Hys­te­rie ums Fal­sche

Der Grenz­wert für das Aus­puff­gas Stick­stoff­di­oxid ist aus der Luft ge­grif­fen. Ei­ne Po­si­ti­on

Der Tagesspiegel - - BERLIN - Von Alex­an­der S. Ke­ku­lé

Der EU-Grenz­wert für Stick­stoff­di­oxid von 40 Mi­kro­gramm pro Ku­bik­me­ter Luft sorgt we­gen des Die­selskan­dals für hef­ti­ge Dis­kus­sio­nen. Ganz am An­fang der De­bat­te stand ein gut ge­mein­tes Ge­setz: Im März 1985 er­ließ der Rat der Eu­ro­päi­schen Uni­on die ers­te „Richt­li­nie über Luft­qua­li­täts­nor­men für Stick­stoff­di­oxid“. Fort­an soll­ten Ge­sund­heit und Um­welt vor dem schäd­li­chen Aus­puff­gas ge­schützt wer­den. Die Kon­zen­tra­ti­on des Stof­fes in der Au­ßen­luft durf­te, über das Jahr ge­mit­telt, 200 Mi­kro­gramm pro Ku­bik­me­ter nicht über­stei­gen. Da der Grenz­wert über je­den Streit er­ha­ben sein soll­te, be­stimm­te das EU-Ge­setz auch, wie er künf­tig an den wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritt an­zu­pas­sen sei: „Die­ser Wert muss auf den Er­geb­nis­sen im Rah­men der von der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on ( WHO) durch­ge­führ­ten Ar­bei­ten be­ru­hen, und zwar vor al­lem auf den für die­sen Schad­stoff er­mit­tel­ten Re­la­tio­nen zwi­schen Do­sis und Wir­kun­gen.“

Aus da­ma­li­ger Sicht war das gut durch­dacht. Die WHO hat­te ei­nen aus­ge­zeich­ne­ten Ruf. Und dass oh­ne Do­sis-Wir­kung-Be­zie­hung kein Grenz­wert be­rech­net wer­den kann, ist bis heu­te un­um­strit­ten.

Doch im Ge­gen­satz zu an­de­ren Luft­schad­stof­fen wie Schwe­fel­di­oxid, Blei und Ozon ka­men die Fach­leu­te bei der Beur­tei­lung des Stick­stoff­di­oxids zu­nächst kaum vor­an. Das Gas mit der che­mi­schen For­mel NO war in den 70er Jah­ren (ne­ben Schwe­fel­di­oxid) als Mit­ver­ur­sa­cher des sau­ren Re­gens ins Vi­sier der Um­welt­schüt­zer ge­ra­ten. Die da­für ver­ant­wort­li­chen ho­hen NO -Wer­te wur­den aber dank neu­er Fil­ter­an­la­gen an den Kraft­wer­ken und Ab­gas­ka­ta­ly­sa­to­ren in den Fahr­zeu­gen in den 90er Jah­ren kaum noch er­reicht.

Stick­stoff­di­oxid wirkt oxi­die­rend und reizt die Schleim­haut der Atem­we­ge. In ho­her Kon­zen­tra­ti­on kann es zum Tod durch Lun­gen­ver­sa­gen füh­ren. Bei Asth­ma­ti­kern las­sen sich mit mo­der­nen Mess­ge­rä­ten ab et­wa 180 Mi­kro­gramm pro Ku­bik­me­ter bio­che­mi­sche Ef­fek­te auf der Schleim­haut und ei­ne leich­te An­span­nung der Bron­chi­al­mus­ku­la­tur nach­wei­sen; ge­sun­de Men­schen re­agie­ren erst auf sechs­mal hö­he­re Kon­zen­tra­tio­nen. Die­se Ab­wehr­re­ak­tio­nen, die auch durch Käl­te und an­de­re na­tür­li­che Rei­ze pro­vo­ziert wer­den, sind nur vor­über­ge­hend und hin­ter­las­sen kei­nen blei­ben­den Scha­den. NO ge­langt zu­dem nicht ins Blut; es ist da­her um­strit­ten, ob das Gas bei kurz­zei­ti­ger Ein­wir­kung un­ter 200 Mi­kro­gramm pro Ku­bik­me­ter Luft über­haupt ge­sund­heits­schäd­lich ist.

