren Spra­chen wie zu­mBei­spiel car (Eng­lisch), voi­tu­re (Fran­zö­sisch), co­che (Spa­nisch), bil (Schwe­disch), sa­mochód (Pol­nisch) nun eben­falls nur Syn­ony­me für das Wort Au­to. Es ist al­so egal, wel­chen Na­men Sie dem Bild „Au­to“ge­ben. Für Ih­re Ner­ven­zel­len ist die Ar­beit die­sel­be – und das kön­nen Sie jetzt zu Ih­rem Vor­teil nut­zen. Wenn Sie al­so ei­ne Spra­che ler­nen, dann tun Sie nichts an­de­res, als ein­fach nur al­len Din­gen auf der Welt ei­nen Na­men zu ge­ben, den En­g­län­der, Fran­zo­sen, Spa­nier oder an­de­re Mut­ter­sprach­ler ver­ste­hen.

Doch auch bei an­de­ren Lern­in­hal­ten un­ter­schei­det das Ge­hirn nicht zwi­schen un­ter­schied­li­chen Struk­tu­ren. So ist es für un­se­re Ner­ven­zel­len der im­mer glei­che Pro­zess, ganz egal ob wir Kla­vier oder Sa­xo­phon spie­len ler­nen oder aber die Tas­ta­tur ei­nes Com­pu­ters und die Knöp­fe an un­se­rer Spül­ma­schi­ne be­tä­ti­gen. Wir ler­nen ein­fach nur, dass die Be­tä­ti­gung ei­nes Knop­fes für sich al­lei­ne ge­nom­men oder in Kom­bi­na­ti­on mit ei­nem an­de­ren Knopf ei­ne be­stimm­te Re­ak­ti­on aus­löst. Die Un­ter­schie­de ent­ste­hen erst in der Kom­ple­xi­tät der Ab­läu­fe und Kom­bi­na­tio­nen, mit der die je­wei­li­gen Knöp­fe be­zie­hungs­wei­se Tas­ten ge­drückt wer­den. Kom­bi­nie­ren Sie zum Bei­spiel ver­schie­de­ne Tas­ten auf ei­nem Kla­vier, so ent­steht ei­ne Me­lo­die, ein Ak­kord oder ein gan­zes Lied. Drü­cken Sie ein bis zwei oder mehr Tas­ten gleich­zei­tig auf ei­ner Com­pu­ter­tas­ta­tur, so ist das ver­gleich­bar mit ei­nem Ak­kord auf dem Kla­vier, je­doch ent­steht da­bei kein akus­ti­scher Reiz, son­dern le­dig­lich ei­ner Re­ak­ti­on auf den Bild­schirm. Das be­deu­tet, dass der Un­ter­schied zwi­schen dem Ler­nen ei­nes Mu­sik­in­stru­men­tes im Ver­gleich zu dem Er­ler­nen der ver­schie­de­nen Funk­tio­nen ei­ner Spül­ma­schi­ne oder ei­ner Com­pu­ter­tas­ta­tur dar­in be­steht, dass auf der ei­nen Sei­te meh­re­re Sin­ne an­ge­spro­chen wer­den (vi­su­ell, au­di­tiv) und dass der Kör­per durch das Ver­wen­den von zwei Hän­den be­zie­hungs­wei­se dem zu­sätz­li­chen Ein­satz der Fü­ße beim Kla­vier­spie­len meh­re­re Im­pul­se gleich­zei­tig an das Ge­hirn sen­det. Un­term Strich ist der Lern­pro­zess aber iden­tisch.

Je­der Lern­pro­zess kann des­halb auf ein und die­sel­ben Lern­grund­ein­hei­ten zu­rück­ge­führt wer­den. Mit zu­neh­men­dem Be­herr­schen der neu er­wor­be­nen Kennt­nis­se oder Fer­tig­kei­ten ver­än­dern sich le­dig­lich die Kom­ple­xi­tät und die Er­wei­te­rung der Re­sul­ta­te, die aus dem Zu­sam­men­spiel des Ge­lern­ten ent­ste­hen. Ganz ein­fach ge­sagt: Je­der An­fän­ger lernt am Kla­vier zu­nächst die­sel­ben Grund­kennt-

Der Text ist ein Aus­zug aus dem Buch „Speed­le­arning

Die Er­folgs­tech­ni­ken für Be­ruf, Schu­le und pri­vat“von Sven Frank. Es er­scheint am 8. Ok­to­ber im Red­li­ne Ver­lag. nis­se wie der An­fän­ger des Zehn-Fin­ger-Tip­pens an der Tas­ta­tur des PCs. Wenn Sie al­so auf ei­ner Com­pu­ter­tas­ta­tur an­fangs mit zwei Fin­gern und spä­ter mit zehn Fin­gern schrei­ben ler­nen, dann durch­läuft Ihr Ge­hirn den­sel­ben mo­to­ri­schen Lern­pro­zess wie beim Kla­vier­spie­len. Le­dig­lich der akus­ti­sche Reiz, der durch das An­spie­len der Tas­ten auf dem Kla­vier ent­steht, macht von An­fang an den schein­bar ele­men­ta­ren Un­ter­schied.

