So viel Har­mo­nie war nie

Die Grü­nen ha­ben ih­re Spit­zen­kan­di­da­ten für die Eu­ro­pa­wahl ge­kürt: Ska Kel­ler und Sven Gie­gold. Wo­für die bei­den ste­hen

Der Tagesspiegel - - NACHRICHTEN - Von Cor­du­la Eu­bel, Leip­zig

Als das Wah­l­er­geb­nis ver­kün­det wird, springt Sven Gie­gold un­gläu­big auf. Zehn Mi­nu­ten lang hat der Grü­nen-Po­li­ti­ker lei­den­schaft­lich über Eu­ro­pa ge­re­det: über So­li­da­ri­tät, Frei­heit – und den Schutz der Bech­stein-Fle­der­maus im Ham­ba­cher Forst. Die De­le­gier­ten des Par­tei­tags in Leip­zig dan­ken es ihm mit ei­nem für Grü­ne eher un­ge­wöhn­li­chen Wah­l­er­geb­nis: Mit knapp 98 Pro­zent wird Gie­gold zum Spit­zen­kan­di­da­ten für die Eu­ro­pa­wahl ge­wählt. Ge­mein­sam mit Ska Kel­ler, die auf 87 Pro­zent kam, wird er die Par­tei im Mai nächs­ten Jah­res in die Wahl füh­ren.

So viel Har­mo­nie gab es in der Par­tei nicht im­mer. Doch auf die­sem Par­tei­tag ha­ben sich die De­le­gier­ten ge­schwo­ren, ein Si­gnal der Ge­schlos­sen­heit aus­zu­sen­den. Mit Kel­ler und Gie­gold ha­ben sie sich für zwei er­fah­re­ne Eu­ro­pa­po­li­ti­ker ent­schie­den: Bei­de sind seit 2009 im Eu­ro­pa­par­la­ment, Kel­ler ist seit zwei Jah­ren Che­fin der eu­ro­päi­schen Grü­nen-Frak­ti­on.

Gie­gold, 48 Jah­re alt, kommt ur­sprüng­lich aus den so­zia­len Be­we­gun­gen. Der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler hat in Deutsch­land das glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­sche Netz­werk Attac mit­ge­grün­det. Als er vor zehn Jah­ren als Quer­ein­stei­ger bei den Grü­nen an­fing, hat­te er sich be­reits ei­nen Na­men als Fi­nanz- und Steu­er­fach­ex­per­te ge­macht. Ei­ne Ex­per­ti­se, die für sei­ne Kar­rie­re im Eu­ro­pa­par­la­ment hilf­reich war. In Zei­ten der Eu­ro­kri­se han­del­te er fe­der­füh­rend die Ban­ken­uni­on mit aus.

Nun wirbt er da­mit, dass er auch wei­ter ge­gen Steu­er­flucht kämp­fen will. „Ich wer­de nicht Ru­he ge­ben, bis

Steu­ern da ge­zahlt wer­den, wo sie er­wirt­schaf­tet wer­den“, sagt er. An­le­gen will er sich aber auch mit den „Sonn­tags­eu­ro­pä­ern“. In Deutsch­land wür­den sich al­le Par­tei­en – au­ßer der AfD – zu Eu­ro­pa be­ken­nen. Und doch sieht er ei­nen gro­ßen Un­ter­schied zur po­li­ti­schen Kon­kur­renz: Wenn es dar­um ge­he, Din­ge zu ver­tre­ten, „die viel­leicht auch mal ein biss­chen weh­tun“, dann wür­den die an­de­ren schnell gei­zig. Eu­ro­pa be­deu­te aber „So­li­da­ri­tät, nicht na­tio­na­les Sal­do“.

Mit Kel­ler und Gie­gold ste­hen zwei Par­tei­lin­ke an der Spit­ze der Eu­ro­pa­lis­te. Von der Flü­gel­fra­ge hält Gie­gold al­ler­dings nicht all­zu viel. „Mit der Ka­te­go­rie Fun­di kann ich per­sön­lich gar nichts an­fan­gen“, sagt er. Im Eu­ro­pa­par­la­ment müs­se man je­den Tag Kom­pro­mis­se ma­chen. „Wir sind Re­al­po­li­ti­ker.“Auf dem Par­tei­tag prä­sen­tiert er sich ein biss­chen wie die lin­ke Ver­si­on des Grü­nen-Chefs Ro­bert Ha­beck: ra­di­kal in den For­de­run­gen, aber zu­gleich prag­ma­tisch. Genau­so hält er es mit der Beur­tei­lung von Fried­rich Merz, der sich für den CDU-Vor­sitz be­wirbt. Er hal­te nicht viel da­von, Merz als neo­li­be­ral zu be­zeich­nen, nur weil er aus der Wirt­schaft kom­me. „Viel­leicht hat er dort auch was ge­lernt“, sagt Gie­gold: „Ich möch­te ihn ken­nen­ler­nen.“