Theo­re­tisch wä­re es je­doch mög­lich, dass ei­ne ex­trem schwa­che Ir­ri­ta­ti­on der Schleim­häu­te erst nach jah­re­lan­ger Ein­wir­kung zu ei­ner Schä­di­gung führt. Dies wä­re wohl am ehes­ten bei Asth­ma­ti­kern fest­stell­bar, de­ren Bron­chi­en be­son­ders emp­find­lich sind. Um­welt­me­di­zi­ner ver­su­chen des­halb seit mehr als drei Jahr­zehn­ten, aus epi­de­mio­lo­gi­schen Da­ten ei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen der NO -Kon­zen­tra­ti­on der Um­ge­bungs­luft und der Häu­fig­keit von Asth­ma­an­fäl­len zu be­le­gen. Ei­ne mit stei­gen­der Schad­stoff­be­las­tung zu­neh­men­de Zahl der Er­kran­kun­gen wür­de die Schäd­lich­keit von NO be­wei­sen. Au­ßer­dem lie­ße sich aus die­ser Do­sis-Wir­kungs-Be­zie­hung ein wis­sen­schaft­lich be­grün­de­ter Grenz­wert be­rech­nen.

Doch die For­schungs­er­geb­nis­se sind bis heu­te wi­der­sprüch­lich. Seit den 80er Jah­ren be­haup­te­ten meh­re­re Stu­di­en, dass Men­schen in Re­gio­nen mit hö­he­ren NO -Wer­ten häu­fi­ger an Lun­gen­lei­den er­kran­ken; an­de­re Un­ter­su­chun­gen konn­ten dies nicht be­stä­ti­gen. Die Epi­de­mio­lo­gen kämp­fen da­bei mit zahl­rei­chen me­tho­di­schen Pro­ble­men: Die NO -Kon­zen­tra­ti­on der Atem­luft muss in der Re­gel ge­schätzt wer­den, et­wa an­hand der Post­leit­zahl oder Wohn­an­schrift. Die Wer­te va­ri­ie­ren je­doch ört­lich auf we­ni­gen Me­tern und zeit­lich in­ner­halb von St­un­den. Die in­di­vi­du­el­le Ex­po­si­ti­on hängt stär­ker vom Ver­hal­ten als vom Wohn­ort ab.

An­de­re Fak­to­ren – wie Rau­chen, Ar­beit, Zu­stand der Woh­nung und vi­ra­le In­fek­tio­nen – konn­ten in vie­len Un­ter­su­chun­gen nur un­zu­rei­chend er­fasst wer­den.

Ver­kehrs­ab­ga­se, die Haupt­quel­le für NO in den Städ­ten, sind Ge­mi­sche aus gas­för­mi­gen und fes­ten Stof­fen. Ei­ni­ge da­von sind si­cher ge­sund­heits­schäd­lich, bei an­de­ren wird dies ver­mu­tet. Selbst wenn sich ein sta­tis­ti­scher Zu­sam­men­hang zwi­schen NO -Wer­ten und Ge­sund­heits­stö­run­gen zeigt, könn­te dies durch an­de­re Ab­gas­kom­po­nen­ten ver­ur­sacht sein. Da­von ab­ge­se­hen kann Stra­ßen­ver­kehr auch durch Stress und Lärm ge­sund­heit­li­che Aus­wir­kun­gen ha­ben. Aus die­sen Grün­den lehn­te im Ok­to­ber 1995 ei­ne von der WHO ein­be­ru­fe­ne Ex­per­ten­grup­pe die Be­rech­nung von Richt­wer­ten für NO ab. Die US-Um­welt­be­hör­de be­ur­teil­te dies ähn­lich und stell­te fest, dass un­ter­halb von 100 Mi­kro­gramm, dem seit den 70er Jah­ren in den USA gül­ti­gen Grenz­wert, kei­ne Lang­zei­tef­fek­te er­kenn­bar sei­en.

