„Öf­fent­li­ches In­ter­es­se“

Me­di­en­an­walt Lee­ser über das Ri­si­ko und den recht­li­chen Schutz von Whist­leb­lo­wern

Der Tagesspiegel - - POLITIK -

Wie sind Whist­leb­lo­wer vor dem Ge­setz ge­schützt?

Die Le­gi­ti­mi­tät sei­nes Han­delns hängt da­von ab, in­wie­weit das ver­ra­te­ne „Ge­heim­nis“tat­säch­lich ein schwe­res Fehl­ver­hal­ten of­fen­bart, des­sen Auf­de­ckung im öf­fent­li­chen In­ter­es­se liegt, und wel­che Mo­ti­ve der Whist­leb­lo­wer ver­folgt. Das gilt auch für in­ves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus.

Was kann Whist­leb­lo­wern zu­gu­t­ege­hal­ten wer­den?

In ei­nem Ur­teil des Ober­lan­des­ge­richts Naum­burg wur­den Tier­schutz­ak­ti­vis­ten von dem Vor­wurf des Haus­frie­dens­bruchs frei­ge­spro­chen. Sie wa­ren in ei­nen Schwei­ne­mast­stall ein­ge­drun­gen und hat­ten die kri­tik­wür­di­gen Ver­hält­nis­se dort ge­filmt und die Vi­de­os ver­öf­fent­licht. Das heißt, ein öf­fent­li­ches In­ter­es­se muss be­ste­hen?

Ei­ne Recht­fer­ti­gung kann sich aus der Ab­wä­gung zwi­schen der Frei­heit der Mei­nungs­äu­ße­rung und dem öf­fent­li­chen In­ter­es­se ei­ner­seits und dem In­ter­es­se des be­trof­fe­nen Un­ter­neh­mens oder Ver­bands an der Ge­heim­hal­tung an­de­rer­seits er­ge­ben.

Was droht Whist­leb­lo­wern, die die­ses In­ter­es­se nicht ein­deu­tig nach­wei­sen kön­nen?

Whist­leb­lo­wern dro­hen im Ernst­fall ar­beits­recht­li­che, zi­vil­recht­li­che und auch straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen. Ar­beit­neh­mern kann zum Bei­spiel ge­kün­digt wer­den. Sie sind grund­sätz­lich zur Loya­li­tät, Scha­dens­ab­wen­dung und Ver­schwie­gen­heit ver­pflich­tet. Das gilt je­doch nicht für die An­zei­ge von Straf­ta­ten. Bei ei­nem Ver­dacht, dass ei­ne Straf­tat ver­übt wor­den ist, hat grund­sätz­lich je­der das Recht, An­zei­ge zu er­stat­ten.

Whist­leb­lo­wer sind nicht nur Ar­beit­neh­mer, son­dern auch Au­ßen­ste­hen­de. De­nen kann ja nicht ge­kün­digt wer­den? Sie kön­nen zi­vil­recht­lich auf Un­ter­las­sung und ggf. auf Scha­den­er­satz in An­spruch ge­nom­men wer­den. Als Straf­tat­be­stän­de kom­men ne­ben dem der­zeit noch gel­ten­den Pa­ra­graph 17 UWG ei­ne fal­sche Ver­däch­ti­gung, Be­lei­di­gung, üb­le Nach­re­de und Ver­leum­dung in Fra­ge.

Wie steht es ak­tu­ell in Deutsch­land?

Der Ge­setz­ge­ber will In­for­man­ten und Jour­na­lis­ten künf­tig stär­ker schüt­zen. So sieht es der Re­gie­rungs­ent­wurf des Ge­set­zes zum Schutz von Ge­schäfts­ge­heim­nis­sen vor, das bald ver­kün­det wer­den dürf­te. Nach des­sen Pa­ra­graph 5 wä­re die Er­lan­gung, Nut­zung oder Of­fen­le­gung ei­nes Ge­schäfts­ge­heim­nis­ses dann ge­recht­fer­tigt, wenn dies zur Auf­de­ckung ei­ner rechts­wid­ri­gen Hand­lung oder ei­nes be­ruf­li­chen oder sons­ti­gen Fehl­ver­hal­tens er­folgt. Der Whist­leb­lo­wer muss al­so pri­mär im öf­fent­li­chen In­ter­es­se han­deln und auf ei­nen Miss­stand hin­wei­sen wol­len, um zu ei­ner ge­sell­schaft­li­chen Ve­rän­de­rung bei­zu­tra­gen. Da­mit sin­ken die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne recht­mä­ßi­ge Of­fen­le­gung er­heb­lich.

MARCEL LEE­SER

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