Sei­ne 36 Jah­re al­te Co-Spit­zen­kan­di­da­tin Kel­ler steht für ei­ne jün­ge­re eu­ro­päi­sche Ge­ne­ra­ti­on. Ge­bo­ren im heu­ti­gen Gu­ben in Bran­den­burg, stu­dier­te sie nach dem Abitur in Ber­lin und Istan­bul Is­lam­wis­sen­schaft, Tur­ko­lo­gie und Ju­da­is­tik. Kel­ler spricht meh­re­re Spra­chen flie­ßend. Wenn sie re­det, flie­ßen manch­mal eng­li­sche oder fran­zö­si­sche Be­grif­fe ein. Die Schwer­punk­te der Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin im Eu­ro­pa­par­la­ment wa­ren Han­del und Mi­gra­ti­on. Als ei­nen ih­rer per­sön­li­chen Er-

Auf die­sem Par­tei­tag ha­ben sie sich ge­schwo­ren, Ein­heit zu zei­gen

fol­ge im Par­la­ment be­zeich­net Kel­ler die Fron­tex-Re­form, bei der sie mit da­für ge­sorgt ha­be, dass es in Eu­ro­pa ei­ne Men­schen­rechts­be­auf­trag­te gibt, bei der Flücht­lin­ge sich bei Grund­rechts­ver­let­zun­gen be­schwe­ren kön­nen.

Ih­re Be­wer­bung be­grün­det Kel­ler auf dem Par­tei­tag auch mit ih­rer Her­kunft. Sie sei in der DDR ge­bo­ren, in ei­nem Land, wo schon vor der Wahl fest­ge­stan­den ha­be, wer der Sie­ger sei. „Mir liegt die­ses Eu­ro­pa am Her­zen“, sag­te sie und er­zählt von den deutsch-pol­ni­schen Be­geg­nun­gen in ih­rer Hei­mat­stadt. Kel­ler stell­te in ih­rer Re­de den Kampf ge­gen rechts­na­tio­na­le Kräf­te ins Zen­trum. In Po­len wür­den Rich­ter ent­las­sen und in Un­garn Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen drang­sa­liert. „Wir wer­den nicht stumm zu­gu­cken, wenn De­mo­kra­tie an­ge­grif­fen wird und Grund­rech­te mit Fü­ßen ge­tre­ten wer­den“, sagt sie.

Für Kel­ler ist es der zwei­te An­lauf für die Spit­zen­kan­di­da­tur. Vor fünf Jah­ren un­ter­lag sie noch ih­rer da­ma­li­gen Kon­kur­ren­tin Re- bec­ca Harms, doch die­ses Mal war ih­re Kan­di­da­tur un­an­ge­foch­ten. In der Par­tei hat sie mitt­ler­wei­le ein gu­tes Netz­werk von Un­ter­stüt­zern auf­ge­baut. In zwei Wo­chen will sie sich auf dem Par­tei­tag der eu­ro­päi­schen Grü­nen als Front­frau auf­stel­len las­sen. Zu­letzt wur­de ihr Na­me auch ge­nannt, als es um die Spit­zen­kan­di­da­tur für die Bun­des­tags­wahl ging. Bei ei­nem Teil der Frau­en in der Par­tei punk­tet sie auch als Fe­mi­nis­tin. Auf ih­rer In­ter­net­sei­te be­klagt sie, dass im EU-Par­la­ment „vor al­lem Män­ner um die 50 und auf­wärts in An­zü­gen“sit­zen.

Kel­ler je­den­falls ist zu­ver­sicht­lich, dass die Grü­nen künf­tig mehr Ab­ge­ord­ne­te als bis­her ins Eu­ro­pa­par­la­ment schi­cken kön­nen. Der­zeit stel­len sie elf Par­la­men­ta­ri­er, bei der letz­ten Wahl ka­men sie auf 10,7 Pro­zent. Kel­ler be­zeich­ne­te es aber auch als rea­lis­tisch, dass die eu­ro­pa­wei­te grü­ne Frak­ti­on von mo­men­tan 52 Per­so­nen ins­ge­samt wach­sen wer­de. Ob Bel­gi­en, Nie­der­lan­de oder Finn­land – „für uns Grü­ne sieht es gut aus“, sagt sie.

Fo­to: Tim Wa­gner/ima­go

Be­geis­te­rung im Saal. Grü­nen-Che­fin An­na­le­na Ba­er­bock springt auf der Büh­ne hoch, als die De­le­gier­ten des Grü­nen-Par­tei­tags die Spit­zen­kan­di­da­ten fei­ern. Ska Kel­ler und Sven Gie­gold wa­ren mit haus­ho­hen Er­geb­nis­sen ge­wählt wor­den. Die Par­tei hat­te sich fest vor­ge­nom­men, kein Bild der Zer­ris­sen­heit ab­zu­ge­ben.

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