Die EU aber woll­te beim Um­welt­schutz wei­ter vor­an­ge­hen und be­schloss 1993 die Fest­le­gung lang­fris­ti­ger Luft­qua­li­täts­zie­le, wo­zu auch ein stren­ger Grenz­wert für NO ge­hö­ren soll­te. Die­ser muss­te, ge­mäß der ein­schlä­gi­gen Richt­li­nie, auf Ar­bei­ten der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on be­ru­hen. Der gül­ti­ge Richt­wert der WHO war je­doch mit 150 Mi­kro­gramm fast so hoch wie der bis­he­ri­ge EU-Grenz­wert. Al­so stell­te die WHO ei­ne Ar­beits­grup­pe zu­sam­men, die wis­sen­schaft­li­che Grund­la­gen für ei­nen neu­en Grenz­wert lie­fern soll­te – an­ge­sichts der wi­der­sprüch­li­chen Da­ten­la­ge ei­ne un­lös­ba­re Auf­ga­be.

Als ers­ten Schritt füg­ten die WHO-Gut­ach­ter Da­ten aus neun äl­te­ren Stu­di­en zu­sam­men, die den Zu­sam­men­hang von Gas­her­den und Atem­wegs­er­kran­kun­gen bei Kin­dern un­ter­sucht hat­ten. Sol­che „Me­ta­ana­ly­sen“kön­nen wert­vol­le Er­geb­nis­se lie­fern, wenn es um kleins­te Ef­fek­te geht, die erst bei Be­trach­tung großer Pro­ban­den­zah­len er­kenn­bar wer­den. Da­für müs­sen die ein­zel­nen Stu­di­en je­doch sehr ähn­lich kon­zi­piert sein, da­mit de­ren Da­ten ver­gleich­bar sind.

Wie die WHO-Ex­per­ten selbst ein­räum­ten, war die­se Vor­aus­set­zung nicht an­nä­hernd er­füllt: Ein­fluss­fak­to­ren wie rau­chen­de Mit­be­woh­ner, Art und Grö­ße des Haus­halts, so­zia­ler Sta­tus und Ge­schlecht wur­den in ei­ni­gen Stu­di­en be­rück­sich­tigt, in an­de­ren nicht; man­che re­gis­trier­ten je­den Hus­ten, an­de­re da­ge­gen nur Asth­ma, Er­käl­tun­gen oder vom Arzt fest­ge­stell­te Lun­gen­er­kran­kun­gen. Un­ter In­k­auf­nah­me all die­ser Un­si­cher­hei­ten kam bei der Me­taana­ly­se her­aus, dass Atem­wegs­er­kran­kun­gen in Haus­hal­ten mit Gas­herd um 20 Pro­zent häu­fi­ger sind als in Haus­hal­ten mit Elek­tro­herd. Ob dies an den NO -Ab­son­de­run­gen der mit Erd­gas be­trie­be­nen Her­de lag oder an­de­re Ur­sa­chen hat­te, konn­te nicht ge­klärt wer­den.

Tat­säch­lich hat­ten die WHO-Gut­ach­ter ih­re Me­taana­ly­se, im Wort­laut na­he­zu iden­tisch, aus ei­nem fünf Jah­re äl­te­ren Be­richt der US-Um­welt­be­hör­de ab­ge- schrie­ben. De­ren Be­richt kam al­ler­dings zu dem Er­geb­nis, dass die Da­ten kei­ne Do­sis-Wir­kungs-Be­zie­hung er­ge­ben. Um den von der EU-Kom­mis­si­on be­nö­tig­ten Grenz­wert zu lie­fern, muss­ten sich die WHO-Gut­ach­ter al­so noch ei­nen Schritt wei­ter ins wis­sen­schaft­li­che Nie­mands­land vor­wa­gen.

Die in der Me­taana­ly­se aus­ge­wer­te­ten Stu­di­en ent­hiel­ten kei­ne ge­eig­ne­ten Mess­wer­te für Stick­stoff­di­oxid. In an­de­ren Un­ter­su­chun­gen wa­ren in Haus­hal­ten mit Gas­her­den sehr un­ter­schied­li­che Kon­zen­tra­tio­nen (zwi­schen acht und 2500 Mi­kro­gramm) fest­ge­stellt wor­den. Man­gels brauch­ba­rer Da­ten schätz­ten die Gut­ach­ter kur­zer­hand, dass ein Gas­herd die mitt­le­re jähr­li­che NO -Kon­zen­tra­ti­on im Haus­halt auf un­ge­fähr

40 Mi­kro­gramm er­höht, und schlu­gen die­se Grö­ße als Richt­wert vor. Bis heu­te gibt es kei­nen

Be­leg da­für, dass die Zahl ir­gend­et­was mit den ge­sund­heit­li­chen Aus­wir­kun­gen von NO zu tun hät­te.