Was ich mit die­ser doch recht kom­pli­zier­ten Be­schrei­bung der Lern­pro­zes­se ei­gent­lich nur sa­gen möch­te, ist Fol­gen­des: Es gibt kein Ta­lent für Spra­chen, Mu­sik oder Sport – le­dig­lich die rich­ti­ge Lern­tech­nik, die am En­de zur höchst­mög­li­chen Kom­ple­xi­tät führt (und auf dem Weg dort­hin die Mo­ti­va­ti­on le­ben­dig hält), un­ter­schei­det den Dumm­kopf vom Ge­nie. Nun ist es so, dass un­ser Ge­hirn 80 Pro­zent des Ler­nens ei­gen­mäch­tig für uns er­le­digt. Das liegt da­ran, dass wir über ei­nen an­ge­bo­re­nen Lern­in­stinkt ver­fü­gen. Die­ser hat un­ter an­de­rem da­für ge­sorgt, dass al­le Spra­chen im Lau­fe der Ent­wick­lung nach ei­ner ver­gleich­bar lo­gi­schen Struk­tur auf­ge­baut sind, Tö­ne der Mu­sik be­stimm­ten Ge­set­zen fol­gen, Schrif­ten an ver­schie­dens­ten Or­ten der Welt par­al­lel ent­stan­den sind oder Kin­der von al­lei­ne Kr­ab­beln ler­nen, oh­ne dass man es ih­nen zei­gen muss.

Ich be­ob­ach­te auch in mei­nen Sprach­trai­nings im­mer wie­der, dass der we­sent­li­che Teil des Trainings nicht nur dar­in be­steht, mei­nen Kun­den die Ziel­spra­che in­ner­halb von drei bis zehn Ta­gen zu ver­mit­teln, son­dern dass es viel­mehr dar­um geht dar­zu­stel­len, wie man sein vol­les Po­ten­zi­al er­kennt, nutzt und ste­tig er­wei­tert. Für un­ser Ge­hirn ist je­der Lern­vor­gang im­mer der­sel­be Pro­zess. Am Bei­spiel der Spra­chen kann man das ganz prak­tisch fest­stel­len: Wann im­mer Sie ein neu­es Wort ler­nen, er­wei­tern Sie Ih­ren mut­ter­sprach­li­chen Wort­schatz und da­bei ist es un­er­heb­lich, ob es sich bei die­sem neu­en Wort um ei­nen Fach­be­griff aus Ih­rer Bran­che, um den Na­men ei­nes Spie­lers aus der Lieb­lings-Fuß­ball­mann­schaft oder um ein Verb der Ziel­spra­che han­delt. Wäh­rend des Ler­nens muss in Ih­rem Ge­hirn ei­ne syn­ap­ti­sche Ver­knüp­fung ent­ste­hen, al­so die Hard­ware im Ge- hirn ge­bil­det wer­den, da­mit ein Wort bei­spiels­wei­se in Zu­kunft für Sie ab­ruf­bar bleibt. Nun nimmt un­ser Ge­hirn tag­täg­lich Hun­der­te von Ein­drü­cken auf und kann und soll auch gar nicht al­les spei­chern. Aus die­sem Grund ver­fügt un­ser Ge­hirn über ei­nen sehr cle­ve­ren Spam­fil­ter-Mecha­nis­mus. Die­ser ar­bei­tet sehr ef­fek­tiv – und zwar auch wie­der bei al­len Lern­vor­gän­gen.

Wäh­rend Sie le­sen, neh­men Sie um sich her­um Ge­räu­sche wahr, Ge­rü­che, sons­ti­ge Sin­nes­ein­drü­cke, wie zum Bei­spiel die Tem­pe­ra­tur des Rau­mes. Es krei­sen an­de­re Ge­dan­ken durch Ih­ren Kopf und bei je­dem Im­puls, bei je­der In­for­ma­ti­on, die über Ih­re fünf Sin­ne an Sie her­an­ge­tra­gen wird, ent­schei­det Ihr Ge­hirn, ob die­se In­for­ma­ti­on wich­tig und des­we­gen merk­wür­dig im Sin­ne von er­in­ne­rungs­wür­dig ist. Je merk­wür­di­ger ei­ne In­for­ma­ti­on, des­to eher wer­den wir sie uns auch mer­ken. Schau­en wir uns al­so die­sen wirk­lich aus­ge­feil­ten Bio-Spam­fil­ter un­se­res Ge­hirns ein­mal ge­nau­er an: Un­ser Ge­hirn ent­schei­det nach zwan­zig Se­kun­den zum ers­ten Mal, ob ei­ne In­for­ma­ti­on für uns sinn­voll, al­so merk­wür­dig ist. Merk­wür­di­ge In­for­ma­tio­nen sind Um­welt­im­pul­se oder Ein­flüs­se, die ent­we­der wie­der­holt auf­tre­ten oder uns über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum emo­tio­nal be­rüh­ren.

