Bau­en in Zei­ten des Kli­ma­wan­dels

Der Tagesspiegel - - B 11 FREIE UNIVERSITÄT BERLIN - Den­nis Yücel

„In un­se­ren Städ­ten wird es im­mer hei­ßer“, warnt Sa­har So­dou­di. Die Ju­ni­or­pro­fes­so­rin für Stadt­kli­ma am In­sti­tut für Me­teo­ro­lo­gie der Frei­en Uni­ver­si­tät un­ter­sucht, wie sich die Be­bau­ung auf das städ­ti­sche Mi­kro­kli­ma aus­wirkt. Nach­ver­dich­tung heißt die Lö­sung der Pla­ner, um dem wach­sen­den Zu­zug von Men­schen in die Städ­te ge­recht zu wer­den. Da­zu wer­den Bau­lü­cken ge­schlos­sen oder zu­sätz­li­che Stock­wer­ke er­rich­tet. Doch in den dich­ter und hö­her be­bau­ten Städ­ten staut sich die Hit­ze. „Das hat Aus­wir­kun­gen auf das Wohl­be­fin­den und die Ge­sund­heit der Ein­woh­ner. In Zei­ten des Kli­ma­wan­dels müs­sen wir uns in­ten­si­ver mit der Steue­rung des städ­ti­schen Mi­kro­kli­mas be­fas­sen“, sagt Sa­har So­dou­di, die die Ar­beits­grup­pe „Stadt­kli­ma und Ge­sund­heit“lei­tet. Auf­grund des ex­trem hei­ßen Som­mers ha­ben die Wis­sen­schaft­le­rin und ihr Team die­ses Jahr be­son­ders Ber­lin un­ter­sucht und „teil­wei­se dra­ma­ti­sche Er­geb­nis­se er­hal­ten“, sagt So­dou­di.

33 Mess­sta­tio­nen hat­ten die For­scher im Stadt­ge­biet auf­ge­stellt. Von Ju­li bis Au­gust ver­zeich­ne­ten sie in den dicht be­bau­ten Ge­bie­ten 39 so­ge­nann­te Tro­pen­näch­te, in de­nen die Tem­pe­ra­tur nicht un­ter 20 Grad sank. Tags­über ha­be die ge­fühl­te Tem­pe­ra­tur bei bis zu 46 Grad ge­le­gen – 15 Grad mehr als der Re­kord im ver­gan­ge­nen Jahr, sagt So­dou­di. „Die­se Tem­pe­ra­tu­ren lö­sen im mensch­li­chen Kör­per ex­tre­men Hit­zes­tress aus.“Da­bei kön­ne es zu Pro­ble­men mit dem Stoff­wech­sel, dem Was­ser­haus­halt und dem Herz-Kreis­lauf-Sys­tem kom­men. Für ge­schwäch­te und äl­te­re Men­schen be­ste­he so­gar Le­bens­ge­fahr. Um für Ab­küh­lung zu sor­gen, hat die Ber­li­ner Stadt­rei­ni­gung im Au­gust nachts Spül­wa­gen durch die Stra­ßen ge­schickt, die den hei­ßen As­phalt ge­wäs­sert ha­ben. „Das war die rich­ti­ge Stra­te­gie“, sagt So­dou­di. „Nur lei­der kam sie viel zu spät.“

„Wir brau­chen mehr klei­ne Grün­flä­chen in der Stadt“

Die Mess­da­ten wer­den vor dem Hin­ter­grund der ört­li­chen Be­bau­ungs­struk­tur un­ter­sucht – et­wa, wie dicht und hoch ein Ge­biet be­baut ist, wel­che Ma­te­ria­li­en ver­wen­det wur­den und wie vie­le Grün- und Was­ser­flä­chen es gibt. In der Nacht auf den 1. Au­gust, der hei­ßes­ten in die­sem Jahr, ha­ben So­dou­di und ihr Team bis zu 8,3 Grad Tem­pe­ra­tur­un­ter­schied an ver­schie­de­nen Or­ten der Stadt ge­mes­sen –al­lein auf­grund un­ter­schied­li­cher Be­bau­ung. Um 23 Uhr ver­zeich­ne­te ei­ne Mess­sta­ti­on in Char­lot­ten­burg mit 28,9 Grad den nächt­li­chen Tem­pe­ra­tur­re­kord. Dort ste­hen vie­le ho­he Häu­ser eng bei­ein­an­der, so­dass die Hit­ze nicht ent­wei­chen kann. Am „käl­tes­ten“war es um die­sel­be Zeit in der Eli­sa­beth-Aue in Pan­kow – ei­ner Grün­an­la­ge.

Soll­ten Städ­te al­so künf­tig auf Nach­ver­dich­tung ver­zich­ten? „Das nicht“, sagt Sa­har So­dou­di. „Aber man muss wis­sen, wie man es macht.“Die Wis­sen­schaft­le­rin emp­fiehlt, in die Brei­te und nicht in die Hö­he zu bau­en: „Die meis­ten Stadt­pla­ner ge­hen da­von aus, dass ei­ne ver­ti­ka­le Nach­ver­dich­tung stadt­kli­ma­tisch sinn­vol­ler ist, weil hö­he­re Häu­ser für mehr Schat­ten sor­gen und sich die Stra­ßen da­durch ab­küh­len.“Man dür­fe aber nicht al­lein auf die Tem­pe­ra­tur ach­ten. Ent­schei­dend für das Wohl­be­fin­den sei die ge­fühl­te Tem­pe­ra­tur. Die­se set­ze sich auch aus Fak­to­ren wie Luft­feuch­te, Strah­lung und Wind zu­sam­men. „Und da schnei­det ei­ne ho­he Be­bau­ung deut­lich schlech­ter ab.“

Wich­tig bei der ho­ri­zon­ta­len Nach­ver­dich­tung sei, auf aus­rei­chend Parks und Grün­flä­chen zu ach­ten. So sei­en zwar rund 44 Pro­zent der Flä­che Ber­lins be­wach­sen, die Flä­chen sei­en aber sehr un­gleich ver­teilt. „Statt we­ni­ger gro­ßer An­la­gen brau­chen wir sehr viel mehr klei­ne­re Grün­flä­chen in den Kie­zen“, sagt So­dou­di. „Denn die Tem­pe­ra­tu­ren, die wir heu­te als ex­trem wahr­neh­men, wer­den in der Zu­kunft nor­mal sein.“

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