Statt den Vor­schlag der Gut­ach­ter zu prü­fen, setz­ten die Brüs­se­ler noch ei­nen Feh­ler drauf: Sie über­nah­men den Vor­schlag un­mit­tel­bar als ge­setz­li­chen Grenz­wert, der an kei­nem Mess­punkt über­schrit­ten wer­den darf. Un­ter ei­nem Richt­wert ver­steht die WHO je­doch die mitt­le­re per­sön­li­che NO -Be­las­tung, un­ter­halb de­rer kei­ne Ge­sund­heits­schä­den zu er­war­ten sind. Die Ex­po­si­ti­on ei­nes Men­schen hängt ne­ben dem Wohn­ort stark da­von ab, wo er sich ge­wöhn­lich auf­hält: Ab­seits der Ver­kehrs­kno­ten­punk­te sin­ken die NO -Wer­te be­reits nach we­ni­gen Hun­dert Me­tern er­heb­lich.

Bis heu­te gibt es kei­ne be­last­ba­ren Da­ten, die den 40-Mi­kro­gramm-Grenz­wert stüt­zen. Die US-Um­welt­be­hör­de hat im April 2018 ih­re Auf­fas­sung be­stä­tigt, dass un­ter ei­nem Jah­res­mit­tel­wert von 100 Mi­kro­gramm NO kei­ne Hin­wei­se auf ge­sund­heit­li­che Schä­den exis­tie­ren. Die Ex­per­ten­grup­pe des bri­ti­schen Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums konn­te sich für ih­ren im Au­gust ver­öf­fent­lich­ten Be­richt nicht ein­mal ei­ni­gen, ob NO ei­ne Aus­wir­kung auf die Sterb­lich­keit hat.

Trotz der bi­zar­ren His­to­rie wä­re es un­klug, ei­ne Än­de­rung des NO -Grenz­werts zu for­dern. Durch die für Neu­fahr­zeu­ge gül­ti­gen Eu­ro-6-Ab­gas­nor­men wird die 40-Mi­kro­gramm-Gren­ze hier­zu­lan­de in ei­ni­gen Jah­ren oh­ne­hin über­all un­ter­schrit­ten wer­den. Wenn die Re­geln zur Luft­qua­li­tät in Eu­ro­pa zur Dis­po­si­ti­on ste­hen, wer­den we­ni­ger dis­zi­pli­nier­te Mit­glieds­staa­ten Er­leich­te­run­gen bei an­de­ren Um­welt­auf­la­gen for­dern. Das wür­de die Po­li­tik der EU um Jahr­zehn­te zu­rück­wer­fen.

Ak­tu­el­len For­schungs­er­geb­nis­sen zu­fol­ge dürf­te Ul­tra­fe­in­staub viel ge­fähr­li­cher sein als NO . Und der wird, ge­nau­so wie der Kli­ma­kil­ler CO , selbst in den neu­es­ten Ab­gas­nor­men nicht be­rück­sich­tigt. Statt we­gen des NO -Grenz­werts die Bür­ger zu ver­un­si­chern, die Kom­mu­nen zu über­for­dern und der Au­to­in­dus­trie Kon­junk­tur­pro­gram­me zu be­sche­ren, soll­te die EU ih­re Ab­gas­vor­schrif­ten wei­ter ver­schär­fen – und da­für sor­gen, dass sie von den Her­stel­lern auch ein­ge­hal­ten wer­den.

Die Da­ten­la­ge ist al­les an­de­re als ein­deu­tig

Ei­ne Än­de­rung des Grenz­wer­tes wä­re un­klug

Fo­to: Get­ty Images/iStock

— Der Au­tor ist Pro­fes­sor für Me­di­zi­ni­sche Mi­kro­bio­lo­gie und Vi­ro­lo­gie an der Mar­tin-Lu­ther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg so­wie Di­rek­tor des In­sti­tuts für Bio­lo­gi­sche Si­cher­heits­for­schung in Hal­le. Die­ser Bei­trag er­schien zu­erst – in län­ge­rer Form – in der „Zeit“, wir dan­ken für die freund­li­che Ge­neh­mi­gung zum Nach­druck.

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