Die An­zahl der Au­tos so­wie die ent­spre­chen­den Num­mern­schil­der oder die Far­ben, die An­zahl der In­sas­sen, die ge­schätz­te Rei­se­ge­schwin­dig­keit, die Sie auf ei­ner Fahrt von Ih­rem Wohn­ort zu Ih­rem Ar­beits­platz je­den Tag er­le­ben und wahr­neh­men, ist für Ihr Ge­hirn kei­ne merk­wür­di­ge In­for­ma­ti­on. Aus die­sem Grund wird nach zwan­zig Se­kun­den ent­schie­den, dass Sie die­se In­for­ma­ti­on nicht mehr be­nö­ti­gen. Es wird kei­ne syn­ap­ti­sche Ver­knüp­fung her­ge­stellt.

Das Glei­che pas­siert mit In­for­ma­tio­nen im Rah­men des Ler­nens. Stel­len Sie sich vor, dass Sie bei ei­nem Ge­spräch, im Rah­men ei­nes Mee­tings, ei­ne For­mu­lie­rung auf Eng­lisch hö­ren, die Sie für äu­ßerst ele­gant und smart hal­ten, so­dass Sie be­schlie­ßen sich die­se Re­de­wen­dung oder For­mu­lie­rung zu mer­ken. Vor Ablauf die­ser zwan­zig Se­kun­den bit­tet man Sie je­doch um Ih­re Stel­lung­nah­me zu die­sem The­ma, und in­dem Sie nun ak­tiv spre­chen, ent­schei­det Ihr Ge­hirn, dass die­se Re­de­wen­dung, die Sie sich eben noch mer­ken woll­ten, nicht mehr re­le­vant ist und des­we­gen kei­ne Ner­ven­ver­knüp­fung her­ge­stellt wird, die die­se Re­de­wen­dung ab­ruf­bar macht. Der nächs­te Spam­fil­ter wird nach zwan­zig Mi­nu­ten ak­tiv und hier wird klar, wes­halb wir in der Schu­le oder bei lan­gen Mee­tings nicht die Lern- oder Ge­dächt­nis­leis­tun­gen er­zie­len kön­nen, die wir uns wün­schen. Es fol­gen die nächs­ten Spam­fil­ter nach vier St­un­den, dann nach ei­nem Tag, nach ei­ner Wo­che, nach ei­nem Mo­nat, nach sechs Mo­na­ten, schließ­lich nach ei­nem Jahr und zu­letzt nach fünf Jah­ren.

Ver­su­chen Sie jetzt ein­mal, sich an die Adres­sen Ih­rer bis­he­ri­gen Wohn­stät­ten zu er­in­nern. Sie wer­den fest­stel­len, dass Sie sich an je­de Woh­nung, je­de Wohn­adres­se und je­de Te­le­fon­num­mer er­in­nern kön­nen, in der Sie län­ger als fünf Jah­re ge­lebt ha­ben. Kurz­fris­ti­ge Auf­ent­hal­te von ein bis drei Jah­ren hin­ge­gen ha­ben in ih­rer In­ten­si­vi­tät nicht aus­ge­reicht, um die Adres­se samt Te­le­fon­num­mer dau­er­haft zu me­mo­rie­ren. Die­se Ab­fol­ge der Spam­fil­ter ver­deut­licht, wie Sie die Wie­der­ho­lungs­se­quen­zen beim Ler­nen – nicht nur von Fremd­spra­chen, son­dern im All­ge­mei­nen – pla­nen müs­sen, um Ih­rem Ge­hirn das Ler­nen zu er­leich­tern. In­for­ma­tio­nen, Re­de­wen­dun­gen, Satz­bau­stei­ne, Gram­ma­tik­re­geln, In­hal­te von Ge­dich­ten, kör­per­li­che Ab­läu­fe im Sport oder beim Ler­nen von Mu­sik­in­stru­men­ten müs­sen zu­nächst zwan­zig Mi­nu­ten lang auf das Ge­hirn ein­wir­ken, um die ers­ten syn­ap­ti­schen Re­ak­tio­nen zu er­zeu­gen. Dann fol­gen Wie­der­ho­lun­gen der­sel­ben In­hal­te nach vier St­un­den, nach ei­nem Tag, nach ei­ner Wo­che und so wei­ter. Mit der rich­ti­gen An­wen­dung von Wie­der­ho­lun­gen spa­ren Sie al­so Zeit und ler­nen ef­fek­ti­ver.

Men­schen, die fit und ge­sund sind, ler­nen oft schnel­ler

Das Ge­hirn setzt au­to­ma­tisch „Spam­fil­ter“ein

Fo­to: H. Hansch­ke/dpa

Speed­le­arning – der Renn­wa­gen un­ter den Lern­me­tho­den. Neu­ro­phy­sio­lo­gisch be­trach­tet ist das Ler­nen ei­ner Fremd­spra­che die Er­wei­te­rung des mut­ter­sprach­li­chen Wort­schat­zes. Für das Ge­hirn gibt es kei­nen Un­ter­schied zwi­schen ein­zel­nen Spra­chen. Zu be­kann­ten Syn­oy­men für „Au­to“wie „Kis­te“und „Ge­fährt“kom­men „car“und „voi­tu­re“hin­zu.

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